Die vergessene Akte by Dara
Summary: eine neue, alte Spielfigur betritt die Kampfarena und das Centre muß Federn lassen.
Categories: German Characters: Jarod, Miss Parker, Original Character, Sam, Sydney
Genres: General, Romance
Warnings: None
Challenges: None
Series: None
Chapters: 22 Completed: Yes Word count: 102099 Read: 128278 Published: 16/05/05 Updated: 16/05/05

1. Teil 1 by Dara

2. Teil 2 by Dara

3. Teil 3 by Dara

4. Teil 4 by Dara

5. Teil 5 by Dara

6. Teil 6 by Dara

7. Teil 7 by Dara

8. Teil 8 by Dara

9. Teil 9 by Dara

10. Teil 10 by Dara

11. Teil 11 by Dara

12. Teil 12 by Dara

13. Teil 13 by Dara

14. Teil 14 by Dara

15. Teil 15 by Dara

16. Teil 16 by Dara

17. Teil 17 by Dara

18. Teil 18 by Dara

19. Teil 19 by Dara

20. Teil 20 by Dara

21. Teil 21 by Dara

22. Teil 22 by Dara

Teil 1 by Dara
Die meisten Figuren dieser Geschichte gehören nicht mir, wem auch immer,mir nicht! Die anderen, die mir gehören, gehören mir ganz allein! DieseGeschichte wurde geschrieben, weil ich gerne schreibe, nicht weil ich damit Geld verdienen will!



Die vergessene Akte
Teil 1
von Dara







”Warum soll ich denn so’n Mist nachspielen, Dr. Alan ? Das ist langweilig!” Das circa 12-jährige Mädchen verdrehte die Augen und ließ sich auf den harten Stuhl fallen, der mitten in dem kalten, dunklen Raum stand. Ein Mann mit weißem Kittel und einem Ordner in der Hand ging unruhig hin und her.

”Weil das Center einen Auftrag bekommen hat und ihn ausführen muß! Es ist sehr wichtig!”

”Was ist so wichtig daran, eine nutzlose Diskette aus einem Hochsicherheitstrakt zu stehlen? Es ist vollkommen unsinnig, dort einzubrechen!”

”Wieso glaubst du, daß die Diskette nutzlos ist?”

Das Mädchen sah den Mann im weißen Kittel an: "Hör mal, Doc ! So etwas muß sogar dir und der wandernden Sauerstoffflasche auffallen - dieses Labor ist gar nicht in der Lage, eine militärische oder wirtschaftliche oder gar medizinische Entwicklung hervorzubringen. Dazu fehlt denen eindeutig kompetentes Personal oder ein Pretender wie mich!” Sie kicherte und sprang auf. ”Können wir nicht ein bißchen in den Garten gehen?”

”Nein, erst die Simulation!”

”Ihr wollt keine Diskette klauen, ihr wollt Waffen aus der Reservatenkammer stehlen, ich mach mich doch nicht zum Klops wegen so’ner langweiligen Operation!” Sie verschränkte bockig die Arme in einander, stellte sich an die Wand und schwieg.

Broots holte tief Luft, kopierte die Aufzeichnung auf Disk und meldete sich schnell ab, ehe jemand mitbekam, was er hier tat. Eigentlich sollte er im Auftrag von Ms. Parker ein paar Informationen über Mr. Parker, ihren Vater, herauskriegen, aber er war auf etwas ganz anderes gestoßen.

”Sydney, Ms. Parker, Sie müssen sich das ansehen!” Broots sah sich vorsichtig um und überreichte Syd die Disk. Ms. Parker hatte schon die Hand geöffnet, um die Disk an sich zu nehmen: ”Broots, diese Informationen waren für mich!” ”Ja, nein, das ist nichts über Ihren Vater, das ist ... Sie müssen sich das einfach ansehen!”

Sydney ging zum Laptop in seinem Büro und legte die Disk ein. Mit kritischem und leicht mürrischem Blick kam Ms. Parker hinter den beiden her. ”Was haben Sie denn gefunden?” Broots deutete zum Monitor und blickte angestrengt umher.

”Es gibt also noch einen Pretender!” murmelte Sydney, als er sich die Simulation angesehen hatte.

”Eine!” korrigierte ihn Ms. Parker. ”Wer ist der Typ, der kommt mir irgendwie bekannt vor!”

”Das ist Dr. Alan, er war Psychologe und ich glaube Professor an irgendeiner Fakultät. Er wurde vor ca. 7 Jahren ermordet, angeblich ein Raubmord. Das war kurz bevor die Abteilung niederbrannte, wo einige psychisch Kranke untergebracht waren und sich ein geheimnisvolles Labor unter der Leitung von Mr. Raines befand.”

”In dessen Nähe lodert aber wirklich vieles ab.” sagte Ms. Parker trocken und zu Broots gewandt :

”Finden Sie mehr über dieses Mädchen raus! Was suchen diese Unterlagen in Daddys PC?”

***

”Hallo Syd! Wie geht es dir?”

”Jarod! Mir geht es gut!”

”Was gibt es Neues. Wie kommt Ms. Parker mit Daddy klar?”

Syd schmunzelte: ”Ich muß dir was erzählen!...”

...Jarod lehnte sich zurück: ” Aber sie ist keine von denen aus den roten Akten, oder ?” ”Nein, sie ist zu jung, und von den anderen Kindern hatte ich zumindest gehört. Sie scheint ähnlich talentiert gewesen sein wie du!” Syds Stimme klang durch das Telefon ein wenig gedämpft.

”Aber wo ist sie, sie hätten sie doch garantiert eingesetzt, um mich zu finden!” ”Broots sucht nach weiteren Hinweisen!” Jarod holte tief Luft. ”OK. Machs gut, Syd!” Ohne eine Antwort abzuwarten, beendete er das Gespräch. Nach einer kleinen Ewigkeit setzte er sich entschlossen ans Laptop und loggte sich ein.

****

Zwei Wochen früher:

”Hallo, mein Name ist Sam, ich werde die zweite Betreuerin für unsere Gruppe sein!” eine brünette Mittzwanzigerin reichte Jarod eine Eistüte. Sie ließ sich neben ihm auf den Platz fallen, die lärmenden Kinder im Schulbus ignorierend. ”Warst du schon mal in diesem Feriencamp?” neugierig leckte sie an ihrem Eis und blickte ihn an.

”Ähm, nein. Hallo, mein Name ist Jarod und danke!”

”Bitte, bitte - oje, auch ein Anfänger, hätte ich ja nicht gedacht, ich bin nämlich auch neu!” Sie holte tief Luft. Jarod sah mit Faszination zu, wie sie das Eislecken zelebrierte. Eine Weile war nur der Krach von den Kindern zu hören, doch Sam bemerkte, daß sie beobachtet wurde. Sie sah ihn mit großen Augen an :

”Was?” ”Nichts, ich finde es bloß ... Du schließt die Augen beim Eisessen, warum?”

”Die Geschmackssinne sind schärfer, wenn die Augen zu sind, wußtest du das nicht, und ich will jedes Aroma schmecken- Ich LIEBE Vanilleeis!” Sie lächelte und deutet zu seinem Eis :”Und wie schmeckt´s?”

”Sehr gut!” ”Ich kann mich noch an mein erstes Eis erinnern! Ich glaub, ich hab in der Woche nur davon gelebt!”

Sam kicherte: ”Ich hab früher nämlich immer nur diese Liebesperlen und Haribo als Naschkram bekommen! Die Dinger schmecken ja nicht schlecht, aber wenn man jahrelang nur dieses Zeug kriegt, bäh...”

Jarod sah sie fasziniert an.

”Ich red zuviel, stimmt‘s? Ich meine, du willst das gar nicht wissen, oder?!” ”Doch, doch, ich finde das interessant!”

”Hey Lady, könnten Sie diesen Gören mal sagen, sie sollen still sitzen - das hier ist nicht Disney World!” der Busfahrer unterbrach die Unterhaltung, in der sich sowohl Sam als auch Jarod sehr wohl fühlten.

Sam verdrehte die Augen: ”Auf geht's, Ranger, bändigen wir die Raubtiere!” Die beiden klaubten sich aus den Sitzen und hielten sich krampfhaft an den Sitzen fest, damit sie nicht hinfielen...


***

Seit zwei Wochen waren sie jetzt schon in dem Lager, jeden Tag dachten sie sich ein anderes Spiel aus. Morgen würden sie wandern gehen. Eigentlich hätte Jarod eine Route aussuchen müssen, aber seit seinem Telefonat mit Syd, konnte er sich nicht konzentrieren. Immer wieder glitten seine Gedanken zu dem Mädchen. Syd hatte von der Simulation berichtet, ein neuer Pretender. Wo sie wohl jetzt untergebracht war, wie alt sie wohl war?

”Hey, Sportsfreund, hast du gehört, was ich gesagt habe?” Sam fuchtelte vor seinem Gesicht herum. ”Ich rede mit dir!” Jarod rief sich zur Besinnung: ”Entschuldige, ich bin etwas abgelenkt!” ”Das habe ich mitgekriegt! Also, bist du nun schon fertig mit der Planung, oder soll ich dir helfen?” erwartungsvoll sah ihn die junge Frau an.

Sam war für Jarod sehr faszinierend, sie konnte reden wie ein Wasserfall und Sekunden später schweigen wie ein Grab. Sie waren sich sehr nahe gekommen in den letzten Tagen und wenn sie mal für 1-2 Stunden Zeit hatten, gingen sie gemeinsam spazieren oder fuhren in die nähergelegene Stadt. Die Gespräche mit Sam waren einfach, sie erzählte kaum was über ihre Kindheit und fragte ihn nie über seine aus. Wenn Jarod so nachdachte, eigentlich wußte er kaum etwas über sie: sie war 26, hatte anscheinend eine recht karge Zeit im Heim verbracht, war sehr früh Waise geworden und mit 18 aus dem Heim ausgebrochen.

***

”Broots? Haben Sie was gefunden?” Der Techniker sprang erschrocken hoch: ”Ms. Parker, Sie sind es!”

”Ja, Broots, ich bin es! Also, haben Sie was gefunden?”

”Noch nicht viel, irgendwie ist das Ganze recht gut gesichert.”

”Wie lange brauchen Sie noch?”

”Eine Stunde, höchstens zwei! Ach, und Lyle hat nach Ihnen gesucht!”

”Wen interessiert das?” Ms. Parker zog eine Augenbraue hoch und ging zu Sydneys Büro.

Der Psychiater saß über ein paar Akten gebeugt. ”Hallo Syd!” Erschrocken sah er hoch:

”Ms. Parker, ich habe Ihr Klopfen gar nicht gehört.”

”Das kommt daher, daß ich nicht geklopft habe, Sydney. Was lesen Sie da?” Sie griff nach einer der Akten und blätterte darin herum.

”Dr. Alan, er war Kinderpsychologe. Das Center hatte ihn 1975 eingestellt. Er hatte drei Schützlinge auf SL 2, aber das waren wohl nicht seine Hauptprojekte. Hier sind sehr viele Lücken über seine Tätigkeiten im Center. Er wurde wie schon gesagt ermordet, Mr. Raines leitete die Untersuchungen, er übernahm auch sämtliche Projekte von Dr. Alan. Ist doch schon etwas länger her, nämlich acht Jahre. Ungefähr zwei Monate später brannte auch der Trakt E vollständig nieder. Wo übrigens auch ein Projekt von Dr. Alan untergebracht war.” Sydney sah Ms. Parker bedeutungsvoll an.

Mit einemmal flog schwungvoll die Tür auf. Broots kam gehetzt herein. Völlig außer Atem deutete er zum Korridor: ”Lyle, er kommt gleich!” Ms. Parker verzog das Gesicht und verdrehte die Augen. In diesem Moment kam der junge Mann auch schon durch die Tür.

”Schwesterherz, hier bist du!” süffisant lächelte der Zwillingsbruder von Ms. Parker. Sein fehlender Finger war durch die obligatorischen schwarzen Handschuhe versteckt.

Es erinnerte Ms. Parker wieder daran, daß sie die Möglichkeit, diesen Psycho loszuwerden, nun schon zweimal ungenutzt gelassen hatte. Ms. Parker versuchte gar nicht erst, den Ekel und die Abscheu, die sie verspürte, zu verstecken. ”Was willst du?” fragte sie genervt.

”Ich wollte dich zum Essen einladen, damit wir über die zukünftige Familienpolitik sprechen können. Und damit du auch wirklich kommen kannst, sage ich es dir schon jetzt. Sie findet nächste Woche Samstag statt. Wir sehen uns!” Mit diesen Worten verschwand der lästige Kerl auch schon wieder.

Ms. Parker stöhnte nur leise auf und winkte ab, als Sydney etwas sagen wollte. ”Broots, ich hoffe, sie haben was für mich!” sagte sie statt dessen mit eiskalter Stimme.

***

”Ich werde Euch alle töten, ihr werdet alle sterben für eure Verbrechen!” die wutschnaubende junge Frau, hatte nichts mehr mit dem kleinen Mädchen der anderen Aufzeichnung zu tun. Die Haare wild durcheinander, die Hände blutig geschnitten durch den zerbrochenen Spiegel und ein ruheloser Blick. Sie hatte nur ein weißes Nachthemd an und wütete im Zimmer. ”Ihr habt ihn getötet, ihr tötet alle! Ich hasse euch!” Mit einem Sprung kam sie auf die Kamera zu und blickte gezielt in die Linse: ”Ich bin immer allein, ihr tötet alle, damit ich niemanden mehr habe. Aber ihr werdet bezahlen. Sie kommen alle wieder und dann geht es euch an den Kragen!” Sie lachte hysterisch auf. ”Mr. Raines, Mr. Parker, Mr. Motumbo, das ganze verdammte Triumvirat wird zahlen für jeden Toten! Ihr habt mir meine Eltern genommen, Dr. Alan ist tot, Kyle ist tot - ICH HASSE euch, ICH HASSE euch!” Dann zitterte sie, kraftlos sank sie zu Boden und wimmerte, ihr Blick wanderte unstet im Zimmer umher. Ihre Augen waren trübe und leer...

Syd lehnte sich zurück und faltete die Hände, nachdenklich sah er auf den Bildschirm und saugte das Bild in sich auf. Zwei Sweeper hielten das Mädchen fest, damit eine Schwester ihr ein Sedativum verabreichen konnte.

”Was ist passiert, ist das eine Simulation?” Broots sah verwirrt zu Syd.

Ms. Parker fuhr sich energisch durchs Haar: ”Sieht eher so aus, als wäre da jemand durchgeknallt!” ”Sie hat es nicht verkraftet. Der Verlust des Betreuers brachte das Gleichgewicht ins Wanken. Das passiert schnell. Der einzige Kontakt, zu dem sie wahrscheinlich Vertrauen hatte, ist verschwunden. Da war kein Halt mehr. Die Flucht in sich selbst! Das ist eine große Gefahr bei Leuten wie Jarod oder diesem Mädchen!”

”Sie kennt viele Namen!” wagte Broots leise zu sagen und hielt die Luft an, als er bemerkte, was er da gesagt hatte. ”Sie weiß etwas über meinen Vater, ist das nicht seltsam? Seit wann werden Pretender über das Triumvirat informiert?”

”Es sei denn, sie hat sich diese Informationen selber geholt!” gab Sydney zu bedenken. Er hatte die Arme verschränkt und beobachtete Ms. Parkers Mienenspiel.

****

”Sam, Sam komm schnell, Betti ist gestürzt!” ein kleines Mädchen lief Sam und Jarod aufgeregt entgegen. ”Wir haben uns gestritten, ich habe sie nur ein kleines bißchen geschubst und dann ist sie den Abhang runtergerollt.” Die Zehnjährige war ganz aufgelöst, sie weinte und schluchzte immer wieder: ”Das war keine Absicht, keine Absicht!”

”Sandi, ganz ruhig, wo ist sie jetzt?” Sie zeigte nach unten. ”Okay, Jarod bleibt bei euch und ich gehe da jetzt runter und suche Betti!” Vorsichtig kletterte Sam den Abhang hinunter. Jarod wollte sagen, daß er gehen könnte, aber es war zu spät. Statt dessen klammerten sich drei Mädchen an ihn und weinten um die Wette. Die Jungs, die schon ein Stück weiter waren, kamen angelaufen. Jetzt mußte er die Kinder erst mal beruhigen.

Sie sah sie nach ca. 10 Metern. Sie war mit dem Kopf gegen einen Stein gestoßen. Sam untersuchte das Mädchen und sprach mit ihr. Vorsichtig hob sie sie hoch, darauf bedacht, den Kopf festzuhalten. Sie stabilisierte das Genick des Mädchens mit zwei Ästen und verband die Wunde am Kopf notdürftig mit ihrem T-Shirt. Langsam kletterte sie mit dem Kind im Arm wieder nach oben.

”Wir müssen zum Camp zurück!” rief sie Jarod zu. Dieser hatte die großen Kinder schon beauftragt, mit den jüngeren vorzugehen. Er nahm Sam das Kind ab. ”Sie hat eine Kopfwunde - blutet zwar stark, aber sieht schlimmer aus, als es ist. Wir müssen in die Stadt mit ihr zum Röntgen, ob nichts gebrochen ist. Aber ich glaube, die Kleine ist zäh, eine leichte Gehirnerschütterung vielleicht.”

Jarod sah seine Kollegin erstaunt an: ”Medizinische Kenntnisse?”

”Allgemeinmedizin!” grinste sie.

Jarod sah nachdenklich zu ihr, sie hatte ziemlich viel auf dem Kasten für eine Kindererzieherin. ”Schwimmlehrerin, Bergsteigerin, Ärztin, Astrologie und Physik - noch irgendeine Spezialisierung, die ich kennen müßte?”

”Och, ich habe überall mal ein wenig rumgeschnüffelt. Ich konnte mich einfach nie so richtig entscheiden, was ich denn mal werden wollte!” Sam lachte. Sie streichelte der kleinen Betti die Haare aus dem Gesicht. Dann lief sie vor, um mit dem Arzt zu telefonieren. Jarod sah ihr nachdenklich hinterher.

****

”Hallo Syd.”

”Jarod, wie geht es dir?”

”Gut. Und ihr, was Neues gefunden?”

”Tja, also so wie es aussieht, ist sie wohl nach dem Tod ihres Betreuers verwirrt gewesen. Sie hatte einen Wutanfall, mußte ruhiggestellt werden. Wahrscheinlich wurde sie in dem Zustand in den Trakt E verlegt. Es sollen damals ja einige Patienten zu Tode gekommen sein.”

”Wie geht es Ms. Parker?”

”Sie raucht immer noch nicht, aber es brennt ihr zwischen den Fingern!” Man konnte die Belustigung des Psychiaters hören.

Jarod lachte: ”Ich werde sie schon abzulenken wissen!”

Jarod legt lächelnd auf. In seinen Händen hielt er sein rotes Notizbuch. Eigentlich war dieses Camp zur Vorbereitung auf einen seiner Fälle gedacht gewesen. Er mußte sich in die Gedanken von Kindern hineinversetzen, er mußte spielen lernen. Er hatte Probleme. Jarod sah Sam auf sich zu kommen. Wie sollte er sich in Kinder hineinversetzen, wenn diese Frau ihn so ablenkte?

”Was machst du denn damit, mein Gott, diese Dinger habe ich ja schon lange nicht mehr gesehen!” Sam grinste und nahm ihm, ohne zu fragen, das Heft aus der Hand. Sie wendete es: ”Ich hatte immer gelbe, gelb wie Zitrone, darauf habe ich bestanden!” Sie kicherte.

Jarod sah nervös auf das Notizheft.

Sie grinste: ”Sag bloß, du schreibst Tagebuch!” Sie gab ihm das Heft zurück, ohne es aufzuschlagen.

”Manchmal, zum Gedanken sammeln! Wie geht es Betti?” ”Ach, ganz gut, sie wird nur ein Pflaster am Kopf tragen müssen. Keine Anzeichen einer Gehirnerschütterung. Sie will auch schon wieder spielen. Ich habe ihre Eltern angerufen, aber sie wollte nicht nach Hause. Alles in feinster Ordnung. Zurück zum Tagesplan.” Im Hintergrund kam Betti. Sie hielt eine riesige Tüte Eis in der Hand und lächelte selig.

***

Kaum waren die drei wieder im Camp, gab es einen kleinen Tumult. Alle Kinder versammelten sich und fragten Betti aus. Hat es weh getan? Bleibst du hier? Du hast Eis gekriegt? Die Betreuer waren eigentlich völlig überflüssig. Doch mit einemmal hielt sich ein 12-jähriger plötzlich an die Stirn. ”Ach, hätt' ich beinah vergessen, da ist Besuch für Sam!” Er deutete kurz zu der Hauptbaracke, wo die Betreuer ihre Quartiere hatten und dann wandte er sich wieder der Hauptattraktion zu.

”Besuch für dich?” Jarod sah neugierig zu Sam.

”Hach, das habe ich ja ganz vergessen, Kay und Jack kommen ja heute!”

”Wer sind Kay und Jack?”

”Meine Kinder! Hab ich dir noch gar nichts von ihnen erzählt?”

Jarod schüttelte leicht verwirrt den Kopf. ”Du hast Kinder?”

”Na ja, also das ist kompliziert, sie sind Verwandte, nicht richtig meine Kinder, ich war noch nie schwanger. Wie soll ich das sagen? Sie sind mein eigen Fleisch und Blut, aber ich habe sie nicht.... Ich war so ungefähr dreizehn, als sie geboren wurden. Ich habe sie sozusagen adoptiert, ähm das Erziehungsrecht!”

Während dieser ziemlich holprigen Rede eilte Sam zur Baracke. Jarod war zwei Schritte hinter ihr. Bei ihren stoppligen Erklärungsversuchen mußte er an Jay denken. Wie würde er das erklären - also das bin ich, nur als Klon? Major Charles und Jay waren untergetaucht, sie befanden sich jetzt gerade irgendwo im Süden, Jarod stand per Email in Kontakt mit den beiden. Nachdem er wieder aus dem Centre geflohen war, reiste er wieder allein umher. Solange die Sweeper ihn jagten, würden sie keine Spur von Jay finden.

”Hey, ihr zwei Rabauken! Ihr habt euch aber Zeit gelassen!” Sam lief auf die Kinder zu, die tief in die Papiere auf dem Schreibtisch versunken waren. Die Kinder sahen hoch. Jarod sah zu, wie die drei sich begrüßten. Fest umschlungen drückten sie sich und redeten durcheinander. ”Jarod, das sind meine Kinder. Das ist Kay.” Sie schob das Mädchen nach vorne, ”und das ist Jack, die beiden sind unzertrennlich! Leute, das ist Jarod, der zweite Betreuer hier!” Jarod sah in Kays Augen. Irgendwie kamen die Kinder ihm seltsam bekannt vor. Irgend jemand hatte genauso ausgesehen.

”Kann es sein, daß ich euch schon mal gesehen habe?” fragte er. Kay kam einen Schritt näher. Sie musterte ihn von oben bis unten, dann schüttelte sie energisch den Kopf

”Nö. Nicht, daß ich wüßte.” Jack grinste Sam an.

”Wo sollen wir eigentlich schlafen?” er deutete auf die Seemannssäcke.

Sam holte tief Luft. ”Habe ich mir noch gar keinen Kopf gemacht! Ich dachte da an die Schlafräume der anderen Kinder!”

”Wir können nicht zusammen schlafen?” rief Kay empört auf. Jarod beobachtete sie fasziniert. Die beiden waren, soweit er rechnete, ungefähr 10 Jahre alt. Sie hatten beide braune, lange Haare. Sie hatten sie zu Pferdeschwänzen gebunden. Sie hatten beide Jeans an und rote Sweatshirts. Die gleichen Sonnenbrillen, die gleichen Turnschuhe, die gleichen Uhren. Das Mädchen war ungefähr 5 cm größer als Jack und hatte grüne Augen, wie Sam. Jack hatte braune Augen - wem sah er bloß ähnlich?

*****

”Ich hab es!” Broots japste erleichtert nach Luft. Als er bemerkte, daß er den Freudenschrei laut ausgerufen hatte, sah er vorsichtig nach allen Seiten. Wer im Centre arbeitete, bekam früher oder später immer Paranoia. Er lud die Datei auf eine CD-ROM und verließ eilig den Raum. Es war spät in der Nacht und die anderen Techniker waren längst zu Hause. Es war gespenstisch ruhig. Mit einemmal wurde das Gitter des Luftschachtes geöffnet und ein Schatten sprang auf den Boden. Die Gestalt lief zum Computerplatz an dem Broots eben noch gesessen hatte und schaltete den PC an. Im blauen Schein des Bildschirmes konnte man Angelo grinsen sehen...

****

- Sie haben 1 Nachricht - Jarod öffnete neugierig die Email. Sie war von CJ. Angelo (er nannte sich Cracker Jack im Internet) hatte ihm die Kopie einer Simulation geschickt. Seine Nachricht war kurz : ”SAM lebt, frei” Jarod überlegte, was Angelo damit wohl meinen könnte. Nachdenklich ließ er die Simulation abspielen.

”Aaaaaaa! Ich werde euer Teufelswerk vernichten! Die Flammen werden alles zerstören.” Die junge Frau, der unbekannte Pretender. Jarod sah aufmerksam auf den Bildschirm. Die junge Frau hatte zerzaustes Haar. Sie trug einen Kittel, wie sie die Leute aus der Krankenabteilung getragen hatten - die Menschen, die das Center zerstört hatte. Die fehlgegangenen Experimente, die Durchgedrehten, die Sicherheitsrisiken. Das Mädchen war noch keine 20 Jahre alt, sie blickte wild um sich. Dann wandte sie ihren Blick der Kamera zu. Sie lächelte verzerrt. ”Ich verbrenne alles!” sagte sie mit verblüffend ruhiger, zufriedener Stimme. Dann stieß sie die Flaschen um. Erst jetzt bemerkte Jarod, das sie sich in einem Labor befand, so ein ähnliches, wie er es beim Projekt Genesis gesehen hatte. Flaschen mit vielfarbigen Flüssigkeiten, Alkohol in hoher Konzentration - sie machte alles kaputt. Dann zerstreute sie irgend eine Flüssigkeit auf den Möbeln. Jarod stutzte. Was war das für ein Geräusch? Das Mädchen summte! Sie summte ein Lied, als sie Reagenzgläser auf den Boden schmiß. Sie summte, als sie die Türen zu den einzelnen Zimmern öffnete und die Kranken und Verwirrten aus dem Block scheuchte. Sie summte, als sie in dem Labor mit dem Frauenstuhl und dem Babybett die Flüssigkeit verschüttete. Dann hörte sie auf zu summen. Sie war in einem Raum angelangt, wo zwei Kinderbettchen standen. Vorsichtig hob sie ein ca. 2-jähriges Baby heraus : ”Du mußt keine Angst haben, Gott ist ein liebevoller Vater!” Auch das zweite Kleinkind nahm sie aus dem Bett. Sie lächelte selig, die Kinder glucksten vor Vergnügen, als sie die zwei kitzelte. In ihren Augen war so viel Frieden.

Mit einemmal wandte sich das Mädchen wieder einer Kamera im Raum zu. Ihre Augen blickten eisig. ”Wir verlassen euch jetzt. Wir gehen zu dem, der uns liebt!” sie holte ein Streichholz hervor. ”Ihr werdet bestraft, eines Tages kommen wir wieder und strafen euch!” Sie lies das brennende Hölzchen fallen. Binnen kurzer Zeit stand alles in Flammen, Geräte explodierten in der Hitze, von ferne hörte man hysterische Schreie. Die Kinder begannen zu weinen, doch die junge Frau machte keinerlei Anzeichen, den brennenden Raum zu verlassen. Das Bild wurde schlechter und schließlich war da nur noch graues Rauschen.

***

Broots nickte eifrig und sah eilig zu Ms. Parker. ”OK. Ich hab auch noch eine kleine Datei gefunden mit den Opfern des Brandes: Angeblich nur zwei Leute, ein Mann namens Greg Fieldsa - ein ehemaliger Sweeper, der Amok gelaufen ist- er war schon evakuiert, als er sich losgerissen hat und in den Block gerannt ist. Und dann war da noch eine Patientin von Mr. Raines,” Broots holte dramatisch Luft, ” Samantha Steinman, Alter: 18 Jahre, Eltern verunglückt, ist mit ungefähr 5 oder 6 Jahren ins Centre gebracht worden, war Dr. Alan zu geordnet, bis dieser bei einem Raubüberfall getötet wurde. Dann wurde sie an Mr. Raines überwiesen.” Broots war stolz auf sich, wieder einmal hatte er dem Centre Geheimnisse entlockt. Obwohl er wahnsinnige Angst hatte, bei jedem Spionieren, so war es doch eine Genugtuung Mr. Raines und dem Centre eins auszuwischen.

Syd sah erstaunt hoch: ”Und die Kinder?”

”Die gibt es offiziell gar nicht!” Ms. Parker kniff die Augen zusammen : ”Zumindest nicht für uns!”

”Ein zweites Genesis-Projekt?” Sydney sah Ms. Parker fragend an.

”Wir finden es heraus, ich will wissen, was Frankenstein noch so unter den Teppich gekehrt hat!” Sydneys Telefon klingelte.

”Sydney Green!”

”Ich bin’s!”

”Jarod, du rufst neuerdings aber oft an!”

”Ich liebe es, mich mit dir zu unterhalten und Lyle unter die Nase zu reiben, daß ich immer noch frei bin!”

Syd hörte die Ironie in Jarods Worten. ”Hast du die Simulation schon gesehen?”

”Woher...?”

”Sieh sie dir genau an, Syd!” dann legte Jarod auf.

Er starrte nachdenklich auf das Bild. Etwas stimmte nicht, und er wußte nicht, was. In Zeitlupe ließ er die letzten Sekunden noch mal ablaufen. Die Bildqualität war schlecht und man hörte hauptsächlich Rauschen. Jarod wiederholte die Szene: Das Gesicht zur Kamera, die Kinder fest an sich gedrückt. Die Augen! Das waren nicht mehr die Augen einer verwirrten Frau. Diese Augen bewiesen es, sie wußte ganz genau was sie tat, sie hatte es geplant. Sie kontrollierte es. Sie wollte nicht sterben. Jarod lächelte. Das ganze war eine Simulation gewesen, sie hatte das Centre an der Nase herumgeführt. Er zoomte die Augen näher heran. Er stutzte. Er sprang auf. Er lief zur Tür.
Teil 2 by Dara
Die meisten Figuren dieser Geschichte gehören nicht mir, wem auch immer,mir nicht! Die anderen, die mir gehören, gehören mir ganz allein! DieseGeschichte wurde geschrieben, weil ich gerne schreibe, nicht weil ich damit Geld verdienen will!



Die vergessene Akte
Teil 2
von Dara





Sam nahm die Tasse mit der heißen Schokolade in die Hand. Sie betrachtete ihre beiden Sprößlinge. Sie wechselten sich ab beim Erzählen. Sie waren bei Bekannten gewesen und zwar mitten auf dem Ozean. Ein befreundeter Ozeanologe hatte ihnen gestattet, bei Beobachtungen zu helfen.

“.. Und dann kam da ein Delfin, als ich im Wasser war.”

”Sie hat ganz schön gestrampelt” grinste Jack.

“Hab ich nicht. Und dann ist er an mir vorbeigeschwommen und ich hab mich festgehalten!”

“Oh, das war so cool, wir sind jeden Tag mit den Delfinen geschwommen, Mum.”

“Ja, und wir haben auch eine Geburt ge-“

In diesem Moment flog die Tür auf. Sam verschluckte sich vor Schreck. Jarod stand in der Tür und starrte sie an. Sie grinste:

“Was, Feueralarm? Geniale Idee, die Kids morgen zu beschäftigen, oder was?” Diesmal ging er nicht auf den Scherz ein, er starrte nur. Sam wurde nervös, nicht nur das dieser Blick – erstaunlicherweise – durch und durch ging, irgend etwas stimmte nicht.

****

“WAS?” sie stellte die Tasse mit Nachdruck auf den Tisch zurück. “Gelbe Notizbücher? Schnell gelangweilt?”

“Jaaa?” die Antwort kam sehr gedehnt. Worauf wollte Jarod hinaus?

“Du bist mit 18 aus einem Heim ausgebrochen. Ist eigentlich ziemlich unnötig, nicht wahr?” Jarod kam näher. “Es sei denn, diese Anstalt ist sehr darauf bedacht, jeden Schützling unter Kontrolle zu behalten.”

Sam runzelte die Stirn, die Richtung dieses Gespräches gefiel ihr nicht. “Und?”

“Komm mal mit” Jarod faßte ihren Arm und zog sie mit sich. Kay und Jack sahen sich an, zuckten mit den Schultern und folgten ihnen.

“Jarod, du benimmst dich mehr als eigenartig!” aber Sam trottete hinter ihnen her. Sie sah sich um, mit einem Schulterzucken lächelte sie den Kindern zu. “Er ist heute etwas sonderbar, aber sonst total in Ordnung, wirklich!” Zuversichtlich nickte sie sich selbst zur Bestätigung.

Jarod brachte sie zu seinem Zimmer. Sams erster Blick fiel auf einen silbernen Koffer auf dem Tisch. Ein Schauer fuhr ihr über den Rücken. Hoffentlich hatte sie sich nicht in Jarod geirrt.

Auch Jack bemerkte den Koffer: “Guck mal, genau so einen hast du doch auch!” ohne Argwohn ging er zum Koffer und öffnete ihn. Kay folgte ihm natürlich auf dem Fuß:

“Geil, lauter Discs – dürfen wir?” erwartungsvoll sah sie Jarod an.

“Ich bitte sogar drum. Die hier!” Er reichte Jack eine kleine Scheibe.

Sam beruhigte sich etwas. Keine Gefahr, nicht von Jarod, da war sie sich sicher. Sie holte tief Luft und stellte sich neben ihre Kinder. Sie beobachte Jack beim Einlegen der DSA.

Das auf dem Monitor war sie selbst, eine Ewigkeit zuvor. Zerzaustes Haar, Flammen im Hintergrund, 2 Babies in den Armen. Sie lächelte: “Das war ein dramatischer Auftritt.”

“Sind wir das?”

“Das ist …”

“Cool?!” beendete Sam trocken. Sie sah zu Jarod.

“Ich nehme mal an, du weißt, wo das aufgenommen wurde?”

“Im Centre!” Bei den Worten blickte Kay hoch: “Dann bist du auch ein Pretender?” Sie sah ihn mit großen Augen an.

Sam lachte kalt auf: “Du schmeißt mit gefährlichen Bezeichnungen rum, Kay, du solltest vorsichtiger sein!”

Kay blickte erschrocken zu Sam, doch die hatte ihre Aufmerksamkeit wieder zu Jarod gewandt. “Und? Bist du einer ?”

Jarod hatte den Atem angehalten, als die Aufzeichnung abspielte. Nun lies er die Luft langsam wieder entweichen. Er grinste und holte seine Pez- Bonbons hervor. Stumm zeigte er auf eine andere Disc. Kay schubste Jack an, der mit offenem Mund die Aufzeichnung mit seiner Mutter vor und zurückspulte. Er nahm eine DSA und tauschte sie um. Der Bildschirm wurde kurz dunkel und erhellte sich wieder.

****

“Ich hoffe, sie haben gute Nachrichten, Broots!” Miss Parker stürmte um die Ecke. Broots holte tief Luft:

“Ich –ähm- nein.” Die attraktive Brünette sah ihn erstaunt an. “Nein?”

“Keine Anzeichen von Jarod, keine weiteren Hinweise von Samantha. Nur eine Nachricht von Brigitte.”

“Okay, also keine guten Nachrichten, dann sagen sie mir wenigstens die schlechte!”

“Brigitte wollte nur daran erinnern, daß das Familientreffen morgen abend um 8 Uhr stattfindet.”

Miss Parker stöhnte laut auf. In dem Moment klingelte das Telefon. Sydney, der still neben Broots gestanden hatte, ergriff den Hörer.

“ Dr. Green, ein gewisser Dr. Prof. Hyde möchte sie gern sprechen.”

Syd sah Miss Parker fragend an. “Stellen sie durch.”

“Hallo, Mister Green” ein Kichern war durch das Telefon zu hören.

“Ja, hallo?”

“Hier ist…” wieder ein Lachen. Das ein kurzes Rumpeln und es wurde aufgelegt.

“Was war denn das?” Miss Parker sah Sydney entfremdet an.

“Ein Kinderstreich!”

“Ein Telefonstreich, im Centre?” Broots sah äußerst skeptisch auf seine beiden Vorgesetzten. Mit einem hörten sie ein Rumpeln im Entlüftungsschacht und ein leises Lachen.

“Angelo!” Miss Parker fuhr herum und starrte auf das nächstgelegene Lüftungsgitter.

Die Klappe öffnete sich und Angelo kroch heraus. Er hatte ein Handy in der Hand. Er grinste schelmisch. Sydney lachte auf.

“Was ist denn in ihn gefahren?” Miss Parker starrte auf Angelo, als wäre er krank.

“Angelo spielt.” Angelo sah sie glücklich an und grinste.

“Ist das mein Handy?”

Der Gefragte blickte auf den Boden und reichte ihr mit ausgestrecktem Arm das Telefon. Dann kroch er wieder eilig in den Lüftungsschacht zurück. Miss Parker sah total entgeistert zu Sydney, der noch immer lachte, und verdrehte die Augen.

****

“Ich finde das so fies. Ich meine, unsereiner strampelt sich für eine Simulation ab und dann muß man erfahren, daß die das Ergebnis schon längst kennen!” Sam schob den Stuhl energisch nach hinten. Die letzten zwei Stunden hatten sie nun verschiedene DSA angesehen. Jack und Kay waren dabei eingeschlafen, Kay hatte sich an Jarod angelehnt. Vorsichtig hob er sie hoch und trug sie zu seinem Bett. Jack schrak leicht hoch und murmelte etwas unverständliches. Sam lächelte liebevoll, sie nahm ihn unter die Arme und geleitete ihn ebenfalls zum Bett. Sie zog den Kindern die Schuhe aus und deckte sie zu. Sie nahm den DSA-Koffer und deutete Jarod zur Tür. Auf Zehenspitzen gingen aus dem Zimmer.

“Du wirst wohl heute im Schlafsack schlafen müssen!” meinte Sam.

“Ist in Ordnung, kann mir schlimmeres vorstellen.” Sam stellte den Koffer auf den Tisch.

“Könntest du bitte mal unter dem Bett nachsehen?” Jarod nickte und holte einen identischen Koffer unterm Bett hervor.

“Darf ich dir vorstellen: meine Jugend. Bedien dich!” Sie ging ins Bad. Jarod rollte die beiden Schlafsäcke aus und legte sie übereinander. Er legte sich hinein und öffnete den Koffer. Aufs Geradewohl griff er sich eine DSA und legte sie ins Laufwerk.

Ein grauer Raum, nur zwei nackte Leuchten an der Decke. Der größte Teil des Raumes war dunkel. Das einzige Mobiliar war ein Tisch in der Mitte und eine Tafel gleich daneben. Auf dem Tisch lagen ein helles Notizbuch, ein Stift und etwas Kreide. Eine ungeöffnete Akte war an die Tafel gelehnt.

Eine Tür wurde geöffnet und zwei Figuren kamen herein. Ein Erwachsener Mann und ein kleines Mädchen. Sie gingen zum Tisch.

“Heute wirst du an etwas neuem arbeiten, Samantha. Du hast deine Test gut abgeschnitten.”

“Ich hab aber keine Lust, ich will Eiskrem!”

“Du kriegst Eiskrem, wenn du diesen Test fertig hast.”

“Pah, das hast du gestern auch schon versprochen, DU HÄLST JA NIE DEINE VERSPRECHEN!” sie schniefte laut. Der Mann hatte einen weißen Kittel an, er kniete sich zu dem Mädchen.

“Sieh mal Sam, ich habe das nicht zu entscheiden.”

“Dann sag den Leuten, die das zu entscheiden haben, das ich Eiskrem will!” sagte sie weinerlich.

“Du bist doch ein großes Mädchen, du weißt, das du nicht alles kriegen kannst!”

“Meine Mama hat mir erzählt, wenn ich groß bin, muß ich arbeiten, um was zu bekommen. Das nennt man Geld verdienen und mit Geld kann man sich dann kaufen, was immer man will!”

“Das ist richtig!”

“Du hast gesagt, ich bin groß, und ich soll arbeiten, dann will ich auch Geld verdienen, damit ich mir Eiskrem kaufen kann!”

“Aber du kannst noch kein Geld verdienen!”

“Gut, dann will ich Eiskrem verdienen!”

“Sam!” Der Mann seufzte laut.

Das Mädchen lief an den Rand des Lichtkegels und rief laut ins Dunkel hinein: “Ich arbeite nur noch, wenn ich was verdiene. Wenn ich keine Eiskrem kriege, dann wenigstens …” Sie überlegte, dann schnipste sie mit den Fingern, “ich weiß, ich krieg für jede Simulation eine Tüte Gummibärchen und… morgens muß immer einer mit mir Frühstück essen. Ich finde das doof, alleine zu frühstücken.!”

“SAM!” der Doktor zog das Mädchen zurück zum Tisch.

“Nein, ich arbeite nur, wenn ich meine Tüte Gummibärchen kriege!” Sie verschränkte die Arme und starrte an die Tafel. Trotz guter Zurede lies sie sich nicht dazu bewegen, sich die Akte anzusehen. Nach einiger Zeit, hörte man aus dem Dunkeln ein Rascheln und etwas wurde ins Licht geworfen. Sam rannte hin und hob es auf. Voller Triumph hielt sie eine Tüte in der Hand, laut las sie vor: ”Haribo macht Kinder froh…” Sie strahlte, drehte sich um und machte einen Knicks: “Danke schön!” Sie lief zu dem Mann: “Guck mal, ich bin jetzt groß und verdiene was!” Mit lauten Geraschel riß sie ungeduldig die Tüte auf und holte ein Gummibärchen hervor, mit großer Geste reichte sie es dem Doktor. “Du kriegst das allererste, Dr. Alan” Dann wandte sie sich der Akte zu.

“Ich war ziemlich respektlos, he?” Sam huscht mit nackten Füßen ins Bett, sie kuschelte sich ein und beobachtete Jarod.

“Ich bin nie auf die Idee gekommen, das zu verlangen!”

“Naja, ich war 6 ½ Jahre alt, als ich ins Centre gekommen bin. Meine Eltern sind über 2 Jahre mit mir quer durch die Staaten gefahren, da hab ich ziemlich viel gesehen. Als das Centre mich dann endlich gefunden hatte, war ich schon mächtig geprägt von den wirren Ideen meiner Eltern. Ich hab mir nichts sagen lassen, ich war sehr bestimmend!” sie lachte bei der Erinnerung.

“Wo sind deine Eltern jetzt?”

“Sie sind tot, es gab auf der Flucht einen –naja- erzwungenen Unfall, das Auto überschlug sich und meine Eltern sind gestorben.”

“Hat dir das das Centre erzählt?”

“Nein, daran kann ich mich erinnern: das Auto überschlug sich, mein Vater lag halb aus der Vorderscheibe, eine große Scherbe im Hals. Meine Mutter hatte mich fest im Arm gehabt, sie lag auf mir, sah mich an und küßte mich, dann schluckte sie noch mal, strich mir die Haare aus dem Gesicht und sagte: “Machs ihnen so schwer wie möglich, Baby” dann starb sie. Sie war fürchterlich schwer und starrte mich mit toten Augen an, ich glaub ich hab nur noch geschrieen.” Das war keine angenehme Erinnerung, sie sah die toten Augen ihrer Mutter immer noch vor sich.

“Das tut mir leid!” flüsterte Jarod leise.

Sam sammelte sich und lächelte: “Muß dir nicht leid tun, ich hab mich gerächt, ich war unmöglich.”

“Meine Eltern sind irgendwo da draußen.”

“Dann such sie!”

“Das tue ich schon seit 4 Jahren, aber das Centre wirft mir alle möglichen Steine in den Weg!”

“Das kann ich mir vorstellen.” murmelte Sam müde.

Jarod betrachtete sie, wie sie einschlief. Er nahm eine neue Disc und legte sie ein…

****

“Bitte sagen sie mir, das wir irgendwo hin müssen, irgendeine verdammte Spur, Broots!” Miss Parker ging nun schon zum vierten Mal zum Fenster und starrte hinaus.

“Es tut mir leid.” Der Techniker zuckte mit den Schultern.

“Syd?”

“Miss Parker, sie werden wohl oder übel zu diesem Abendessen müssen.”

“Das letzte Mal, wo ich mit der ‘Familie’,” sie spuckte das Wort geradezu hinaus, “gegessen habe , haben sie Thomas bloßgestellt und kurze Zeit später war er tot!”

“Verbinden sie die beiden Ereignisse miteinander, Parker?”

“Keine psychologischen Analysen, bitte! – Komm schon, Jarod- ruf an! Ruf endlich an!”

In dem Moment klingelte das Telefon. Broots saß dem Telefon am nächsten, aber Miss Parker riß ihm den Hörer aus der Hand:

“Jarod!”

“Engelchen, ich bin's!”

“Daddy!” Parker verdrehte die Augen und lies sich schwer auf einen Ledersessel fallen, “was willst du, Daddy?”

“Kommst du heute abend, Engelchen?”

“Es wird sich wohl nicht vermeiden lassen. Hast du schon Antwort vom Triumvirat bekommen, welche Suche hat jetzt Vorrang: Jarod, der Klon oder den verkappten Phönix aus der Asche!” ihre Stimme triefte vor kaltem Sarkasmus.

Doch ihr Vater lies sich nicht aus der Ruhe bringen. Er antworte im gleichen Tonfall: “Du kümmerst dich weiterhin um Jarod, wenn wir ihn haben, finden wir auch den Klon. Das Mädchen ist uninteressant, sie ist seid 8 Jahren tot, vergiß sie! Bis heut abend, Engelchen!” damit legte er auf.

“Ja, ich freu mich schon drauf!” knurrte sie.

Sydney lächelte neutral: “Sie sind heute nicht besonders gut auf ihren Vater zu sprechen.”

“Ich habe mich dazu entschlossen, Jarods Rat anzunehmen.”

Interessiert leuchteten die Augen des Psychiaters auf: “Und der wäre?”

“Entscheide dich, wem du traust!”

“Und wer ist das, Miss Parker?”

Die Gefragte blickte lächelnd zu den beiden Männern: “Auf jeden Fall niemand aus meiner Familie!”

***

“Aufstehen! Hey, schlaft ihr immer so lange!” Jarod öffnete die Augen, Kay war über ihn gebeugt und grinste.

“Oh, wie spät ist es denn!”

“Sechs dreißig. Dein Wecker hat geklingelt!” Sam grummelte und drehte sich um. Sie sah nicht so aus, als ob sie in nächster Zeit aufstehen wollte. Jarod legte seinen Finger auf den Mund, die beiden Kinder und er schlichen sich zu ihrem Bett und Jarod zählte leise bis drei. Mit lautem Geschrei stürzten sie sich auf Sam und kitzelten sie.

“Uah. Hört auf, ich kann nicht mehr, ich bin wach, ich bin wach!” Als die drei von ihr abließen, schnappte sie nach Luft: “Verräter!” Kay und Jack lachten.

Nachdem sie sich fertig gemacht und das Lager geweckt hatten, aßen sie im großen Speisesaal Frühstück. Alle Kinder starten zu den zwei Neuankömmlingen rüber. “Ich denke, ihr solltet euch unters Volk mischen. Und benehmt euch wie normale Zehnjährige!!” Sam stand auf und rief laut durch den Saal: “Guten Morgen, Rasselbande! Ich möchte euch meine Kinder vorstellen, das sind Kay und Jack. Sie werden für die letzten Tage hier sein, also zeigt ihnen doch bitte ein wenig die Gegend!

Heute ist Badetag angesagt, also ich dachte mir, ab 10 Uhr machen wir ein kleines Beachfest: Meldet euch bitte bei euren Hausvorständen und tragt euch in die Listen ein: es gibt Volleyball, Federball, Fußball, ein paar Wettschwimmen und vielleicht habt ihr noch ein paar Einfälle?” Ein großer Begeisterungsschwall ertönte. Tellerklappern und Glasklirren, dann stürmten die Kinder aus der Halle. “Wie leicht sie doch zufriedenzustellen sind.” Sie grinste. Bis jetzt hatten sie noch kein Wort über die Geschehnisse am Abend geredet. Sam sah Jarod scharf an: “Ich habe mir überlegt….” Sie beendete den Satz nicht.

“Was?”

“Nun, ich langweile mich etwas. Ich könnte mir vorstellen, das Centre ein bißchen zu ärgern!” Sie sah erwartungsvoll zu Jarod. “Ich meine, es ist natürlich die Gefahr, das das Centre mich wieder einfängt. Und für Kay und Jack ist es auch gefährlich. Aber sie sind langsam alt genug und, ach, ich langweile mich einfach!”

“Oh, prima, dürfen wir echt mitmachen?” Jack war ganz begeistert. “Ich mein, nicht nur in die FBI-Datenbank, echt, in die Centredatenbank – COOL!” Er lief hinter seiner Schwester her, um ihr die Neuigkeit zu erzählen. Jarod sah nicht sehr glücklich aus.

“Ihr werdet auf der Flucht sein! Und für Jack und Kay ist es nicht sicher!”

“Um eins klarzustellen: wir sind seit 8 Jahren auf der Flucht, wir sind nie länger als 4 Monate an einem Ort. Ich kann gar nicht, ich bin so schnell gelangweilt mit jedem Job. Die beiden haben das Pretender-Gen und sie nutzen es. Sie sind intelligenter als jedes anderes Kind in ihrem Alter, ich bin diejenige, die sie unterrichtet.”

“Aber das Centre war nie wirklich hinter euch her?”

“Ich habe mich als FBI-Agentin eingeschleust, als Polizistin, ich war in der Navy, in der Army, beim Jag. Hab mich als Pilotin, Abgeordnete, Ärztin, Mathematikerin ausgegeben und zwar ohne echte, staatliche Erlaubnis. Ich bin eine Hochstaplerin, das sind wir beide – ich werde immer auf der Flucht sein! Und eh, mich stört es nicht – ich hab das Zigeunerleben eigentlich nie bedauert. Viele Änderungen, keine Langeweile und den Kindern gefällt das auch. Das Los eines Pretenders! Wir sind nicht auf der Flucht vor dem Centre, die abzuschütteln ist nun wirklich nicht schwer. Wir sind auf der Flucht vor der Langeweile, vor dem Eintönigen. Und du bist genauso: aus diesem Grund spielst du auch mit dem Centre, ohne den Kontakt abzubrechen! Pretender wie wir sind verloren ohne Herausforderung.” Sie stand auf, Jarod blieb sitzen. “Komm schon, laß uns spielen!” Sie grinste wieder schelmisch.

“Okay, es ist eure Entscheidung!”

“Richtig!”

“Richtig.” mit einem nicht gerade überzeugten Gesicht folgte Jarod Sam nach draußen.

****

“Wir sehen uns zwar heute abend, Schwesterherz. Aber da wollen wir ja nicht über das Centre reden. Ich brauche sämtliche Daten von Sam, ich meine Samantha. Hast du sie hier?” Lyle stellte sich vor Miss Parker.

“Du bekommst sie morgen früh, ich muß noch den Bericht fertigschreiben. Und reg dich ab, die Kleine ist schon tot!” Statt einer Drohung oder eines dämlichen Kommentars, wie sie es eigentlich von ihrem psychopatischen Bruder erwartet hätte, nickte dieser nur und sagte gedankenverloren sogar Danke.

Miss Parker blickte ihn argwöhnisch an, sagte aber nichts. Als Sydney und Broots um die Ecke kamen, verschwand Lyle auch kommentarlos wieder. “Ich weiß nicht, was der Kerl im Schilde führt, aber es definitiv nichts Gutes. Und was ist das mit diesem Mädchen? Mein Vater will am liebsten, das ich diese Samantha vergesse und keinen Staub aufwedele, Lyle will sämtlich Daten über dieses Mädchen haben. Angelo singt und spielt Kinderstreiche, seit dieses dämliche Band aufgetaucht ist. Und Jarod vergißt seine Mitternachtsanrufe!”

In dem Moment klingelte Sydneys Handy:

“Dr. Green.”

“Sydney, wie geht es dir?”

“Jarod”

Miss Parker entriß ihm das Handy: “Jarod, wo bist du?”

“Wenn ich dir das sagen würde, wäre der Reiz des Spiels doch verloren, oder?” Kinderlachen und Wasserplatschen war im Hintergrund zu hören.

“Florida, Californien? Komm schon, sag!”

Sydney nahm ihr vorsichtig das Handy aus der Hand.

“Syd, was hat sie?”

“Heute abend ist Familienabend !”

“Oh, na dann geb ich euch mal zwei Hinweise: der Ort wo ich bin, fängt mit D an und endet mit o!”

“Broots!” Miss Parker scheuchte den armen Techniker an den Computer.

“Ach ja, und die Vermutung vorhin war schon richtig!” Damit legte er auf.

“Welche Vermutung? “”Florida oder Kalifornien!” knurrte Miss Parker, aber sie konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen, leise flüsterte sie:

“Ich könnte dich küssen, Jarod. DANKE!”
Teil 3 by Dara
Die meisten Figuren dieser Geschichte gehören nicht mir, wem auch immer,mir nicht! Die anderen, die mir gehören, gehören mir ganz allein! DieseGeschichte wurde geschrieben, weil ich gerne schreibe, nicht weil ich damit Geld verdienen will!



Die vergessene Akte
Teil 3
von Dara





Es war noch nicht viel los im Centre, es war früh am Morgen. Sydney ging den Korridor entlang, als er aus einer Ecke etwas hörte: “Ich warne dich, Lyle. Sie ist tot, wühle nicht im Staub rum.”

“Vater, sie war ein Pretender, vielleicht…”

“Samantha ist tot und das seit 8 Jahren!” donnerte Mr. Parker. “Raines hat sehr sorgfältig ermittelt und danach aufgeräumt. Du wirst nichts anderes finden, als was im Bericht steht. Und - du wirst auch nicht weiter suchen. Ich habe schon deiner Schwester gesagt, es gibt nichts Interessantes zu finden. Diese unsägliche Geschichte zwischen Dir und diesem Mädchen damals ist vorbei, haben wir uns verstanden?” dann schlug eine Tür zu und Lyle ging, ohne Syd zu bemerken, vorbei. Sydney eilte zu Miss Parkers Büro.

“Was ist los, Syd, schlechter Schlaf?”

“Haben Sie schon mit Ihrem Vater gesprochen?”

Das angedeutete Lächeln im Gesicht der jungen Frau verschwand: “Nein, wieso sollte ich?”

“Nun, ich bin mir nicht sicher, wie er es aufgenommen hat, daß Sie nicht beim Familienessen waren?!”

“Wen interessiert das?” antwortete sie kalt, dann deutete sie lächelnd zu einem Sessel. “Wieso sind Sie nun so früh wach, Syd?”

“Wieso sind Sie so früh hier, Ms. Parker?”

“Sie weichen meiner Frage aus!”

“Angelo hat mich angerufen und gesagt, ich müsse unbedingt herkommen!”

“Und wo ist er?”

“Keine Ahnung, er versteckt sich, in seinem Zimmer ist er nicht und in meinem Büro auch nicht.”

“Angelo spielt in letzter Zeit ein wenig verrückt!” Ein unterdrücktes Kichern aus einem Lüftungsschacht war zu hören. “Soll ich Ihnen beim Suchen helfen?” fragte Miss Parker laut und tat, als ob sie es nicht gehört hätte.

Sydney lächelte und nickte: “Gerne, aber er könnte überall sein.” Er schaute theatralisch um sich. Wieder kam ein Kichern von irgendwo. ”Haben Sie das gehört? Er muß hier irgendwo sein, vielleicht…”

Ms. Parker ging leise zum Lüftungsgitter, “..ist er hier drin?” Sie sah direkt in Angelos grinsendes Gesicht.

“Ms. Parker gefunden. Gewonnen!” er klatschte in die Hände und reichte ihr eine kleine silberne Scheibe. Dann war er verschwunden.

“Was war das denn jetzt?” Ms. Parker sah verdutzt auf die DSA. Sydney zuckte mit den Schultern, er deutete nur auf den Computer. Sie seufzte leise und legte die Disc ein:

***

“Angelo, bist du hier?” flüsterte eine nun ca. 10jährige Samantha. Ein Kichern kam aus dem Dunkeln. Ein Lächeln huschte über das Gesicht des Mädchens. “Versteckst du dich?” sie sprang in den Schatten hinein. “Hab dich, Sam hat gewonnen!”

“Angelo spielt mit Sam!” verkündete eine Stimme aus dem Dunkel. Angelo kam ins Sichtfeld, er war ca. 15, 16 Jahre alt. Er zog eine große Kiste hinter sich her. Er schüttete sie aus und viele DSA-Scheiben vielen auf den Boden. Leise und bedächtig sortierten die beiden die Discs zu kleinen Häufchen. Das Mädchen zeigte Angelo ab und zu eine und flüsterte etwas. Er nickte kurz und lächelte. Vorsichtig legte das Mädchen die Discs zu einem bestimmten Haufen.

“Die will ich sehen!” verlangte Sam mit einemmal. Angelo nahm die DSA in die Hand und legte seinen Kopf schief, er lauschte kurz auf etwas, was nur er hören konnte und schüttelte dann den Kopf. Sie murrte laut, doch Angelo legte die Disc vorsichtig zurück in die Kiste: ”Sam zu klein!” sagte er bestimmt. Samantha schürzte zwar die Lippen, konzentrierte sich aber auf das leise Spiel.


***

“Was ist denn das?” Miss Parker sah sich ratlos zu Syd um.

“Ich habe keine Ahnung,” meinte der ratlos, “Ich werde daraus nicht schlau. Nach welchen System stapeln sie die DSA? Was ist der Sinn des Spiels?”

Er schüttelte den Kopf. “Schicken Sie es dem Wunderknaben, vielleicht erkennt er da ein Schema!”

“Das werde ich machen, Miss Parker! Ach, jetzt erinnere ich mich wieder, warum ich hier bin…” Er berichtete von dem Gespräch zwischen Lyle und ihrem Vater. Am Ende war eine kurze Pause. “Also Angelo kannte sie, Lyle kannte sie, Vater kannte sie, und Raines hat seine dreckigen Hände in dem Projekt. Warum verdammt, ist sie mir, Jarod oder Ihnen nie vor die Augen gekommen?”

“Falsches Sublevel, hohe Sicherheit!” tönte es von der Tür.

***

Ein – etwas müde wirkender – Lyle stand dort. “Schon mal was von anklopfen gehört?”

“Kann ich das Tape sehen?” Lyle ignorierte die Frage.

“Nein, soviel ich verstanden habe, sollst du dich zurückhalten, was dieses Projekt betrifft!”

“Du auch, Schwesterherz! Und hältst du dich dran?” er grinste, aber irgendwie war sein Blick nicht so kalt wie sonst. Er stierte sehnsüchtig auf die DSA in Parkers Hand.

“Austausch” sagte sie kalt.

Er verdrehte die Augen und holte tief Luft: “Sam ist ein Projekt von Dr. Timothy Alan gewesen…”

“Das wissen wir schon, steht in meinem Bericht, Idiot!”

“Ich war noch nicht fertig!” seine Stimme war nun wieder kalt und hart, “Sie war die ersten Jahre in SL9 untergebracht, Raum 912. Es gab einen direkten Befehl von Raines, vom Triumvirat abgesegnet, daß jeglicher Kontakt zu anderen Projekten des Centres zu vermeiden ist. Daß ich sie kenne, war ein Unfall. Und der Schwachkopf – streunt überall rum, und ist den Sweepern wohl durchs Netz geschlüpft. Kann ich jetzt bitte die DSA haben?”

Das 'bitte' kam ihm schwer über die Lippen. Ms. Parker reichte ihm wortlos die Disc.

Sobald Lyle aus der Tür war, lehnte sich Syd an den Schreibtisch und sah sie an: “Es scheint ihm verdammt wichtig zu sein!”

“Ja, und ich will wissen warum!” Nachdenklich schaute sie zur Tür, durch die ihr Bruder verschwunden war.

“Und, glauben Sie es war richtig, ihm das Tape zu geben, Ms. Parker?”

“Regen Sie sich ab, Syd, das war eine Kopie vom Brand. Die hier,“ sie drehte eine silberne Scheibe zwischen den Fingern, “gehört Angelo.”

***

“Ooo, wer ist denn das? Ja, was macht ihr denn da gerade?” Sam johlte auf und lachte. Sie saß an dem silbernen Koffer und sah sich einige Simulationen von Jarod an. Sie hatten alle einen anstrengenden Tag gehabt. Jarod sah müde auf, er tippte gerade an seinem Laptop.

“Was?” er stand auf und ging zu Sam. “Miss Parker!” erklärte er leise, “Dabei fällt mir ein, ich habe sie schon seit 3 Tagen nicht mehr aus dem Bett geklingelt!”

“Ah ja, so tief ist eure Beziehung?”

“Sie jagt mich!”

“Aber fangen tut sie dich nicht!” Sam lächelte bedeutungsvoll zu ihm.

“Du hast das gleiche Lächeln, wie Sydney wenn er einen Satz von mir analysiert!”

“Ach, komm. Ich hatte doch auch eine Flamme im Centre!”

Jarod sah sie ungläubig an: “Wen? Lyle?”

Sie lachte laut auf: “Lyle? Wie kommst du denn da drauf? Nee, obwohl…” Sie überlegte kurz.

Kay und Jack waren auch im Zimmer, sie hatten sich geweigert, in den Schlafräumen der anderen Kinder zu schlafen und hatten es sich in Sams Raum auf dem Fußboden bequem gemacht. Sie tüftelten schon seit einer Woche – solange sie im Lager waren- an einem kleinen Gerät herum, wollten aber nicht verraten, was es war. Die beiden täuschten reges Arbeiten vor, aber sie lauschten den Gesprächen der Erwachsenen aufmerksam.

“Na ja, also Bobby war mein erster Freund, der erste, den ich überhaupt im Centre zu Gesicht bekommen hatte. Er war in Ordnung, ein bißchen schizophren vielleicht, aber in Ordnung. Von ihm habe ich meinen ersten Kuß bekommen. Aber er verschwand plötzlich. Angelo habe ich im Lüftungsschacht gefunden. Er wurde ein guter Freund und hat mich immer besucht, wir haben zusammen gespielt. Das waren ruhige Zeiten, er hat mich immer getröstet, wenn ich traurig war. Ich glaube noch nicht mal, daß das Centre wußte, daß wir uns regelmäßig im Lüftungssystem versteckten.”

Sie machte eine Pause, doch keiner der anderen redete. “Und dann, mmh – sie lächelte im Gedanken – dann, traf ich meine erste große Liebe! Raines wäre ausgeflippt, hätte er davon Wind gekriegt. Er war groß, dunkelhaarig, und er war ein Pretender, nicht so wie Bobby oder Angelo, so wie ich. Zuerst haben wir auch nur gespielt - wer klüger ist, die Sweeper ärgern, Raines an der Nase rumführen, Ärger machen. Aber ich war voll in der Pubertät, er war schon ein bißchen älter – es war einfach nicht das Alter, wo man spielte!” Sie grinste anzüglich. Es gab wieder eine Pause, doch Sam machte gar nicht den Anschein, als ob sie weitererzählen wollte.

Schließlich wurde es Kay zuviel: “Nun erzähl endlich weiter!” Sie krabbelte zu Jarods Sessel und lehnte ihren Kopf an die Armlehne. Jarod sah erstaunt auf den Kopf, dann strich er vorsichtig mit seiner Hand über ihre Haare. Sie sah zu ihm hoch und lächelte.

“Warum? Ach, das interessiert euch doch gar nicht!”

“Klaro, alte Liebesgeschichten hast du noch nie zum besten gegeben!” meinte Jack. Nun legte er das Gerät beiseite und setzte sich im Schneidersitz neben seine Schwester.

“Neugieriges Pack!” Sam lächelte. “ Was soll ich großartiges Erzählen, es lief ab, wie bei allen anderen auch. Heimliche Treffen, heimlich Küsse und später dann….” Sie sah die anderen an, “Na, ihr wißt schon!”

“Nö!” die Kinder taten ahnungslos.

“Wir hatten Sex, okay?”

“Im Centre?” Jarod schüttelte ungläubig den Kopf!

“Na ja, Angelo hatte mir mal den Zugang zum Technikerraum gezeigt und wie man die Kameras ausschaltet. Ein unbenutzter Abstellraum, unter einem Tisch, zu einer Zeit, wo jeder anständige Teenager schlafen sollte… Hat doch auch geklappt! Raines hat nie herausgefunden, warum Kyle plötzlich nicht mehr unter seiner Kontrolle war.” Sie kicherte.

Jarods Gesicht verzog sich: “Kyle?”

“Das war sein Name: Kyle. Wir waren fast 2 Jahre ein Paar, ohne daß das Centre das gewußt hat - na ja, Timothy und Angelo wußten es.”

“Warum habt ihr Schluß gemacht?” fragte Kay neugierig.

“Wir haben nie Schluß gemacht, wir haben uns sogar verlobt!” Sams Lächeln verschwand, “Nein, sie haben ihn weggebracht, Raines konnte ihn nicht mehr gebrauchen, er verschwand! Außerdem hatte Raines ja noch Bobby, ich sollte besser sagen Lyle. Er war perfekt, ein Psycho wie er im Buche steht, machthungrig, brutal und gewissenlos. Er war mit dieser Miss Lollipop zusammen als er wieder auftauchte, und er war fürchterlich besitzergreifend. Ich gehörte ihm, sein Pretender – seine Exfreundin. In seinen Augen sollte ich sogar nicht mehr mit Timothy sprechen, nur noch mit ihm. Er konnte es nie verknusen, wenn jemand intelligenter war als er, er brauchte Kontrolle!” Sie schüttelte sich beim Gedanken daran. “Glaubst du, Lyle hat was mit Kyles Verschwinden zu tun gehabt?”

“Möglich ist es, aber wer im Centre spurlos verschwindet, ist meistens tot.” Jarod sagte nichts, er war ein bißchen blaß. “Ich hab dich gelangweilt mit meiner Geschichte?” Sam sah zu ihm rüber.

“Kyle war mein Bruder!”

***

“Nachricht vom Wunderknaben?” Miss Parker kam zur Tür herein.


Broots sah von seinem Computer auf. Er schüttelte den Kopf: “Nichts. Noch nicht mal zu der Aufzeichnung hat er was geschrieben.” Er runzelte sorgenvoll die Stirn.

Miss Parker blickte zu ihrem väterlichen Freund – und als das sah sie ihn ohne Zweifel an. “Nun machen Sie sich mal keine Sorgen, Syd. Jarod paßt schon auf sich auf.” Tröstend legte sie die Hand auf seine Schulter.

Er lächelte schwerherzig: “Miss Parker, Sie haben sich verändert!” stellte er fest und betrachtete sie.

“Ich weiß, wem ich vertraue!” wiederholte sie und lächelte ihn an. Sie faßte ihn an die Hand: “Ich vertraue Ihnen, Sydney!” Das Lächeln war echt, keines der aufgesetzten, die sie für ihren Vater bereithielt. Ein warmes Lächeln von Herzen.

Sydney seufzte: “Das ist wunderschön, Miss Parker!”

“Was?”

“Ihr Lächeln; Sie sollten es öfters rausholen!”

“Das werde ich vielleicht auch, Syd, das werde ich!” Sie hakte ihn unter, “Kommen Sie, gehen wir zu Broots, vielleicht hat er etwas über Jarod herausgefunden!”

***

“Broots!” Sydney wollte gerade etwas sagen, als sein Telefon klingelte, gleichzeitig kam Sam, Miss Parkers Privatsweeper, mit einem Paket herein.

“Hallo?” Sydney hielt das Handy an sein Ohr und beobachtete Miss Parker und Broots beim Auspacken des Paketes.

“Syd, wie geht es dir?”

“Jarod!” Miss Parkers Kopf schoß nach oben, mit einer Hab-ich-doch-gesagt-Geste blickte sie Sydney an. Er lächelte befreit; er hatte sich doch schon ernsthafte Sorgen gemacht.

“Mir geht es schon besser; ich dachte, dir wäre was passiert, du hast nicht auf meine Mail geantwortet.”

“Erstens, nein mir ist nichts passiert, zweitens, welche Mail. Die letzte Mail habe ich letzte Woche von CJ bekommen?”

“Ich hatte dir eine Mail geschickt.”

Miss Parker verzog ärgerlich das Gesicht: “Lyle! Broots, schicken Sie die Mail noch einmal, und diesmal so, daß sie auch ankommt!”

Der Techniker runzelte die Stirn. Seit wann wurde denn Jarod unterstützt? Irgend etwas mußte er verpaßt haben.

“Nein, ich hatte Urlaub, na ja – fast! Habt ihr mein Päckchen schon bekommen?”

Miss Parker hielt mit spitzen Fingern eine Badehose hoch. “Was soll denn das darstellen, Jarod!” fragte sie laut und spitz.

“Habt ihr das Souvenir erhalten? Für jeden eins!”

Miss Parker nahm Sydney das Handy ab und stellte es auf laut: “Ich hoffe mal, für mich soll nicht die Badehose sein?”

“Welche Badehose?” fragte Jarod irritiert, dann hörte man ein Kichern im Hintergrund, Jarod lachte laut auf:

“Da hat mir wohl jemand einen Streich gespielt! Nein, die sollte da gar nicht mit rein. Die anderen Sachen!” In dem Moment kam Angelo herein, er griff nach der Hose und lachte vor Freude: “Angelo baden!”

Miss Parker sah irritiert zu Sydney.

“Sam und Angelo baden.” Angelo grinste breit und tippte über Broots Schulter hinweg etwas in die Mail an Jarod. Bevor jemand die Mail lesen konnte, schickte er sie ab. Die Badehose hatte er in seine Hosentasche gestopft. Man konnte Jarod leise flüstern hören, Miss Parker meinte eine Frauenstimme zu hören, ihr Gesicht verdüsterte sich.

“Sieht so aus, als wenn die Hose ihren Besitzer gefunden hat. Syd gehst du mal mit Angelo baden? Ah, jetzt habe ich eine Mail bekommen, ich melde mich wieder. Und Syd, mach dir keine Sorgen!” damit legte er auf.

***

“Nachdem das geklärt ist, was will uns Jarod mit diesen netten Souvenirs sagen?” Miss Parker hatte sich wieder unter Kontrolle. Sie deutete auf die drei Gegenstände, die noch im Paket gewesen waren. Ein Tannenzapfen, ein Kompaß und ein Schweitzer Taschenmesser.

“Sieht nach Pfadfindern aus.” Murmelte Broots leise.

“Stimmt,” meinte Syd. Broots sah überrascht auf, er hatte es eigentlich gar nicht ernstgemeint. “Kinderstreiche, Pfadfinder, Wasser – Broots, kann ich noch mal die Liste mit den Orten haben, die mich letzte Woche vor einem Familientreffen gerettet haben?”

***

“Sie hört sich sehr kontrolliert an.” So richtig wußte Sam nicht, wie sie beginnen sollte.

“Das ist sie.”

“Sie muß schön sein.” Vermutete Kay laut.

“Ist sie.” Jarod war damit beschäftigt, die Email runterzuladen, die er soeben empfangen hatte.

“Warum seid ihr kein Liebespaar?” fragte Kay ungeduldig.

Jack seufzte theatralisch auf und rollte die Augen. Er klopfte Jarod auf die Schulter: “Weiber!”

Sam mußte grinsen bei diesem Anblick. Es sah fast wie eine ganz normale Familie aus. Vater, Mutter und die Zwillinge – Jarod war ein guter Freund geworden. Sie wußte, an wen seine Augen sie erinnerten. Bei der Erinnerung an Kyle mußte sie lächeln. Sie wußte nun, daß er bis vor 2 Jahren noch gelebt hatte, und obwohl er für sie schon seit mehr als 10 Jahren tot war, verletzte sie die Gewißheit doch sehr. Die Kinder vergötterten Jarod, und sie waren fürchterlich aufgeregt, auch eine Rolle in der jetzigen “Simulation” zu haben. Sie hatte den Kindern immer verschiedene Aufträge gegeben, um die Pretenderfähigkeiten auszubilden, doch sie hatte sich immer gescheut, sie diese Fähigkeiten auch in der realen Welt anwenden zu lassen.

Mit dem Blick auf Jarod zog sie sich Kay näher ran: “Wir Weiber müssen uns mal unterhalten!” Sie sah zu ihrer Tochter, die gerade krampfhaft versuchte, sich zu erinnern, was sie denn diesmal angestellt hatte, aber ihr viel nichts ein. “Ich meine, wir Weiber sollten uns mal den Kopf zerbrechen, wie wir Jarod mit dieser Miss Parker verkuppeln sollten.”

Jack kam hinzu, er wollte auch am Geheimnis teilhaben. Er hatte den letzten Teil mitgehört. Jack verzog das Gesicht, er hatte andere Pläne mit Jarod und seiner Mutter vor.

“Ich weiß, was ihr wollt.” Sam sah von Kay zu Jack, “ aber so funktioniert das nicht. Akzeptiert Jarod als Freund, als Onkel, als Vaterfigur. Aber schminkt euch ab, mich mit ihm verkoppeln zu wollen.”

“Warum sollten wir ihn dann mit Miss Parker verkuppeln?” fragte Kay listig.

“Das ist was anderes, die beiden haben… wie soll ich sagen, den Draht zueinander.”

“Ihr versteht euch doch auch super!” begehrte Jack auf. Jarod bekam davon nichts mit, er starrte mit gerunzelter Stirn auf den Bildschirm.

“Ich mag ihn, er mag mich. Ich glaube nicht, daß daraus Liebe wird. Zwischen Jarod und dieser Miss Parker findet etwas statt, was ich wiedererkenne. Genau das Spiel habe ich mit Kyle auch immer gespielt! Es gibt bei diesem Spiel nur keinen Gewinner und Verlierer, entweder beide oder keiner!”

“Du spielst immer nur!” sagte Kay ungeduldig.

“Es ist kein richtiges Spiel, Honey. Das ist: Was sich liebt, das neckt sich!!!” Sam wartete auf ein bißchen Einsicht in den Gesichtern ihrer Kinder.

“Jarod liebt Miss Parker, und ich will wissen, ob es anders rum auch so ist!” sagte sie bestimmt, als keine Reaktion kam. Sie seufzte und umarmte Kay und Jack: “Man kann nicht alles haben im Leben! Und ich persönlich glaube fest daran, daß da irgendwo auch noch ein Pretender für mich rumläuft!” Sie lächelte. Kay und Jack lächelten gezwungenermaßen zurück.

Als Sam ihre Aufmerksamkeit Jarod zuwandte, sahen sich die beiden an: “Das werden wir ja noch sehen, ob wir das nicht kriegen!” meinten beide unisono. Händehaltend gingen sie zum Computerplatz.

***

“Was soll das für ein Spiel sein?” fragte Jarod entgeistert.

Sam lächelte hintergründig. “Ein Spiel, das ich mit Angelo immer gespielt habe. Nenne es das Aschenputtelspiel!”

“Das Aschenputtelspiel?”

“Ja!” Jarod sah fragend zu den Kindern, doch die zuckten auch nur die Schultern.

“Kannst du mir nicht mehr verraten?”

“Können schon, aber ich will nicht!” Damit ging sie zu ihrem Koffer, um weiter einzupacken.

Es war der letzte Tag im Camp, sämtliche Kinder waren damit beschäftigt, Adressen auszutauschen, die letzten Sachen einzupacken oder sich noch mal die Gegend anzusehen. Die gelben Schulbusse standen schon bereit. Jarod und die anderen drei wollten zusammen fahren. Sie hatten sich darauf geeinigt, das Sam, Kay und Jack Jarod bei seinem nächsten Projekt helfen würden. Jack hatte gerade seinen Reisesack umgeschultert und war auf dem Weg zum Bus, als er die beiden Gestalten am Waldrand sah. Er verlangsamte seinen Schritt, bis seine Schwester neben ihm war.

“Guck mal, dahinten verstecken sich zwei, ein Mann und ein Kind!” Er deutete in die Richtung. Kay sah seiner Hand hinterher. Sie stellte ihren Seesack ab und verstaute ihn im Bus, dann nahm sie Jacks und stopfte ihn darüber. Jack ließ die beiden Gestalten nicht aus den Augen. Als Sam und Jarod ihr Gepäck brachten, setzten diese sich in Bewegung.

Jack stieß seine Mutter an: “Guck mal!” Der Mann, daß sah man beim Näherkommen, war ca. 60 und hatte graues Haar, er sah sich immer vorsichtig um, als ob er Angst hätte, jemand könnte ihm folgen.

Der Junge war etwas älter als Kay und Jack, vielleicht 12. Er hatte dunkles Haar. Sam schätzte die beiden ab. “Keiner aus dem Centre. Vielleicht ein Opa, der sein Enkelkind abholen will.”

Jarod sah nun auch hin. Er stutzte, dann lief er auf die beiden zu: “Dad! Jay! Geht es euch gut?” Er fiel dem älteren Mann in die Arme und umarmte ihn. Fragende Blicke zwischen Kay und Jack, und dann folgten sie Jarod langsam. Sam hob die Augenbrauen: “Na, ich denke mal, ich muß das Gepäck wieder rausholen…”
Teil 4 by Dara
Die meisten Figuren dieser Geschichte gehören nicht mir, wem auch immer,mir nicht! Die anderen, die mir gehören, gehören mir ganz allein! DieseGeschichte wurde geschrieben, weil ich gerne schreibe, nicht weil ich damit Geld verdienen will!



Die vergessene Akte
Teil 4
von Dara

Sam betrachtete die Neuankömmlinge genau.

“Sie sind Jarods Vater?” fragte sie skeptisch.

“Major Charles” antwortete der ältere Mann, auch er musterte die Gesellschaft seines Sohnes.

“Habt ihr euch genug beschnuppert?” fragte Kay spitz. Sie streckte ihre Hand zum Jungen aus, “Hallo, mein Name ist Kay und das ist Jack. Und das – sie deutete zu Sam – ist meine Mutter!”

Zurückhaltend ergriff der Junge die Hand: “Mein Name ist Jay!”

Sam stöhnte theatralisch auf: “So langsam wird es kompliziert: Kyle, Lyle, Jay, Kay …”

Jack, der die ganze Zeit ruhig dabei gestanden hatte, meinte trocken: “Ähm, wollt ihr was Bestimmtes, ich meine – wir müssen mit dem Bus mit!”

Er deutete zu der Traube von Kindern, die noch hektisch beim Verstauen des Gepäcks waren. “Oh ja, also einer von uns muß hundertprozentig damit fahren…” Sam biß sich beim Überlegen in die Lippe. Jay beobachte sie fasziniert. Jarod unterhielt sich derweil angeregt mit seinem Vater.

“Okay, ich fahre im Bus mit!” schlug Sam vor, “und die Kinder und Jarod fahren bei – ach, ihr habt doch einen Wagen, oder?” sie schlug sich mit der Hand vor die Stirn.

***

Der Major sah zu ihr. Seiner Meinung nach, war sie sehr aufgekratzt. Jarod hatte beim letzten Telefonat nur wenig von ihr erzählt – aber er wußte, daß sie auch ein Pretender war.

“Wir haben einen Kombi, groß genug für alle von uns.”

“Gut, dann packen wir das Gepäck schon mal in den Kombi. Jack, könntest du das bitte organisieren? Ich geh mal zum Busfahrer und mach das klar!”

Jay folgte den beiden 10jährigen. Er war den Kontakt mit Menschen noch nicht lange gewöhnt und mit Gleichaltrigen hatte er noch nicht oft geredet; meistens verloren diese schnell die Lust mit ihm zu spielen. Major Charles hatte ihm erklärt, das läge daran, daß Kinder ohne Pretenderfähigkeiten andere Interessen als er hätten. Am Bus angekommen drückte Jack ihm einen Seesack in die Hand: “Hier, du kannst auch was tragen, dann sind wir schneller fertig!”

Kay, die schon eine Tasche auf dem Rücken trug, sah neugierig zu ihm rüber: “Sag mal, kennst du dich eigentlich in Mikroelektronik aus?”

Jays Augen leuchteten: “Ich habe ein Buch gelesen über die neuesten Techniken in der Mikrochipherstellung.”

Jack sah seine Schwester an und grinste: “Das von Stephen Jackson?”

“Ja, kennst du es?” Kay kicherte; sie stellte die Tasche kurz ab und umarmte Jay: “Du bist nicht zufällig wie Jarod oder? Ich meine, du bist ein Pretender, richtig?” den letzten Satz hatte sie leise geflüstert. Jay sah von Kay zu Jack. Jack grinste immer noch und nickte: “Wir auch! Willst du unserem Geheimbund beitreten?” Jay lächelte: “Gerne!”

Kay drückte ihn noch mal kurz und nahm die Tasche wieder auf ihre Schulter: “Großartig, dann werden wir vielleicht noch schneller fertig, wir arbeiten nämlich gerade….”

***

Jarod beobachte die drei Kinder. “Mir scheint, die beiden schließen gerade Freundschaft mit Jay!”

“Das können sie sehr gut! Die drei sind sehr offen.”

“.. Zu Leuten, denen wir trauen!” Sam hatte den letzten Satz gehört; sie kam näher. Mit einem argwöhnischen Blick zu den drei Kindern warnte sie die Männer: “An eurer Stelle würde ich sehr vorsichtig sein, Jack und Kay hecken zur Zeit was aus, und mit einem dritten im Bunde…Na ja, Vorsicht ist angebracht! Ist das Gepäck verstaut?” rief sie der kleinen Gruppe zu.

Kay nickte heftig, wandte sich dann aber wieder dem regen Gespräch zwischen Jack und Jay zu. “Ich organisier dann mal die Abfahrt mit der etwas größeren Meute. Wir treffen uns dann am Abholplatz in Palm Springs, ok?” Sie lief zu den Bussen und war sofort von einer dichten Traube von Kindern umringt.

***

Jarod und der Major gingen zum Wagen. “Alles abfahrbereit?”

“Oh, Mist, ich muß noch mal auf Klo!” Kay sprang unruhig von einem Bein aufs andere.

“Dann schnell!” Jarod scheuchte sie in Richtung Toilettenhaus. Während sie auf Kay warteten, beobachteten sie, wie die Traube von Kindern in den Bussen verschwand. Kurzzeitig war Sam zu sehen, doch dann verschwand sie wieder in den Massen. Die Busse ließen die Motoren an und der letzte stieg ein. Gerade als Kay wiederkam, fuhren die Busse los. Kay winkte noch mal und Jarod und die anderen taten es ihr nach. Kay lief zum Wagen.

“Wir fahren hinter ihr her.” Sie stiegen ein und folgten der Staubwolke.

***

“Nun fahr doch mal ein bißchen schneller, Sam!” Miss Parker trommelte ungeduldig mit den Fingern aufs Armaturenbrett.

“Ich fahre Höchstgeschwindigkeit! Soll ich...”

“Nein, wir können uns jetzt keinen Kleinkrieg mit einem Dorfbullen leisten!” Sie winkte ab.

Sydney beugte sich vom hinteren Sitz nach vorne. “Glauben Sie wirklich er ist noch da?”

“Nein, nicht wirklich, aber versuchen kann man es ja mal.” Miss Parker drehte sich um; sie lächelte schelmisch. Mr. Broots, der neben Sydney saß, sah ungläubig zu ihr. Ihm war ihre Wandlung ein wenig unheimlich und er erwartete jeden Moment die alte, kalte Miss Parker zurück, die ihn so in Angst versetzen konnte.

“Broots, entspannen Sie sich. Sie mögen doch Kinder und dieses Lager ist voll von diesen Quälgeistern!” Sie lächelte immer noch, als sie sich wieder nach vorne drehte. Sam fuhr den Wagen ruhig.

”Miss Parker, uns folgt ein Wagen.” Miss Parker sah in den Rückspiegel; Broots versteifte sich merklich. Sydney sah nach hinten.

“Das ist ein Centre-Wagen, Parker.” Meinte er ruhig.

“Scheiße” flüsterte Miss Parker. Jetzt hatte sie den starken Wunsch nach einer Zigarette, obwohl sie schon länger mit dieser schlechten Angewohnheit abgeschlossen hatte. Sie rückte im Sitz hin und her, bis sie bequem saß. “Lassen wir sie doch, wir tun schließlich nur unsere Arbeit!” Starr richtete sie ihren Blick geradeaus. Auf der Strasse vor ihnen war eine Staubwolke zu sehen.

***

“…You can get it, if you really want, but you must try, try and try, try and trahahei, and you’ll succeed at last…” Sam sang aus vollem Hals mit, wie der Rest des Busses. Sogar der Busfahrer brummte in seinem tiefen Baß mit. Sie waren gerade 10 Minuten unterwegs, doch die Stimmung im Bus war berauschend.

***

“Was ist das?” fragte Broots nervös. “Ein Schulbus”, antwortete Sam, Miss Parkers Sweeper, ruhig. “Stell dich quer über die Straße, Sam!” kam der Befehl von Miss Parker, mit der kalten Stimme, die sie immer benutzte, wenn sie für das Centre arbeitete.

“Parker, was?” “Ein Schulbus auf der Landstraße zum Sommercamp! Vielleicht haben wir heute Glück und unser Wunderknabe hat sich etwas verrechnet!”

Sydney sah zum näherkommenden Bus. ‘Hoffentlich nicht’, dachte er. Sam fuhr den Wagen quer zur Straße und hielt an.

Der andere Centre-Wagen kam näher und hielt ebenfalls. Lyle kam heraus. Miss Parker fluchte leise. Sie stieg auch aus und trat an den Straßenrand. Die anderen Insassen aus ihrem Wagen waren an ihrer Seite.

Lyle eilte zu ihr: “Was ist Parker, irgendein Problem?”

“Was suchst du hier?” fauchte sie zurück. “Vater hat mich geschickt, er will mich ablenken, vermute ich.” Er lächelte, wenn auch unglücklich. Miss Parker sah ihn leise an.

Syd flüsterte ihr ins Ohr: “Er wünscht sich gerade ganz wo anders hin!”

“Dann versauen wir ihm doch gerne den Tag!” flüsterte sie zurück. Sie grinste hämisch zu ihrem Bruder, dann wartete sie auf den Bus.

***

“Diese Idioten, stellen sich mitten auf die Fahrbahn!” schimpfte der Busfahrer plötzlich. Sam konzentrierte sich auf die Szene vor ihr und versuchte den allgemeinen Radau zu überhören.”

“Was ist los?” rief sie. Der Busfahrer bremste.

“Keine Ahnung, vielleicht ein Unfall, da stehen zwei Wagen mitten auf der Straße!” Sam stand auf und kämpfte sich nach vorne. Sie ermahnte die Kinder zur Ruhe. Sie stand neben dem Busfahrer, als sie zum Stehen kamen, ihr Gesicht den Kindern zugewandt. Die anderen Busse waren bei der letzten Kreuzung anders abgebogen, weil sie zu anderen Städten fuhren. Sie waren ganz allein auf der Straße; der Wagen mit Jarod und den anderen war noch nicht zu sehen.

“Okay, ich gehe jetzt raus und erkundige mich, ob alles in Ordnung ist. Ich möchte, daß ihr alle ruhig seid und steigt nicht aus! Habt ihr verstanden, nicht aussteigen!!” Sie sah ernst in die Runde und als einige Kinderköpfe nickten, war sie beruhigt. “Mach die Tür auf, Joe!” meinte sie zum Busfahrer. Sie wartete und trat dann nach draußen.

***

“Die Tür geht auf!” Miss Parker und die anderen taten einen Schritt nach vorne zur Bustür.

Sam trat heraus. “Kann ich Ihnen helfen, alles in Ordnung?” Sie war ein wenig von der Sonne geblendet. Sie schützte ihre Augen mit der Hand, dann konnte sie die Gesichter der Leute vor ihr erkennen.

“Au Scheiße!” entfuhr es ihr, als sie zwei bekannte Gesichter ausmachte.

Lyle wurde blaß, auch er erkannte die junge Frau, die da aus dem Bus gekommen war: “SAM!”

Der Sweeper mit dem gleichen Namen sah zu ihm: “Mmh?”

Diese kurze Pause nutzte Sam. Sie stieß Miss Parker beiseite und versuchte zu einem der Centre-Wagen zu laufen.

Lyle fluchte: “Verdammt, laßt sie nicht entkommen. Wenn wir schon Jarod nicht kriegen, dann wenigstens Sam!”

Sam, der Sweeper, reagierte schnell. Er lief hinter Sam, dem Pretender, her. Sie war schnell und hätte es auch geschafft, wenn nicht Lyles Sweeper aus dem zweiten Wagen gekommen wäre und sie aufs Korn genommen hätte. Ein Warnschuß und Sam stoppte. Langsam drehte sie sich mit erhobenen Händen um, sie grinste herausfordernd zu Lyle.

“Hallo Bobby, Sam!” sie nickte etwas freundlicher zum Sweeper, der sie ungläubig anstarrte. Miss Parker war in der kurzen Zeit auf den Bus gesprungen. Schon ein kurzer Blick genügte, um sich zu vergewissern - Jarod war nicht in diesem Bus. Kurz schlich sich ein Lächeln auf ihr Gesicht, doch als sie wieder aus dem Bus trat, war davon nichts mehr zu sehen. Der Busfahrer fluchte laut, ein paar Kinder weinten.

Miss Parker sah zum Busfahrer, zückte kurz ihren Centreausweis und gab Anweisungen: “Broots, Syd und Sie – sie deutete zu Lyles Sweeper - stellen Sie die üblichen Fragen und lassen Sie sie dann gehen! Lyle, Sam, würde mich bitte mal jemand vorstellen!” Sams Blick fiel hinter Miss Parkers Rücken. Sie konnte den Kombi am Horizont erkennen. ‘Kommt nicht näher’ betete sie stumm.

***

“Was ist da vorne los, steht der Bus?” Jack deutete vom Hintersitz nach vorne. Jarod versuchte etwas auszumachen von der Entfernung aus. Major Charles verlangsamte den Wagen. Kay kramte hektisch in im Gepäck.

Mit einem Laut des Triumphes hielt sie ein kleines Fernglas hoch: “Ein Souvenir vom Shop in der Nähe des Camps!” erklärte sie, als sie es Jarod reichte. Er sah durch und konnte nun kleine Figuren neben dem Bus erkennen.

“Centre-Wagen!” sagte er leise und sah seinen Vater an. “Wir können jetzt nichts tun; wir müssen unsichtbar bleiben!” meinte dieser, als er die Situation erfaßte.

Jack ergriff das Fernglas: “Sie haben Mum,” sagte er leise zu Kay. Beide schluckten die aufkommende Panik hinunter.

“Wir werden sie befreien, oder?” fragte Kay unsicher, als sie beobachte, wie ihre Mutter von einem großen dunkelhaarigen Mann in eine Limousine gesetzt wurde.

“Natürlich befreien wir sie!” begehrte Jack auf.

Jarod nickte: “So schnell wie möglich!” Major Charles wendete langsam den Wagen.

“Wer isn die Lady, die die ganze Zeit in unsere Richtung starrt?” fragte Kay mit wiedergefundener Stimme. Jarod nahm das Fernglas und sah hindurch.

“Miss Parker” sagte er. Er konnte ihren Blick direkt spüren.

“Sie werden uns bestimmt folgen. Wir müssen einen Vorsprung gewinnen!” meinte Major Charles und gab Gas, weg vom Bus, weg von Sam. Die drei Kinder drehten sich um und nahmen die kleiner werdende Szene in sich auf.

“Sie folgen uns nicht!” meinte Jack.

Jay vermutete: “Vielleicht hat sie uns doch nicht gesehen?”

”Oder vielleicht doch!” meinte Kay. Sie sah bedeutungsvoll zu Jack und Jay, dann drehte sie sich demonstrativ um.

***

“Das ist Samantha, Schwesterherz!” Lyles Blick hatte etwas Triumphierendes an sich. Er sah zu der jungen Frau, die ihn zu ignorieren schien.

Miss Parker schauerte bei diesem Blick. Sie bemerkte Sams Blick, und als Lyles Eroberung zu einem der Autos eskortiert wurde, drehte sie sich unauffällig um. Ganz hinten am Horizont stand ein dunkler Wagen. Er kam nicht näher.

Miss Parker lächelte; leicht stieß sie Syd an und deutete nur mit den Augen in die Richtung. Sie legte den Finger auf ihren Mund, als er etwas sagen wollte. Syd verharrte eine Weile ungläubig und nickte dann dankbar.

Miss Parker zwang sich, den Blick abzuwenden. Sie stieg in den Bus und sah zu Broots und dem Sweeper. Diese versuchten die Kinder zu befragen, doch statt Antworten bekamen sie nur Flüche und Beschimpfungen zu hören.

“Lassen Sie es bleiben, Sie erfahren ja doch nichts!” Sie winkte ab. “Fahren Sie die Kinder, wo immer sie auch hinfahren wollten. Aber ich warne Sie, keine riskanten Manöver!” Sie sah dem Busfahrer in die Augen. Sie wußte, daß er sich sehr zurückhalten mußte, doch mit dem Hinweis auf die Kinder gab er sich endgültig geschlagen.

Statt dessen brummte er nur: “Ihr vom Staat glaubt auch, Ihr könnt euch alles erlauben. Laßt doch das arme Mädchen nur in Ruhe!”

Miss Parker lächelte ihr Centrelächeln und stieg aus. Sobald Broots und der Sweeper aus dem Bus waren, ging die Bustür zu und der Busfahrer gab Gas. Die Kinder machten die Fenster auf und schimpften und spuckten und schüttelten die Fäuste.

***

Miss Parker ging zum Wagen, wo der Pretender saß. Sie beugte sich hinunter: “Du bist also die Tote aus dem Labor!”

Sam kicherte: “Sieht ganz so aus, nicht? Lyle ist sich ja ziemlich sicher in dieser Hinsicht!” Sie zeigte zu Lyle, der mit einem Handy auf der Straße stand.

Sein Blick war an Sam geheftet, starr und… Miss Parker, war sich nicht sicher, ob Sam sicher war, wenn sie bei Lyle mitfuhr.

“Soll ich mitfahren?” fragte sie, ihre Stimme war plötzlich mitfühlend geworden.

Nun war Sam an der Reihe, überrascht auszusehen: “Warum?”

“Wegen Lyle!” Sam sah noch mal zu ihm, sein Grinsen wuchs in die Breite. Dann wandte sie sich wieder Miss Parker zu: “Das würde ihn aber verdammt wütend machen!”

“Wen interessiert denn, was mein Bruder für Launen hat?” fragte Miss Parker kalt.

Sams Augen wurden größer: “Bruder? Lyle? Hab ich irgendwas verpaßt?” Sie deutete mit den Handschellen, die Lyle ihr hatte umlegen lassen, neben sich. Miss Parker setzte sich widerwillig auf den Hintersitz und schloß die Tür hinter sich.

Lyles Lächeln verschwand. Er steckte sein Handy schnell in die Hosentasche. Er öffnete die Tür wieder: “Was soll das werden, wenn's fertig ist?”

“Sie leistet mir bei der Fahrt zum Centre Gesellschaft, Bobby! Halt die Klappe und setz dich auf den Beifahrersitz, wenn du hier mitwillst!” Sam winkte ungeduldig ab und sah zu Miss Parker, als ob sie was sagen wollte.

Lyle starrte sie an. “Oh, und mach bitte die Tür wieder zu, ich hab schon Sandkörner zwischen den Zähnen!” hängte sie noch dran. Laut rief sie: “Sam, könnten wir denn jetzt bitte losfahren, ich hab keinen Bock so lange in dieser Karre zu sitzen!”

Lyle schluckte leicht, schloß die Hintertür vorsichtig und setzte sich wortlos auf den Beifahrersitz. Miss Parker registrierte dies ungläubig. Selbst ihr Sweeper Sam schien auf die Befehle der Gefangenen zu hören, denn er machte Anstalten, den Wagen zu starten. Erst nach einer Sekunde schien ihm einzufallen, das Miss Parker ihm gar keinen Befehl gegeben hatte und er sah sie fragend an.

***

Miss Parker schüttelte erst ungläubig den Kopf, dann gab sie kurze Anweisungen an Sydney: “Syd, irgend jemand muß das Camp noch cleanen! Erledigen Sie das und dann kommen Sie so schnell wie möglich zurück ins Centre!”

Dann sah sie zum Sweeper, mit einer kurzen Kopfbewegung befahl sie die Abfahrt. “Also, Sam, du arbeitest immer noch fürs Centre? Respekt!” Miss Parkers Nachbarin machte es sich bequem.

Miss Parker betrachtete für eine Weile nachdenklich den Hinterkopf von Lyle. Diese junge Frau redet ihn immer mit Bobby an, und er widerspricht ihr nicht. Sie registrierte, daß Samantha sich die Handgelenke rieb.

“Sind die Fesseln zu eng?” fragte sie.

“Welche?” grinste die andere und hielt ein paar Handschellen hoch. “Die hier? Keine Ahnung, ich bin kein besonders großer Fan von Armschmuck dieser Art!”

Lyle sah sich um, sein Gesichtsausdruck war schwer zu durchschauen, sein Kiefer mahlte. Aber er sagte nichts, er hielt nur die Hand aus und Sam gab ihm die Handschellen. “Also, wie habt ihr mich gefunden? Was hat mich verraten, ich meine – ich bin mir sicher, bis vor einer Woche wußtet ihr noch nicht einmal, daß ich noch lebe!” Sam streckte sich ein wenig.

“Eigentlich…” setzte Parker an, doch Lyle fiel ihr ins Wort. “Angelo spielte plötzlich so verrückt.”

“Angelo? Kann ich mir ja nun gar nicht vorstellen.” Parker war irritiert, sie begann: “Einer Ihrer Kollegen im Sommercamp war von Ihren Fähigkeiten sehr, wie soll ich sagen, überrascht.”

“Jarod? Warum sollte er dann aber ausgerechnet bei euch anrufen, ich meine, was hat Jarod denn mit euch zu schaffen?” Sam sah unschuldig zwischen Miss Parker und Lyle hin und her. Lyle hatte sich bei Jarods Namen merklich versteift, doch jetzt ließ diese Anspannung nach.

Miss Parker runzelte die Stirn. Sollte diese Frau etwa nicht wissen, daß… ‘Interessant,’ dachte sie, ‘ und so wie es aussieht, will Lyle auch nicht, daß sie es erfährt. Das sollte ich mal mit Sydney besprechen.’ Sie lächelte unverbindlich: “Er hat auch nicht direkt im Centre angerufen, nur … einen Stein ins Rollen gebracht!”

Sie hatte Lyles warnenden Gesichtsausdruck gesehen. “Wir können es uns einfach nicht leisten, einen potentiellen Pretender laufen zu lassen. Wer hätte gedacht, das eine alte, tot geglaubte Bekannte vor uns stehen würde” ,fügte Lyle hinzu. Sam lachte. Parker bewunderte das; sie war so ruhig, obwohl sie doch offensichtlich eine Gefangene war und zurück ins Centre gebracht wurde. Sie selbst würde bei diesem Mangel an Kontrolle wahrscheinlich sehr aufgebracht sein.

***

Als sie im Centre ankamen, sprachen sie nicht mehr so viel. Raines und Mr. Parker standen schon als Empfang bereit. Mr. Parker kam ihnen mit einem falschen Lächeln entgegen.

“Also, wo ist Jarod?”

“Ich sagte, wir haben einen Pretender gefangen, ich sprach nicht von Jarod!” Lyle winkte mit Stolz in seiner Stimme ab.

“Wie bitte?” Mr. Parker donnerte los, aber er riß sich zusammen und konzentrierte sich auf seine Tochter: “Engelchen, kannst du mir…”

Sam, die etwas verdeckt von den Sweepern da stand, prustete los: “Engelchen, Gott nee, wie falsch. Mister Parker redet mit gespaltener Zunge, hugh, er typisches Weißblut!” Sie lachte laut.

Mr. Parker wurde weiß vor Zorn. Raines schien die Stimme erkannt zu haben und ging nun einen Schritt vor. “Willkommen zu Hause, Samantha!” röchelte er.

“Ach du meine Güte, die Flasche habt ihr auch noch hier. Die hättet ihr doch nun wirklich schon lange loswerden können. Schminkt euch eins ab, mit dem arbeite ich nicht!” Sam trat hervor und musterte die beiden alten Herren des Centres abfällig.

Lyle verdrehte die Augen: “Ich glaube nicht, daß du das bestimmst, Sam!”

“Machen wir uns doch mal eins klar, Bobby” sie betonte den Namen und sah ihm direkt in die Augen. Miss Parker hätte schwören können, daß in den Augen ihres Bruders etwas aufgeflackert war – hatte er Angst vor ihr? “Ich bin der Pretender. Ich bin diejenige mit diesen speziellen Fähigkeiten und ich habe oft genug betont, ich arbeite nur mit Leuten, die ich mir aussuche!” Miss Parker gefiel diese Frau, sie hätte unter anderen Umständen bestimmt ihre Freundin werden können.

“Ist gut, Samantha. Wenn du dich bereit erklärst, Simulationen durchzuführen, bekommst du die üblichen Vergünstigungen!” Mr. Parker spuckte diese Worte aus. Raines brummte etwas unglücklich, widersprach aber nicht.

“Okay. Wie üblich: Frühstück mit Sam, Tüte Haribos für jede Sim, ein ausgebildeter Mentor, wenn's geht ein Psychiater! Ach, und ich will nicht in SL9, da kenn ich bereits jeden Winkel, wie wär's mit einer Beförderung. Kann ich in SL1? Ein Zimmer mit Fenster wäre nett.” Sam sah herausfordernd in die Runde. “Gut? Gut! Oh und, besuchen Sie mich mal, Miss Parker!”

Die Angesprochene sah sie irritiert an. War das eben eine Einladung oder ein Befehl?

“Wir sind hier nicht bei wünsch dir was!” knurrte sie.

“Sind wir nicht? Oh, schade. Ich mochte die Show!” grinste Sam.

Als sie von Sam, dem Sweeper, abgeführt wurde, drehte sie sich noch mal um. “Parker, sagen wir um drei! Vielleicht bringen Sie noch was zum Knabbern mit!?”
Teil 5 by Dara
Die meisten Figuren dieser Geschichte gehören nicht mir, wem auch immer,mir nicht! Die anderen, die mir gehören, gehören mir ganz allein! DieseGeschichte wurde geschrieben, weil ich gerne schreibe, nicht weil ich damit Geld verdienen will!



Die vergessene Akte
Teil 5
von Dara






“Oh Mann , was für eine Luxusbude – wenn auch das Fenster fehlt.” Sam drehte sich um die eigene Achse. Der Raum war – centreunüblich - recht hell, eine große Leinwand anstelle eines Fensters an einer Wand. Viele Bücher in Regalen, ein Computer auf einem riesigen Schreibtisch, Modelle aus verschiedenen Fachgebieten standen herum. “Ich nehme mal an, das hier ist nicht für mich bestimmt?”

Sam hob mit spitzen Fingern einen schwarzen Männerslip hoch, als sie den Kleiderschrank inspizierte. Sydney und Miss Parker, die gerade das Zimmer betraten, sahen sich bedeutungsvoll an.

“Ich hoffe, der Bewohner dieses Zimmers sitzt jetzt nicht in dem kalten, dunklen Verlies, was mal meine Wohnung war!”

”Dieses Zimmer ist seit mehr als 4 Jahren nicht mehr bewohnt.” Entgegnete Sydney. Miss Parker hatte ihm von der Empfangsszene berichtet und er war neugierig auf diesen neuen Pretender.

“Er war nicht zufällig auch ein Pretender?” Sam strich gedankenvoll über ein Atommodell, “Ich frage nur, weil man mir immer wieder gesagt hat, wie einzigartig meine Fähigkeit ist und daß meine Arbeit für die Gesellschaft notwendig ist. Ich durfte nie Kontakt zu Gleichaltrigen haben, weil das meine Fähigkeiten negativ beeinflussen könnte, blablabla…”

Sam drehte sich zu Syd: “Wer sind Sie? Sie sehe ich heute nun schon zum zweiten Mal! Sind Sie mein neuer Mentor?” Sie sah ihn freundlich lächelnd an.

“Nein, er ist für andere Projekte eingeteilt!” röchelte Mr. Raines von der Tür aus. Fasziniert beobachtete Sydney wie das Lächeln vom Gesicht der jungen Frau verschwand, als sie zur Tür sah. Dort stand Raines mit einem schmalen, kleinen Mann in einem weißen Kittel. “Das ist Dr. Ferman, ER wird der Mentor sein.” Sam sah ihn skeptisch an und verzog das Gesicht hämisch. Miss Parker hörte leise ein: ”Das werden wir ja noch sehen!”

***

“Unser Wohnmobil steht dahinten!” Kay zog sich nach vorne, “Jetzt nach links abbiegen und… ah, da ist es ja!”

Jarod stoppte den Wagen und starrte ungläubig in die Richtung, die Kay gezeigt hatte.

“Ah, home sweet home!” murmelte Jack. Er stieg eilig aus und zusammen mit Kay lief er zu einem riesigen, bemalten Truck. Major Charles betrachtete das Fahrzeug ebenfalls mit offenem Mund. “Die Madonna von Michelangelo…” bemerkte Jarod schließlich. Jack hatte inzwischen den Truck aufgeschlossen und war darin verschwunden.

Man konnte ihn rumoren hören. “Wo ist das Mistding! Kay, wo hast du mein Laptop hingelegt?”

“Ich hab dein Laptop nicht angerührt, ich hab meinen eigenen!” schrie Kay zurück. Bevor sie auch in den Truck stieg, sah sie zu den anderen drei. “Was ist, wollt ihr hier draußen Wurzeln schlagen? Kommt rein!”

Major Charles schüttelte noch einmal den Kopf: “Ich muß erst mal den Wagen loswerden. Ist das Gepäck schon draußen?”

Jay nickte heftig mit dem Kopf und grinste: “Fahren wir damit durch die Gegend?”

“Sieht so aus!”

“Kay, ich finde ihn nicht, deiner ist auch nicht da!” schrie Jack wütend.

“Dann hat Mum ihn weggepackt!”

Jarod betrat neugierig den Truck. Was von außen aussah wie ein riesiger, amerikanischer Truck, war innen in eine gemütliche Wohnung mit Küchennische, Schlafkojen im oberen Teil und einer Wohnecke verwandelt worden.

“Wo ist die Toilette?” fragte Jay ruhig.

“Oh, da mußt du hier ins Haus gehen, komm, ich zeig es dir.” Kay nahm ihn bei der Hand und führte ihn wieder aus dem Truck.

Jarod musterte immer noch die Einrichtung. Jack stellte sich neben ihn: “Mum gefällt's, sie mosert immer ein wenig rum, daß keine Fenster da sind, aber eigentlich will sie gar keine.”

“Im Centre gibt es kaum Fenster in den Unterkünften!”

“Eben drum! Äh, Jarod, kannst du mir mal bitte bei was helfen?” Jack sah ihn bittend an: “Wir müssen dahinten rein, Mums Büro, sie hat aber ein Sicherheitssystem eingebaut.”

Jarod folgte dem Jungen neugierig. “Paßwort oder – für den Fall, Mum hat das Paßwort vergessen – 7 Fragen zu verschiedenen Fachgebieten!”

Jack zeigte auf einen kleinen Monitor. Er tippte etwas ein und das Gesicht von Sam erschien: “Keine Chance, Jack.. Erst die Fragen, dann Eintritt.”

Jack verzog das Gesicht. Er erklärte: “Es ist so was wie ein Hobby: brich in ihr Büro ein und du brauchst deine Hausaufgaben für eine Woche nicht machen. Wir versuchen es nun schon seit 2 Monaten, aber es klappt einfach nicht! Diesmal ist es echt schwer!”

“Diesmal?”

“Das letzte Mal haben wir den Code nach einer Woche geknackt!” Jack war sichtlich stolz auf diese Leistung.

Jarod lächelte: “Na, dann wollen wir mal.” Er holte seine PEZ-Bonbons heraus und sah auf die erste Frage. “Wau, das wird wohl etwas länger dauern, befürchte ich!” meinte er anschließend. “Ich koch uns was!” schlug Jack vor.

Als Major Charles sich zu ihnen gesellte, war Jarod schon tief in Berechnungen versunken und Jack brutzelte Spiegeleier. Jay und Kay kamen auch wieder. “Die Antwort auf die dritte Frage haben wir schon, aber wir können ja schon mal über die 2. nachdenken!” schlug sie vor. Also übernahm Major Charles das Kochen und die Kids verkrümelten sich auf die Bettplattform und berieten sich leise.

***

“Und wie stellt sie sich an?” Miss Parker stellte sich neben Sydney.

Der stand mit verschränkten Armen da und starrte auf einen Bildschirm. “Hm, ich bin mir nicht ganz sicher!”

“Was ist?”

“Sehen Sie selbst!”

***

Sam saß in ihrem Zimmer, immer noch im Pyjama. Sie saß in dem großen Ledersessel am Schreibtisch und tippte lustlos auf der Tastatur hin und her. Dr. Ferman kritzelte etwas in sein Notizblock, doch eigentlich machte er ein sehr unglückliches Gesicht.

“Und wann fangen Sie jetzt an?” fragte er schließlich.

“Sie sind der Psychiater, sagen Sie es mir!” fauchte sie ungeduldig zurück.

“Ähm, vielleicht sollten Sie sich erst mal die gegebenen Daten durchlesen.”

“Gute Idee, aber wir können natürlich auch gleich mit der Simulation anfangen!” Sie triefte vor Sarkasmus, aber der Doktor war so nervös, daß er es nicht mitbekam.

Er war vollkommen verunsichert: “Gut, dann fangen wir jetzt an!”

“Herrgott, wie denn, wenn ich noch gar keine Ahnung hab, worum es geht!” Sam verdrehte genervt die Augen.

“Äh, dann lesen Sie sich jetzt die Akte durch!” Der Doktor reichte ihr eine Akte. Als sie danach greifen wollte, zuckte er merklich zurück.

“Ich glaub das ja nicht, der Kerl hat Angst vor mir, hat null Ahnung, wie man eine Simulation durchführt und mit dem soll ich arbeiten?” Sam reichte es. Sie schmiß die Akte in die Luft; verschiedene Papiere schwirrten im Raum und Dr. Ferman drückte sich zitternd in eine Ecke. “Ich will einen professionellen Mentor, einer der so was Ähnliches schon mal gemacht hat, ich will einen Mentor, der die richtigen Fragen zur richtigen Zeit stellt. Einen der mich nicht behandelt wie eine Mißgeburt! Und ich will nicht Mr. Raines!” schrie sie in Richtung der Kamera.

***

“Das nenne ich temperamentvoll!” meinte Miss Parker trocken.

“Der arme Kerl ist jetzt schon seit 3 Stunden da,” berichtete Syd mit seinem typischen Lächeln, “Zuerst hat sie noch geschlafen, dann ist sie ins Bad verschwunden für ganze 30 Minuten. Dann kam sie raus und hat sich wieder ins Bett gelegt. Dabei hat sie nicht ein Wort mit ihm gesprochen. Als Sam mit dem Frühstück kam, hat sie ihn vor die Tür geschickt, dort hat er dann über eine Dreiviertelstunde gestanden, bis sie ihn wieder reingelassen hat.”

Miss Parker lachte laut auf.

***

“Sie werden sie übernehmen, Sydney! Aber ich warne Sie, kein Wort über Jarod oder andere Projekte des Centres! Wir überwachen Sie da drinnen!” Mr. Raines holte tief Luft und sah Syd haßerfüllt an. Er war, mit seiner Sauerstoffflasche im Schlepptau und drei Sweepern, in Syds Büro erschienen, keine drei Minuten nachdem Dr. Ferman aus Sams Zimmer gestürmt war.

“Ich dachte, er ist mit anderen Projekten beschäftigt!” stichelte Miss Parker.

“Er bleibt weiterhin in Ihrem Team. Wir werden Samantha die erste Zeit nicht zu sehr belasten, sondern erst mal beobachten, wie weit sie belastbar ist!” Raines hatte seine drohende Stimme aufgesetzt, doch bei Syd und Miss Parker hatte sie nicht die übliche Wirkung. Beide grinsten ironisch, als Raines keuchend das Büro verließ.

***

“Ah, unerwarteter Besuch!” Sam stand auf. Sie war inzwischen umgezogen und von ihrem Wutausbruch war nicht ein Indiz zu sehen. Sie kam Syd und Miss Parker entgegen und schüttelte freundlich die Hände. “Tee, Kaffee, ich kann meinen Sweeper rufen, der macht das gerne!” zynisch deutete Sam zur Tür.

Miss Parker wurde das Gefühl nicht los, daß Sam diese Situation genoß.

“Ich muß wieder zu meiner Arbeit. Ich wollte nur Dr. Green vorstellen. Mr. Raines hat sich jetzt doch dazu entschlossen, ihn als Ihren neuen Mentor einzuteilen.”

“Nein, wirklich, wie großzügig!” Sam tat ganz unschuldig und riß die Augen auf, ”Aber warum denn, ich habe mich doch mit Dr. Ferman hervorragend verstanden!” Sie grinste teuflisch.

Syd hob die Augenbraue nach oben. “Ich habe die Aufzeichnung gesehen!”

“Wirklich, wird nicht wieder passieren! Ich bin schon immer ein kleiner Morgenmuffel gewesen!” Sie zuckte mit den Schultern. “Haben Sie schon mal mit einem Pretender zusammengearbeitet?” wechselte sie das Thema. ”Ach, hab ich vergessen, ich bin ja der einzige Pretender hier, weit und breit!” Sie holte weit aus und deutete um sich.

“Und, ist Jarod schon gefunden? Ach, es tut mir ja so leid, daß ich nicht besser zugehört habe, als er erzählt hat, wo sein nächster Job ist!” Sam hatte sich zum Schreibtisch gewandt, als sie das sagte und ordnete einige Papiere.

Syd runzelte die Stirn. “Und Jarod gibt so einen guten Vater ab! Also Sie hätten ihn mit Jay sehen sollen – manchmal wünschte ich, ich wäre auch so normal, wie die beiden und kein Pretender!” flötete sie zuckersüß.

Miss Parker glaubte ein Glucksen zu hören. “Wenn er gewußt hätte, was er mir antut, er hätte garantiert nirgends angerufen! Ich meine, wo wir uns doch so gut verstanden haben!” Sam sah Miss Parker in die Augen. Sie bemerkte das kurze Aufblitzen.

Miss Parker schluckte schwer, als sie das hörte : ‘Was soll das, Parker? Er ist die Laborratte, du der Rattenfänger. Was interessiert es dich, mit wem er rummacht?’ Sie wich dem Blick von Sam aus.

“Oh, nicht was Sie denken – darf ich euch nicht duzen, ich hab so meine Probleme mit dem Siezen! Ja, gut – also, nein wir hatten keine Affäre.”

Sam schüttelte heftig mit dem Kopf und Miss Parker atmete tief ein. Wieso fühlte sich diese Antwort so gut an? Sam grinste anzüglich und plapperte weiter: “Nicht, daß ich abgeneigt gewesen wäre. Du hättest ihn sehen sollen, Parker. Hm, knackig, knackig… Ups, Dr. Green, das interessiert Sie gar nicht, richtig?”

Sam tat etwas verschämt und griff dann nach der Akte. “Na gut, dann fangen wir mal lieber an, nicht wahr?” Sie gab die Akte Syd, griff zu der Haribotüte, die auf dem Schreibtisch lag und öffnete sie dann. “Auch ein Gummibärchen?” sie reichte die Tüte herum.

***

“Nur noch eine einzige Frage!” Kay klatschte begeistert in die Hände. Sie arbeiteten seit Stunden an dem Code und mit vereinten Kräften hatten sie auch schon 5 Fragen gelöst. “Bin gespannt, was das für eine ist!”

“Wißt ihr das denn noch nicht?” Jay sah sie an. “Nein, die ersten 6 Fragen können in loser Reihenfolge beantwortet werden, die siebte Frage wird erst erstellt, wenn du die ersten beantwortet hast!” erklärte Jack. Er tippte den genetischen Code für die 6. Frage ein. Musik ertönte:

“Hey, herzlichen Glückwunsch, für diese Übung bekommt ihr was ganz Besonderes. Diesmal war es nämlich wirklich schwer.” Sams Stimme ertönte. Als Kay sie hörte, schluchzte sie kurz, aber sie fing sich wieder. “Also die siebte und letzte Frage kommt jetzt: Du kennst dich in meiner Geschichte aus, eine riesiger Teil war großer Graus, zwei wichtige Menschen starben hier, nur einer ist geblieben, sag mir wer?” Eine große Uhr erschien. “Wir haben 2 Minuten, um die richtige Antwort zu finden!”

“Kyle und Dr. Alan sind tot, versuch Bobby!”

Sams Stimme ertönte: “Falsch, 10 Sekunden Zeitstrafe!”

Die Roten Zahlen blinkten, nur noch 55 Sekunden.

“Angelo!” rief Kay hektisch.

“Falsch, 10 Sekunden Zeitstrafe!”

“Huaa, wenn nicht Angelo wer dann?”

“Versuchs mal mit Timmy?” Jarod bezweifelte es stark. Woher sollte Sam wissen, wie Angelos Name war, als er ins Centre gekommen war?

“Richtig. Willkommen im Labor!” Sams Gesicht verschwand und Silvesterknaller waren zu hören. Ein Klicken und die Wand vor der kleinen Gruppe öffnete sich.

“Puh, das war knapp! Wir hätten noch mal von vorne anfangen können.” Anerkennend klopfte Jack Jarod auf die Schulter. Kay schlüpfte zwischen den Jungs hindurch in den Raum. “Boah! Guck mal Jack!” Sie deutete zu einem kleinen Tisch. Dort lagen zwei I-Books, der eine in blau, der andere in grün. Beide hatten eine Schleife umgebunden.

“Ich vermute mal, die sind für uns!” meinte Jack nach einer Schweigeminute und griff sich den blauen.

“Aber eigentlich haben wir geschummelt!” meinte Kay mit dem Blick zu Jay und Jarod. Jack verzog das Gesicht und legte den Apple wieder zurück.

“Du hast recht!”

“Wir brauchen sie aber jetzt!” meinte Jarod bestimmt.

“Stimmt auch wieder!” Jack holte sich das Notebook begeistert wieder. Kay verzog zwar das Gesicht, aber nahm sich ihren dann auch. Jay sah die beiden an.

“Oh, Jay braucht auch einen! Immerhin hat er uns geholfen!”

Jack überlegte kurz und schnippte dann mit dem Finger. “Ich weiß was.” Er lief zu dem einzigen Schrank in dem kleinen Raum. Er holte zwei dunkle Laptops heraus. Kay grinste und holte einen Schraubenzieher heraus. Jarod hatte sich in der Zwischenzeit umgesehen. Der Raum war klein: nur der Schrank, ein Computertisch und ein bequemer Ledersessel. Der Computer war gigantisch: ein großer Flachbildmonitor, verbunden mit 3 Towern, eine Tastatur, ein Headset, Maus, Mausstift, Scanner, Drucker, Digitalkamera – alles relativ neu und hochwertig.

Er startete den Computer und lächelte: “Das gefällt mir!” Seine Finger huschten über die Tastatur. Major Charles stand immer noch an der Tür. Er beobachtete seinen Sohn und die Kinder kopfschüttelnd: “Das ist unheimlich!”

Er ging wieder zurück in den Wohnbereich und suchte lieber die Autoschlüssel.

“Was macht ihr zwei da?” Jay beobachtete die beiden anderen fasziniert. Kay und Jack waren gut aufeinander eingespielt, ohne viel zu reden arbeiteten beide an den Laptops. “Wir nehmen unsere alten Notebooks und packen die Hardware in den einen hier rein. Dann ist deiner genauso gut wie die I-Books!” Kay machte eine undeutliche Bewegung und arbeitete weiter

“Na ja, so alt sind die ja nun auch wieder nicht!” meinte Jack, er sah zu Jay, “Bei Kay ist alles alt, was sie länger als 3 Monate hat! Weiber!”

Er lachte, als seine Schwester ihm einen Knuff verpaßte.

Jay grinste: “Kann ich helfen?” Kay drückte ihm den Schraubendreher in die Hand: “Ich dachte schon, du fragst nie!”

****

Sam lehnte sich verträumt nach hinten. “Wie gefällt es Ihnen…”

“Dir, wir duzen uns doch wohl hoffentlich!” Syd lächelte und korrigierte sich: “Wie fühlst du dich? Es muß eine ziemlich große Umstellung sein, nach 10 Jahren wieder im Centre zu sein?”

“Wer sagt, daß ich die letzten 10 Jahre nicht im Centre war?” fragte sie schelmisch zurück.

“Warst du?”

“Nein, nicht wirklich. Ich hab mir nur gerade vorgestellt, wie Raines Gesicht zerbröckelt, während er sich krampfhaft fragt, wann ich denn hier gewesen sein könnte und wie ich unbemerkt hier reingekommen bin.” Sie kicherte.

“Du scheinst dich hier wohlzufühlen!

“Hat sich mein Vorgänger in dieser Wohnung wohlgefühlt?”

“Ich weiß nicht, ich…”

“Er war dein Projekt, nehme ich mal an.” Sie holte eine Bleistiftskizze hervor. Sydney betrachtete sie genau - das war er selbst. “Ein guter Beobachter, wer immer das hier gezeichnet hat.” Sam ließ das Blatt nicht los. “Insgesamt ziemlich vielschichtig interessiert!” Sie deutete grinsend auf die Modelle in den Regalen.

Sydney lächelte hintergründig: “Ich darf nicht über ihn reden!”

“Ich weiß, aber ich kann Vermutungen anstellen! Okay, dann fangen wir mal an: Er ist hier seit seiner Kindheit, du warst sein Mentor, er wurde Raines unterstellt, ein Experiment lief schief und das Projekt ist gestorben.” Sam sah zu einem imaginären Punkt an der Decke, “Nein, nein, das ist nicht richtig: Er ist nicht tot, er wurde entlassen: nein, er ist ein vollausgebildeter Pretender" – Sam winkte ab, als Syd was entgegnen wollte – "er IST ein Pretender! Das Centre würde ihn nicht gehen lassen, nicht freiwillig: also ist er geflohen! Wenn er geflohen ist, dann ist das Centre hinter ihm her, deshalb ist das Zimmer auch so sauber, er wird wieder zurückerwartet!” Sam machte eine Pause und sah den Arzt prüfend an.

Sydney sagte nichts, lächelte nur weiter.

Sie nickte: “Richtig geraten, braves Kind! Nun, Doktor, vermissen wir unseren Schützling?” Sie lehnte sich nach vorne und sah Syd neugierig an.

“Ich frage etwas und keiner antwortet mir; ich bin wohl kein besonders guter Psychiater!” seufzte Sydney theatralisch.

Sam lachte, sie stand auf und ging um den Tisch herum. Sie klopfte ihrem neuen Mentor auf den Rücken und flüsterte ihm ins Ohr: “Och, Jarod hat nur gut von dir gesprochen!”

Dann ging sie zu einem Regal, so filmte die Kamera nur ihren Rücken als sie laut sagte: “Also um höflich zu sein: mir geht es nicht schlecht. Ich meine, ich bin die letzten 10 Jahre ständig auf der Suche nach einer Beschäftigung gewesen, ich habe mich viel zu sehr gelangweilt. Ist eine nette Abwechslung mal wieder hier zu sein!” Sie drehte sich wieder der Kamera zu.

Sydney hatte nichts gesagt, sein Herz raste und er mußte sich sehr zusammenreißen, um Sams kleines Spiel mitzuspielen. “Na ja, ist doch mal interessant zu sehen, wie die Dinge sich fürs Centre entwickelt haben. Habe ich eben Entwicklung gesagt? Trifft fürs Centre ja nicht unbedingt zu, nicht wahr, alles beim Alten!” Sam rümpfte die Nase.

***

“Miss Parker!” Broots schlüpfte durch die Tür. Parker ließ ihren Blick auf dem Bildschirm; sie verfolgte gespannt die Konversation zwischen Sydney und Samantha.

Sie nickte nur kurz: “Was ist, Broots?”

“Ihr Vater ist bei Mr. Lyle im Büro, ich hab ihn gerade mit Mr. Raines reingehen sehen!”

“Besorgen Sie uns die Aufzeichnung!”

“Ja, Miss Parker!

“Und Broots? Seien Sie vorsichtig!”

Broots blieb ungläubig stehen. Er starrte seine Chefin an, doch die sah immer noch auf den Bildschirm. Hatte sie das eben wirklich gesagt? Er schüttelte kurz den Kopf und verschwand wieder auf den Korridor. Miss Parker sah ihm kurz nach und lächelte, dann konzentrierte sie sich wieder auf das Geschehen im Monitor.

****

“Und wie sind meine Leistungen als Pretender einzustufen, Herr Doktor?”

Sam wollte nicht mehr über Lyle reden. Sydney überlegte kurz. “Eine der begabtesten. Das Talent ist bei dir sehr stark ausgeprägt.”

Er wollte noch etwas sagen, aber Sam hörte ihm gar nicht zu. Sie legte den Kopf zur Seite und lauschte. Dann lächelte sie.

“Entschuldige bitte, aber ich möchte mich kurz hinlegen.”

Syd zwinkerte kurz, aber sagte nichts. “Ich werde meinen Bericht schreiben und Mr. Parker die Ergebnisse der Simulation bringen.”

“Danke!”

Syd war auf dem Weg zur Tür, als Sam noch etwas sagte: “Ach und Syd, ich würde mich sehr freuen, wenn du und Miss Parker mir morgen beim Frühstück Gesellschaft leisten!” Dieses Lächeln war warm und der Tonfall verriet, daß es eine Bitte und kein Befehl war.

Sydney nickte überrascht.

***

Dann war Sam alleine, sie ging zum Lichtschalter und schaltete das Licht aus. Sie setzte sich an einen Sessel an der Heizung, man konnte nur ihren Hinterkopf in der Kamera sehen. Der Sessel stand kurz vor einem schwarzen Winkel der Kamera. Hinter dem Sessel in der Wand war ein Lüftungsschacht, und zwei Augen starrten ins Zimmer.

“Angelo, ich habe dich vermißt!” flüsterte Sam, ohne sich zum Gitter umzudrehen. Das Gitter öffnete sich und Angelo sprang vorsichtig heraus, er schlich sich zwischen Sessel und Heizung. Sam zog einen zweiten Sessel zu sich heran und legte ihre Beine darauf. Nun konnte man weder die Heizung, noch Angelo in der Kamera sehen. Alles, was die Centreaugen sehen konnten, war Sam, die es sich auf zwei Sesseln bequem gemacht hatte und vor sich hin döste – ein langweiliges Bild.

“Sam müde?”

“Nein, ich freue mich, dich zu sehen, geht es dir gut?” Sam strich mit ihrer Hand vorsichtig über Angelos Kopf.

“Angelo gut, hat Freunde! Sam wieder da!”

“Ja, ich bin wieder da. Aber ich gehe bald wieder.”

“Angelo weiß, Jarod kommt, dann ist Sam wieder frei!”

“Willst du mitkommen?”

“Kann Freunde nicht alleine lassen!”

Sam seufzte und hielt ihre Hand auf seinem Kopf: “Wo sind deine Haare geblieben?”

“Abrasiert!” Angelo grinste schelmisch. Dann waren sie ruhig, sahen sich nur an. Nach 2 Minuten bewegte sich Angelo: “Sam spielen?”

Sie kicherte.
Teil 6 by Dara
Die meisten Figuren dieser Geschichte gehören nicht mir, wem auch immer,mir nicht! Die anderen, die mir gehören, gehören mir ganz allein! DieseGeschichte wurde geschrieben, weil ich gerne schreibe, nicht weil ich damit Geld verdienen will!



Die vergessene Akte
Teil 6
von Dara







“Fertig!” Kay drehte die letzte Schraube fest und überreichte den nun aufgerüsteten Laptop Jay.

Dieser sah sie leicht ungläubig an. “Den soll ich kriegen?”

“Klar, ist deiner. Kannst damit machen was du willst!” Sie wischte sich zufrieden imaginären Dreck von ihren Händen und stellte sich neben ihren Bruder. Der hatte sich voll in sein neues ibook verliebt und sah nur kurz auf. Kay stieß ihn mit dem Ellenbogen in die Rippen.

“Au? Was? Ach so, fertig? Dann sollten wir dir jetzt mal unsere Experimente zeigen!” Entschlossen stellte er seinen Apple weg und ging zum großen PC, wo Jarod saß.

"Laß mich mal hier bitte ran!" Jarod hatte ein bißchen im Internet gesurft und war mit seiner Recherche schon fertig, also rollte er widerstandslos beiseite. Jack suchte einen bestimmten Ordner und öffnete ihn. "Okay, also das sind die Bluttest, die wir von uns gemacht haben. Biogenetik ist total interessant, leider sind uns die Testpersonen ausgegangen."

Kay zeigte zu einer anderen Datei: "Das sind die Berechnungen für die Landung auf dem Mond von 1969, ich mag ja komplexe Mathematik, aber Jack hat ganz schön abgekotzt!" Sie kicherte.

Nun war Jack an der Reihe, Stöße zu verteilen. "Oh, und das ist glaub ich jetzt von Vorteil!" Jack machte einen Doppelklick und eine Datei öffnete sich. Eine simple Worddatei.

"Was ist das?"

"Das mein lieber, ist der Schlüssel in die Datenbank zum FBI!" Kay grinste.

Jarod runzelte die Stirn: "Das FBI kann uns hier nicht viel helfen. Wir müssen in die Datenbank des Centers!"

Jack verdrehte die Augen ungeduldig. "Geh mal ganz ans Ende der Datei!"

Jarod scrollte den Text runter, bis zu einem kleinen Bild. Jack nahm Jarod die Maus aus der Hand und klickte auf das Bild. Ein Programm wurde geladen.

Eine Aufzeichnung von Sam wurde abgespielt: "Das hier ist kein Spiel, ihr solltet dieses Programm nur verwenden, wenn das Center involviert ist. Also gut, gebt das Kennwort ein und ihr werdet automatisch als Dr. Alan angemeldet. Haltet euch ein wenig zurück, nicht zu lange im Netz bleiben. Vielleicht kommt einer dieser idiotischen Techniker dahinter, das gerade ein Toter im Center eingeloggt ist!"

Ein Fenster mit Passworteingabe erschien. Jack stutzte kurz: "Welches Kennwort?"

"Die Verschlüsselung des Pretendergens" Kay tippte eine Kombination aus Buchstaben ein. Der Bildschirm verdunkelte sich kurz, dann wurde eine Verbindung mit dem Center hergestellt. Jarod sah die Kinder: "Hätten wir auch einfacher haben können!"

"Vielleicht, aber so können wir Mum auch gleichzeitig mitteilen, das wir im Anmarsch sind." Kay tippte kurz etwas ein. "Den Zugang hat sie naemlich auch vom Centre aus!"

***

Zufrieden lehnte sie sich zurück. Auch wenn der Aufenthalt im Center nicht eingeplant war, sie genoß die Abwechslung. Kay und Jack waren wohlbehalten im Refugee angekommen und hatten auch schon damit begonnen, ein Befreiungsmanöver zu planen. Jarod muß wirklich gut sein. Sie sah auf ihren schwarzen Monitor. Es wird wohl noch 2-3 Tage dauern, bis die Gruppe hierher kommt. Das gab ihr Zeit, Zeit für Angelo, Zeit für Miß Parker, Zeit für ….

"Samantha, wie geht es dir?"

… für Lyle. Sie lächelte kalt.

"Bobby!" sie betonte den Namen, oh, er haßte es so genannt zu werden.

"Mein Name ist Lyle!" zischte er durch seine zusammengepreßten Lippen.

"Seit wann so weinerlich, Bobby?" Sam drehte sich zu ihrem Besucher um. Sie hatte ihre Hand wie zum Gebet zusammengefaltet und sah ihn von unten an. Er grinste und drehte eine kleine Scheibe zwischen seinen Fingern.

"Du bist kaum 2 Tage hier und schon triffst du dich mit alten Bekannten!" Sam stand auf und ging bis auf einen Meter an ihn heran, sie sah ihm genau in die Augen und lächelte. Sie nahm ihm vorsichtig die DSA aus der Hand. Leise sagte sie: "Ich nehme mal an, das ist meine gestrige Ruhestunde, aus der Kameraperspektive?" sie deutete leicht zu einer kleinen Blumenvase an der Ecke. Lyles Lächeln verschwand nur kurz. Sam näherte sich noch ein bißchen.

“Willst du mich bedrohen?”

Sie sah ihm fest in die Augen, und zerbrach die Disc in ihrer Hand. "Ich warne dich, früher hattest du einen großen Bonus, aber als du Bobby getötet hast, verschwand das Vertrauen, als du Dr. Alan getötet hast unsere Freundschaft.”

“Wer hat behauptet, das ich Dr. Alan getötet habe?”

“Ich bin ein Pretender, ich kann mich in jeden Menschen hineinversetzten, sogar in dich oder Mr. Raines! Ich kannte Bobby, ich kenne Lyle. Ich kenne deine Schwächen, ich weiß, wo du wohnst und was du gerade machst. Ich weiß, was du denkst und fühlst, wovor du Angst hast und vor wem. Ich kenne deine Geheimnisse, ich kann dir wirklich ernsthaft schaden, Honey. Wenn du mich bedrohst, muß ich mich wehren und du kannst nicht gewinnen, das weißt du!” Sie lächelte immer noch, als sie ihm diese Sätze ins Ohr hauchte, Lyles Nackenhaare sträubten sich. Sie küßte ihn. Er erwiderte den Kuß. “Schade, zwischen Bobby und mir hätte sich tatsächlich was entwickeln können.” Sie leckte sich die Lippen ab. Langsam ging sie zu ihrem Sessel und drehte ihm den Rücken zu. Für eine Minute stand Lyle schweigend da, dann eilte er aus dem Zimmer.

***

“Sie hat ihn geküßt!” Broots starrte ungläubig auf den Monitor.

“Beruhigen sie sich, Broots. Geben sie mir lieber die Aufzeichnung von Raines Treffen mit meinem Vater.” Miss Parker streckte die Hand fordernd aus.

Sydney sah sie interessiert an: “Interessiert sie denn gar nicht, was das für eine Beziehung zwischen den beiden ist?”

“Sam ist alt genug, um auf sich selbst aufzupassen und was mein psychopathischer Bruder ausheckt interessiert mich nicht!” sie nahm die Disc energisch, die Broots ihr reichte. “Was werde ich darauf sehen?”

“Ihr Vater hat verschiedene Simulationen mit Sam genehmigt!”

“Simulationen?” Sydney blickte sorgenvoll auf.

“Experimente, die Raines mit Sam durchführen will, darunter war auch eine medizinische Untersuchung!” Broots blickte bedeutungsvoll um sich.

“Parker, wenn Raines eine Untersuchung anordnet, dann ist er nicht um Sams Gesundheit besorgt!”

“Ich muß mit ihr sprechen.” Parker stürmte aus ihrem Büro, dicht gefolgt von Sydney.

***

Sie lehnte sich nach hinten und schloß kurz die Augen.

Angelo sah sie an: “Sam müde?”

“Nein, Angelo, ich vermisse nur die Freiheit. Ich werde gehen, morgen oder übermorgen, und ich kann dich mitnehmen!” Sie sah ihn fragend an

“Kann Freunde nicht allein lassen!”

Sam seufzte und legte ihre Hand auf seinen Kopf. “Nein, das kannst du nicht.” Sie zwang sich ein Lächeln auf die Lippen.

Die Tür wurde geöffnet, Sam stand auf und wollte Angelo verstecken, doch er hielt sie fest. Er war ruhig sitzen geblieben und hielt ihre Hand.S

Sie sah ihn erstaunt an: “Syd und Parker Freunde!” Sie entspannte sich und setzte sich wieder hin.

Als Miß Parker den Raum betrat, fiel ihr Blick auf Angelo. Neben ihm stand ein großer Karton gefüllt mit DSA-scheiben. Selbst wenn sie irritiert war, ließ sie es sich nicht anmerken. “Wir müssen reden!” meinte sie.

“Worüber?”

“Raines hat ein paar Experimente mit dir vor!”

“Ich arbeite nicht mit Raines zusammen, das weiß das Triumvirat!” Sam zuckte unbeeindruckt mit den Schultern.

“Die Sims sind genehmigt worden!” Sydney hatte sich neben Angelo gesetzt.

“Von wem?” es lag ein wütender Unterton in Sams Stimme. Miss Parker verschränkte ihre Arme: “Von meinem Vater.”

Sam sah sie prüfend an, sagte aber nichts. “Es ist auch eine medizinische Untersuchung geplant!”

Sam schluckte, heiser antwortete sie: “Ich werde keine Untersuchung im Center durchführen lassen. Sobald Raines den Onkel Doktor raushängen läßt… Ich kenne seine Untersuchungen: Bluttests , künstliche Befruchtungen, Virusinjektionen…”

Angelo hielt immer noch Sams Hand: “Schwester keine Angst, Jarod hilft!” Er umarmte sie kurz, sie küßte ihm auf die Stirn.

Parker riß die Augen auf: “ Jetzt habe ICH wohl was verpaßt! Schwester?”

“Das war doch unser Geheimnis, Timmy!” Angelo grinste schelmisch: “Augen tot!” Er deutete zu den versteckten Kameras im Raum. Plötzlich lauschte er kurz. Dann griff er seinen Karton und verschwand im Lüftungsschacht.

“Hm, wenn man vom Teufel spricht, da kommt die Flasche auch schon.” Sam verdrehte die Augen und ging zum Schreibtisch. Die Tür wurde geöffnet und Raines kam herein. Er zog seine Sauerstoffflasche hinter sich her. In der Tür erschien außerdem ein Sweeper, doch er wartete erstmal ab.

“Was verschafft uns die Ehre!” Sam sah Raines nicht an, ihr abfälliger Tonfall war nicht zu überhören. Sie goß etwas Kaffee in eine Tasse und reichte sie Miß Parker.

“Was machen sie hier?” röchelte Raines unberührt.

“Wenn sie das gestrige Tape aufmerksam studiert hätten, wüßten sie, das ich Miss Parker und Doktor Green zum Frühstück eingeladen habe!” Sam hob genervt die Kaffeekanne hoch und schüttelte sie. “Sie brauchen doch nur ihren verdammten Monitor sehen, dann wissen sie, was ich sage, welche Farbe meine Unterwäsche hat, und wieviele Bohnen auf meinem Teller sind. Dazu sind doch diese kleinen Spielzeuge da, nicht wahr?” Sie deutete an die Wände.

Raines schnaufte laut, er gab dem Sweeper einen kurzen Wink und der ging in die Ecke, um die defekte Kamera zu richten. Sam grinste zynisch. “Sie verderben mir den Appetit, Mr. Sunshine. Könnten sie nicht sterben oder so. Hauptsache, sie verschwinden aus meinen Augen!” Demonstrativ drehte sie ihm den Rücken zu und setzte sich.

***

Major Charles schreckte auf. Er war auf dem Sofa eingeschlafen. Leise stand er auf. Ihm gegenüber lag sein Sohn. Lange hatte er ihn gesucht und selbst jetzt war er sich nicht sicher, ob er ihn wirklich gefunden hatte. Er hatte lange nach Jarod gesucht, hatte er nach seinen Söhnen gesucht, die ihm entrissen worden waren. Er betrachtete Jarods unruhigen Schlaf. Was hatten sie mit ihm getan, was hatten sie seiner Familie angetan?

“Sie schlafen alle so unruhig!” Kay flüsterte leise. Sie setzte sich neben ihn.

“Warum schläfst du nicht?” Sie deutete auf ihr Glas Orangensaft.

“Mum kann auch nicht schlafen, sie hat oft schlechte Träume!” Sie trank einen Schluck.

“Jay schlägt auch um sich, wenn er schläft!” sie kicherte.

Major Charles sah traurig nach oben, wo sein neuer Sohn schlief.

“Du brauchst Dir keine Sorgen machen, es wird alles gut.” Kay legte scheu ihre kleine Hand in seine. Sie lächelte ihn an. “Wir treten dem Center so richtig in den A..Hintern.” sie berichtigte sich schnell, “So das es ihnen weh tut. Das macht Spaß, wirst sehen!”

“Das ist kein Spiel!” Major Charles sah sie dringend an. “Türlich nicht, aber Spaß machen darf es doch wohl trotzdem.” Sie grinste. “Laß dir doch von denen nicht das Leben versauen, hat Mum immer gesagt. Wenn sie das schaffen, dann haben sie dich!” Kay biß sich nachdenklich auf die Unterlippe. “Darf ich dich Opa nennen?”

Major Charles sah sie überrascht an. “Ich meine, Kyle ist mein Vater und er ist dein Sohn, also bist du mein Opa, richtig?” Sie sah ihn fragend an. Er lächelte und legte den Arm um sie: “Natürlich kannst du mich Opa nennen.”

“Cool. Opa? Kannst du mir einen Gefallen tun?” Sie sah ihn unschuldig an.

“Was?”

“Kann ich dir eine Blutprobe entnehmen?” Ihr Gesichtsausdruck hatte sich nicht geändert, ihn sah eine 10jaehrige in die Augen, nur das Thema war recht eigenartig. “Wozu brauchst du das?” “Ach, das ist so ein Projekt von Jack und mir. Ein Hobby, willst du mal sehen?” sie deutete zum kleinen Labor, dessen Tür jetzt offen stand.

***

Sam gähnte, sie war jetzt schon 10 Stunden mit dieser Simulation beschäftigt. Es ging um eine medizinische Frage: die Behandlung einer Krankheit, um eine Frau zu retten. Diese Frau war schwanger und würde bei der Geburt ihres Kindes verbluten. Sam sollte einen Weg finden, dieses zu verhindern. Ihr fielen fast die Augen zu.

“Ich bleibe dabei, der wahrscheinlich erfolgreichste Weg wäre ein Kaiserschnitt und die sofortige Entfernung des Mutterleibs. Die Frau könnte nie wieder ein Kind kriegen, aber sie wäre noch am Leben.” Sie gähnte noch mal. “Ich bin müde, ich will schlafen!” Sydney nickte, er las das gelbe Notizheft durch, das Sam angelegt hatte.

“Die Wahrscheinlichkeit für den Erfolg liegt aber immer noch nur bei 67% ?” Sie zuckte die Schultern: “Ms. Lollipop soll sich nicht so anstellen, wenn sie sich von Lyle ein Baby machen läßt, dann muß sie halt auch mit den Konsequenzen leben.” Hatte sie das jetzt eben laut gesagt? Sie war sich nicht sicher, sie war zu müde, um darüber nachzudenken. Sie schleppte sich zu ihrem Bett und legte sich hin. In Sekunden war sie eingeschlafen.

***

“Seid ihr fertig mit planen?” Major Charles gähnte und rieb sich seinen linken Arm.

“Ja, wir können los!” Jack überreichte ihm den Schlüssel. “Ich hoffe, du kannst mit solchen Autos fahren. Sonst muß ich fahren!” Seine Augen leuchteten verräterisch auf. Doch Major Charles lächelte nur und nahm die Schlüssel.

“Netter Versuch!” Er ging zur Fahrkabine des Trucks. “Wo fahren wir hin?”

“Kanada, unser Winterquartier ist dort und es ist weit genug aus der Schußweite des Centers!” Jack klang nicht sehr gegeistert. “Wir werden aus der Ferne operieren, Jarod wird nach Blue Cove fahren, allein!” man hörte ihm ganz deutlich an, das er damit nicht so einverstanden war.

“Ach du meine Güte, was soll ich denn mit 3 Kindern machen?” Major Charles war nicht ganz überzeugt, das er damit fertig werden könnte.

“Das gleiche, was du mit Jay gemacht hast.” Jarod stand neben ihm. “Es ist einfach zu riskant, du weißt, daß das Center mit ihnen machen würde!” Er sah sorgenvoll auf die drei. Major Charles nickte.

“Sind wir dort sicher?”

“Hundertprozentig!” Kay hatte keinerlei Unsicherheit in ihrer Stimme.

“Also gut, fahren wir.”

Jarod sah dem Truck hinterher. Dann ging er zu seinem Wagen, den er sich gekauft hatte. “Auf in die Höhle des Löwen!” sagte er leise zu sich selbst und startete.

***

“Parker!” Sam grinste, als die junge Frau durch die Tür kam. “Was machst du hier. Daddy ärgern, Raines auf dem Schlips treten, Brüderchen eifersüchtig machen, oder einfach Sehnsucht nach einem netten Frauengespräch?”

Miß Parker lachte kurz auf bei der Begrüßung. “Ich bin auf der Suche nach Antworten!”

“Und da suchen sie ausgerechnet bei mir?”

“Vielleicht kannst du mir helfen?” Das Du kam Parker sehr schwer über die Lippen.

“Ich werde es versuchen, in welchem trüben Teich fischen wir denn?”

“Im Center!”

“Oh, der ist schon nicht mehr trübe, der ist schon Salzsäureverseucht!”

“Erzähl mir, wie bist du hier hergekommen?”

“Ich bin aus einem Bus ausgestiegen und dann wurde ich netterweise mit dem Auto mitgenommen!”

“Ich meinte, das erste Mal!” Miß Parker winkte ungeduldig ab.

“Nun ja, meine Eltern waren ein bißchen paranoid, nachdem man ihren Sohn gekidnappt hatte. Also beschlossen sie, wie Hippies durch die Gegend zuziehen. Als ich geboren wurde, waren sie gerade in einem kleinen Bus unterwegs. Als ich älter wurde, haben sie mich unterrichtet. Dann bemerkte mein Vater, das wir verfolgt wurden. Er erwähnte das erste Mal das Center. Unsere Flucht dauerte fast 2 Jahre. Dann eines Tages hatten sie uns eingeholt. Wir waren im Wagen, sie schossen auf uns. Sie trafen Vater. Er saß am Steuer, als er getroffen war, kam der Bus ins Schleudern. Er überschlug sich. Vater wurde aus der Vorderscheibe geschleudert, ein Splitter tötete ihn endgültig. Mutter hatte eine schlimme Kopfwunde und starb. Dann waren überall Sweeper, sie holten mich aus dem Wagen und brachten mich zu Raines. Zusammen fuhren wir zum Center. Ich wurde in eine Zelle gesperrt und am nächsten Tag kam Mr. Raines mit Dr. Alan.” Sam hatte diese Geschichte runtergerasselt ohne eine Regung. Miß Parker sah sie bestürzt an.

“Wie hast du Lyle kennengelernt?”

“Ich bin mal aus meiner Zelle ausgebrochen und dabei in seiner gelandet, er hat ein ziemlich blödes Gesicht gemacht, das kann ich dir sagen!”

“Und Angelo?”

“Der hat mich gefunden, wie er jeden findet!”

***

Es gab eine kleine Pause, Miß Parker wußte nicht, was sie sagen konnte. Sie war es nicht gewohnt, konkrete Antworten auf konkrete Fragen zu bekommen. Sie hätte nicht mit so einer Antwort gerechnet. Sam nutzte diese Pause: “Und wie war deine Kindheit so?”

“Meine Mutter wurde hier im Center erschossen, als sie versuchte, Kinder aus dem Center zu befreien. Kurz darauf wurde ich in ein Internat geschickt.” Parker wußte nicht, warum sie das Sam erzählte.

“War es sehr schlimm?” Sam sah sie mitfühlend an.

“Es war nicht leicht.”

“Noch eine Jugend, daß das Center versaut hat!” Sam lächelte sarkastisch. “Noch jemand gestorben?”

“Mein Freund, Thomas, letztes Jahr. Ich wollte das Center verlassen, eines Tages kam ich nach Hause und habe ihn gefunden. Die Polizei sagte, es wäre ein Raubmord gewesen.”

“Klar, ist es immer!” Sam schnaufte abfällig. Sie unterhielten sich leise, die Köpfe dicht beieinander. Ihr Gespräch dauerte über eine Stunde. Miß Parker dachte nicht daran, das jedes Wort aufgezeichnet wurde. Sie redete, wie sie noch nicht mal mit Sydney über ihre Gedanken geredet hatte. Für beide Frauen war es ein angenehmes Gespräch, ohne Mißtrauen, ohne Hintergedanken.

Miß Parker war gegangen. Sam schloß lächelnd die Augen, sie konnte Angelo hören. Sie stand auf. “Willst du nicht reinkommen?”

“Angelo muß arbeiten.” Angelo hockte hinter dem Lüftungsgitter. “Sam hilft Miß Parker?”

“Wir helfen uns gegenseitig!”

“Angelo glücklich!” Er zeigte eine silberne Scheibe.

“Was ist das?”

“Gespräch bleibt ungehört!” Er grinste. Als Sam verstand lachte sie leise. “Das wird das Center aber gar nicht freuen!” Angelo zuckte mit den Schultern und verschwand in seinem Schacht. “Wenn die wüßten, was für ein Saboteur mein Bruder ist!” kicherte Sam und setzte sich wieder in den Sessel.

***

“Syd?”

“Jarod! Du hast schon lange nicht mehr angerufen!”

“Du mußt deine Ansprüche zurückschrauben, ich habe doch erst vorgestern ein Fax geschickt!” Sydney mußte schmunzeln.

“Syd, wie geht es ihr?”

“Miß Parker? Ihr geht…”

“Ich rede nicht von Parker, ich rede von Sam!”

“Oh, ihr geht es gut. Sie lebt jetzt in deinem Zimmer.”

“Soll mich das eifersüchtig machen?”

“Tut es das?”

“Wer arbeitet mit ihr?”

“Ich bin als ihr Mentor eingesetzt worden.”

“Wie fühlt es sich an?” Sydney schwieg einen Moment. Es gefiel ihm, wieder mit einem Pretender zu arbeiten, aber es hatte einen bitteren Nachgeschmack. Jarod wartete seine Antwort nicht ab. “Machs gut, Syd!” dann legte er auf. Sydney hatte das Gefühl, Jarod enttäuscht zu haben. Er konnte das Center nicht verlassen, er wollte nichts mit dem Center zu tun haben, aber er konnte auch nicht abbrechen. Jarod muß denken, er liebt es, Pretender für das Center durch Simulationen zu führen. Er seufzte. Einen Pretender zu betreuen war eine Herausforderung, die ihm immer viel bedeutet hatte. Doch um welchen Preis?

***

Lyle sah sich prüfend um. Er stand im Technikerraum und loggte sich ins System ein. Er speicherte eine Datei auf Disc und stand auf. Er stand eine Sekunde nachdenklich auf der Stelle. Er starrte auf sein Spiegelbild im Monitor. Die Lippen waren zusammengepreßt. Aus dem Korridor kam ein quietschendes Geräusch. Raines war wieder mit seiner Sauerstoffflasche unterwegs. Lyle lächelte kalt bei der Vorstellung, wie er dem alten Mann jeden einzelnen Knochen brach. Das wäre eine Genugtuung, er haßte seinen ehemaligen Mentor. Er erinnerte sich an das Mantra, das dieser ihm beigebracht hatte. “Kontrolle ist Macht” Solange das Center keine Kontrolle hat, war er im Vorteil. Vielleicht konnte er nicht gegen Sam gewinnen. Er war sich nicht sicher, ob er das überhaupt wollte. Aber gegen das Center konnte er gewinnen. Er lächelte, er hatte Sam vermißt.

***

“Ich habe in diesen 3 Tagen mehr Besuch, als in den ganzen Jahren zuvor.” Sam schüttelte lachend den Kopf, als Lyle hereinkam.

“Du bist gefragt!” er grinste.

“Was willst du heute? Die Absolution, Erpressung, Mord, Totschlag, noch einen Kuß?” Sam hatte gute Laune, sie hatte viel Energie und plapperte vor sich hin.

Lyle schmunzelte, er trat zu ihr und flüsterte in ihr Ohr. “Ich habe ein Geschenk!” er hatte sie festgehalten und lies die Disc in ihre Hand gleiten. Sie sah ihm in die Augen.

“Danke schön!” Sie grinste.

“Willst du nicht wissen, was es ist?”

“Ist es ein Geschenk für mich oder für dich?”

“Wir profitieren beide davon!”

“Böser Lyle, hintergehst du etwa das Center?” sie kicherte. Sie nahm ihre freie Hand und faßte ihn am Hals. Sie zog ihn näher zu sich. “Paß auf, das du die Kontrolle nicht verlierst!” flüsterte sie ihm ins Ohr. Sie küßte ihn ein zweites Mal, diesmal auf das Ohr, dann stieß sie ihn von sich und lachte laut.

“Böser, böser Lyle. Hat Daddy denn nicht gesagt, das ich die verbotene Frucht im Center bin?” Sie sprang auf den Schreibtisch und lies ihre Beine baumeln.

“Ich spiele gerne mit dem Feuer.”

“Wunder dich dann nicht, wenn du dich verbrennst!” sie wackelte mit ihrem Daumen. Er grinste stumm. Sie hatte Kontrolle und nicht er, aber auch nicht das Center. Er liebte diese Möglichkeit.

***

“Wie lange müssen wir noch fahren?” Kay sah aus dem Fenster in der Fahrerkabine.

“Na, wir werden wohl noch 2 Tage brauchen.

Sie holte tief Luft. “Es ist ganz schoen langweilig!” seufzte sie, “Mum hatte immer ein paar Denkaufgaben oder Spiele auf Lager.”

Major Charles sah auf die Straße. “Ich befürchte, ich kann euch da nicht viel helfen.”

Kay setzte sich gerade hin: “Ich weiß was! Wir können ja mal nach Deiner Frau erkundigen.”

Er runzelte die Stirn. “Was meinst du.”

“Och, ein bißchen Research im Internet.” Kay gähnte leicht, “ Vielleicht finden wir ja was.” Murmelte sie und kroch nach hinten.

“Was hast du vor?”

“Ich will in den Wagen.”

“Ich halte bei der nächsten Parkgelegenheit an.”

“Nicht nötig, ich klettere hier durch das Fenster, da hinten ist eine kleine Tür in den Wagen.”

“Das ist viel zu gefährlich!”

“Ach, das hab ich schon mal gemacht!”

“Nein, warte bis ich angehalten habe.” Major Charles hob seine Stimme. Kay sah ihn an, sie nagte an ihrer Lippe, setzte sich dann mit verschränkten Armen hin.
Teil 7 by Dara
Die meisten Figuren dieser Geschichte gehören nicht mir, wem auch immer,mir nicht! Die anderen, die mir gehören, gehören mir ganz allein! DieseGeschichte wurde geschrieben, weil ich gerne schreibe, nicht weil ich damit Geld verdienen will!



Die vergessene Akte
Teil 7
von Dara





Sam drehte die Scheibe zwischen ihren Fingern. Sie betrachtete sie nachdenklich. "Was für ein Spiel spielst du denn jetzt?” Sie grübelte kurz und ging dann zum Computer.

Vorsichtig legte sie die DSA ein und wartete eine Sekunde: "Dieses Teil ist total veraltet!” schimpfte sie laut. Sie stand vorm Monitor, in der Überwachungskamera war nur ihr Rücken zu sehen. Sie hackte sich in die Administratordateien des PCs ein und sperrte sämtliche Überwachungsmechanismen. Die Backupfunktionen und die Verbindungen zum Server des Centres schaltete sie ab, erst dann spielte sie die Disc ab, die Lyle ihr zugespielt hatte.

"I’ve got you under my skin...”, sang sie, während sie die Disc untersuchte. Sie lud die Informationen auf eine kleine Chipkarte und grinste. Dann löschte sie sämtliche Beweise und legte die DSA in den Lüftungsschacht, damit Angelo sie finden konnte.

***

"Was macht sie gerade?” Sydney bemerkte Miss Parker; sie starrte auf den Monitor. Sie tat das in der letzten Zeit öfter, sie schien Sam gerne zu beobachten oder sich gerne mit ihr zu unterhalten. Syd vermutete, daß sie und Sam Freundinnen hätten werden können, wenn sie nicht auf zwei verschiedenen Seiten des Centres stehen würden.

"Sie singt,” antwortete Miss Parker abwesend, "und tanzt! Wie kann sie nur so ruhig bleiben, bei dem, was morgen anstehen soll?” Sie sah Sydney fragend an. Der Doktor trat neben sie und blickte nachdenklich auf den Bildschirm.

***

Sam summte ein Lied und schunkelte, dann tanzte sie vom Schreibtisch weg zur Wand. Sie stolperte, konnte sich aber noch am Gitter für die Entlüftung festhalten. Ein kurzes Kichern und dann sang sie lauthals weiter und tanzte wild durchs Zimmer. "Don’t you know, little fool, you never can win! Use your mentality, wake up to reality…”

***

Sydney seufzte: "Ich weiß nicht, vielleicht empfindet sie das Centre wirklich als Zuhause, hier ist ihre Familie, hier ist sie aufgewachsen.” Er zuckte traurig mit den Schultern.

"Aber ich lasse es nicht zu, daß Raines sie in die Finger kriegt, eher schmuggele ich sie hier raus!” zischte Miss Parker leise.

"Was denn? Willst du etwa einer Laborratte zur Flucht verhelfen, hab ich mich eben verhört?” Die Stimme kam aus dem Dunkel. Sie war tief und warm – Jarod. Sydneys Atem ging schneller, doch er drehte sich nicht um.

"Was machst du hier? Das ist viel zu gefährlich!”

"Ich dachte, ich besuch dich mal bei der Arbeit!” meinte Jarod lapidar. Er zog die Augenbrauen nach oben und lächelte, denn er hatte die Besorgnis in Syds Stimme gehört und es tat ihm gut. Syd sorgte sich um ihn, und nicht, weil er ein gutes Studienobjekt war. Miss Parker hatte sich von ihrem Schreck gefangen. Als sie seine Stimme gehört hatte, hatte sie sich unwillkürlich versteift. Wieso hatte er bloß diese Wirkung auf sie? Gott, sie liebte seine Stimme. Wenn er sprach, war alles gut, sie war sicher und sie konnte ihm trauen. Sie haßte es, daß sie nicht dagegen ankam. Sie räusperte sich.

"Du holst sie raus und verschwindest von hier”, sagte sie bestimmend, "sie ist in deinem Zim… Wo ist sie?” Sie starrte ungläubig auf den Monitor. Sam war verschwunden. Eben noch hatte sie getanzt vom Bett zum Schrank, zum Schreibtisch, zum Bett und dann war sie in einem schwarzen Winkel der Kamera verschwunden und kam nicht wieder hervor.

"Jarod! Sie kommt aus dem Sublevel nicht raus, die Sicherheitsmaßnahmen sind verschärft worden!” Sie drehte sich zu Jarod um, doch der Platz war leer. "Wie macht er das?” fragte sie irritiert, doch dann eilte sie zum Fahrstuhl. Sie mußte zum SL 1, vielleicht konnte sie helfen.

***

Sie krabbelte den Lüftungsschacht entlang, dann sprang sie in ein kleines Zimmer.

"Ah, Angelo war fleißig!” Sie kicherte. Eine Perücke und Kleidung lagen in der Ecke. Schnell zog sie sich um. Sie öffnete die Tür und trat heraus. Sie straffte sich und ging schnurstracks zum Lift. Sie drückte den Knopf. Der Wächter vor ihrer Tür sprach in sein Walkie Talkie. Sie sah in seine Richtung. Er sah sie prüfend an; sie nickte ihm lächelnd zu. Die Tür glitt auf, sie trat hinein.

Der zweite Fahrstuhl öffnete sich. Miss Parker sprang heraus. Sie sah kurz auf die sich schließende Tür. Sam sah ihr genau in die Augen. Parker erkannte sie. Die beiden lächelten sich an. Der Wachmann im Hintergrund stürmte in Sams Zimmer. Parker warf einen letzten Blick zu Sam und rannte dann zum Wachmann. Die Tür schloß sich entgültig und fuhr los.

Sie kletterte durch die obere Luke auf das Dach des Fahrstuhls. Sie wartete eine Sekunde. Dann sprang sie an die Rettungsleiter. Sie kletterte ein Stück zurück. Sie kroch durch einen Lüftungsschacht. Zwei Meter geradeaus, dann eine Biegung nach links - ein Gitter - der Flur. Sie sprang in den dunklen Flur. Sie war auf Sublevel 4. Hier kannte sie sich aus, hier waren die Sicherheitsvorschriften recht lau, trotz der Veränderungen im Sicherheitssystem. Sie lief zu einer Tür. Sie hielt die Chipkarte in der Hand, zog sie durch das elektronische Schloß. Die Tür klickte und öffnete sich. "Du hast was gut bei mir!” flüsterte sie leise. Sie betrat den Raum, sie lief zum Ende des Raumes, eine andere Tür. Wieder die Karte. Die Tür ging auf. Ein weiterer dunkler Flur. Sie konnte nun den Alarm leise hören, der in SL 1 ausgelöst worden war. Sie fand die Röhre. Angelo wartete schon. Sie lächelte.

***

Jarod traf Angelo auf dem Weg zu SL 1. "Warte draußen!” hatte der ihm zugeflüstert. Jarod änderte seinen Plan, er lief zu seinem geheimen Ausgang. Gerade als er das Röhrensystem verlassen hatte, ging der Alarm los. Er sah auf die Uhr: "Ich hoffe, du hattest Recht ,Angelo!” flüsterte er. Jarod lief zu seinem Wagen und versteckte sich. Er war bereit, sofort loszufahren.

***

"Hier lang!” Angelo krabbelte vor ihr her. Er kannte die Wege einfach besser. Ihre Orientierung war nach 10 Jahren doch etwas eingerostet. Sie rutschte eine Röhre hinunter. Angelo wartete ungeduldig und wies in eine Richtung: " 2mal geradeaus, links, geradeaus, rechts, rechts, hoch und raus. Jarod wartet!” Er krabbelte in eine andere Richtung. Sie sah ihm kurz hinterher.

"Angelo, paß auf dich auf!” Er lächelte und winkte, dann verschwand er hinter einer Biegung. Sam holte tief Luft, den letzten Weg mußte sie alleine gehen. Sie krabbelte in die Richtung. Die nächsten Kreuzungen geradeaus, dann eine Abzweigung nach links, wieder geradeaus für 10 Meter, dann nach rechts und noch mal nach rechts. "Gott, ich hoffe, ich bin richtig", betete sie. Das Rohr vor ihr hatte eine Abzweigung nach oben. Sie stand auf und stieß das Gitter raus. Eine Hand streckte sich ihr entgegen. Nach kurzem Zögern ergriff sie sie. Sie wurde nach oben gezogen. Sie sah in seine Augen: "Jarod, verdammt, du hättest im Wagen warten sollen!” fluchte sie erleichtert. Gemeinsam liefen sie zum Wagen und fuhren davon.

***

"So langsam gehen mir diese Laborratten auf die Nerven!” donnerte Miss Parker wütend. Sie stand neben Sydney und Broots auf dem Gang. Die Sweeper auf dem Flur versuchten krampfhaft, ihren Wutausbruch zu ignorieren. Sydney mußte sich zusammenreißen, um nicht loszulachen. Zwischen ihren lauten, wütenden Bemerkungen flüsterte sie nämlich ganz andere Sachen: "Dieser Idiot hat ihr sogar noch schöne Augen gemacht und sie nicht erkannt!” Raines und ein Trupp seiner privaten Sweeper waren am Ende des Ganges zusehen. Miss Parker war wieder lauter geworden: "Wenn die denken, daß ich jetzt auch noch dieses Weib jage, haben die sich aber geschnitten. Ich sehe nicht ein, für die Unfähigkeit anderer meine Arbeit zu versauen!” Broots zitterte stärker, je näher Raines kam. Er trat nervös von einem Fuß auf den anderen. "Broots, was stehen Sie hier so dumm rum, Sie sollen doch nach Jarod suchen”, fauchte Miss Parker ihn an. Dankbar strauchelte er in Miss Parkers Büro, weg von Raines. Hinter der Tür holte er tief Luft.

"Wie ich sehe,” Raines sog seinen Sauerstoff tief ein, "haben Sie schon davon gehört!” Er stierte zu Miss Parker, die kalt lächelte. Er wandte den Blick schnell ab und konzentrierte sich auf Sydney: "Wie es scheint, ist schon wieder einer ihrer Schützlinge geflohen, Dr. Greene!” Raines röchelte hinterhältig. Falls Sydney nervös war, so lies er es sich nicht anmerken.

"Sie ist erst geflohen, als Sie eine Untersuchung durchführen wollten, obwohl sie ausdrücklich gesagt hat, sie arbeitet nicht mit Ihnen zusammen, Mr. Raines!” Das Lächeln auf Raines Gesicht zerbröckelte leicht. "Ich mußte ihr den Plan ja gestern vorlegen, was für Simulationen geplant waren." Sydney zuckte unschuldig mit den Schultern. Miss Parker grinste: auch Sydney konnte gute Schuldzuweisungen fabrizieren, so was lernte man im Centre mit der Zeit.

Sie sah kalt zu Raines herunter: "So was, Frankenstein? Hätten Sie sich nicht eingemischt, wäre wahrscheinlich alles in Ordnung gewesen!” In Raines arbeitete es.

"Woher wußten Sie überhaupt, daß ich eine Untersuchung veranlaßt habe?”

"Ich befürchte, daß ist mir so rausgerutscht!” Lyles Stimme kam aus dem Hintergrund. Parker war erstaunt, er half ihr? Warum? "Ich konnte einfach nicht widerstehen, es meiner Schwester unter die Nase zureiben. Mea Culpa!” Er zuckte kalt mit den Schultern und ging weiter, wo immer er auch hinging. Selbst Raines sah verdutzt hinter ihm her. Sydney war der erste, der sich fing.

"Entschuldigen Sie uns bitte, wir müssen noch arbeiten. Immerhin müssen wir ja auch noch nach Jarod suchen, nicht wahr.” Miss Parker nickte kalt und ging mit Sydney in ihr Büro. Raines stand wie angenagelt da. Er haßte es, wenn er die Kontrolle verlor.

***

Lyle setzte sich in seinen Ledersessel und grinste schelmisch. Chaos, überall herrschte Chaos, und er konnte es zu seinen Gunsten nutzen. Er liebte Sam dafür. Sie war die Chaosqueen. Er lächelte zufrieden. Er hatte immer geahnt, daß sie am Leben war. Aber nun wußte er es. Er schloß kurz die Augen und blickte zurück in eine Zeit, als er noch Bobby hieß.

*

"Bobby, komm her.” Sam winkte ihn von der Ecke zu sich. Er schlich an der Kamera vorbei. Sie zog ihn in den Schatten. "Wollen wir ein bißchen Unruhe verbreiten?” Sie kicherte. Er blickte auf ihre Hand, die sich um seinen Arm geschlossen hatte. Er konnte den Duft ihrer Haare riechen. Er nickte wortlos und grinste. "Okay, was kann Rainilein, das Stachelschwein, auf den Tod nicht ausstehen?” Sie kicherte immer noch, dann zog sie sein Ohr ungeduldig zu ihrem Mund. "Ich sag nur ein Wort: Kontrolle!” hauchte sie ihm verschwörerisch ins Ohr. Sie blickte ihn ernst an. Natürlich, sie erwartete, daß er sie verstand, aber er war nicht so wie sie, nicht so schnell. Sie lächelte: "Ach Bobby, was sagt er immer zu dir? Kontrolle ist Macht! Und Raines denkt – sie betonte das Verb sehr stark – er ist mächtig. Also denkt er, er hat die Kontrolle!” Sie war immer so geduldig. Er verstand das nicht: Raines haßte es, wenn er etwas nicht richtig machte. "Bobby, wir müssen ihn ein bißchen ärgern, ich kann Raines nicht leiden!” Sie sah ihn großäugig an.

Er lächelte: "Dann ärgern wir ihn eben.” Wenn er mit Samantha Streiche spielte, hatte er keine Angst, dann war er stark, stärker als Raines. Dann verschwand die Stimme in seinem Kopf. Raines Stimme.

"Okay, komm, ich zeig dir, wo es ist!” Sie schlichen sich an einem Sweeper vorbei und schlüpften in einen großen Raum: "Der hier ist vernetzt mit allen anderen Computern vom diesem Gebäude!” Jetzt verstand er auch, was sie wollte.

"Du manipulierst seine Daten!” flüsterte er.

Sie grinste ihn schelmisch an: "Mum hat immer gesagt: mach ihnen das Leben so schwer wie möglich.” Sie versuchte mit den Ohren zu wackeln, doch sie schaffte es nicht. Er lachte, die einzige Sache, die er wirklich besser konnte als sie. Er wackelte mit den Ohren, Sam prustete: "Hör auf, sonst muß ich so laut lachen, daß sie uns erwischen!” Sie knuffte ihn. Sie setzte sich an den Computer und tippte etwas ein.

"Was genau machst du da jetzt?” fragte er sie.

"Ich programmiere ein kleines Suchprogramm, das mir jede Datei öffnet, egal welches Sicherheitslevel sie hat. Dann suche ich nach Raines' Daten und ändere die Versuchsreihen. Er wird selbst seine Erfolge nie wieder wiederholen können!” Sie kicherte. Nachdenklich schaute Bobby sie an. Wenn sie das mit einem Computer konnte, dann war das sehr gefährlich. Er lächelte. Dann konnte er Raines besiegen und sich an ihm rächen. Er mußte nur lernen, wie man Informationen manipulierte.

Er beugte sich zu Sam: "Zeigst du mir, wie du das machst?”

Ihre Augen huschten über den Bildschirm, leise flüsterte sie abwesend: "Klar, wenn du immer artig bist!” Er sah ihr Grinsen, obwohl sie ihn immer noch nicht ansah.

*

"Lyle!”

Der scharfe Ton lies ihn aus seinen Tagträumen aufschrecken.

"Was?”

Er war müde, er wollte zurück zu seinen Träumen.

"Du wirst dich aus Jarods Verfolgung raushalten und dich um Sam kümmern! Du kennst sie noch am ehesten!” Sein Vater starrte ihn kalt an, Lyle blickte ungerührt zurück. Dieser Mann war ihm absolut egal, die Verwandtschaft verschaffte ihm nur ein paar Vorteile.

"Ich dachte, ich solle mich von ihr fernhalten?” War das etwa Ironie, Bobby? Er konnte Sams Lachen hören. Er war sich nicht bewußt, daß er lächelte.

"Was gibt es da zu lachen, ein potentieller Pretender ist uns entkommen. Das ist ein erheblicher Verlust!” donnerte sein Vater. Lyles Lächeln verschwand nicht. Sein Vater verlor die Fassung, er hatte Kontrolle.

"Ich werde mich natürlich sofort auf die Suche nach ihr machen, allerdings werde ich das wohl nicht alleine schaffen.”

"Ich werde Brigitte zu dir schicken!”

"Ich glaube nicht, daß das eine gute Idee ist: Brigitte ist hochschwanger, schadet das nicht dem Kind?”

"Es ist ihre Aufgabe, und du brauchst dir keine Sorgen um das Baby zu machen!” Es war offensichtlich, daß sein Vater keinen Gedanken an das gesundheitliche Wohl seiner hochschwangeren Frau verschwendete. 'Kalter Bastard!', dachte Lyle zynisch.

"Na ja, außerdem haßt Sam Brigitte!”

Sein Vater sah ihn testend an: "Ich wußte gar nicht, daß sie sie kennt!”

"Sie haben sich ein, zwei Mal getroffen!” Lyle wich dem Thema aus.

Als er mit 20 offizieller Angestellter des Centres wurde und zurückkehrte zu dem Haus seiner kurzen Kindheit, hatte er Brigitte getroffen. Sie war eine Schlampe und sah das Potential in Lyle, später mal aufzusteigen, also hing sie sich ihm an den Hals. Es war nicht unangenehm, sie war genauso seelenlos wie er. Sie waren ein tödliches Paar. Dann hatte er Sam wiedergesehen, nur von weitem. Er hatte sie beobachtet aus der Ferne. Und er erkannte, daß er sie haben wollte. Sie war für ihn bestimmt, sie war seine Freundin. Brigitte wurde lästig. Das erste Treffen zwischen den beiden war eigenartig. Sie kam nicht näher, sie berührte ihn nicht mehr, sie waren sich nicht mehr so nahe wie damals als Kinder. Es verletzte ihn, und er wollte sie verletzten, also stellte er ihr Brigitte vor. Brigitte, die kalte Blonde mit ihrem Lutscher im Mund. Sam betrachtete sie von oben bis unten, dann sagte sie abfällig: "Nett, dich kennenzulernen, Bridshit!” Sie sprach den Namen immer falsch aus, wenn sie wußte, daß die Leute darauf anspringen und Brigitte war sehr stolz auf ihren Namen. Lyle sah befriedigt, daß Sam Brigitte nicht leiden konnte. Aber ihre Beziehung erwärmte sich nicht, er hatte sie verloren, er war Lyle. Nach über einem Jahr wurden er und Brigitte zu einer anderen Niederlassung des Centres geschickt, dort hatte er seine Karriere stark vorangetrieben. Je mächtiger er war, desto eher konnte er wieder zurück nach Blue Cove, zurück zu Sam.

"Könntest du mir vielleicht mal zuhören!” Sein verdammter Alter war ja immer noch da.

"Ich dachte, du warst fertig!” sagte Lyle müde, er hatte heute keine Lust mehr auf Machtspielchen. Die Tür wurde aufgerissen. Seine Schwester, die hatte ihm gerade noch gefehlt. Er seufzte und verdrehte die Augen.

"Engelchen! Was machst du hier?”

Diese Stimme! Lyle bemerkte wie der kalte Ton abgewandelt wurde. Nicht, daß es besser wurde, nein, es wurde falsch. Er wußte, daß seine Schwester diese Falschheit durchschaute, warum spielte sie bloß immer wieder mit? Er betrachtete unauffällig seine Schwester. Zuerst war er an ihr interessiert gewesen: gutaussehend, klug, erfolgreich, in gewissen Maße mächtig – Tochter des Chairman. Dann war diese Möglichkeit gestorben, Zwillingsschwester, wer hätte das gedacht. Aber sie haßte ihn, sie mißtraute ihm. Kein Wunder, er würde sich selbst auch nicht trauen. Lyle grinste bei diesem Gedanken. Schade, er hatte immer eine Schwester haben wollen. Er war so eifersüchtig auf die anderen gewesen. Sie alle hatten echte Eltern, sie feierten Geburtstag, sie hatten Geschwister… soviel Liebe, und er bekam nur Schläge. Eigentlich war nur Sam besorgt um ihn gewesen.

"Hör auf, mich so anzustarren!” fauchte Miss Parker. Lyle nahm es ihr nicht übel, er war ein Ekel. Sein Weg die Kontrolle über andere zu erringen.

"Darling, du hast mir nicht geantwortet!” Dieser alte Schleim... Lyle riß sich zusammen.

Miss Parker zwang sich ein Lächeln auf - genauso falsch, stellte Lyle amüsiert fest - : "Ich wollte mich mit Lyle absprechen. Wegen Jarod! Aber ich kann auch später wiederkommen!” Sie wandte sich zum Gehen.

Kontrolle, er konnte einfach nicht widerstehen: "Nein, du kannst bleiben, er war sowieso gerade fertig. Ich habe eine neue Aufgabe bekommen!” Er deutete auf die Akte in seines Vaters Hand. Eigentlich hatte er ihn mit diesen Worten rausgeschmissen. Wer hatte die Kontrolle? Er hielt den Atem an.

Sein Vater sah zu ihm und zu Miss Parker, legte die Akte auf den Tisch: "Er hat recht, Engelchen, ich muß mich noch mit dem Triumvirat unterhalten!” Er stürmte aus dem Raum. Lyle atmete aus.

"Also, Schwesterherz, was wolltest du mit mir besprechen?”

Sie sah ihn prüfend an, sie verzog ihren Mund einwenig, schließlich preßte sie zwischen ihren Lippen hervor: "Danke!” Hatte er das eben richtig verstanden?

"Wofür?”

"Für die Hilfe bei Raines! Ich weiß zwar nicht, was du von Sam willst, aber ich warne dich, wenn du ihr auch nur ein Haar krümmst!” Sie hatte sich auf den Tisch gelehnt und sah ihm direkt in die Augen.

"Samantha!” Er liebte diesen Namen, "ich hatte nicht im geringsten vor, ihre Haare zu krümmen, ich mag ihre Frisur, wie sie ist.” Er nahm ein Foto in die Hand. Ein altes Foto, er und Sam als Teenager, lächelnd. In guten Zeiten. Er zeigte es seiner Schwester. "Weißt du, Parker! Ich mochte den Namen Bobby!” sagte er, drehte sich zum Fenster und schloß die Augen. Miss Parker starrte sekundenlang auf die Lehne.

***

"Aahh!” Sam streckte sich. "Soviel Adrenalin zum Abbauen und keine Bewegungsmöglichkeit!” Sie saß unruhig auf dem Beifahrersitz.

"Willst du lieber nebenherlaufen?” fragte Jarod trocken.

"Haha! Witzig!” Sam streckte ihm die Zunge aus.

"Ich hab das gesehen!”

"Wäre bedenklich, wenn nicht!” Beide lachten befreit, die Anspannung wich. Sie waren weit genug von Blue Cove entfernt, niemand folgte ihnen. Sam hatte schon mit den Kindern gesprochen und in 24 Stunden würden sie in Kanada sein. "Ist das ein unregistriertes Handy?” Sam betrachtete das Telefon.

"Ja, das ist besser, dann kann das Centre es nicht orten!”

"Darf ich es benutzen?”

"Wen willst du anrufen?”

"Jemanden, der etwas bei mir gut hat!” Sie tippte eine Nummer ein. "Hallo Bobby, schöne Grüße aus dem sonnigen Kalifornien!” Jarod verlor fast die Kontrolle über den Wagen, er sah Sam entgeistert an. Sie lauschte und lachte dann auf: "Also wirklich, ich dachte aus dem Alter sind wir raus!” Sie grinste. "Also, der nächste Fruchtdrink geht auf dich!” Sie legte auf. Jarod wartete eine Weile. Sam legte ihre Beine aufs Armaturenbrett. "Na los, frag schon!”

"Warum Lyle?”

"Er hat mir geholfen.”

"Geholfen?”

"Er hat mir die Codes besorgt, für die Türen und für den Fahrstuhl.” Sie sah ihn leicht amüsiert an.

"Hört sich nicht nach Lyle an.”

"Nein, nicht Lyle, hört sich mehr nach Bobby an!” Sie lächelte und rieb sich freudig die Hände.

"Er hat Kyle getötet.”

"Das war definitiv nicht Bobby, sondern Lyle!” korrigierte sie ihn.

"Ich sehe den Unterschied nicht.”

"Da ist ein großer Unterschied: Bobby ist ein Freund, Lyle ist ein Mörder. Bobby haßt das Centre, Lyle arbeitet für das Centre. Lyle ist psychopatisch, Bobby ist …nur unglücklich.” Sam starrte auf die Strasse. "Vielleicht habe ich mich geirrt: Bobby ist nicht tot, er ist nur ziemlich verschüttet. Raines hat gute Arbeit geleistet.”

"Was genau hat er mit Lyle gemacht?”

"Das gleiche, was er mit Kyle gemacht hat, nur daß Kyle – nun er war stärker als Bobby, und er hatte ausgeprägte Pretenderfähigkeiten, Bobby hatte kaum welche. Bobby wurde weggeschickt, weil er nicht gut genug war. Sie haben ihm gezeigt, was normale Kinder haben sollten: liebende Familien, Freiheit, Freunde… Er war nicht gut genug, um ein Pretender zu sein und nicht normal genug, um … Sie haben ihn mit Absicht in bestimmte Häuser geschickt, es war ein Projekt, Verhaltensforschung. Und das hat ihm den Rest gegeben. Er war gebrochen und dann kam Lyle.” Sam setzte sich wieder aufrecht hin. Jarod sagte nichts, er dachte an seinen Bruder, wieviel Wut und Hass anerzogen worden war. Doch Kyle konnte sich aus Raines Einfluß entziehen, er hatte die Chance wahrgenommen. Er bezweifelte, daß Lyle das auch konnte.

"Ich traue ihm nicht!” sagte er laut.

"Bist du verrückt, das wäre dein Todesurteil!” Sam knuffte ihn in die Seite und schüttelte den Kopf. "Du kannst ihm nicht trauen. Noch nicht.” flüsterte sie. Sie versuchte zu schlafen.
Teil 8 by Dara
Die meisten Figuren dieser Geschichte gehören nicht mir, wem auch immer,mir nicht! Die anderen, die mir gehören, gehören mir ganz allein! DieseGeschichte wurde geschrieben, weil ich gerne schreibe, nicht weil ich damit Geld verdienen will!



Die vergessene Akte
Teil 8
von Dara





"Sehen Sie sich das an, Sydney!”

Miss Parker zeigte dem Psychiater ein Photo. Lyle hatte es ihr gegeben.

"Ist das Sam?”

"Sam mit Bobby! Syd, er ist eigenartig. Er klang richtig nett!” Sie spuckte das Wort fast aus, so schwer kam es über ihre Lippen.

"Das klingt interessant!” murmelte Sydney.

Broots blickte über seine Schulter und betrachtete das Bild: "Sie sehen so aus, als wären sie ganz normale Kinder, die einen Streich aushecken!” meinte er. Dann wandte er sich wieder seinem Computer zu. Zur Zeit gab es ziemlich viele Veränderungen im Centre: Lyles Verhalten, Miss Parkers Sinneswandel, Angelo. Broots fühlte sich unwohl, doch er wußte nicht, weshalb. Er fürchtete sich vor dem Tag, an dem das Triumvirat oder Mister Parker diese Veränderungen erkennen würden. Das dürfte ziemlich unangenehm werden. Broots rief sich zur Besinnung; er grübelte mal wieder zuviel. Er sollte doch nach Jarod suchen. Als ob das so einfach wäre: Jarod fand man nur, wenn Jarod sich finden lassen wollte! Broots durchsuchte den Speicher noch mal nach irgendeinem Hinweis ab, dann stutzte er.

"Was ist denn das für ein Programm?” fragte er laut. Miss Parker sah ihn an.

"Was ist los, Broots?”

"Hier ist ein Programm aktiv, aber ich kann nicht erkennen, welche Funktion es hat.”

Seine beiden Vorgesetzten kamen näher.

"Können Sie die Programmierung entschlüsseln?”

"Es ist ein ziemlich einfach strukturiertes Programm, eine alte Programmiersprache.” Er öffnete die Datei im Programmiercode. "Oo, da hat jemand ein Schnüffelprogramm geschrieben!” Broots versuchte den Sinn hinter den Befehlen zu entdecken.

"Und was erschnüffelt es?” fragte Miss Parker neugierig.

"Ich bin mir nicht sicher: anscheinend kontrolliert es jede Datei auf Inhalt und schickt eine Kurzzusammenfassung zu einer bestimmten Adresse, und wenn ein Befehl eingegeben wird, schickt es die gesamte Datei zu dieser Adresse und speichert es dort.”

Er versuchte, etwas einzugeben. Eine Fehlermeldung erschien und sein Computer schaltete sich ab. "Doch nicht so simpel, wie ich gedacht habe!” murmelte Broots. Er war entschlossen, diese Datei zu knacken.

"Ich möchte wissen, welche Adresse das ist, Broots! Und keine Informationen an jemand anderen!” Miss Parker kniff kurz die Augen zusammen.

"Wo wollen Sie jetzt hin?” fragte Sydney. Er beobachte sie sehr genau.

"Nach Hause, ich brauche ein wenig Schlaf!” sie streckte sich . "Broots, das können Sie auch morgen machen, Debbie wartet sicher schon!” Sie legte ihre Hand auf Broots' Schulter. Der Techniker sah sie ungläubig an. Große Veränderungen!

"Sydney?” Parker gähnte unauffällig, "Können wir uns mal unterhalten?”

"Natürlich Parker!”

"Ich lade Sie zum Dinner ein!” Sie sah ihn bittend an.

"Gerne. Wollen Sie kochen?”

"Nein! Ich wollte anständig essen gehen!” lachte sie auf. Sie ging mit ihm zum Wagen.

Als sie losfuhren, sah Sydney sie fragend an: "Also, worüber wollten Sie mit mir reden?”

Sie schüttelte den Kopf und deutete auf ihr Ohr. Laut meinte sie: "Sie hatten mir doch mal ein Gespräch angeboten und ich würde es heute annehmen.” Sydney runzelte die Stirn; es mußte sehr wichtig für Parker sein, und es mußte privater Natur sein. Nichts, was das Centre anging. Er lehnte sich zurück und wartete.

"Von hier aus müssen wir noch ein Stück gehen, aber es ist nicht sehr weit!” Parker hakte sich bei ihm unter.

"Also Miss Parker, was wollen Sie mit mir bereden?”

"Nichts Spezielles, nur ein angenehmes Gespräch, ohne Lügen, ohne Schauspielerei.” Sie lächelte sanft. Dieses Lächeln kannte er nur zu gut von Miss Parker, als junges Mädchen voller Vertrauen und Liebe. Er hatte es schon seit Jahren nicht mehr so offen gesehen.

"Fühlen Sie sich wohl?” fragte er.

Sie holte tief Luft: "Ja, mir geht es gut!” Sie hörte in sich hinein. Ihr ging es wirklich gut. Sie hatte mit Sam über den Tod von Thomas gesprochen und über ihren Vater, über die Kindheit. Es hatte ihr gut getan, sie hatte sich zum erstenmal wirklich damit auseinandergesetzt. "Ich werde sie vermissen, Syd!” sagte sie dann auch.

"Ich gehe doch nicht weg!”

"Ich meinte auch Sam!” lachte sie. Sydney versuchte, sein neutrales Gesicht beizubehalten, doch das Geständnis überraschte ihn doch sehr. Er lächelte.

"Sie haben sich gut mit ihr verstanden.” Keine Frage, eine Feststellung.

"Sie beobachten wirklich gut, Sydney. Sie sehen wahrscheinlich mehr, als Sie jemals zugeben würden. Wir haben uns unterhalten. Sie hält nicht viel von Zurückhaltung, wenn sie etwas wissen will. Ich hab ihr von Thomas erzählt.”

Nun war Sydneys Überraschung perfekt. "Wirklich? Das ist gut, Miss Parker.”

"Sie sind nicht böse, das ich mich nicht Ihnen anvertraut habe?” Sie sah ihn fragend an. Er mußte zugeben, ein kleiner Stich war das schon, aber es war offensichtlich, daß Miss Parker darüber niemals mit ihm gesprochen hätte.

"Nun, ich… ich bin nicht von Bedeutung bei dieser Sache, es ist Ihr Leben, nicht meines!”

"Ich habe ihn geliebt, Sydney. Wirklich, er war.. er hat mich aus meiner Zelle befreit.” Er sagte nichts, er hörte nur aufmerksam zu. Sie mußte ihm wirklich sehr vertrauen, wenn sie ihm das erzählte. Ihm wurde warm ums Herz. "Aber wissen Sie, was mich etwas irritiert?” Sie sah ihn an.

"Was?”

"Sein Tod – ich hatte es fast vorausgesehen, ein Gefühl. Ich war mir sicher, sie würden etwas tun, um mich ans Centre zu binden. Und – obwohl ich diese Ahnung hatte, habe ich es nicht verhindert.”

"Sie dürfen sich nicht die Schuld für seinen Tod geben.”

"Das tue ich nicht – sie verstummte eine Sekunde – vielleicht tue ich es doch ein bißchen. Aber ich weiß, daß das Centre ihn getötet hat.” Sie verzog ihren Mund abfällig. "Sie hatten mich doch gefragt, wem ich traue?” Syd sah sie fragend an. "Ich traue Ihnen, Syd, mehr als meinem Vater. Also wenn ich ehrlich sein soll, ich traue meinem Vater nicht ein bißchen.” Sie überlegte kurz. Sydney freute sich über dieses Geständnis. Wenn er sich doch nur sicher sein könnte, daß Jarod ihm vertraute, daß er ihm verzieh. "Und das Eigenartigste ist… Wenn Sie das weitererzählen, muß ich Sie erschießen, Syd! Ich vertraue…” Sie stoppte vor der Tür des kleinen Restaurants, als ob sie es sich anders überlegt hätte. Doch dann fuhr sie fort. "Ich vertraue Jarod!” Sie sah ihm direkt in die Augen. Sydney wußte nicht, was er sagen sollte. Er lächelte nur. "Ach, kommen Sie, lassen Sie uns was essen!” Miss Parker zog ihn in das Restaurant, bevor er etwas antworten konnte.

***

"In 10 Minuten sind wir da!” Sam trommelte mit ihren Fingern auf dem Lenkrad.

Jarod schreckte aus seinem Dämmerzustand auf. "10 Minuten?” gähnte er. Er griff nach dem Handy und wählte eine Nummer.

Sam sah ihn ungläubig an: "Wen rufst du denn jetzt an?” Er legte den Finger auf den Mund. Eine verschlafene Stimme meldete sich: "WAS?”

"Parker, habe ich Sie geweckt?”

Sam grinste, diese unschuldige Miene war einfach köstlich.

"Nun, ein normal denkender Mensch könnte auf die Idee kommen, daß Leute um 3 Uhr morgens in der Tat schlafen!” kam eine gereizte Antwort. Jarod stellte sich Miss Parker vor, mit halbverschlafenen Augen und im Pyjama. Nein, er sollte sich konzentrieren. "Es tut mir wirklich leid, ich wollte mich nur erkundigen, wie Daddy die Nachricht aufgenommen hat.”

Miss Parker war längst nicht so verschlafen, wie sie sich stellte. Sie hatte auf diesen Anruf gewartet; sie lächelte. "Och, ich weiß nicht, ich habe gestern früher Feierabend gemacht.”

Jarod stutzte: "Wo doch die Laborratte in Blue Cove war?”

"Oh, jetzt weiß ich, was ich vergessen habe, in meinem Bericht zu erwähnen!”

Jarod grinste: "Sie haben Daddy nichts von unserem kleinen Treffen erzählt?”

"Ich gehe mal davon aus, daß er es sowieso schon wußte!” sagte sie. Allmählich machte ihr dieses Spiel Spaß. Sie schlich mit nackten Füssen runter in ihre Küche. "Jarod, wegen dir kriege ich noch eine Erkältung.”

Jarod stutzte, sie hatte ihn eben geduzt. "Dann solltest du nicht mitten in der Nacht durch das Haus streifen.”

"Wenn man mich mitten aus den schönsten Träumen reißt, muß man auch damit rechnen, daß ich durstig werde.”

"Keinen Scotch mitten in der Nacht, Parker!”

"Wer will mir das verbieten?” Sie nahm ihr Glas und tat geräuschvoll einige Eiswürfel hinein.

"Du solltest wirklich nicht soviel trinken..” Jarod war besorgt.

Sie verkniff sich ein Lächeln und schlürfte genußvoll ihren Orangensaft. "Ich brauch etwas zur Beruhigung!” Ihr entfuhr doch ein Kichern.

Nun war Jarod wirklich überrascht. Nachdenklich schaute er aufs Handy. Hatte Parker eben gelacht? "Parker, was tust du da gerade?”

"Gute Nacht, Jarod!” sie legte auf und grinste zufrieden. Sie schloß die Augen und stellte sich Jarod vor. Sam hatte recht, diese Spielchen machten Spaß.

"Und sich über mein Telefonat mit Lyle aufregen!” Sam grinste anzüglich. Sie hielt vor einer Hütte an. Der Truck stand in einer Scheune daneben. Die Kinder stürmten ihnen entgegen. "Gott, ich bin saumüde, ich schlafe gleich ein,” stöhnte Sam. Sie umarmte Kay und Jack. Jay stand daneben und beobachtete sie. Als Sam Jack losließ, umarmte sie ihn auch. "Gut, euch wiederzusehen.” Jay zögerte erst, bevor er die Umarmung erwiderte. Jarod lächelte ihn aufmunternd an. "Ich leg mich erst mal schlafen!” Sam löste sich aus der Umarmung und schlurfte zur Hütte. Jay sah ihr hinterher. Kay und Jack hatten Jarod in Beschlag genommen.

"Jay, komm her, Jarod erzählt uns, was passiert ist!”

***

"Ein Glück, ihr seid hier; viel länger hätte ich das nicht durchgestanden.” Major Charles stand in der Tür und hielt eine dampfende Tasse Kaffee in der Hand. Er hatte die Begrüßung beobachtet.

Sam lächelte, als sie ihm entgegen kam. "Anstrengend, was?”

Major Charles runzelte die Stirn. "Anstrengend ist gar kein Ausdruck, die drei fragen einem Löcher in den Bauch, und ich habe von der Hälfte der Themen keine Ahnung.”

Sam nickte nachdenklich: "Sie brauchen eigentlich jemanden, der Erfahrung mit Pretendern hat. Nur ein Pretender kann einen Pretender erziehen.”

"Ich glaube nicht, daß Jarod glücklich dabei wäre, sich nur auf Jay zu konzentrieren. Wenn er den Menschen nicht mehr helfen kann…” Major Charles schüttelte den Kopf. "Aye, das dürfte schwierig werden. Ich persönlich habe die letzten 8 Jahre so zugebracht, bin immer wieder umhergezogen…”

Sam nahm dem älteren Mann die Tasse aus der Hand und nahm einen Schluck. "Aber ein Mentor…” Sie überlegte laut. Als sie das bemerkte, verstummte sie. Major Charles sah zu, wie sie ins Innere des Hauses verschwand. Etwas ging in ihr vor. Sie hatte den gleichen Gesichtausdruck wie Jay, wenn er was ausheckte.

"Dad, alles in Ordnung?” Jarod kam mit den 3 Kindern im Schlepptau zur Tür.

"So lange das Centre nicht weiß, wo wir sind…” Er schauderte kurz; er hatte seine Familie und sein Leben an das Centre verloren.

"Das werden wir gleich checken.” Die beiden Jungs liefen an ihnen vorbei ins Haus. Sekunden später konnte man sie in der Küche rumoren hören.

Kay klopfte sich grinsend auf den Magen: "Fütterung der Raubtiere!” Sie folgte den Jungs langsam.

Jarod sah seinen Vater fragend an: "Was ist los?”

"Es ist wie bei einer echten Familie, deine Mutter wäre so …” Major Charles zuckte mit den Schultern. Er vermißte seine Frau und seine Tochter. Jarods Gesicht verzog sich schmerzlich.

"Wir werden sie finden, ich verspreche es!” sagte er leise und legte zögernd eine Hand auf die Schulter des Majors.

***

Sie gähnte laut auf und streckte ihre Arme weit von sich. Sie reckte sich. Sie glitt in ihre Pantoffeln und schlich sich leise aus dem Zimmer. Im Haus war es still, nur der Wind, der gegen die Fensterscheiben drückte, war zu hören. Sie knipste das Licht in der Küche an.

"Herrgott Jarod, was sitzt du denn hier im Dunkeln?"

"Ich wollte niemanden wecken." Er drehte die Tasse Tee langsam in seinen Händen.

"Kannst du nicht schlafen? Die Probleme hab ich auch manchmal!" Sam setzte sich neben ihn und sah ihn an. "Was schwirrt dir im Kopf umher?"

"Ich muß den Leuten doch helfen, ich sollte gar nicht hier sein." Er deutete zu einem kleinen, roten Notizblock. Sam runzelte die Stirn.

"Du bist nicht Superman, du kannst nicht überall sein. Und außerdem kannst du doch jederzeit wieder los!"

Er schüttelte den Kopf: "Ich kann doch Jay nicht allein lassen."

"Er ist nicht allein, er hat 2 Freunde, einen Großvater, und ich bin ja auch noch da!" Sam schüttelte ungeduldig den Kopf. "Ich weiß wirklich nicht, warum du es so kompliziert machen mußt. Geh, tue was du tun mußt und dann sehen wir weiter."

Jarod sah sie nachdenklich an: "Denkst du bei deinen Handlungen nie an andere?"

"Selten!" Sam schürzte die Lippen, "Ich denke an Kay und Jack, aber ich kann sie nicht hundertprozentig beschützen. Der beste Schutz ist, ihnen zu zeigen, von wo und von wem Gefahr droht und wie sie sich selbst schützen können. Du kannst sie nicht jede Sekunde in den Augen behalten, nicht immer ihre Hand nehmen." Sam gähnte kurz, "Geh und lebe, du hast viel nachzuholen. Ich beschäftige mich mit Jay, solange ich kann. Der nächste Spielzug wird wohl noch eine Weile dauern!" Sie grinste.

Jarod sah sie fragend an: "Der nächste Spielzug?"

"Mit dem Centre. Denkst du, ich habe es mir anders überlegt, nur weil das Centre jetzt weiß, daß ich noch lebe?" Sie schnaufte verächtlich.

"Was hast du vor?" fragte Jarod argwöhnisch. "Nichts Weltbewegendes, ein paar kleine Spielereien." Das Grinsen in ihrem Gesicht schien sich einzupflanzen.

***

"Bobby, was tust du hier? Du könntest erwischt werden!" Sie winkte ihn zu sich. Ihr Haar wehte. Er versuchte zu antworten, doch es kamen keine Worte heraus. Eine andere Stimme kam aus dem Hintergrund.

"Du mußt sie töten, sie gefährdet die Kontrolle!" Er sah sie verzweifelt an. Ihr weißes Nachthemd war so dünn, sie würde sich erkälten. Er ging einen Schritt auf sie zu. Sie wich zurück, ihre Augen starr auf ihn gerichtet.

"Woher weiß ich, daß du es bist?" Hinter ihr trat eine Gestalt aus den Schatten, ein Mann mit seinem Gesicht. Er lächelte ihn teuflisch an. Noch ein Schritt. Der Andere war schneller, er hielt sie fest. Sie war jetzt älter, aber immer noch wehte ihr langes Haar, und das weiße Nachthemd flatterte im Wind. Der Andere hielt sie fest, ein Messer an ihrem Hals. Er stoppte voller Panik, er durfte ihr nicht weh tun.

"Ich werde sie töten, damit wir die volle Gewalt haben!" Der Andere strich mit der anderen Hand über ihre Brust.

"Das darfst du nicht!" Endlich konnte er reden.

"Ich muß, Raines hat gesagt, alles, was du liebst, muß weg!" Seine Hände strichen über ihren Bauch. Sie wehrte sich nicht, sah ihn nur an. Diese grünen Augen!

"Du mußt dich entscheiden, Bobby. Wer bist du? Du mußt diese Simulation beenden, Bobby. Du hast dich verloren!"

Der Andere lachte höhnisch. "Hör auf damit, sie gehört mir!"

"Wir müssen sie töten, Bobby, sonst verlieren wir die Kontrolle und dann tun sie uns weh!"

"Nein, wir töten sie nicht." Der Andere funkelte mit den Augen und er drückte das Messer fester an ihren Hals.

"Ich sagte, hör auf!"

"Oder was?" Der Andere lachte herausfordernd. Eine kleine Linie Blut lief an ihrem Hals entlang.

"Mein Name ist Bobby, ich bin ein Pretender. Du bist Eduard Lyle Pioro. Du hast im Jahre 1943 in Hongkong gelebt, Du hast 15 Frauen gefoltert und umgebracht!"

"Hör auf!" Der Andere schrie unter Schmerzen, sein Gesicht veränderte sich, er wurde älter, die Haare veränderten die Farbe. Seine Gestalt krümmte sich. "Du tötest mich!"

"Ich bin Bobby, ich bin ein Pretender, ich habe mich in dich hineinversetzt, ich will diese Simulation abbrechen, ich bin Bobby, ich bin ein Pretender." Der Andere schrie lauter und lauter. Sie stand am Rande und starrte auf ihn herab. Ihr Lächeln war warm, ihre Haare wehten im Wind.

***

Lyle schreckte auf. Er atmete tief ein. Ein Traum. Er hatte einen trockenen Mund. Langsam rutschte er vom Bett und ging ins Bad. Er ließ das Wasser laufen und trank gierig. Schließlich wusch er sich noch das Gesicht mit dem kalten Wasser. Als er nach dem Handtuch griff und sich abtrocknen wollte, fiel sein Blick auf den Spiegel. Eine Weile verharrte er im Schock.

"Mein Name ist Bobby, ich bin ein Pretender!" murmelte er lautlos. Er starrte in seine Augen. Sein Daumen, der ihm fehlte, begann zu jucken. Er sah fassungslos auf seine Hand. Eine Träne lief über sein Gesicht.

"Mein Name ist Bobby!"

Er schloß seine Augen und atmete tief durch.

***

"Broots!"

Ms. Parker kam mit energischen Schritten auf den Techniker zugelaufen.

"Miss Parker?"

"Ich brauche eine kleine Unterstützung!" Sie zog ihn mit sich.

"Was haben Sie vor, Miss Parker?"

"Ich habe einen Hinweis, wo sich diese Sam mal aufgehalten haben könnte und vielleicht gibt es eine Spur, wo sie sich jetzt befindet!"

"Aber wir dürfen doch gar nicht..."

"Mich interessiert nicht, was wir nicht dürfen, Broots. Ich will das jetzt überprüfen!" Miss Parker schüttelte ungeduldig den Kopf.

"Nach was suchen wir eigentlich?"

"Nach sämtlichen Dateien, die interessant sind für mich!" Miss Parker lehnte sich hinter Broots, der nervös auf einen Monitor starrte.

"Aber..."

"Kein Aber, ich will sämtliche Dateien, alles was das Centre verändert hat, gelöscht hat. Ich will alle Daten, die auf diesem Computer sind oder mal waren und ich weiß, daß Sie ein Genie sind, was Computer betrifft!" Sie waren in Miss Parkers Haus; im Wohnzimmer stand dieser alte Computer. Sie hatten ihn aus dem Sublevel 4 herausgeschmuggelt. Ein alter Rechner - Broots vermutete, daß er früher mal als Speicher für das Intranet des Centres fungiert hatte. Warum hatte er diese Vermutung bloß laut ausgesprochen, als sie in SL 4 nach Hinweisen über diese Sam gesucht hatten? Er seufzte laut auf.

"Stöhnen Sie nicht, Broots, Sie machen das schon. Denken Sie doch nur mal, wie schön Sie Raines eins auswischen können." Miss Parker lächelte kalt. Broots mußte grinsen. Oh, er konnte Raines überhaupt nicht ausstehen.

***

"Lyle, melde dich doch bitte mal!" Mister Parker sah auf den Telefonhörer, nachdem er aufgelegt hatte. Mr. Lyle, sein Sohn, war nicht zur Arbeit erschienen, keine Entschuldigung, keine Anforderung von Sweepern, keine Nachricht, nichts. Nur der Anrufbeantworter war an. Natürlich hatte sich dieser machthungrige, junge Mann schon öfters mal die Freiheit genommen, für Tage zu verschwinden. Aber jedesmal mußte man darauf achten, was er plante. Mister Parker spitzte seinen Mund. Lyle wollte seine Macht im Centre aufbauen und schien sich auf Mr. Parkers Sessel zu konzentrieren. Er war gefährlich, aber er war auch gut. Er war centreloyal, loyaler als seine Schwester. Mr. Parker war sich nicht sicher, ob seine Tochter noch unter seiner Kontrolle stand. Nein, sie arbeitete nur hart, sie wollte unbedingt raus aus dem Centre, deshalb konnte man sie so gut manipulieren. Sie würde früher oder später Jarod fangen. Nein, sie war ungefährlich. Lyle war da mehr zu beobachten. Was hatte er vor? Mr. Parker kniff die Augen zusammen und rief einen Sweeper zu sich.

***

Der schwarze Wagen stand 100 Meter hinter einem Baum versteckt; der Fahrer hielt ein Fernglas in der Hand und beobachte das Haus. Lyle schleppte einen großen Sack mit Papier auf den Vorgarten, er schüttete alles zu einem Haufen. Dort lagen schon Kartons, Kleidung, ein kleines Regal und andere Dinge gestapelt. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn, holte ein Feuerzeug heraus und zündete den Stapel an. Das Feuer breitete sich schnell aus. Lyle beobachtete die Flammen, die sich ihren Weg durch das Papier fraßen. Er zog seine schwarzen Lederhandschuhe aus und schmiß sie ins Feuer. Der Fahrer im schwarzen Wagen holte ein Handy hervor.
Teil 9 by Dara
Die meisten Figuren dieser Geschichte gehören nicht mir, wem auch immer,mir nicht! Die anderen, die mir gehören, gehören mir ganz allein! DieseGeschichte wurde geschrieben, weil ich gerne schreibe, nicht weil ich damit Geld verdienen will!



Die vergessene Akte
Teil 9
von Dara




Tapp, tapp. Sam schrak von ihrem unruhigen Schlaf auf. Irritiert sah sie sich um. Sie war nicht im Centre. Mühsam blinzelte sie in das Licht. Sie rieb sich ihre Augen und gähnte.

Tapp, Tapp. Wieder dieses eigenartige Geräusch. Sam glitt leise aus dem Bett. Sie schlich sich zur Tür und öffnete sie einen Spalt. Sie erspähte noch den Umriß einer kleinen Gestalt, die vom Dachboden ins Kinderzimmer schlüpfte. Ein Rascheln folgte.

"Was heckt ihr Banausen eigentlich wieder aus?" knurrte Sam müde. Sie blinzelte heftig. Gerade, als sie sich wieder hinlegen wollte, kam Kay aus dem Kinderzimmer geschlichen und tapste wieder zurück auf den Dachboden. Sie hatte keine Schuhe an oder Socken, nur mit ihrem Nachtanzug war sie bekleidet. Sam murmelte etwas und ging leise zum Kinderzimmer. Es war leer. Keines der drei Kinder lag in seinem Bett.

"Verdammte Brut!" Sam war ein ausgesprochener Morgenmuffel und haßte es, früh aufzustehen. Sie schnappte sich die erstbesten Pantoffeln, die ihr im Wege lagen und machte sich auf den Weg zum Dachboden.

***

"Du mußt den roten Draht doch haben, ich hab ihn dir eben gerade in die Hand gedrückt!" Kay zischte Jack leise an. Sie hockten auf den Bodenplatten, um sich herum eine Vielzahl von Drähten, Mikrochips, Schrauben und anderen Dingen verstreut. Jay sah sich suchend um. Er pickte eine Rolle aus dem Müll.

"Ich hab ihn!" Er hob ihn triumphierend in die Luft. Kay riß ihn ihm ungeduldig aus der Hand.

"Wir müssen endlich fertig werden, bald werden die anderen wach!"

"Das, meine Herrschaften, ist bereits eingetreten!" Sams laute Stimme durchbrach das Geflüster. Die Kinder schraken zusammen.

"Mensch, hast du mich erschreckt!" jauchzte Jack.

"Was zum Teufel macht ihr hier oben, jeder normale Mensch liegt um diese Uhrzeit im Bett! Und wenn ihr schon hier hoch müßt, um diese zum himmelschreiende Zeit, dann zieht euch gefälligst was Warmes an!" donnerte Sam ungerührt. Sie schmiß Kay die Hausschuhe vor die Füße und versuchte gar nicht erst, ihre schlechte Laune zu verstecken. Jay machte ein ganz unglückliches Gesicht. Er war solche Ausbrüche nicht gewohnt. Die anderen beiden hingegen schienen sich nichts daraus zu machen.

Jack runzelte die Stirn. "Du solltest Dich wieder hinlegen, Mum. Sonst hast du den ganzen Tag schlechte Laune!"

Sam starrte ihn an. Sie wollte etwas erwidern, überlegte es sich jedoch anders. Statt dessen deutete sie auf das halbfertige Gerät in der Mitte: "Was wird das, wenn es fertig ist?"

"So was Ähnliches wie ein Modem, wir sind noch am rumbasteln!" nuschelte Jack undeutlich. Es war offensichtlich, daß er das Geheimnis nicht preisgeben wollte. Jetzt war Sam an der Reihe, die Stirn zu runzeln, aber sie hakte nicht nach. Sie war viel zu müde, um sich Gedanken über das Spielzeug ihrer Kinder zu machen.

***

"Guten Morgen!" Miss Parker nickte abgelenkt zurück. Eine Sekunde später stoppte sie abrupt. Sie sah irritiert zurück, zu dem Mann, der ihr ´Guten Morgen` gewünscht hatte.

"Lyle?" Sie wollte ihren Augen nicht trauen. Da stand ein junger Mann vor ihr. Es war definitiv Lyles Gesicht, aber irgendwas war anders. Sie musterte ihn von oben bis unten.

"Miss Parker!" Er lächelte und wollte weitergehen. Sie ergriff seinen Arm.

"Was hast du vor? Was soll dieser Aufzug?" Sie deutete auf seine Aufmachung. Er hatte eine verwaschene Jeans an, braune, abgewetzte Schuhe und zu guter letzt ein Holzfällerhemd. Seine Haare waren ein wenig durcheinander geraten. "Ist dir das Haargel ausgegangen?" fragte sie zynisch. Lyle sah sie fragend an, dann schien er die Frage verstanden zu haben. Er fuhr sich – war das Verlegenheit? - durch das braune Kurzhaar und lachte leise.

"Ach das, nein, ich mochte es einfach nicht mehr!"

"Und wo ist dein Anzug geblieben?"

"Der? Ist in der Reinigung!" Er lächelte sie noch mal an und ging dann. Parker starrte ihn verblüfft hinterher. Sydney , der soeben um die Ecke gebogen kam, folgte ihrem Blick.

"War das eben Mr. Lyle?" fragte er sie ebenso irritiert.

"Ich bin mir nicht sicher, Syd. Absolut nicht sicher!"

"Hmmmmh...", ein tiefer keuchender Atemzug. Mr. Raines kam den Gang herunter. Miss Parker verdrehte die Augen.

"Der hat mir gerade noch gefehlt."

Syd setzte sein nichtssagendstes Lächeln auf, auch er war nicht erpicht darauf mit Raines zu sprechen.

"Haben Sie irgend etwas Neues von Jarod gehört?"

Parker mußte sich stark zusammenreißen. In letzter Zeit konnte sie schon nicht mal mehr Raines Stimme ertragen, ohne daß sich ihre Hände unwillkürlich verkrampften.

"Nein, noch nichts, außer die üblichen Telefonanrufe, die uns nicht viel weiterbringen."

"Haben Sie Ihren Bruder in letzter Zeit gesehen? Er ist gestern nicht zur Arbeit erschienen."

"Lyle ist vorhin an mir vorbeigegangen. Keine Ahnung, wo er jetzt ist!"

"Wenn Sie ihn noch mal sehen, richten Sie ihm aus, daß ich mit ihm sprechen will!"

"Ich bin nicht die Post, suchen Sie sich doch einen Ihrer Kraftbolzen aus, damit der Lyle holt!" Parker wandte sich ab und ging. Sydney folgte ihr still.

"Ich hab was gefunden, Miss Parker." Broots tippte eine kurze Zahlenfolge in den PC ein, dann sah er hoch. "Also, die Datei ist schon ziemlich alt. Eine sehr eigenartige Programmiersprache, als wenn sich jemand die selbst entwickelt hätte. Ich habe ziemlich lange gebraucht, um das Prinzip zu entschlüsseln! Also, die Datei geht außerhalb des Systems. Wenn mich nicht alles täuscht, dürfte irgendwo eine exakte Kopie von jeder Centredatei existieren. Jemand hat sämtliche Daten über das Centre. Und damit meine ich wirklich alle: auch die, die hier schon längst gelöscht sind. Dieses Programm formatiert eine Sicherheitskopie von jeder Datei, sobald sie geschrieben wird. Sämtliche Änderungen werden an die ursprüngliche Datei angehängt, das heißt alle Daten bleiben zugreifbar."

"Alle?"

"Alle! Aber das ist noch nicht alles! Ich habe am Ende der Datei noch einen kleinen Anhang gefunden und zwar mit einer anderen Programmiersprache!"

Parker sah Broots fragend an. "Wie darf ich das verstehen?"

"Jemand hat dieses Programm gefunden und seine eigene Signatur angehängt. Längst nicht so gut kodiert wie der erste Teil. Mit diesem Teil werden sämtliche Dateien mit einer Sicherheitsstufe über 4 kopiert und zu einer internen Adresse weitergeleitet." Wie eine Pause zur Erhöhung der dramatischen Spannung erschien das Luftholen von Broots.

"Kommen Sie schon, zu welcher Adresse gehen diese Dateien?"

"Lyles, allerdings nicht seine offizielle, sondern eine Pseudoadresse. Bobby Seven, eine Adresse eingerichtet schon vor über 15 Jahren. Erst hab ich gedacht, das ist eine Adresse, die man vergessen hat zu löschen, aber dann hab ich die Logdatei gelesen. In den letzten 3 Jahren hat sich fast wöchentlich jemand darin eingeloggt, und zwar von Mr. Lyles Büro aus!" Broots schluckte schwer.

"Jetzt wissen wir woher er die vielen Informationen hat. Aber wir wissen immer noch nicht, wer die anderen Daten bekommt."

"Vielleicht auch Lyle!" Broots zuckte mit den Schulten.

"Dann hätte er sich nicht die Mühe gemacht, den zweiten Teil der Programmierung zu schreiben! Außerdem ist es doch ein großes Risiko, gerade durch den zweiten Teil kann man ihn identifizieren."

"Also , wer immer dieses Programm geschrieben hat, war ziemlich – äh – gut !"

Parker sah ihn an. "Jarod?"

"Oder Samantha!"

Sydney wog nachdenklich den Kopf. "Jarod war es bestimmt nicht, dann hätte er ja viele der Daten, die er von uns fordert. Außerdem wüßte ich das!"

"Also dann hat Sam etwas, was für Jarod sehr wichtig ist. Wenn Jarod davon erfahren würde...." Sie sprach diesen Gedanken nicht aus, sah Sydney nur an.

***

"Guten Morgen!" Samantha gähnte und wankte unsicher in die Küche. Sie hätte noch 10 Stunden weiterschlafen können.

"Na, wie ist deine Laune jetzt?" fragte Kay vorsichtig und nagte an ihrem Toast.

"Besser als vor ein paar Stunden! Wenn ich jetzt bitte eine Schüssel Cornflakes kriegen könnte!"

Mit skeptischem Blick reichte ihr Jack eine Schüssel und die Milch. Er warf einen bedeutungsvollen Blick zu seiner Schwester. Die nickte leicht.

"WAS ist?" fauchte Sam und sah die beiden ungeduldig an. "Was immer ihr ausheckt, was immer ihr bastelt, wen immer ihr ärgern wollt - SAGT endlich, was ihr wollt!"

Kay biß sich auf die Lippe. "Mum, können wir an den Computer im Keller?"

Sams Gesicht verdüsterte sich noch mehr. "Was wollt ihr da machen?"

"Ähm, das können wir dir noch nicht sagen!"

"Okay, ich will mal was klarstellen. Wenn ich euch auch nur in Richtung Keller blicken sehe, gibt’s Ärger! Ich will nicht, daß ihr dahin geht, verstanden? Solange ich nicht weiß, was ihr da ausheckt, kein Keller. Und sollte ich mir das noch anders überlegen, dann werde ich euch garantiert nicht alleine darunter gehen lassen! Gerade jetzt, wo das Centre auf uns aufmerksam geworden ist, müssen wir vorsichtiger werden."

Die beiden verzogen das Gesicht.

"Ihr könnt den PC im Truck benutzen!" lenkte Sam ein, als sie die Gesichter sah, "Der ist genauso schnell und hat ebenfalls eine hohe Speicherkapazität. Der Computer im Keller ist mit einer Daueraufgabe weitgehend ausgelastet."

Kay und Jack sahen sich an: "Der dürfte reichen!" Ihre Gesichter erhellten sich wieder. Sie wollten vom Tisch aufstehen und rausgehen, doch Sam rief sie wieder zurück: "Zuerst zieht ihr euch was anderes an, im Pyjama geht ihr mir nicht vor die Tür! Außerdem keine Verbindung mit dem Centre. Dort dürften zur Zeit sämtliche Techniker Überstunden schieben! Wir wollen doch diese Hütte nicht in die Aufmerksamkeit lenken!" Die beiden nickten kurz und rannten nach oben. Sam gähnte und schaufelte die Cornflakes herunter.

***

Jarod wachte plötzlich auf. Benommen sah er auf die Uhr. So lange hatte er schon lange nicht mehr geschlafen. Er rieb sich die Augen. Auf dem Flur konnte er Kindergetrampel hören. Er blinzelte und ging ins Bad. Mit geschlossenen Augen ließ er das Wasser über seinen Körper laufen. Warm und weich lief es seinen Rücken herunter. Gerade als er wieder aus der Dusche trat, konnte er schon wieder hören, wie jemand den Flur entlang rannte.

"Die haben es aber eilig!" murmelte er und zog sich seinen schwarzen Pullover über den Kopf. Gemächlich ging er mit seinem Laptop unterm Arm zur Küche. Dort traf er auf Samantha.

"Morgen!"

Sie knurrte nur eine kurze Antwort und konzentrierte sich wieder auf die Zeitung. Er setzte sich, nachdem er sein Laptop mit dem Telefon verbunden hatte. Während er frühstückte, surfte er im Internet. Er stutzte und murmelte etwas.

"Was ist los?" Sam sah auf.

"Ich brauche nicht mehr in den Süden, das hat sich von alleine geregelt!" antwortete er nachdenklich. Jarod holte Luft und las laut vor "...Im Fall der elf-jährigen Fatima Skymal, die vor einem Monat vergewaltigt und verstümmelt wurde, hat sich gestern eine dramatische Wende ereignet. Wie wir in den vergangenen Wochen berichteten, hatte die Polizei den Vater des Mädchens der Tat bezichtigt und eingesperrt. Gestern hat die Polizei am späten Nachmittag nun einen Arbeitskollegen von Mohammed Skymal verhaftet. Wie der Polizeisprecher verlauten ließ, konnte die Polizei dank eines anonymen Informanten die wahren Ereignisse rekonstruieren. Der unbekannte Informant hatte per Email eine detaillierte Beweisführung gegen Aron Packard geschickt. Laut einem Insiderinformanten unseres Reporters vermutet die Polizei, daß ein Privatdetektiv in der Sache ermittelt hat, aber nicht erkannt werden will. Die Familie der kleinen Fatima ist wieder glücklich vereint und der Vater sagte in einem kurzem Interview: ‘Wir haben diesem Unbekannten soviel zu verdanken. Niemand hat mehr geglaubt, daß ich unschuldig war, und meine Fatima kann nun endlich wieder sicher sein.‘ Als weiteres Wunder kann vermerkt werden, daß jemand 50.000$ auf das Spendenkonto überwiesen hat, daß die lokalen Sender eingerichtet hatten, für die Wiederherstellung von Fatimas Gesicht, das bei dem Überfall so schrecklich entstellt wurde..."

Jarod zeigte Sam zwei Fotos, eins von der Familie, und ein Foto des Mädchens mit verschiedenen Narben im Gesicht.

"Tja, da hat wohl jemand deine Anwesenheit unnötig gemacht!" Sam grinste.

"Ich glaube es einfach nicht, die haben sich einfach mein Buch geschnappt und haben die Informationen..."

"Laß den Kindern doch den Spaß, solange der Job gemacht wird..." Sam winkte kurz ab. Jarod zögerte kurz und nickte dann. Er trank etwas Kaffee und checkte seinen Mailbox.

***

"Ich hab’s!" Kay schrie laut auf. "Gott, ich hab sie! Ahhhhh! Ich bin so gut!" sie tanzte überschwenglich herum. Jack steckte seinen Kopf in die kleine Kabine.

"Was schreist du denn so?"

"Ich hab es!" sie sah ihn an und zog eine Grimasse. Jacks Augen wurden größer, und er umarmte sie überschwenglich. Zusammen hüpften sie in der kleinen Kabine auf und ab.

"Sie hat es, sie hat es. Wir haben es, wir haben es!"

Jay stand in der Tür, er sah stark irritiert auf das Verhalten der anderen beiden.

"Komm her Jay, wir haben es." Kay winkte ihn zu sich und dann hüpften sie zu dritt.

"Und was genau habt ihr?"

"Na, das, was wir gesucht haben! Was wir jetzt schon seit 3 Tagen suchen!" Jay hatte immer noch keinen blassen Schimmer.

"Ihr habt meine Familie gefunden?" Kay hörte auf zu hüpfen.

"NA, so ungefähr! Kommt, ich zeig es euch!"

***

"Was Neues, Broots?" Parker setzte sich auf den Tisch.

"Nicht direkt!" Er sah sie an: "Keine Nachricht von Jarod oder Samantha. Keine Pakete oder so was in der Art. Angelo hat sich seit Tagen nicht mehr blicken lassen, und mit der Datei komm ich einfach nicht weiter!" Er seufzte resigniert.

"Sie sollten einfach mal nach Hause fahren, Broots. Ein Wochenende kann das Centre auch mal auf sich allein aufpassen. Debbie wird sich freuen, wenn sie mal wieder ein paar Tage mit ihrem Daddy verbringen kann." Parker massierte sich den Nacken.

"Was werden Sie tun, dieses Wochenende?"

"Ich werde mal mein zu Hause ein bißchen auf Vordermann bringen!"

Broots erhob sich schwer aus seinem Stuhl. "Ich gehe dann mal!"

"Schönes Wochenende, Broots, und grüßen Sie Debbie von mir!"

In Dr. Greenes Büro war auch noch Licht. Parker richtete sich auf und ging auf das Licht zu.

"Syd, Sie sind ja auch noch hier!"

"Ich muß noch ein paar Akten bearbeiten, Parker!" Der Psychiater sah von seinem Schreibtisch auf.

"Haben Sie dieses Wochenende was Besonderes vor?"

"Ich wollte Michelle besuchen und Nick. Wollen Sie mitkommen?"

"Nein, Familienwochenenden gehören der Familie. Hat sich Jarod inzwischen mal wieder gemeldet?"

"Nein, kein Anruf seit dem Tag, als Sam verschwunden ist. Ich wünschte, er würde sich regelmäßig melden."

"Keine Sorge, die Laborratte wird sich schon wieder melden, wenn ihr der Sinn danach steht", grinste Parker sarkastisch. Allerdings war sie auch ein wenig beunruhigt. Er war mit Sam unterwegs, das hatte sie im Gefühl. Warum meldeten sie sich nicht? Sie vermißte die nächtlichen Anrufe von Jarod. Was, wenn sich doch was zwischen Sam und.... Parker schüttelte irritiert den Kopf. Das ging sie doch gar nichts an, warum hackte sie bloß auf diesem Thema immer wieder rum? Energisch wischte sie diesen Gedanken weg und machte sich auf in ihr Büro. Nur noch ihre Tasche und ihre Jacke holen und dann konnte sie dem Centre für zwei Tage den Rücken kehren.

"Miss Parker, guten Abend!" Lyle lächelte, als er an ihr vorbei ging. Sie stutzte. Er rannte ja immer noch in diesem Aufzug durch die Gegend. Sie sah ihm nachdenklich hinterher, dann ging sie kurz entschlossen hinter ihm her. Sie hatte sich jetzt lange genug an der Nase herumführen lassen. Was immer dieser Bastard vorhatte, er würde es ihr jetzt sagen.

"Okay Lyle, ich will jetzt endlich wissen, was ...?" weiter kam Parker nicht, dann sah sie die Änderungen in Lyles Büro. Da waren Pflanzen im ganzen Zimmer. Kakteen standen am Fenster, eine große Palme in der Ecke. Das kalte Bild, das in jedem Büro des Centres hing, hatte jemand mit der Darstellung eines jungen Mädchens vertauscht. Parker sah genauer hin. Das war Samantha; sie hatte ein weißes Kleid an und ihre Haare wehten im Wind.

"Ich hab es malen lassen. Es ist wunderschön, nicht wahr?" Lyle trat aus seiner Toilette. Jedes Büro der Führungskräfte hatte ein eigenes Bad.

"Bist du ins Toilettenbecken gefallen?" fragte Parker zynisch. Ihr war schon ein wenig eigenartig zumute. Als ob Lyle total auf Sam fixiert war.

Lyle grinste scheu - das war doch scheu, oder? - und antwortete: "Ich hab mir nur die Haare naß gemacht, ich war gerade in der Sporthalle und hatte etwas trainiert!"

Wahrscheinlich stimmte das sogar. Parker sah ihn an. Er hatte wieder die alte Jeans an und ein Sporthemd. Um den Nacken hatte er ein kleines Handtuch geschlungen.

"Hat Raines was Besonderes von dir gewollt?"

"Ach, die Flasche wollte sich nur wieder wichtig machen!" winkte Lyle ab. Parker stutzte. Der Ton, die Haltung, einfach alles an Lyle stimmte nicht. Hatte er Raines eben als Flasche bezeichnet? So hatte Sam ihn doch immer genannt. 'Mit der Flasche arbeite ich nicht', das waren ihre Worte gewesen. Was ging hier vor? Sie musterte ihn noch mal genau.

Er sah sie fragend an: "Wollten Sie was Bestimmtes?"

"Ich wollte eigentlich nichts sagen, aber... Was immer du vorhast, Lyle, wen immer du täuschen willst, du solltest verdammt vorsichtig sein!" Sie hatte sich auf seinen Tisch gestützt und sich zu ihm gebeugt, als sie das sagte.

Er sah ihr in die Augen und kam ihr noch näher: "Würde es Ihnen etwas ausmachen, mich nicht immer mit Lyle anzusprechen? Mein Name ist Bobby!" Parker sagte nichts, sie starrte ihn nur an. Dann setzte sie sich vorsichtig in den Sessel, der für Gäste gedacht war.

"Ich hoffe, das bindest du nicht jedem auf die Nase!" Er sah sie fragend an. In Parkers Gehirn überschlugen sich die Gedanken. Sie überlegte krampfhaft. "Es ist für uns alle viel einfacher und auch ungefährlicher, wenn du diese Identitätskrise für dich behältst."

"Wie soll ich denn das verstehen? Ich habe nach Jahren endlich geschafft, wieder klar im Kopf zu werden und dann soll ich vorgeben, ich wäre immer noch Lyle?"

Parker schüttelte den Kopf. "Ich glaube einfach nicht, das ich das jetzt tun werde", murmelte sie vor sich hin. Dann stand sie auf und ging zu Lyles Platz. Sie setzte sich vor ihm auf den Tisch: "Paß mal auf, Bruderherz. Und denk ja nicht, das tue ich, weil ich dich leiden kann! Ich bin dir nur ungern etwas schuldig. Also an deiner Stelle würde ich niemanden zeigen, wer du bist. Diese Bobby-Geschichte wird dich nicht nur einen Daumen kosten, sondern wenn’s ganz schlimm kommt, dein Leben. Also wenn du nicht so wie alle anderen Laborratten des Centres enden willst, solltest du weiter so tun, als wärst du Lyle. Ich meine, damit bist du doch die letzten Jahre gut über die Runden gekommen!"

"Ich..."

"Hör gut zu, sollte Raines rauskriegen, daß sein kleiner Psychopath nicht mehr richtig funktioniert, wird er, nur aus Langeweile, dich wieder in sein Programm integrieren. Und das willst du doch sicher nicht, oder?"

Bobby/Lyle überlegte kurz. Er starrte auf das Bild. Parker beobachtete ihn fasziniert; das war wirklich nicht Lyle. Schließlich sah er sie an: "Heißt das, ich muß so wie du – er hatte jetzt das Sie wieder gewechselt – alles tun, worauf ich absolut keinen Bock habe? Und dieses absolut dämliche Spiel mitspielen?"

"Um mal eins klar zustellen, ich bin nicht wie du! Und zweitens muß ich darauf hinweisen, daß, falls du es vergessen hast, du dieses Spiel doch mit einer besonderen Vorliebe spielst!" Parker stand auf und ging zur Tür. Sie drehte sich noch mal um und sagte mit Nachdruck: "Ein schönes Wochenende, Lyle. Und komm mir nicht in die Quere!"

Bobby starrte auf die schwingende Tür. Nach einer Minute raffte er seine Sachen zusammen und eilte zu seinem Wagen. Er mußte nachdenken.

***

"WAS?" Parker blinzelte mit verschlafenen Augen auf die Uhr. Ein Uhr dreiundvierzig. "Wehe das ist nicht wichtig!"

"Aber, aber. Ich wollte doch nur mal hören, wie es meinem Lieblingsjäger so geht."

"Jarod!"

"Parker?"

"Du nervst!" sie mußte grinsen. Gott, sie hatte diese Anrufe zu lieben gelernt. Irgendwie schien er immer zu wissen, wann sie einen Alptraum hatte.

"Soll ich wieder auflegen?"

"Nein, jetzt bin ich wach!" Sie setzte sich auf.

"Wie geht es dir, Parker?"

"Kann nicht klagen, danke!" Sie zog ihre Bettdeck höher und stellte sich vor, wie er gerade aussah. "Und selbst? Wo bist du gerade?" fragte sie so unauffällig und beiläufig wie möglich.

"Netter Versuch, Parker. Wenn ich auch schon bessere von dir kenne!"

"Ich bin zu müde, um diese Spielchen auf einem so hohen Level zu spielen." Sie gähnte ins Telefon.

"Ich sag dann mal Tschüß, damit du wieder schlafen kannst!"

"Warte, ich hab eine Frage an dich!" Sie schloß die Augen, sie sah ihn vor sich, mit dem Telefon ans Ohr gedrückt. Sie konnte ihn atmen hören.

"Parker? Na los, frag schon, ich hab nicht ewig Zeit!"

"Was passiert, wenn man eine Simulation nicht mehr abbrechen kann?" Am anderen Ende war es ganz still. "Hallo, bist Du noch dran? Jarod?" Dann hörte sie etwas klicken. Verdammt, dieses Telefon war verwanzt. Sie wollte gerade was sagen, als Jarod auflegte. Sie sah auf die Uhr, das Gespräch hatte nicht länger als 2 Minuten gedauert. Ob sie diese Telefonate zurückverfolgen konnten? Es klingelte wieder. Miss Parker starrte auf den Hörer, den sie immer noch in den Händen hielt. Das Handy! Sie sah sich suchend um, bis es ihr wieder einfiel. Es lag in der Wohnstube. Sie eilte hinunter.

"Parker!" sie keuchte vor Anstrengung. "Jarod?"

Keine Antwort.

"Ich wußte nicht, daß sie die Telefone abhören. Ich..."

"Warum hast du mir diese Frage gestellt, Parker?" Sie atmete erleichtert aus.

"Sie interessierte mich nur!"

"Frag doch Sydney?"

"Du hast aber nun mal eben angerufen und nicht Sydney!" schnappte sie zurück. "Was für ein Problem ist es eigentlich, mir diese Frage zu beantworten?"

"Kein Problem, Parker. Du hast mich nur neugierig gemacht." Miss Parker ließ sich auf das Sofa fallen.

"Und?"

"Du hast mich nie gefragt, wie es ist, eine Simulation zu machen. Was interessiert es dich jetzt?"

"Vergiß es, ich werde..."

"Parker, ich sag es dir ja schon!" Jarod klang amüsiert. "Eine Simulation ist, als ob man mit dem Feuer spielt. Man sammelt sämtliche Informationen über jemanden und versetzt sich dann in denjenigen hinein. Man versucht die Gedankengänge des Objektes zu erfassen und zu verstehen und dann übernimmt man sie. Man schaltet sich selbst aus, man wird zu dem anderen. Manchmal wird es schwer, diese fremden Gedanken wieder auszugrenzen. Wenn man das nicht schafft, wird man zu der anderen Person und verliert sich selbst. Das ist ziemlich gefährlich."

"Ist das bei jeder Simulation gleich?"

"Ich sollte mich mal in die Psyche eines Psychopathen versetzten, aber ich konnte nicht, ich hatte zuviel Angst. Gerade bei Leuten, die zwanghaft handeln, wird es sehr schwer, wieder zu sich selber zu finden. Da ist es gut, wenn ein Mentor dabei ist und dich mit gezielten Fragen wieder zurückholt." Miss Parker schluckte schwer. Sie hatte früher diesen Teil immer ausgeklammert. Sie wollte nie wissen, wie es ist, Laborratte zu sein. Wahrscheinlich hatte sie schon immer gewußt, daß es dann immer schwerer sein würde, ihn fangen zu wollen.

"Parker?"

"Danke, Jarod! Schlaf gut!" Sie legte auf.

***

Er sah sich seine Wohnung an. Alle Sachen waren wild auf dem Fußboden verteilt, und eine zwei Tage alte Pizza lag auf dem Stubentisch. Er fuhr sich durch die Haare. Er konnte nicht wieder zurück zu Lyle, das ging nicht. Aber wie sollte er es schaffen, als Lyle durchzukommen? Ring, Ring.

Das Telefon, wo war dieses dumme Telefon? Er ging zu einem Haufen Hemden und kramte blind drin herum, dann hatte er es.

"Ja?"

"Hallo, Bobby." Eine bekannte Stimme war zu hören. Er lächelte und setzte sich auf den Fußboden.

"Hallo Sam!" Eine Pause folgte.

"Was ist los, hat es dir die Sprache verschlagen? Keine Ausfragerei, wo ich stecke? Keine Drohung, daß ich wieder zurückkommen muß? Verfolgst du meinen Anruf zurück und willst mich solange hinhalten?" Ihre Stimme war ungeduldig. Bobby legte sich auf den Fußboden und starrte die Decke an.

"Wie bin ich so, Sam?"

"Kalt, gewissenlos, machthungrig, kontrollsüchtig, ekelhaft. Wem immer du auch begegnest, du setzt ein schmieriges, falsches Lächeln auf und drohst den Leuten. Du wolltest doch die Beschreibung von Lyle, richtig?"

Er grinste: "Und weiter?"

"Du kannst deine schmierigen Griffel einfach nicht von Brigitte lassen; wahrscheinlich bist du sogar der Papi vom zukünftigen Brüderchen. Auf Daddy hast du noch nie gehört und spekulierst wahrscheinlich auf seinen Stuhl. Und Raines, nun ja, wie kann man Raines denn schon behandeln!" Er konnte richtig hören, wie sie sich vor Ekel schüttelte. "Ach, und du bist unmöglich zu Angelo, und deine Schwester treibst du zur Weißglut!"

"Nein, was bin ich für ein Prachtbursche!" grinste er ironisch.

"Weißt du jetzt, wer du wirklich bist, Honey?"

"Vielleicht, aber so wie es aussieht, wird doch eher der andere überleben müssen."

"Ach, mach es wie die Schauspieler, zieh ihn an wie ein Kostüm, der echte bleibt darunter verborgen, bis das Stück zu Ende ist!"

"Paß auf dich auf!"

"Dito!"

Das Freizeichen ertönte. "Paß gut auf dich auf, Samantha!"
Teil 10 by Dara
Die meisten Figuren dieser Geschichte gehören nicht mir, wem auch immer,mir nicht! Die anderen, die mir gehören, gehören mir ganz allein! DieseGeschichte wurde geschrieben, weil ich gerne schreibe, nicht weil ich damit Geld verdienen will!



Die vergessene Akte
Teil 10
von Dara






"Ihr steckt heute schon die ganze Zeit die Köpfe zusammen." Major Charles sah sich seine Enkel – an den Gedanken würde er sich noch gewöhnen müssen – skeptisch an. Jay blickte ein wenig schuldbewußt zurück, antwortete aber nicht.

"Och, das ist eine Überraschung, das benötigt noch ein bißchen Vorbereitungszeit!" Kay sah ihn herausfordernd an. Der Major zögerte kurz und ging dann wieder. Er hatte ja schon mit vielen Dingen umgehen müssen, aber diese Kinder waren doch ein wenig unheimlich. Sie spielten nicht wie andere Kinder, sie waren zeitweise sogar ungewöhnlich leise. Er seufzte. Kinder sollten lachen, weinen, streiten, Kinder sollten laut sein.

"Laß das, das ist mein Laptop, und wenn du es anders machen willst, dann benutz gefälligst deinen eigenen!"

Kays wütende Stimme ertönte aus dem Zimmer, gefolgt von einem knurrigen Jack: "Du wirst uns noch auffliegen lassen, dann ist Mum wieder sauer und schreit uns an!"

"Werd' ich gar nicht!"

"Wirst du doch, und dann dürfen wir den Truck nicht mehr benutzen, und das Labor haben wir dann auch nicht mehr zur Verfügung!"

Der Major lächelte. Vielleicht waren es ja doch Kinder, nur mit eigenartigen Spielen?!

***

Jarod biß auf seinen PEZ-Bonbon. Er suchte im Netz nach Informationen. Ein neues rotes Notizbuch lag neben ihm. Ein anderer Fall, eine weitere traurige Familiengeschichte. Sam gähnte laut. Jarod sah zu ihr rüber. Sie saß in einem großen roten Plüschsessel. Die Beine angezogen und auf den Knien ein Buch. Ihre Haare hatte sie mit Eßstäbchen zu einem Dutt geknotet. Ihre Lippen öffneten sich leicht, als wenn sie sich etwas laut vorlas. Sie gähnte noch mal. Jarod hatte sich wieder seinen Recherchen zugewandt. Es war nichts weiter zu hören als das Kindergeschrei aus dem oberen Stockwerk, das Klacken von Jarods Tastatur und das gelegentlichen Gähnen von Sam.

"Himmelherrgott noch mal, ist das langweilig!" Sam schlug energisch das Buch zu. Jarod schrak durch diese abrupte Bewegung auf. Fragend sah er sie an. "Ich brauch was zu tun, ein Ziel, eine Beschäftigung!" Sie stampfte barfuß zur Küche. Beim Vorbeigehen schnappte sie sich Jarods Handy und verschwand in der Küche. Jarod sah ihr nur kurz nach und vertiefte sich wieder in seine Lektüre.

***

"Was?"

"Joi, ich hab schon mal nettere Begrüßungen gehört! Störe ich etwa bei irgend etwas?" Sam hielt sich den Hörer vom Ohr.

"Sam?"

"Das soll mein Name sein, Parker!"

"Wie komme ich denn zu dieser Ehre?"

"Ich langweile mich furchtbar. Eigentlich bin ich ganz schön sauer auf die Flasche. Hätte der nicht diese Untersuchung angesetzt, wäre ich noch im Centre und könnte Simulationen durchführen!"

"Das scheint dir ja wirklich Spaß zu machen!"

"Nun, Dr. Greene ist gar kein schlechter Mentor. Und jede Simulation ist eine Beschäftigung. Es ist so langweilig hier. Die Kinder wollen nicht gestört werden und verweigern jegliche Kommunikation. Major Charles ist einkaufen, Jarod tippt schon seit Stunden in seinem Computer herum und ich...ich langweile mich fürchterlich." Sam nahm sich eine Flasche Orangensaft aus dem Kühlschrank und trank aus der Flasche.

"Die Kinder? Welche Kinder?" Sam verschluckte sich. "Äh, äh, ich meine das Kind, Jay, das Kind! Versprochen."

"Ist mir ehrlich gesagt auch egal, ich hab jetzt Feierabend und bin zur Zeit privat!"

"Gut, hoffentlich weiß Rainilein, das Stachelschwein, das auch und hört nicht deine Telefonate ab!"

"Das tut er mit Sicherheit, allerdings weiß ich nicht, ob er überhaupt von diesem Telefon weiß!"

"Na, da wollen wir mal hoffen. Was machst du gerade, Parker?"

"Ich räume auf. Ich hab schon lange nicht mehr mein Haus aufgeräumt, es war mal wieder fällig."

"Ich kann mir dich nicht in Schürze und mit Putzlappen in der Hand vorstellen."

"Putzlappen? Wozu braucht man das denn?" Die beiden Frauen lachten.

"Na, ich will dich nicht nerven. Viel Spaß beim Putzen, und ich glaube, Jarod wird sich bestimmt auch bald wieder melden!"

"Sag ihm, er soll gefälligst zu einer moderaten Zeit anrufen, ich brauche Schlaf!"

Sam kicherte. Sie würde sich hüten, Jarod irgend etwas zu sagen. Die beiden brauchten eindeutig diese Nachtgespräche. Statt dessen wählte sie eine andere Nummer.

***

Parker starrte auf das Telefon, das sie in ihrer Hand hielt. Sie hatte sich gefreut, von Sam zu hören. Sie unterhielt sich wirklich gerne mit ihr. Parker setzte sich auf die Couch. Sie hatte nie wirklich eine Freundin gehabt. Während der Internatszeit, da war sie mit anderen Mitschülern ausgegangen. Aber das da ein besonderer Freund oder eine besonders enge Freundin bei gewesen waren, konnte sie nun wirklich nicht sagen. Aber etwas anderes fiel ihr ein. Wieso störte es sie so, daß Sam bei Jarod war. Was ging sie das an? Sie schüttelte energisch den Kopf. Nein, es ging sie wirklich nichts an. Sie raffte sich wieder auf und strich das Hemd gerade. Es war Tommys Hemd, sie zog es gerne an. Es war zu groß, alt und verschlissen.

Sie ging die Treppe hinauf, zu dem geheimen Zimmer. Das Zimmer, das sie jahrelang nicht betreten hatte, das Lieblingszimmer ihrer Mutter. Erst Thomas hatte sie dazu bewegt, es wieder zu betreten.

"Steh zu deinen Gefühlen, Parker. Schluck sie nicht hinunter." Sie konnte seine Stimme hören.

"Ich weiß wirklich nicht, was du meinst, Tommy!" sagte sie störrisch.

"Feigling!"

"Du bist tot. Du solltest so nicht mit mir reden!" Sie konnte ihn lachen hören.

***

"Sydney Greene?" Syd saß an einem großen Tisch, und Michelle goß ihm gerade Tee ein. "Ich habe mich gefragt, ob Sie mir nicht eine kleine Hausaufgabe aufgeben könnten, eine kleine Denkaufgabe, so was gegen die Langeweile!"

Syd runzelte kurz die Stirn. Michelle sah ihn fragend an.

"Samantha!"

"Warum sagt mir eigentlich jeder meinen Namen? Ich kenne meinen Namen, das ist keine große Sache, seinen eigenen Namen zu kennen!"

"Geht es dir gut?"

"Klar geht es mir gut, ich schlafe in einem großen geräumigen Raum, der sogar zwei echte Fenster hat! Allerdings langweile ich mich ein wenig, und ich bin zu faul, mich selbst zu beschäftigen!"

Sydney hielt die Hand vor den Hörer. "Das ist der weibliche Pretender, von dem ich dir erzählt habe." Michelle lächelte. Sie setzte sich neben ihn. Sydney tippte die Lautsprechtaste. "Ich bin nicht in Delaware, Sam!"

"Wo sind Sie dann?"

"Bei einer alten Freundin."

"Stör ich? Dann nerv ich lieber Jarod, das ewige Computergetippe ist ja auch nicht gesund."

"Nein, du störst nicht, um ehrlich zu sein, dein Anruf kommt eigentlich ganz günstig."

Michelle sah ihn fragend an. "Was meinst du damit?"

"Hol mal Nicholas, dann kann er den Fall noch mal erzählen!" Michelle verstand plötzlich. Ihr Sohn war ebenfalls zu Besuch und hatte von einem interessanten Fall erzählt, der ihm seit einiger Zeit Kopfzerbrechen bereitete. Nicholas kam in die Stube und setzte sich. Sam hatte sich während dieser Zeit mit Sydney unterhalten.

"... ich hab schon Parker belästigt, aber sie war beim Hausputz. Da wollte ich nicht stören. Oder, doch, um ehrlich zu sein, ich will stören. Es reizt mich geradezu, Jarod zu stören, aber ich halte mich zurück, noch jedenfalls." Sydney lachte laut auf. "Also, hast du nun eine zerstreuende Simu in petto, oder muß ich Bobby nerven?"

"Also, mein Sohn ..."

"Du hast einen Sohn, hört, hört!"

"Mein Sohn ist Lehrer, er hat einen Schüler, der an Autismus leidet. Er ist ein Genie, was Zahlen angeht."

"Dein Sohn oder sein Schüler?"

"Der Schüler!"

"Aha. Und was ist daran jetzt so interessant?"

"Nun der Junge wiederholt seit Tagen nur noch eine Zahlenfolge: 00 17 3 20 14 35. Er hat einen richtigen Anfall, keiner kommt zu ihm durch. Auch die übliche Medikation scheint nicht zu wirken. Nick macht sich ziemliche Sorgen!"

"Hört sich sehr nach Schock an, was war denn an dem Tag?"

"An welchem Tag?" fragte Nick irritiert.

"Na, am 17.03. 2000 um 20 Uhr 15?"

"Wie kommen Sie darauf, daß es eine Zeitangabe ist?"

"Ist doch das Naheliegendste, oder nicht? Datum und Uhrzeit, wie sie bei Digitaluhren steht. 17. März 2000, 20 Uhr 14 Minuten und 35 Sekunden. Ich habe mal als Psychiaterin in einer kleinen Klinik in Pennsylvania gearbeitet. Dort waren auch drei Fälle von Autismus. Ich hatte eine Assoziationsbehandlung angewendet, die sich als ziemlich erfolgreich herausgestellt hat. Dazu wurden zwei Medikamente in niedrigen Dosen verabreicht. Ich weiß nicht mehr, wie die Teile hießen. Ein Medikament müssen Sie selbst herstellen, das gibt es nicht im freien Handel. Aber ich hab die Formel, muß sie nur aus den Untiefen meiner Notizbücher holen. Außer den Medikamenten brauchen Sie noch einen Ruheraum, unter keinen Umständen weiß – eher grün, tannengrün. Keine grellen Lampen, nur indirektes Licht. Hatte was mit Hypnose zu tun."

"Ich wußte nicht, daß man autistische Menschen hypnotisieren kann."

"Hab ich noch nicht versucht, ich sagte, es ist so ähnlich. Kein erzwungener Kontakt, nur leise ruhige Töne, sanfte Farben... Ich kann Ihnen ja die Adresse von der Klinik geben, die praktizieren das heute noch." Syd hörte Sam gähnen. Nachdem sie noch die Adresse durchgegeben hatte, sagte sie mit eindeutig gelangweilter Stimme: "Das ist auch nicht so das Richtige. Ich werde mich wohl nach was anderem umsehen müssen. Machen Sie's gut, Sydney."

***

Sam setzte sich Jarod gegenüber, und tippte mit den Fingern rhythmisch auf die Holzplatte. Tiptiptiptip. Als Jarod keine Reaktion zeigte, lehnte sie sich nach vorne und griff sich sein Notizbuch.

Sie las laut vor: " Held in Lebensgefahr. Nachdem Jack Donohan 2 Kinder aus dem Flammenmeer gerettet hatte, sank er bewußtlos in sich zusammen. Die Ärzte aus der Notfallannahme sprechen von einem Herzinfarkt. Donovan als Leiter der hiesigen Feuerwehr gilt als ein sehr sportlicher, gesunder Mann, um so verwunderlicher ist die Diagnose...."

Sam glitt über die nächsten Zeilen und murmelte nur noch vor sich hin.

"So wie der Reporter das schreibt, könnte man glatt von Mordversuch ausgehen."

"Mhm!" Jarod zog das Notizbuch wieder zu sich rüber und schrieb etwas hinein. Sam seufzte laut auf.

"Einzelkämpfer!"

Sie ging nach oben. Jarod sah auf. Es könnte, es könnte... schnell suchte er die Stichpunkte zusammen, die er schon gesammelt hatte und unterstrich zwei Zeilen.

"Du hast recht, er war ein Einzelkämpfer!" meinte er dann.

Sam blieb auf der Hälfte der Treppe stehen: "Ich meinte nicht Donohan, ich meinte dich!"

Er sah sie fragend an. Sie zuckte die Schultern: "Du wirst wirklich schwer mit mir zusammenarbeiten können, Honey. Du bist ja noch weniger ansprechbar in der Vorbereitung als ich. Wie ist es dann erst in einer Sim?"

"Ich habe immer mit Syd zusammengearbeitet."

"Mag sein, aber doch selten mit einem zweiten Pretender?"

"Mit Kyle, ist allerdings schon ein wenig her!" Skeptisch zog sie ihre Augenbrauen nach oben und ging weiter die Treppe rauf.

***

"Psst. Ich wähle jetzt!" Jack hielt das selbstgebastelte Gerät im Auge, das neben seinem Laptop lag. Kay richtete noch einmal das Mikrofon an ihrem Mund gerade, als eine Frau sich meldete.

"Hallo?"

Kay verschluckte sich fast. "Ähm, ja hallo, mein Name ist Kay Steinman, spreche ich da mit Margaret Gene?"

Auf der anderen Seite war es ruhig, nur ein gleichmäßiges Atmen war zu hören.

"Wie kommen Sie an diese Nummer?"

"Ähm, ich hab sie gefunden. Ich wollte nur..." Klick, das Gespräch war unterbrochen.

"Toll, ich hab Ihre Nummer gefunden, da würde ich auch auflegen!"

Jay wollte und konnte die Kabbeleien zwischen den Geschwistern nicht mit anhören und sagte ungeduldig: "Wählt noch mal!"

Jack rollte kurz mit den Augen und puffte seiner Schwester in die Seite. Dann klickte er mit der Maus auf die Nummer und wartete, daß die Verbindung wiederhergestellt wurde. Es dauerte keine Sekunde bis das Gespräch angenommen wurde.

"Hallo."

"Margaret Gene? Bitte nicht auflegen, wir kommen hundertprozentig nicht vom Centre!" rief Kay, bevor die Frau wieder auflegte. Die Ruhe am anderen Ende der Leitung dauerte wohl über eine Minute, so lang kam es den drei Kindern wenigstens vor. Nur das Atmen der Frau war zu hören.

"Ich weiß nicht, wovon du da redest , junges Fräulein."

"Okay, wenn Sie nicht Margaret heißen, Ihr Mann nicht Major Charles ist, sie keine zwei Söhne namens Jarod und Kyle haben und keine Tochter namens Emily, dann sind wir falsch verbunden!" Kay japste förmlich nach Luft, so schnell hatte sie das heruntergerasselt. Wieder erschien die Pause eine kleine Ewigkeit zu dauern. Jack nahm Kay das Headset ab und sprach ins Mikrofon.

"Hören Sie? Falls Sie irgendwo an einen Computer mit Internetanschluß kommen, dann gehen Sie unter Yahoo! und geben Sie den Suchbegriff Tarantula Plus Enobis ein. Es werden so ungefähr 15 Ergebnisse angezeigt. Klicken Sie auf die Adresse mit der Endzahl 33.202.15.2 . Auf dieser Seite finden Sie ein Linkverzeichnis mit dem Hintergrund einer Tarantel. Klicken Sie mit der rechten Maustaste auf das Bild und fahren sie mit der Maus über die Beine. Wenn sich die Maus in eine Hand verwandelt können sie die Maustaste wieder loslassen!"

"Bist du verrückt, wenn das jetzt gar nicht die richtige Margaret ist!" zischte Kay ihm zu.

"Aber versuchen kann man es ja mal, oder?" In das Mikrofon sagte er mit unsicherer Stimme: "Haben Sie alles verstanden?"

"Ja, aber was...?" Jack unterbrach die Verbindung. "Wenn sie die Seite findet und ihr das Foto etwas sagt, dann war sie die Richtige und sie schreibt uns eine Mail, wenn nicht, dann glaubt sie an einen Kinderstreich und läßt das Ganze auf sich beruhen. Hoffentlich!" Er kaute nervös an seiner Lippe. Jay öffnete die Homepage, die Jack der Frau genannt hatte.

"Du glaubst, diese Fotos sagen ihr etwas?" meinte er zögernd.

"Na ja, da sind Fotos von Jarod und Kyle drauf, das Suchfoto, das Jarod von seiner Mutter hat machen lassen und die Namen von der Klinik, die die Blut- und Intelligenztests für das Centre durchgeführt hat. Ich glaube schon, daß Eingeweihte damit was anfangen können!" Jack klang längst nicht so sicher wie die letzten Tage. Kay hielt seine Hand fest und nickte ihm bestätigend zu. Jay starrte sehnsüchtig auf den Monitor.

***

"Was macht ihr denn die ganze Zeit hier drinnen? Ist doch prima Wetter!" Sam steckte die Nase ins Zimmer. Die drei Kinder saßen vor einem PC und schreckten merklich zusammen, als sie Sams Stimme hörten.

"Mum, was willst du?"

"Ich hab Langeweile und weiß nicht, was ich tun soll, da dachte ich, ich geh zur Abwechslung mal euch auf die Nerven!"

Jack stöhnte leise auf. Er wußte, daß seine Mutter jetzt so schnell nicht wieder abzuwimmeln sein würde. Kay stand auf und ging zur Tür.

"Wie wär's, wenn wir zwei einen Spaziergang machen?"

"Nur du und ich?"

"Nur du und ich!" Sie warf einen verschwörerischen Blick zurück und zerrte ihre Mutter dann raus in den Flur.

"Ich kriege ja doch raus, was ihr drei da drinnen ausheckt, warum erzählst du es mir nicht einfach?"

"Es ist eine Überraschung für Jarod und Major Charles, und wir wollen das alleine machen!"

Sam zog sich eine Jacke über. "Na gut, aber dann werden mal wieder Hausaufgaben gemacht."

"Du brauchst dringend eine Beschäftigung , Mum. Sonst läßt du uns doch nie in Ruhe." Kay stiefelte hinaus ins Freie und mummelte sich in ihren Anorak ein.

"Ich weiß, aber das kann morgen schon ganz anders aussehen! Hoffe ich jedenfalls!"

Eine Weile gingen sie schweigend nebeneinander her.

"Kay, wie kommt ihr mit Jay zurecht?"

"Prima, er ist wie ein großer Bruder!"

"Das ist schön. Stört es dich eigentlich, daß ich euch unterrichte?"

"Nö, eigentlich nicht, die Aufgaben aus der Schule waren immer ziemlich doof."

"Aber daß ich quasi eure Lehrerin bin, ist trotzdem nicht so toll, oder?"

"Hab ich noch nicht drüber nachgedacht, wenn ich ehrlich bin!"

Sam zog die frische Luft tief ein.

"Mum, wieso willst du eigentlich nicht mit Jarod...? Du weißt schon!"

"Wie kommst du denn jetzt auf dieses Thema?"

"Ich weiß nicht, ich..."

"Wie gesagt, es fehlt der Kick!"

"Der Kick?"

"Wenn du dich mal verliebst, dann wirst du das auch merken. Da ist mit rational nichts mehr. Da ist so ein Kick, dann machst du Dinge, total gegen jeden Verstand."

"Aber es muß doch auch ohne Kick gehen!"

"Bestimmt, aber es ist nicht das, was ich suche!"

"Hast du bei diesem Lyle den Kick?" Sam blieb stehen und sah zu Kay. Sie runzelte nachdenklich die Stirn.

"Mh. Keine Ahnung. Bei Bobby? Ich weiß nicht. Es ist anders als bei Jarod, aber auch anders als bei Kyle."

"Wie genau ist es denn bei Jarod?"

"Wie ist es denn bei Jay?" Sam sah Kay an und diese erwiderte den Blick.

"Ich bin zehn! Ich glaube nicht, das man das vergleichen kann!"

"Vielleicht hast du recht." Kay hob die Augenbrauen bedeutungsvoll.

"Klar hab ich recht. Also warum nicht Jarod?"

"Weil ich ihn mag und weil ich Parker mag. Sie ist... Sie ist... Ich mag sie einfach. Und ich habe Augen im Kopf, weißt du. Auch wenn die beiden krampfhaft versuchen, darüber hinwegzusehen. Es ist was zwischen den beiden."

"Aber sie jagt ihn!"

"Wir können uns manchmal nicht aussuchen, was wir tun."

"Sie arbeitet fürs Centre!"

"Sie hätte mich festhalten können, fangen können, aber sie hat es nicht getan. Sie hätte mich verraten können, aber sie hat es nicht getan."

"Wie kannst du jemandem vertrauen, der für das Centre arbeitet?"

"Ich tue es einfach. Ich weiß, daß ich ihr trauen kann."

"Ja, aber woher?"

"Angelo weiß es."

"Was hat er denn damit zu...? Mum, dieses Aschenputtelspiel – hat doch nichts mit Telepathie zu tun, oder?"

***

Etwa zur gleichen Zeit ertönte ein unterdrückter Aufschrei. "Ein Treffer, Jack, ein Treffer!" Jay starrte gebannt auf den Monitor. Jack kam angelaufen und stellte sich hinter ihn.

"Und schon eine Nachricht?"

"Nein, ich glaube, sie sieht sich erst die Bilder genauer an."

"Kommst du an die Administratorrechte des Servers heran?"

"Das dauert zu lange, dazu müßte ich mich erst einlesen und das austesten, das ist zu gefährlich!"

"Schade, dann hätten wir genau sehen können, was sie macht."

"Sie öffnet das Diskussionsforum!"

"Schreib hallo!" Jack wedelte in Richtung Tastatur. Jay tippte etwas ein. Jack las laut vor.

"Margaret, bist du das? Was ist das für eine komische Begrüßung?"

"Wenn du was Besseres weißt, bitte, übernimm du das Schreiben!"

"Nein, danke. Sie antwortet. Woher habt ihr die Bilder?"

::Woher habt ihr die Bilder::

::Jarod gab sie uns::

::Woher soll ich wissen, daß das kein Trick vom Centre ist?::

::Wir sind nicht vom Centre, wir sind auf der Flucht, wie Sie::

::Wer seid ihr?::

::Das ist eine lange Geschichte::

::Ich habe Zeit::

::Sind Sie Margarete?:: Pause :: Wir müssen sicher sein, Sie könnten auch vom Centre sein::

::Ich bin Marge. Was wißt ihr über den Major?::

::Er ist hier bei uns::

::Das soll ich glauben?::

::Er hat Jarod, ich beweise es, warte::

"Was hast du vor, Jay?" Jack flüsterte unbewußt.

"Rede du mit ihr, ich komm gleich wieder!" Jay schnappte sich die digitale Kamera und lief nach unten. Jack schluckte und tippte etwas ungelenk in den PC.

::Er kommt gleich wieder::

::Wer bist du?::

::Jack.::

::Hallo Jack. Wer seid ihr?::

::Wir helfen dem Major::

::Warum?::

::Weil er zur Familie gehört::

::Zur Familie?::

***

Jarod saß noch immer am PC; er war in seine Arbeit sehr vertieft. Vor ihm türmten sich bereits dicke Bücher. Jay sah nur flüchtig auf die Titel. Medizin, Brandwunden, Herzchirurgie.

Jay sagte: "Guck mal, Jarod!" Als dieser hochsah, drückte Jay auf den Auslöser. "Danke!", rief er und rannte wieder nach oben. Jarod sah ihm verblüfft hinterher.

"Laß mich wieder ran!" Jay war voll aus der Puste, er schloß die Kamera an und lud das Bild herunter.

:: ich schick dir ein Bild::

Es dauerte eine Weile, bis das Foto gedownloadet war. Eine weitere Minute verging bis die Antwort kam.

::ich glaube euch::

Jack grinste und klopfte Jay auf die Schulter. Ein weiteres Fenster öffnete sich.

"Sie hat auch ein Bild geschickt!" flüsterte Jay atemlos. Langsam, quälend langsam verdichteten sich Pixel für Pixel die Farben und das Bild einer rothaarigen Frau nahm Konturen an. Sie war Mitte 60 und hatte strahlend blaue Augen.

"Sie ist es." Jack schluckte schwer. "Mensch, Jay, sie ist es!"

Im Hintergrund konnte man einen dunklen Raum sehen. Die Frau saß vor einem Computer, die Lesebrille, die ihr von der Nase zu rutschen drohte, spiegelte den Monitor wieder.

"Ruf sie an! Wir müssen reden!" Jay weinte. Vielleicht war sie nicht biologisch seine Mutter, aber der Major hat sie immer so genannt. Das war seine Mutter.
Teil 11 by Dara
Die meisten Figuren dieser Geschichte gehören nicht mir, wem auch immer,mir nicht! Die anderen, die mir gehören, gehören mir ganz allein! DieseGeschichte wurde geschrieben, weil ich gerne schreibe, nicht weil ich damit Geld verdienen will!



Die vergessene Akte
Teil 11
von Dara



Kapitel 11

Sie atmete tief ein. Die Augen geschlossen, stand sie auf der Veranda und ließ sich die Sonne aufs Gesicht scheinen. Sie hatte einen eigenartigen Traum gehabt:

Sie war vollkommen im Dunkel und konnte nichts sehen. Aber sie hörte, daß jemand neben ihr stand und atmete. Obwohl es doch so unheimlich war, fürchtete sie sich nicht. Er war neben ihr. Sie spürte seine Hand auf ihrer Schulter. Wärme, Zuflucht, Geborgenheit. Sie war ganz ruhig. Sie lehnte sich an ihn und blieb so stehen. Im vollkommenen Dunkel. Und sie wußte, er war es, den sie liebte.

***

Parker schüttelte den Kopf: "Nein, Broots, wir werden dieser kleinen Schnepfe keine Babyparty geben!"

"Aber Ihr Vater!"

"Mein Vater kann vieles, aber er kann nicht befehlen, daß ich mit dieser Hexe Luftballons aufblase und ein Kaffeekränzchen für die Nachbarn veranstalte!"

"Ich mag Luftballons!"

"Broots!" Parker belegte den Techniker mit einem Blick, der selbst die Hölle zugefroren hätte.

"Guten Morgen, Miss Parker, Broots!" Sydney kam mit einem vagen Lächeln in das Büro.

"Syd! Ich habe hier ein Päckchen für Sie!" Broots sprang auf und lief in eine Ecke, um ein kleines, sorgsam verschnürtes Paket hervorzuholen. Parker zog die Augenbrauen nach oben.

"Seit wann werden Ihre Sendungen denn ins Centre geliefert?"

"Es ist nicht von Jarod!" Broots starrte neugierig auf die sorgfältig gemalten Namen auf dem Absender. Sydney blickte kurz auf seine Post, machte aber keine Anstalten, das Paket zu öffnen.

"Herrgott, Syd, öffnen Sie das verdammte Ding endlich!" Parker machte einen Schritt zum Schreibtisch.

"Sie beide sind überhaupt nicht neugierig, hab ich recht?!" Das Lächeln des Psychiaters wurde breiter.

Er zerriß das braune Packpapier und öffnete den Karton. Ein gelbes Buch kam zum Vorschein, und zwei dicke Akten.

"Was ist das?" Sydney durchblätterte das Buch. "Eine Therapie für Nick."

"Ist Nick krank?"

"Nein, aber ein autistischer Schüler von ihm. Sam hatte versprochen zu helfen. Die gelben Bücher sind ihr Markenzeichen." Er wedelte mit dem zitronengelben Notizbuch, das er durchgeblättert hatte.

"Ist sonst noch was drin, vielleicht ein Hinweis, wo sie sich aufhalten könnte?"

Broots blickte noch mal in den Karton

"Nichts!"

"Dann sollten wir uns jetzt wieder anderen Dingen zuwenden."

***

Wie konnte sie ihm vertrauen, wenn sie noch nicht einmal wußte, wer er war?

"Du weißt es!"

Wirklich?

"Ich weiß es nicht, du mußt dich irren!"

"Denk nach!"

"Ich versuche es! Aber ich kann ihn einfach nicht erkennen."

"Du darfst dich nicht selbst belügen!

"Das tue ich nicht, ich kann ihn nicht erkennen, es ist zu dunkel! Viel zu dunkel."

Er ließ sie los, langsam glitt er von ihr weg; die Kälte, sie konnte die Kälte immer deutlicher spüren...


***

"Jack, Kay? Jay? Wo seid ihr?" Jarod blickte in das verlassene Kinderzimmer. "Hey, ihr drei, ich hab Lasagne gekocht !" Es war nichts zu hören. Er runzelte die Stirn. Er ging zum Dachboden. "Jay - Essen!" Auch hier waren sie nicht.

Sam kam die Treppe herauf: "Wenn ihr nicht bald kommt, esse ich das allein auf!" Ihr Magen knurrte deutlich, fast weinerlich rieb sie ihren Bauch.

"Die Kinder sind nicht hier!"

"Dann sind sie draußen!"

"Eigentlich hab ich da schon nachgesehen."

"Im Truck?" Jarod schüttelte den Kopf.

Sam sah ihn in die Augen: "Was willst du damit andeuten? Irgendwo müssen die Gören ja sein!" Sie schaute ins Kinderzimmer.

"Da hab ich schon nachgesehen!"

Sam überlegte angestrengt. "Wo genau draußen warst du?"

"Hinterm Haus, hinterm Truck, in der Scheune, im Obstgarten!" Sam nickte grübelnd und plötzlich verfinsterte sich ihr Gesicht. Sie stampfte wütend die Treppe herunter. Jarod folgte ihr neugierig.

"Wenn die da unten sind..." Sam hatte ihre Lippen so fest zusammengepreßt, daß sie kaum noch zu sehen waren.

"Was ist da unten?"

"Der Keller!" Diese Antwort kam lapidar, aber es erschien Jarod doch sonderbar. Er beobachtete seine neue Freundin mit Interesse. Sie faßte die Klinke an. Sie ließ sich herunterdrücken. Sie schnaufte kurz und öffnete die Tür.

Major Charles hatte es sich bereits am gedeckten Mittagstisch gemütlich gemacht. Er hatte Jarods Rufe gehört und kam neugierig in den Flur. Gerade noch rechtzeitig, um Jarod im Keller verschwinden zu sehen. Er folgte ihm.

Sie gingen bedächtig die Treppe runter; man konnte die Schritte kaum hören. Jarod konnte ein leises, kontinuierliches Rauschen vernehmen. Das Rauschen einer Belüftung, wie bei Computern. Sam ging zielstrebig zur Tür links von der Treppe. Sie drückte die Klinke nach unten und öffnete die Tür.

Was sich Jarod da eröffnete, war selbst für ihn zuerst unfaßbar. Ein Computerschrank, wie früher, als die Computerspeicherplätze noch ganze Räume ausfüllten. Etwa 10 Monitore flackerten im dunklen Kellerraum, auf einigen waren Menschen zu sehen, andere schienen ausgeschaltet zu sein. Ein Podest stand in der Mitte des Raumes. Ein runder Tisch, wie die Konsole in einem Raumschiff – in letzter Zeit begeisterte sich Jarod für Raumschiff Enterprise - und ein großer drehbarer Ledersessel waren zu sehen.

Jay stand links neben dem Sessel, Kay rechts davon. Sie unterhielten sich angeregt, ja fast hektisch, aber mit gedämpften Stimmen. Sie hatten die Erwachsenen nicht bemerkt.

Jarod schluckte. "Das sieht hier wie der Technikraum im Centre aus!" flüsterte er fast ehrfürchtig. Er blickte auf einen der Bildschirme, der in Schwarz /Weiß war. Ein Büro war dort zu sehen. Mr. Raines Büro. Er starrte gebannt auf den Bildschirm. Die Tür ging auf, und der alte gebeugte Mann schlurfte herein. Er hatte einen hellen Anzug an und zog seine Sauerstoffflasche wie ein Kinderspielzeug hinter sich her. Jarod konnte ihn fast keuchen hören.

"In wiefern habe ich mich eigentlich ungenau ausgedrückt?" Sam hatte ihre Stimme nur leicht erhoben, aber Major Charles konnte die Wut erkennen, die hinter diesen Worten lag. Die Kinder schraken auf und sahen zur Tür.

"Mum, ich, wir..." Kay rang die Hände, als sie versuchte, etwas zu sagen.

Sam holte tief Luft: "Raus hier!"

"Mum, wir..." Jack wollte etwas sagen, doch Sam duldete keine Widerworte mehr.

"RAUS HIER; ODER ES KNALLT!" Sie trat einen Schritt zur Seite und deutete zur Treppe: "Ihr werdet jetzt etwas essen und dann geht ihr in euer Zimmer. Ich gebe euch einen guten Rat: ich will die nächsten Stunden niemanden von euch sehen, geschweige denn hören. Ihr werdet solange in eurem Zimmer bleiben, bis ich euch rufe."

Kay wollte noch etwas sagen, überlegte es sich jedoch anders, als sie Sams Gesichtsausdruck sah. Mit gebeugtem Haupt schlichen die Zwillinge an ihrer Mutter vorbei. Am Fuß der Treppe angekommen, sah Kay hoch. Sie winkte Jay zu sich.

Jay hatte sich nicht gerührt. Erstarrt hatte er die Szene verfolgt. Er konnte sich immer noch nicht bewegen. Er sah, wie Kay ihn zu sich winkte, aber er bewegte sich nicht. Er blickte ängstlich in ihre Augen und schluckte.

"Na los, nun geh schon!" Sam sah ihn an. Nicht mehr wütend, sondern traurig, enttäuscht. Sie war enttäuscht. Er wußte nicht, was er schlimmer fand. Die Wut in Sam oder die Enttäuschung. Er wollte nicht, daß sie enttäuscht war.

"Ich ..."

"Es ist in Ordnung, Jay. Die beiden haben einen Fehler gemacht. Sie kennen die Regeln, du nicht. Wenn du willst, kannst du nach dem Essen in den Truck oder im Wohnzimmer spielen."

"Nein, ich ..."

Kay kam wieder zurück und zog ihn mit sich. "Komm schon..."

Major Charles und Jarod sahen Sam an.

"Geht schon mal vor, ich komme gleich nach!" Sie setzte sich in den Ledersessel und drehte sich nicht mehr zu den beiden um.

Jarod und sein Vater verließen ebenfalls den Kellerraum. Als Jarod einen letzten Blick zurückwarf, konnte er auf einem Bildschirm Mr. Raines sehen, wie er mit Mr. Parker redete.

***

"Geh nicht fort, bleib bei mir!"

"Ich kann nicht bleiben, wenn du mir nicht vertraust!"

"Bitte, geh nicht, es ist so kalt ohne dich!"

Sie konnte seine Silhouette erkennen. Groß und stark, er durfte nicht gehen.

"Bleib!"

"Wer bin ich?"

"Bitte bleib!"

"Wer bin ich?"

Er löste sich auf, immer noch konnte sie sein Gesicht nicht sehen.

"Bleib bei mir!"

Sie konnte hören, daß er weinte, doch er wurde immer unsichtbarer...


***

"Sie haben Post." Parker sah auf den Bildschirm. Es war spät am Abend, die meisten waren schon längst zu Hause. Sie öffnete ihre Mailbox und las die Nachricht.

Buffalo, Snake Hills

Und eine kleine Skizze, nur einige Striche, die keinen Sinn ergaben. Sie starrte auf den Monitor, während der Drucker arbeitete.

"Was willst du jetzt schon wieder, Wunderknabe?"

Entschlossen riß sie das Papier vom Drucker und schloß den Laptop. Sie hängte sich ihre Jacke über die Schultern und ging zur Tür. Draußen stand Sam, ihr Sweeper, und sah sie fragend an.

"Ich fahr nach Buffalo, Sam."

"Soll ich mitkommen, Miss Parker?"

Sie sah ihn nachdenklich an.

"Nein, ist wahrscheinlich doch nichts Wichtiges. Das schaff ich auch allein, gehen Sie nach Hause!"

Der Mann nickte kurz und ging dann.

***

Plötzlich stand noch jemand neben ihr. Eine Frau, aber sie blendete sie so.

"Sag ihm, wer er ist!"

"Ich weiß es nicht!"

"Wenn du es ihm nicht sagst, kann er nicht bleiben!" Sie wurde ungeduldig und wütend, sie fror, war frustriert, sie wollte unbedingt, daß er blieb.

"Sag mir, wer er ist!"

"Die Antwort kennst du!"

"ICH KENNE SIE NICHT; HILF MIR DOCH!" Sie schluchzte auf.

"Wenn du dir nicht sicher bist, dann küß ihn einfach und höre, was dein Herz dir sagt!"

Sie sah zu der nun nur noch dünnen Gestalt.

"Beeil dich, oder er ist fort, für immer!" Die Frau neben ihr war verschwunden...


***

"Sie ist ziemlich wütend! Soll ich mal mit ihr reden?" Major Charles war den Kindern in die Küche gefolgt. Diese saßen stillschweigend am Tisch und würgten das Essen lustlos hinunter.

Kay schüttelte den Kopf: "Wir haben den Computer benutzt, obwohl sie es uns verboten hat. Wir sind selbst schuld, daß sie sauer ist."

"Mag sie uns jetzt nicht mehr?" Jay sah am mitgenommensten aus.

"Natürlich mag sie uns noch! Sie wird uns eine deftige Strafarbeit geben, wird eine Woche lang nicht mehr mit uns reden und unser schlechtes Gewissen wird immer bedrückender. Dann kommt eine Aussprache, wir entschuldigen uns und versprechen, daß wir das nie wieder tun werden, und sie vergibt uns." Jack wischte sich Tomatensoße vom Mund.

"Das hört sich an, als wenn ihr das schon mehrmals durchgespielt habt!"

Major Charles mußte lächeln. Kay blickte mit gesenktem Kopf zu Jack und beide mußten kichern.

"Na ja, sagen wir mal, es passiert schon ein, zweimal im Jahr!"

"Aber es ist immer wieder scheiße von Mum erwischt zu werden."

Kay seufzte: "Am schlimmsten ist es immer, daß sie so ruhig bleibt und wenn sie dann nicht mit uns spricht. Sie behandelt uns dann immer, als wenn wir Luft sind und..." Sie schluckte heftig. Major Charles hätte schwören können, daß er eine Träne gesehen hatte.

Jarod stand im Türrahmen zur Küche. Er war sich nicht sicher, was er sagen sollte. Major Charles stand auf und ging zu ihm, als die drei Kinder die Küche verließen und nach oben schlichen. Der Major sah seinen Sohn an und ahnte, was der sich gerade fragte.

"Sie muß Grenzen setzen, Jarod. Eine Mutter muß auch mal streng sein."

Jarod sah ihn zweifelnd an.

"Du kannst dich nicht an deine Mutter erinnern, oder? Zumindest nicht, daß sie jemals wütend oder traurig war, weil ihr Rabauken nicht artig gewesen wart? Aber auch das gehört dazu, und es fällt nicht immer sehr leicht, streng zu bleiben!" Der Major grinste: "Zum Glück bin ich jetzt der Opa. Der ist nicht mehr für die Erziehungsfrage zuständig, sondern mehr für die Kür. Das Verwöhnprogramm!"

"Jay?"

"Ach, wenn ich Kay und Jack als Enkel ansehe, muß ich Jay das gleiche zugestehen."

Jarod setzte sich an den Tisch und begann ebenfalls zu essen. Neben sich hatte er seinen Laptop laufen und schrieb eine Mail an Sydney. Als er die Mail sendete, bekam er die Meldung: Sie haben Post. Langsam las er die Mail.

Entschlossen packte er seine Tasche, griff sich eine Jacke und die Autoschlüssel. Der Major sah ihn fragend an.

"Ich fahre weg, spätestens in drei Tagen bin ich wieder da!" Damit stieg er in das rostbraune Auto und fuhr weg.

"Jarod, falls du eben eine Mail be..."

Sam fand nur eine leere Küche vor. Der Major stand auf der Veranda und blickte hinaus auf den Weg zur Stadt.

"Wo ist Jarod?"

"Der ist eben gerade weggefahren. Er meinte, er wäre in 3 Tagen wieder da."

Sam kicherte.

"Diese Gören haben es wirklich faustdick hinter den Ohren." Mit schüttelndem Kopf ging sie zur Küche. Gott, sie hatte vielleicht Kohldampf. Sie würde sich später um das neueste "Projekt" ihrer lieben Kleinen kümmern.

***

"Wer bin ich?" Nur noch leise war seine verzweifelte Stimme zu hören. Sie rannte, sie rannte zu ihm; jemand schien sie festhalten zu wollen, doch sie riß sich los. Dann war sie bei ihm. Sie nahm ihre Hand und zog seinen Kopf zu sich...

***

Parker stieg langsam aus ihrem Auto. Sie war mit einem Privatjet des Centres hierher geflogen. Mit einem Mietwagen war sie das letzte Stück gefahren. Sie zückte vorsichtshalber ihre Waffe. Hier war es schon etwas hügelig, aber wo sollte sie genau hin? Sie starrte förmlich auf den Ausdruck der Skizze in ihrer Hand. Sie blickte nach oben und kontrollierte den Horizont. Diese Bäume da, sie standen genau wie diese beiden Striche. Und dahinten, das sah aus wie ein See, ähnlich im Umfang wie der Kreis auf dem Blatt. Sie lächelte. Eine Schatzkarte, und der Schatz war die Freiheit, wenn sie Jarod endlich fangen würde. Sie machte sich auf den Weg zwischen den Bäumen hindurch.

Jarod hatte sich einen Hubschrauber besorgt und landete auf einem Hügel. Aus der Luft hatte er ein Auto gesehen und eine kleine Gestalt, die sich ihren Weg durch den Wald bahnte. Er mußte grinsen, als er sich Parker vorstellte: mit ihren üblichen Hackenschuhen und im Minirock durch die Wildnis - sie fluchte sich bestimmt gerade die Seele aus dem Leib.

"Ich bring ihn um! Warum hab ich nicht Sam mitgenommen, dann hätte ich beim Wagen bleiben können!" Parker fluchte laut, schon wieder hatte sich ihr Absatz im Gestrüpp verfangen. Nachdenklich sah sie auf ihre Skizze.

"Hm, die Bäume, der See, was soll das bloß für ein komischer Bogen sein?" grübelte sie laut. Sie stand am Fuße eines Abhanges. Es ging ziemlich steil ca. 6 Meter hoch. Sie ließ ihre Augen an der natürlichen Wand entlangwandern, als sie es sah: ein Loch. Ein Eingang zu einer Höhle.

"Spielt der Wunderknabe etwa Grizzlybär?" murmelte sie und holte ihre Taschenlampe hervor.

Es war ziemlich dunkel, nur der Strahl ihrer Taschenlampe beleuchtete die feuchten Wände der Höhle. Es war eigentlich kaum etwas zu hören. Ein paar Tropfen, die sich von der Höhendecke lösten. Ein paar Bewegungen im Dunkel, wahrscheinlich Ratten oder so. Parker fluchte heftig. Eine Wand direkt vor ihr glänzte eigenartig. Sie trat einen Schritt vor, um besser sehen zu können.

Jarod hatte die Höhle gefunden. Er war Parker im angemessenen Abstand gefolgt und konnte ihre Flüche hören.

"Na Parker, das ist aber nicht die feine englische!" grinste er leise. Plötzlich hörte er ein dumpfes Geräusch, wie das Zerbersten von morschem Holz. Dann war es nur noch still.

"Parker? Alles in Ordnung?" Jarod lief zu der Stelle, wo er sie vermutete. Er verdammte sich, daß er keine Taschenlampe dabei hatte.

"Parker? Wo bist du?" Er drehte sich auf der Stelle und trat einen kleinen Schritt nach hinten. Dann verlor er den Halt unter den Füssen. Er fiel. Nicht lange und er landete auf etwas Weichem. Das Weiche unter ihm stöhnte.

"Parker?" Er tastete sich durchs Dunkel, bis er ihren Kopf fühlen konnte. Er legte sie vorsichtig in eine günstigere Lage. Dabei stieß er auf einen länglichen metallischen Gegenstand. Die Lampe. Er blendete zu Parker. Sie hatte sich etwas aufgesetzt und hielt sich ihren Arm. "Alles in Ordnung?"

"Mir geht es gut, Einstein. Hast du das etwa geplant?"

"Geplant? Daß du in eine Höhle gehst und dann mit mir in ein tiefes Loch fällst? Wohl kaum!"

Seine Stimme triefte vor Sarkasmus. Er sorgte sich um sie und sie hatte nur Anschuldigungen für ihn. "Ich habe eine Mail bekommen, daß ich etwas über meine Familie finde. Ich dachte, Angelo hätte sie mir geschickt!"

Sie sah ihn an. Obwohl ihre Haare ziemlich unordentlich ins Gesicht fielen, konnte er doch Blut an der Stirn sehen. Er beugte sich zu ihr, doch sie robbte von ihm zurück.

"Du blutest, und ich will sehen, wie schlimm es ist. Stell dich nicht so an, Parker!" Jarod griff rigoros ihren Arm und zog sie zu sich. Dann betastete er ihre Stirn.

Sie hielt die Luft an. Er war so nah.

Reiß dich zusammen, ermahnte sie sich selbst. Laut sagte sie: "Was sind wir heute, Doktor?"

"Genau, Parker, und du bist Patient. Und der Onkel Doktor sagt: stillhalten!" Sein Griff wurde stärker. Sie bemerkte, daß sie sich unwillkürlich angespannt hatte und entkrampfte sich wieder.

"Und, wie sieht es aus?"

"Nicht so schlimm, ist nur ein kleiner Kratzer, aber ich werde das Blut mit einem Taschentuch stoppen müssen." Während er ihre Kopfverletzung verarztete, sah sie ihn an. Sie hielt die Taschenlampe, die er ihr in die Hand gedrückt hatte. So konnte sie sein Gesicht sehen. Er sah verdammt gut aus, wenn auch die gerunzelte Stirn auf Ärger – oder war das Sorge? – hindeutete.

"Ich habe auch eine Mail bekommen!" Sie wedelte mit ihrer Schatzkarte, die sie beim Fall in ihrer Hand festgekrallt hatte.

"Von wem?"

"Keine Ahnung, kein Absender!"

"Und dann bist du allein hierher gekommen, also wirklich, Parker. Es hätte doch sonstwas..."

"Halt bloß die Klappe!" Sie winkte ab.

"So, fertig!" Er richtete sich auf. " Gib mir mal die Lampe, mal sehen, wie wir hier wieder rauskommen!" Er leuchtete das Loch ab. "Sieht aus wie ein Bergschacht, aber der Zugang dort hinten ist verschüttet! Wir kommen nur oben wieder raus!"

"Tolle Beobachtung Wunderknabe!" knurrte sie.

Sie grunzte abfällig. "Okay, ich steig auf deine Schultern und klettere raus. Wie wär's damit?"

"Dann rufst du das Centre und die holen mich ab. Hast du dir das so ungefähr gedacht? Oder wolltest du mich hochziehen? "

"Eigentlich ersteres!" Ihr Lächeln verzog sich sonderbar im Schein der Lampe.

"Wir machen es andersrum: ich steige auf deine Schultern, hangele mich rauf und zieh dich hoch!" entgegnete Jarod. Sie wollte noch etwas sagen, überlegte es sich aber anders. Sie nickte zustimmend.

Also versuchten sie es. Jarod versuchte, soviel Gewicht wie möglich auf die Wand zu verlegen, um Parker zu entlasten. Er suchte einen Absatz, wo er seinen Fuß raufstellen konnte. Er schwang sich nach oben und hielt sich in einem Loch an der Wand fest. Er konnte etwas glattes, kühles unter seiner Hand spüren, dann durchfuhr ihn ein stechender Schmerz. Er verlor den Halt und fiel. Parker beugte sich über ihn.

"Was war los?"

"Ich weiß nicht." Er leuchtete mit der Taschenlampe auf seine Hand. Zwei kleine Bißwunden waren zu sehen.

"Ist es das, was ich denke, das es ist?" Parker starrte ungläubig auf die Hand.

Jarod rieb sich den Arm. Seit einer Viertelstunde saßen sie jetzt schon da unten. Er hatte Parker verboten, sich nach oben zu hangeln. Die Schlange könnte immer noch da sein. Ihm war heiß, und er schwitzte.

"Ich vermute, das war eine Giftschlange!" würgte er hervor. Er konnte Parkers Gesicht nicht sehen, weil sie ihn mit der Lampe anstrahlte. Er schloß die Augen; er war so müde. Sie fuhr mit ihrer Hand über seine Stirn. So schön kühl, warum ließ sie die Hand nicht einfach da?

Parker beobachtete Jarod. Er war ganz blaß und Schweiß perlte auf seiner Stirn. Vorsichtig wischte sie ihn ab. Er hatte die Augen geschlossen. Sie drückte ihm die Lampe in die Hand und zerriß ihr Unterhemd. Sie schnürte damit den Arm halbwegs ab. Plötzlich flackerte der Lichtkegel und dann erlosch das Licht. Sie saßen in völliger Dunkelheit.

"Hey, du Genie, mach das Licht wieder an!"

"Die Batterie ist leer, Parker. Du solltest immer ein Paar neue Batterien einlegen, bevor du in irgendwelche Löcher fällst!" Sie konnte seine Müdigkeit hören. Bald würde er sein Bewußtsein verlieren.

"Bleib bei mir!" flüsterte sie...

"Jarod, werde wach! Jarod, bleib bei mir!" Sie rüttelte ihn. Unendlich langsam öffnete er seine Augen. Seine Lippen fühlten sich trocken an, und er konnte nicht schlucken. Ihm war so heiß. Wieso ließ sie ihn nicht einfach schlafen?

"Laß mich, Parker!"

"Komm schon, Wunderknabe! Bleib wach!"

"Laß mich!"

"Jarod! Du Idiot, ich muß dich noch ins Centre bringen, damit ich frei sein kann! Du darfst nicht sterben, dann kann ich dich ja nicht mehr ärgern!"

Er lachte hustend. "Gefällt dir die Jagd, Parker?"

"Man könnte sagen, ich habe mich dran gewöhnt, Wunderknabe!"

"Schnappst du mich deshalb nicht?"

"Ich hatte nie die Möglichkeit..."

"Du warst immer so nah dran, Parker! Viel zu oft so nahe!" Seine Stimme wurde immer leiser und schwächer.

"Bleib hier, Jarod. Bleib hier!" Sie raffte seinen Körper hoch und legte seinen Kopf in ihren Schoß. Leicht wiegte sie sie beide hin und her.

"Wieso, Parker, warum sollte ich bleiben?" Jarod genoß die Nähe, hatte aber den starken Verdacht, daß er halluzinierte.

Sie wußte nicht, was sie sagen sollte. Er atmete so schwer. Sein Kopf war naß, und er brannte förmlich. Panik stieg in ihr auf. Was, wenn er es nicht überlebte?

"Du darfst mich nicht allein lassen. Hörst du, Jarod? Du darfst mich nicht allein lassen." Sie drückte seinen Kopf fest an sich.

"Du brauchst mich nicht. Du bist stark!" Die letzten Worte hauchte er tonlos und hustete schwer. Er war so müde.

"Ich brauche dich, Jarod. Bleib bei mir!" Sie konnte sich der Tränen nicht erwehren. Sie war so hilflos. Sie konnte ihm nicht helfen. Er murmelte etwas, aber sie konnte ihn nicht verstehen. Sie beugte sich zu ihm runter; sie konnte den schwachen Atem auf ihrer Haut spüren. "Bleib bei mir, Jarod!" Sie küßte ihn. Sie wußte nicht warum, vielleicht, weil sie diese wahnsinnige Idee hatte, daß er aufwachen würde, wenn sie ihn küßte.

Er schien zu träumen. Parker hielt ihn in den Armen. Sie wog ihn sanft hin und her. Es war so ruhig und friedlich. So, als wäre alles gut.

"Bleib bei mir Jarod!" Er fühlte ihre Lippen auf seinem Mund. So weich, so süß. Er erwiderte ihren Kuß. Das letzte bißchen Kraft für einen letzten Kuß. Beinahe glaubte er, über sich einen Lichtstrahl sehen zu können.

Ihr Atem beschleunigte sich, als er den Kuß erwiderte. Seine Arme hielten sich an ihr fest, als wäre er kurz vor dem Ertrinken und nur noch ihr Kuß rettete ihn davor. Eine Träne rann über ihre Wange. Sie wollte ihn nicht loslassen. Wenn sie das tat, verlor sie ihn. Und so küßte sie ihn. Es erschien ihr wie eine Ewigkeit.

Der Kuß fühlte sich so warm an, so richtig...

"Parker? Jarod? Seid ihr zwei hier unten?"

Eine Stimme ließ Parker nach oben blicken. Ein Lichtschimmer schwebte über dem Loch, in dem sie gefangen waren.

"Jarod? Alles in Ordnung?"

Sam.

"SAM, wir sind hier! Sei vorsichtig! Sam!" Oh Gott, sie hatte sie gefunden. "Jarod, Sam ist da, Sam ist hier. Alles wird gut!" Doch Jarod lag schwer auf ihrem Schoß. Sie konnte kaum noch seinen Atem spüren. "Beeil dich, Sam. Jarod wurde von einer Schlange gebissen!"

Am Rand des Loches konnte sie jetzt eine Gestalt erkennen.

"Eine Schlange? Was für eine Schlange?"

"Ich weiß es nicht! Er wollte hochklettern und hat sich irgendwo festgehalten, und dann hat sie zugebissen. Aber hier unten ist sie nicht - hoffe ich!" fügte sie leise hinzu. Parker konnte hören, wie Sam ein paar Anweisungen an jemanden gab. Dann leuchtete sie herunter.

"Oh, ihr zwei Süßen seht ja gar nicht gut aus! Ihr solltet euch für eure Rendezvous andere Treffpunkte aussuchen!"

Parker mußte unwillkürlich lachen.

"Halt die Klappe und hol uns hier lieber raus. Der Wunderknabe wird langsam zu schwer für mich!" Sie setzte wieder ihre kühle Miene auf, doch ihre Sorgen um Jarod waren immer noch da.

"Na, dann wollen wir eure Party beenden!" Sam verschwand kurz aus Parkers Sicht, dafür erschien Jays Kopf.

"Sie holt noch ein paar Seile! Sie kommt bald wieder!" Er leuchtete auf den reglosen Körper von Jarod. Dann leuchtete er den Rand ab und sah die Schlange. Er nahm den Revolver, den Sam ihm gegeben hatte und zielte auf das Tier.

"Treffer!" Zufrieden steckte er die Waffe wieder weg. Nun war auch Sam wieder zu sehen. Sie redete leise mit Jay.

"Gute Nachrichten! Jay weiß, welche Schlange Jarod geärgert hat und holt das passende Antiserum. In der Zeit können wir ihn ja schon mal nach draußen verfrachten." Eine letzte Träne der Erleichterung lief über Parkers Gesicht. Sie griff nach der Schlaufe, die Sam ihr runtergelassen hatte und band Jarod dran fest.

"Wie steht es um ihn?" Parker stand unruhig da, als Sam sie verarztete.

"Halt still! Es geht ihm gut. Das Antiserum wirkt ziemlich schnell. Er dürfte bald wieder zu sich kommen." Sam tupfte die letzten Schrammen an Parkers Armen mit Jod ab.

"Woher wußtest du, wo wir sind?"

"Ich habe einen Informanten im Centre und der hat mir erzählt, daß du alleine unterwegs warst. Und Jarod hat eine Mail bekommen, daß er hier etwas über seine Vergangenheit erfahren würde."

"Und?"

"Ich bin hergekommen mit Jay. Nur zur Kontrolle! Da hab ich doch so einen Typen um dein Auto schleichen sehen. Häßlich, ich glaube, es war einer von Parkers... ähm , ich meine ein Sweeper deines Vaters."

"Warum sollte mein Vater ...?"

"Entscheidungen. Für wen würdest du dich entscheiden? Jarod oder das Centre! – Vermute ich." Sam sah Parker fragend von der Seite an.

"Was?"

"Würde mich auch schon interessieren!"

"Die Frage hat sich ja nun nicht gestellt, ihr seid in der Überzahl."

"Aha."

"Was heißt hier 'aha'?"

"Du hättest ihn wirklich in die Folterburg zurückgebracht?"

"Ich weiß es nicht!"

"Du solltest es aber langsam wissen, Parker. Der Countdown läuft, und du weißt das!" Sam sah ihr auffordernd in die Augen und lief zu Jay.

"Parker, was ist passiert?"

Jarod kam langsam wieder zu sich. Er sah schon besser aus. Sie setzte ihr Pokerface auf.

"Wir sind eingebrochen in eine Höhle; du wurdest von einer Schlange gebissen. Sam hat uns rausgeholt und nimmt dich wieder mit. Du bist diesmal noch mit einem blauen Auge davon gekommen, Wunderknabe!"

"Ich wurde von einer Schlange gebissen?" Er konnte sich nicht erinnern. Alles, an was er denken konnte, war der Kuß. "Hab ich halluziniert? Ich hätte schwören können...?" Er versuchte sich auf die vergangenen Stunden zu konzentrieren, aber es wollte ihm nicht gelingen.

"Was?" Parker hielt die Luft an. Er schüttelte mit dem Kopf.

"Ach, nein. Es ist nichts." Er lächelte gequält und schloß die Augen. Parker sah ihn an.

"Wir fliegen jetzt! Der Wagen da hinten ist geklaut! Das Centre macht doch bestimmt sauber, oder?"

Sam winkte und setzte sich die Kopfhörer auf. Sie würde den Hubschrauber zurückfliegen. Parker lächelte kurz und winkte. Ein letzter Blick auf Jarod, der sich inzwischen hingesetzt hatte. Ihre Blicke begegneten sich.

"Bleib bei mir, Jarod!"

Sie holte tief Luft und öffnete die Augen. Die Sonne berührte zartrosa die Baumwipfel in der Ferne. Mit ihren Fingerspitzen fuhr sie über ihre Lippen. Es hatte sich so richtig angefühlt.
Teil 12 by Dara
Die meisten Figuren dieser Geschichte gehören nicht mir, wem auch immer,mir nicht! Die anderen, die mir gehören, gehören mir ganz allein! DieseGeschichte wurde geschrieben, weil ich gerne schreibe, nicht weil ich damit Geld verdienen will!



Die vergessene Akte
Teil 12
von Dara








Parker konnte sich einfach nicht konzentrieren, einmal mehr dachte sie an die Minuten in dieser Höhle zurück. Unbewußt strich sie mit ihren Fingern über ihre Lippen.

"Wenn ich es nicht besser wüßte, könnte ich schwören, ich kann ihn noch riechen", flüsterte sie leise zu sich selbst.

Sie saß in ihrem Büro; schon über eine halbe Stunde starrte sie auf den Computer, der nur die fließenden Bewegungen des Bildschirmschoners zeigte. Sie registrierte es gar nicht.

***

"Verdammt, ich will endlich wissen, was da unten passiert ist!" Jarod fluchte laut auf. Schon seit Stunden zerbrach er sich den Kopf, ob diese vagen, undeutlichen Bilder Frequenzen aus der Realität oder Halluzinationen waren.

Sam lachte leise.

"Das kann ich mir vorstellen, endlich hast du mal Parker ganz für dich allein und dann beißt dich so ein Giftvieh!" Sie kicherte.

"Na ja, ich kann mich nicht erinnern, und Parker erzählt mir garantiert nicht..."

"Du könntest sie ja mal fragen?!" Sam sah ihn mit einem spitzbübischen Grinsen an.

"Klar: Hallo Parker, du, ich weiß nicht mehr, haben wir uns..." Jarod unterbrach sich.

"Geküßt?" beendete Sam den abrupt unterbrochenen Satz, und sie genoß die Situation sichtlich.

"Ja! Geküßt!"

"Du mußt sie ja nicht direkt fragen." Er sah Sam an, sie blickte herausfordernd zurück.

Ein Lächeln spielte sich auf sein Gesicht: "Genau, indirekt geht auch."

"Genau." Nun grinsten sie beide breit übers ganze Gesicht.

***

Das Telefon klingelte, und Parker wurde aus ihren Träumen gerissen. Wütend griff sie den Hörer.

"Was?" Ihr Ton hätte in diesem Moment Stahl zerschneiden können, doch an ihrem Vater schien es abzuprallen. Wie eh und je ertönte seine Stimme, tief und so krankhaft falsch, daß sich Parker vor Abscheu schüttelte. Wieso hatte sie das früher nicht so gestört?

"Engelchen, ich habe gehört, daß du Jarod gesehen hast. Bringst du den Bericht zu mir?"

"Ich bin noch nicht fertig." Sie hatte noch nicht einmal die Kraft, den Tonfall in den sonst typischen Daddy-ich-will-daß-du-stolz-bist-Ton zu verwandeln.

"Dann beeil dich, Engelchen." Er legte auf.

Sie verzog angewidert das Gesicht und versuchte, sich wieder auf den PC zu konzentrieren. Sie verkreuzte ihre Finger und dehnte sie, bis sie knackten.

"Dann wollen wir mal Daddy einen Bericht schreiben!" Sie lehnte sich zurück und begann zu tippen. Dabei mußte sie an Sams Worte denken: Entscheidungen. Für wen würdest du dich entscheiden?

Am allerschlimmsten war für sie, daß sie es ihm zutrauen würde. Er hatte seine eigene Tochter in Gefahr gebracht, nur um sich ihrer Loyalität gegen das Centre zu überzeugen. Sie hatte immer das Gefühl gehabt, daß sich ihr Vater jemand anderen gewünscht hatte, einen Sohn. Oder, daß sie noch besser wäre und noch härter. Sie konnte nie gut genug sein. Sie hatte sich immer so angestrengt, ihn stolz zu machen, seinen Ansprüchen zu genügen. Doch nun wußte sie, sie konnte es gar nicht schaffen. Und sie wollte es auch nicht mehr.

***

"Also sag schon, woher wußtest du, wo wir waren?"

"Angelo hatte mir eine Mail geschickt. Ich dachte ja erst, du hättest die andere Mail schon gesehen. Ihr hattet echt Glück!"

"Welche andere Mail?"

"Die die Rotznasen dir geschickt haben." Sie deutete auf den Laptop. Jarod sah sie fragend an, aber sie lächelte nur geheimnisvoll. Also blieb ihm nichts anderes übrig, als seine Mailbox zu kontrollieren.

Er hatte eine neue Mail. Anonym mit Anhang. Er sah Sam fragend an.

"Neues Projekt des Trios." Sie nickte ihm auffordernd zu. Er öffnete den Anhang und wartete, bis das Bild geladen war.

Eine rothaarige Frau in einem dunklen Raum, ihre Lesebrille drohte ihr von der Nase zu rutschen. Sie hatte strahlend blaue Augen. Er kannte diese Frau: "Mutter..."

Seine Stimme versagte, alles was herauskam, war ein stummes Seufzen. Sam bedachte ihn mit einem letzten bedeutungsvollen Blick und ließ ihn dann allein.

***

Parker löschte die letzte Zeile wieder und tippte einen neuen Abschlußsatz. Dann lehnte sie sich zurück, um sich den Bericht noch einmal durchzulesen. Sie mußte immerzu an ihn denken. An seine Hände, die sich an sie klammerten, der Schweiß auf seiner heißen Stirn, seine Lippen auf den ihren. Sie lächelte leicht. Von all dem hatte sie natürlich nichts in den Bericht geschrieben, sie hatte ihn kurz und unpersönlich gehalten. Wieder mußte sie an Sams Worte denken und plötzlich zerbrach auch der letzte Faden. Die letzte Verbindung zu ihrem Vater, an der sie so krampfhaft festgehalten hatte. Die letzte Verbindung einer Tochter zu ihrem Erzeuger, der sie nie geliebt hatte, sie beinahe zerstört hatte. Sie konnte loslassen.

"Es wurde Zeit, Parker!"

"Halt die Klappe, Tommy, misch dich da nicht ein!"

"Er hat recht, Liebling, es ist gut so!"

"Mommy?"

"Ich bin so stolz auf dich, meine kleine Prinzessin, so stolz!"

Parker lächelte. In letzter Zeit hörte sie immer öfter Stimmen. Von Tommy, von ihrer Mutter von Faith ... zuerst hatte sie gedacht, sie verlöre den Verstand. Doch jetzt hatte sie sich daran gewöhnt. Auch ihre Träume wurden klarer, verständlicher. Parker wußte nicht warum, aber nicht nur ihre Einstellungen änderten sich - sie veränderte sich. Etwas, jemand war geweckt in ihr und sie fühlte sich seit langer Zeit wieder vollständig.

"Was grinst du so dämlich, Schwesterherz?" Lyle stand vor ihr. Er hatte wieder den korrekten, dunklen Anzug an. Sein fehlender Daumen war in weißen Handschuhen versteckt. Seine Haare waren kurz und glänzten, sein Drei-Tage-Bart war verschwunden.

"Ah, wieder zurück zum Urschleim!" Selbst ihr Bruder konnte ihr nicht die gute Laune verderben, die sie erfaßt hatte. Seine Augen straften seine Erscheinung Lügen. Der Mann, der vor ihr stand, war immer noch nicht Lyle, allerdings bezweifelte sie, daß es jemand anderes mitbekommen würde. Na ja, vielleicht, daß Angelo...

Bobby beugte sich vor, um Parker etwas ins Ohr zu flüstern: "Spotte nur, ich fühle mich wie ein Schimpanse in Lederhosen!" Parker mußte sich den Zwang, laut loszuprusten, verkneifen.

Sie brauchte eine Weile um sich zu fangen: " Oh...Okay, Bruderherz." Wieso betonte sie das neuerdings so häufig?

"Gib ihm eine Chance, Prinzessin, er ist dein Bruder!"

"Hast du schon was Neues von Sam gehört?"

Sie konnte Hoffnung in seinen Augen sehen.

"Nein, außer, daß ich sie gestern fast geschnappt hätte. Nein, nichts Neues!"

"Geschnappt, wieso? Was ist passiert?" Bobby erblaßte voll Sorge. Sam hatte wahrscheinlich nie seine Gefühle erwidert, aber Freunde, Freunde könnten sie ja vielleicht wieder werden. Sie durfte nicht zurück hierher, in diese Folterkammer. Er unterdrückte das Bedürfnis seine Schwester zu schütteln; er wollte alles aus ihr herausschütteln.

"Ich mach dir einen Vorschlag!" Parker sah ihn nachdenklich an.

"Und der wäre?" fragte er ungeduldig.

"Wir gehen zusammen Mittagessen, und ich beantworte deine Fragen und du meine! Wie wäre das?" Sie hob fragend eine Augenbraue. Er musterte sie skeptisch. Sam hatte ihr vertraut.

"Vertraue ihr! Sie ist die einzige deiner Familie, der du trauen kannst."

Diese Stimme nervte, sie kam immer in ungünstigen Zeiten. Seit er wieder Bobby war, hörte er öfter Stimmen aus dem Nichts, die ihm Dinge zuflüsterten. Die weiche Stimme - er wußte, wessen es war: die seiner Mutter. Er hatte immer noch das Weinen aus der Aufzeichnung im Ohr, als Raines ihr sagte, er wäre eine Totgeburt gewesen.

"Also was ist, Buck head." Parker stampfte ungeduldig.

"In Ordnung! Zum Essen, aber kein Chinesisch!"

"Warum nicht?"

"Lyle."

Er brauchte nur dieses Wort zu sagen, und sie verstand. Lyle hatte eine Affinität zu allem Asiatischen gehabt, verrückter kleiner Bastard.

***

"Also, raus mit der Sprache, wo habt ihr das her?" Jarod stand da und versuchte, sich zu beruhigen. Die drei Kinder rutschten unruhig auf den Stühlen hin und her.

"Falls ich dich da aufklären dürfte?" Sam nahm sich einen weiteren Stuhl und setzte sich neben Major Charles, der immer noch ungläubig das Foto seiner Frau anstarrte.

"Aber bitte!"

"Also dieses Gerät, das ihr entwickelt habt, ist ein Modem, richtig?"

"Eine Art Modem!" korrigierte Jack leise.

"Eine ART Modem: schnelle Übertragung, keine Rückverfolgung, Verschlüsselung, Suchmaschine..." Kay versuchte ihr Grinsen zu verstecken und starrte auf den gekachelten Fußboden.

"So ungefähr!"

"Und dann habt ihr gesucht und gefunden, richtig?!" Die Kinder nickten gleichzeitig.

"Und schon Kontakt aufgenommen?" Sam sah besonders die Zwillinge unnachgiebig an.

"Das Foto!" Jarod starrte Jay an. "Du hast mein Foto durchs Netz geschickt?"

"Es war nötig!"

"Es war gefährlich, ich hatte die örtliche Tageszeitung in der Hand!"

"Die Übertragung kann nicht abge..."

"Der Datentransfer vielleicht nicht, aber wenn dort nicht Margaret, sondern Mr. Raines am anderen Ende gesessen hätte!" Major Charles schüttelte mißbilligend den Kopf.

"Ah, es ist nicht eure Woche, mein Lieben. Ihr solltet euch wieder anderen Dingen zuwenden. Ich habe hier eine sehr schöne Aufgabe - und zwar berechnet ihr mir sämtliche Daten für einen Raumflug nach Andromeda. Alle Daten! Ich habe hier eine schöne Liste, die ihr abarbeiten werdet!" Sam kramte drei Blätter hervor, die dichtbepackt mit Fragen waren. Als sich die Zwillinge das durchlasen, stöhnten sie.

"Dazu brauchen wir Wochen!"

"Eben, das ist ja der Sinn der Sache; wenn ihr beschäftigt seid, könnt ihr keinen Schaden anrichten." Sam sah sie noch einmal ernst an und scheuchte sie dann rauf ins Kinderzimmer.

Nachdem die Kinder verschwunden waren, kicherte Sam.

"Das ist doch wirklich zum schreien!" Die beiden Männer sahen sie fragend an. "Was die vom Centre schon seit 30 Jahren nicht schaffen, finden die Gören in einem Monat heraus!" Sie schüttelte amüsiert den Kopf. "Wir sollten die Zeit genießen, irgendwann werden Ansammlungen von mehr als 2 Pretendern bestimmt verboten!"

Obwohl Jarod viel zu aufgeregt war, mußte er schmunzeln.

***

"In Ordnung, wer fängt an?"

"Ich fange an, immerhin habe ich den Vorschlag gemacht!" Parker winkte energisch die Kellnerin zu sich. "Zweimal das Tagesgericht und einen Espresso, extra stark!" rief sie.

"Erste Frage: Wer bist du?"

"Einfach, kann ich gut beantworten: Ich bin Bobby! Jetzt bin ich dran! Was ist gestern passiert?"

"Das ist eine gemeine Frage, meine war viel kürzer!"

"Frage ist Frage!"

"Ich hatte einen Tip, wo Jarod sein könnte, bin verunglückt, zusammen mit Jarod. Sam hat uns gefunden und uns aus dem Loch herausgeholt."

"Ist sie...?"

"Ich bin wieder dran: Was ist das für eine Sache mit diesem Lyle?"

"Ich war ein Projekt von Mr. Raines, ich mußte etliche Simulationen machen. Aber ich war nie besonders gut darin, hatte immer Schwierigkeiten wieder zurückzufinden. Ich haßte meine Stiefeltern, ich haßte Raines. Ich war empfänglich für Eduard Lyle Pioro, einen Massenmörder, und konnte die Simulation nicht beenden."

"Jarod hat erzählt, daß einen der Mentor zurückholen kann."

Bobby sah seine Schwester nur an, sie kannte die Antwort schon vorher: "Raines!"

Er nickte: "Ich bin wieder dran: Ist Sam mit Jarod...?"

"Eifersüchtig?" Wieder ein vorwurfsvoller Blick.

Sie seufzte und massierte sich den Nacken: "Ich glaube nicht." Eine Weile herrschte Schweigen zwischen den beiden. Dann kam die Kellnerin mit dem dampfenden Essen.

***

"Was?" Sie murmelte verschlafen in ihre Taschenlampe. Sie öffnete vorsichtig ein Auge und ergriff schließlich das noch immer klingelnde Telefon.

"Was?"

"Na, noch wach, Parker?"

"Jarod, du hast mich geweckt!"

"Entschuldige, das wollte ich nicht!" Sie konnte ihn leise lachen hören.

"Ich merke, es geht dir schon wieder richtig gut!"

"Es geht, die Erinnerungen kommen langsam wieder." Sie schluckte.

"Ach wirklich?" Sie mußte sich räuspern, ihre Stimme klang etwas höher als normal.

>Beruhig dich, Parker.< Sie atmete tief durch.

"Parker? Hast du gehört?"

"Was? Nein, ich ... Weißt du was, ruf doch einfach morgen noch mal an, wenn ich wach bin." Sie war wach, hellwach sogar, aber sie brauchte Zeit. Zeit, um sich was einfallen zu lassen.

"Weißt du Parker, ich fand unsere Gespräche interessant!"

Welche Gespräche?

"Welche Gespräche?" wiederholte sie laut.

"Erinnerst du dich nicht an unsere Gespräche?" Er betonte das Wort Gespräch so komisch, oh nein, er wußte es.

"Ach das! Ich glaub dir immer noch kein Wort von dem, was du gesagt hast!"

"Oh, du kannst mir glauben, ich hab das wirklich ernst gemeint!" Ihr blieb das Herz fast stehen. Meinte er das, was sie da raushörte? Oh Gott, was würde sie jetzt dafür geben, ihm in die Augen zu sehen, dann wüßte sie es genau.

"Genauso wie ich." War sie verrückt geworden, hatte sie das eben wirklich gesagt? War sie denn von allen guten Geistern verlassen? Sie legte auf. Wieso hatte sie das gesagt? Wieso? Wenn er es nun falsch verstand, wenn... wenn er es richtig verstand? Verstand sie es denn selber? Was, zum Teufel, hatte sie gemeint? Parker starrte auf das Telefon, aber es blieb ruhig.

***

"Was?" Sie hörte sich richtig verschlafen an.

"Na, noch wach, Parker?"

"Jarod, du hast mich geweckt!" Er schmunzelte, er liebte es, sie nachts aus dem Bett zu klingeln. Sie war dann immer so knarrig.

"Entschuldige, das wollte ich nicht!" Er lachte leise beim Gedanken an ihr genervtes Gesicht.

"Ich merke, es geht dir schon wieder richtig gut!" Genau das richtige Thema, darüber wollte er auch sprechen.

"Es geht, die Erinnerungen kommen langsam wieder."

'So, der Köder ist ausgelegt, wie Sam das so schön ausgedrückt hat, mal sehen was anbeißt.'

"Es war doch wie in guten alten Zeiten, wir zwei, in dunklen Räumen, alleine." Jarod wartete eine Minute, doch er konnte nur das regelmäßige Atmen am anderen Ende der Leitung hören. "Parker? Hast du gehört?"

"Was? Nein, ich ... Weißt du was, ruf doch einfach morgen noch mal an, wenn ich wach bin."

Nein, keine Chance, er wollte es jetzt wissen.

"Weißt du Parker, ich fand unsere Gespräche interessant!" War das indirekt genug?

"Welche Gespräche?" Er hörte ihr schweres Schlucken.

"Erinnerst du dich nicht an unsere Gespräche?" Er war sich ziemlich sicher, daß da wirklich was gewesen war. Da unten im Dunkeln.

"Ach das! Ich glaub dir immer noch kein Wort von dem, was du gesagt hast!"

Wovon redete sie bloß?

"Oh, du kannst mir glauben, ich hab das wirklich ernst gemeint!"

"Genauso wie ich." Dann ein lautes Knacken, sie hatte die Verbindung unterbrochen. Er starrte auf das Telefon, unfähig aufzulegen. Das regelmäßige Störzeichen brannte in seinen Ohren. Er schloß die Augen und konzentrierte sich.
Teil 13 by Dara
Also, diesmal will ich auch mal was vorweg sagen. Nein, mir gehören Jarod und Anhang immer noch nicht, und die Figuren, die mir gehören, machen auch nur, was sie wollen.
Nein, ich wollte mich mal bei meiner Betaleserin Miss Bit bedanken: nicht nur, daß sie mich antreibt und so ungeduldig auf dem Stuhl hin- und herrutscht, bis ich das nächste Kapitel fertig habe. Äh, sie macht sich sogar die Mühe und bringt die Kapitel so schön in Form. ;o)

Und dann natürlich auch an die (wenn auch wenigen) Leute, die sich tatsächlich aufraffen und mir Feedback geben. DANKE!!!!! * schluchz * * schnief * Danke! Vielen Dank...

Und zum Schluß der vielen Dankesworte: Nicolette - deine Seite ist spitze; wenn ich mal wieder was zu lesen brauch, geh ich garantiert nicht in eine Bücherei!
(Nicolette verneigt sich artig und beisst dem Schokohasen auch das 2. Ohr ab!)





Die vergessene Akte
Teil 13
von Dara






"Hm!" Sie nagte nachdenklich an ihrer Lippe.

"Was –hm-?" Er blickte sie nervös an. "Was meinst du?"

"Hmm."

"Samantha. Was ist in der Höhle passiert?" Jarod verlor die Geduld.

"Also, ähm, gehen wir doch mal von bekannten Tatsachen aus : du bist von einer Giftschlange gebissen worden, warst kurz vorm krep...ableben und lagst auf ihrem Schoß. Soweit ist alles klar!"

Jarod nickte zustimmend und schob sich ein PEZ-Bonbon in den Mund.

"Des weiteren ist sicher: Parker hat ihr teures Seidenunterhemd zerrissen, um den Arm zu verschnüren ... Und ich war mir ziemlich sicher, daß sie geweint hatte. Als wir sie fanden, sah sie ziemlich .. wie soll ich es nett ausdrücken... wüst aus. Alles in allem würde ich sagen, ihr habt!"

Jarod überlegte noch einmal kurz und nickte dann: "Ganz meine Meinung. Jetzt stellt sich nur eine Frage." Er ließ sich Zeit für eine Kunstpause. Sam zog fragend die Augenbrauen nach oben.

"Und die wäre?"

"Was genau, von dem, was sie gesagt hat, hat sie nun auch so gemeint?" Sam sah ihn an, grinste und zuckte mit den Schultern.

Sie stand auf, klopfte ihm auf die Schulter und sagte kopfschüttelnd: "Warum seid ihr zwei eigentlich so begriffsstutzig, wenn es um euch geht?" Sie verließ das Zimmer laut kichernd.

***

Der Gang war heute längst nicht so dunkel und grau wie die letzten 10 Jahre. Er hatte eher wieder die Farbe angenommen, auf die sie sich immer gefreut hatte, die sie immer gesehen hatte, wenn sie ihn besucht hatte. Parker lächelte und schwenkte ihre Arme enthusiastisch. Ihr Lächeln verschwand auch nicht, als ein Trupp von Sweepern an ihr vorbeiging. Sie nickte freundlich zum Gruß. Sie konnte die fragenden Blicke spüren, als sie vorbei war. Es war ihr so was von egal. Ihr kam ein Lied in den Sinn, das sie vor Tagen einmal gehört hatte.

"Guten Morgen, Parker!" Sydney kam ihr im Foyer entgegen. Sie lächelte und öffnete ihre Arme.

"Ah, Sydney, wie geht es Ihnen?" Sie umarmte ihn herzlich. Nach anfänglichem Zögern erwiderte der Psychiater ihre Umarmung. Die Zuneigung zu diesem Mann durchflutete sie.

Sie schob ihn etwas von sich und sah ihm in die Augen: "Und, wollen wir einen weiteren Tag damit verplempern, Wonderboy hinterherzulaufen?" Sydney sah sie nur skeptisch an.

"Was?" Sie hakte sich bei ihm unter und ging schwungvoll in Richtung Büro. Aus den Augenwinkeln konnte sie ihren Vater und Raines auf der Brüstung sehen. Sie spürte die Verärgerung ihres Vaters. Als sie schließlich noch nach rechts sah und dort Bobby versteckt grinsen sah, wuchs ihr Lächeln in die Breite. Es wurde Zeit, ein wenig mit dem Feuer zu spielen.

***

"Du wolltest mich sprechen, Daddy?" Sie setzte sich unaufgefordert auf einen Sessel vorm Schreibtisch ihres Vaters.

"Engelchen, ich sehe, du hast heute gute Laune!"

"Oh ja, zum ersten Mal seit Wochen keine Bauchschmerzen mehr." Sie breitete ihre Arme überschwenglich aus und strahlte. Es fiel ihr nicht schwer zu lächeln, weil sie nicht einen Augenblick einen Gedanken an den alten Mann ihr gegenüber verschwendete. "Kein Magengeschwür mehr! Weg! Einfach so, liegt bestimmt an dem neuen Medikament! Aber reden wir nicht über mich! Wie geht es Brigitte und dem Baby?" Ihr Vater hatte sie geradezu angestarrt; beim Thema seiner jungen Frau schien seine Mimik zu zerbröckeln.

"Es geht ihnen gut, danke der Nachfrage. Was macht die Suche nach Jarod?"

Sie lehnte sich entspannt nach hinten und massierte demonstrativ ihren Bauch – nicht, daß sie wirklich seit Monaten Bauchschmerzen hatte, geschweige denn Medikamente dagegen nahm, aber ihr Vater wußte das ja nicht, niemand wußte das.

"Nix! Die Laborratte scheint wie vom Erdboden verschwunden zu sein. Und wenn ich schon dabei bin: von Samantha auch nichts. Ich will ja nichts sagen, aber bis jetzt hat das Centre immer dann die besten Projekte verloren, wenn Raines Untersuchungen oder Simulationen eingeplant hatte." Sie verdrehte genervt die Augen.

"Das ist dem Triumvirat bereits bekannt und wird genauestens untersucht, Schätzchen."

"Wolltest du sonst noch etwas?" Sie stand auf und ging zur Tür : "Ich hab’s etwas eilig, ich bin mit Sydney zum Essen verabredet."

"Wir sehen uns, Engelchen!"

"Sicher!" Sie ging, ohne sich noch einmal umzusehen.

***

"W-Was gibt es denn eigentlich zu feiern?" Broots schluckte nervös.

"Meine Freiheit, Broots, meine Freiheit!" Parker summte das Lied, das sie schon den ganzen Tag verfolgte.

"Sie verlassen das Centre?" In Broots Stimme war eine Mischung aus Panik, Bewunderung und Bedauern zu hören.

"Natürlich nicht, Broots, seien Sie doch realistisch. Nein, ich will einfach nur mit Ihnen und Sydney hier sitzen, was Anständiges essen und abschalten. Das allein ist schon Freiheit für mich." Ihre Hochstimmung war etwas verflogen nach dem Gespräch mit ihrem Vater, und ihre Ungeduld kehrte zurück. Sydney lächelte sein geheimnisvolles Lächeln und verschränkte seine Arme in Abwartposition.

***

"Was?"

"Das muß in der Familie liegen, ist wahrscheinlich ein genetischer Defekt oder so! Könnt ihr Parkers euch denn nicht einmal vernünftig am Telefon melden?" Bobby mußte schmunzeln, als Sam diese Beschwerde runterrasselte.

"Sam!"

"Richtig, hier ist Sam, die liebe, bewundernswerte, unübertreffliche Sam, und wer bitte ist am anderen Ende der Leitung?"

"Na, ich denk mal, daß ich es bin, zumal das ja wohl auch meine Nummer ist."

"Eine aufschlußreiche Antwort, Honey!" Es entstand eine Pause.

"Alles klar in Blue Cove?" Sam unterbrach die Pause als erstes.

"Alles beim Alten!" bestätigte Bobby, aber mehr bekam er beim besten Willen nicht über die Zunge.

"Joi, du bist heute aber richtig geschwätzig! Du solltest wirklich die anderen Leute zu Wort kommen lassen." Sam triefte vor Ironie; er verlor für einen Augenblick die Kontrolle über sich und lachte laut auf. In dem Moment betrat Brigitte sein Büro, sie lächelte ihn an. Er betrachtete die ehemalige Blondine mit einem abschätzigen Blick. Sie war absolut nicht sein Typ, ihn schauderte es beim Gedanken an frühere Zeiten. "Bobby, noch dran?"

"Äh, ja. Natürlich. Ich habe nur gerade Besuch bekommen. - Setz dich doch, Brigitte, ich bin hier gleich fertig !"

"Ui, wie sieht der Elefant denn aus? Steht ihr die Schwangerschaft, unserer Miss Lollipop?"

"Ich mag ja nicht so fettes Fleisch, bringen Sie mir lieber Pute."

"Wieso? Ich denke, die Pute sitzt bereits in deinem Büro?" Sam kicherte höhnisch. Bobby verkniff sich das Grinsen, aber es tat schon beinah weh. "Was will die arme Bridshitt denn von dir?"

"Ich weiß nicht, was würden Sie empfehlen?"

"Hochkantig rausschmeißen?"

"Nein, danke, ich nehme doch lieber die Flasche Weißwein!"

"Alkohol ist nicht gut fürs Kind, selbst wenn ich diese Frau nicht ausstehen kann. Es könnte ja immerhin auch...."

"Ich glaube nicht!" Er unterbrach Sam, "Ich glaube nicht, daß ich zu dem Zeitpunkt zu Hause war, das tut mir leid. Heute abend bin ich aber die ganze Zeit erreichbar."

"Ist das eine Einladung?"

"Wenn Sie es einrichten könnten?"

"Heute wird es nichts, aber bestimmt ein anderes Mal."

"Nein, ist in Ordnung. Dann also abgemacht! Ich muß Schluß machen."

"Warum denn, gerade, wo es so interessant wird?" Sam lachte lauter als beabsichtigt, ihr gefiel die Situation wirklich sehr.

"Gut, auf Wiedersehen, dann!" Bobby legte auf.

Er sah für eine Minute aus dem Fenster und versuchte, sich zu beruhigen. Er hatte den Drang zu grinsen, aber er konnte es sich im Moment nicht leisten. Brigitte machte laut seufzend auf sich aufmerksam. Er holte tief Luft und drehte sich zu ihr.

"Brigitte! Wie geht es dir?"

"Mir geht es gut. Außer, daß ich von Tag zu Tag fetter werde, mir allein schon beim Anblick von Süßigkeiten der Magen umdreht und mein Mann keine Zeit für mich hat, geht es mir bestens." Sie produzierte sich. Sie liebte die Theatralik, obwohl sie nicht wirklich begabt dafür war. Bobby beobachtete sie stumm, während sie ihn vollschwatzte. Ihre Haare waren immer noch im Bobbyschnitt, aber neuerdings war sie dunkelhaarig. Eine Anregung seines Vaters; Bobby hatte den leisen Verdacht, er versuchte, Brigitte zu einer zweiten Catherine zu machen, die Tochter war ja tabu, selbst für so einen wie Mr. Parker.

Ihm ging die ungestellte Frage von Sam im Kopf herum: War er der Vater von dem Baby? Er erinnerte sich, daß sie und Lyle – er bevorzugte die strikte Trennung zwischen seinem Ich und Lyle – auch nach Brigittes Hochzeit mit seinem Vater noch Sex gehabt hatten.

Bobby mußte Brigitte regelrecht angestarrt haben, denn plötzlich stoppte sie ihren Redeschwall und sah ihn fragend an. Sie hatte seinen Blick falsch verstanden und kam um den Schreibtisch herum.

"Meine Güte, Lyle. Du bist einfach unersättlich! Dein Vater wird noch Verdacht schöpfen!" Sie machte Andeutungen sich zu ihm runter zu knien.

"Du hast recht, wir ... wir sollten uns eine Weile zurückhalten." Bobby hielt sie davon ab, seinen Reißverschluß zu öffnen. "Ich kann es mir zur Zeit nicht leisten, mit ihm ins Gehege zu kommen." Er hoffte, daß das entschuldigende Lächeln überzeugend genug war.

Sie fixierte ihn kurz, kam aber dann zu dem Schluß, daß er recht hatte. Es war einfach zu riskant, sowohl für sie, als auch für das Projekt, das sie in sich trug. Sie lächelte kalt. Nun ja, wenn sie das hier überleben wollte, mußte sie wohl oder übel auf einige Spielchen verzichten. Wie gerne würde sie Lyle unter die Nase reiben, für was für ein wichtiges Projekt sie so wichtig war, daß man ihr Todesurteil aufgehoben hatte. Er würde sie beneiden.

Als sie endlich sein Büro verlassen hatte, eilte er in seinen Waschraum. Er spülte sich den Mund aus, zweimal. Brigitte hatte ihm zum Abschluß einen Kuß gegeben. Er schüttelte sich. Er blickte auf das Bild, das nun im Waschraum hinter der Dusche versteckt war. Samantha mit wehendem Haar. Er lächelte und zog bedächtig den Duschvorhang zu.

***

"Ich finde das einfach ungerecht!" Jack schmiß das Buch genervt in die Ecke des Zimmers und ließ sich aufs Bett fallen. Er stierte mit Inbrunst an die Zimmerdecke und fluchte: "Wir haben Margaret gefunden, oder nicht? Und das Centre hat uns nicht entdeckt!"

"Aber es hätte!" Kay legte sich neben ihren Bruder. Jay tippte ein paar letzte Zahlen in den Computer und nickte.

"Hätte! Hat aber nicht! Und ich hab Mum noch gehört, sie hat sich halb tot gelacht!"

"Wirklich?" Jay hatte sich neben seine Halbgeschwister gelegt und gemeinsam stierten sie jetzt hinauf zur kahlen Decke.

"Klar. Sie hat gesagt, daß sie das schon ziemlich stark findet, daß wir in 4 Wochen geschafft haben, was das Centre seit 30 Jahren nicht richtig auf die Reihe kriegt!"

"Also ist sie stolz auf uns!" Kay drehte sich auf den Bauch und sah von einem Bruder zum anderen.

"Trotzdem haben wir Strafarbeit!"

"Ja, aber wenn sie stolz auf uns ist, dann ist sie nicht mehr böse auf uns!"

"Warum dann die Strafarbeit?" Jay verfolgte den Flug einer Fliege.

"Na, weil wir was falsch gemacht haben! Wir waren im Keller, obwohl es verboten war. Wir haben ein Foto zu einer Wildfremden geschickt, ohne Abstimmung mit Mum oder Jarod. Falsches muß bestraft werden!" Jack schlug mit einem lauten Klatscher die Fliege tot, als sie in seiner Reichweite war.

"Blablabla."

"Nein, wirklich, wenn du willst, daß ein Welpe sauber wird, mußt du streng sein, wenn er was falsch gemacht hat. Auch wenn es noch so drollig ausgesehen hat und du eigentlich lachen willst!" Kay war stolz auf ihren Vergleich und suchte Anerkennung bei ihren Brüdern.

Doch Jay sah sie nur an: "Du vergleichst uns mit Hunden?"

"Genau, wir sind keine Hunde!"

"Schon gar keine Welpen!"

"Genau!"

Kay griff sich wütend ein Kissen und schlug nach den Jungs: "Oh, ihr seid so doof, das war doch nur ein Beispiel!" Sie traf Jack genau ins Gesicht. Der ließ sich nicht lumpen, griff sich sein eigenes Kopfkissen und warf es mit voller Wucht Kay entgegen. Diese duckte sich allerdings noch rechtzeitig. Jay, der sich aufgesetzt hatte, wurde getroffen. Kay lachte sich halb tot.

"Haha, du solltest erst mal zielen lernen!" Sie achtete nicht auf Jay, der nun das Kissen in der Hand hatte. Dieser holte Schwung, und das Kissen traf sie völlig unerwartet. Sie schrie überrascht auf. "Auch du Brutus? Nu pogadi!" Kicherte sie und eine wilde Kissenschlacht begann.

***

"Was ist das für ein Lärm?" Der Major lauschte.

"Hört sich nach einer intensiven Testreihe über die Eigenschaften von gefüllten Ruheunterlagen an." Sam sah nicht auf und sie hörte sich sehr ernst an.

"Eine Was?"

"Eine Kissenschlacht!" Sam kicherte. "Wenn ich jetzt nicht sauer auf die Kinder sein müßte, würde ich hochgehen und mitmachen." Sie grinste den älteren Mann schelmisch an. "Als Opa darf man das ja, aber ich ... ich muß hart bleiben." Sie seufzte theatralisch. Der Major lächelte und machte sich auf den Weg ins Kinderzimmer. Unterwegs traf er Jarod.

"Was ist das für ein Krach?"

"Kissenschlacht! Bewaffne dich und folge mir, Soldat!" Jarod sah seinen Vater eine Sekunde verwirrt an.

"Bewaffnen?" Der Major drückte ihm zwei Sofakissen in die Hände und zog ihn mit sich.

Als die Türklinke runtergedrückt wurde, versuchten die drei schnell die Kissen hinter ihren Rücken zu verstecken. Sie blickten mit Unschuldsaugen zur Tür. Der Major trat als erstes herein. "Solltet ihr nicht Hausaufgaben machen?"

"Ähm, das machen wir, wir, wir testen die Eigenschaften von Ruheunterlagen.. . auf ihre Strapazierfähigkeit!" Jack biß sich fast auf die Lippe als er Jays Entschuldigung hörte.

"Ja, Eure Mutter erwähnte so etwas! Sie meinte, ihr solltet auch diese hier genauer untersuchen." Er holte Schwung und warf ein kleines Kissen in Jays Richtung. Kay kreischte amüsiert und attackierte Jarod, während Jack Jay aus der Bedrängnis half.

***

"I´ve got you under my skin,
I´ve got you deep in the heart of me,
So deep in my heart you´re really a part of me;
I´ve got you under my skin,
I tried so not to give in
I said to myself, this affair never will go so well,
But why should I try to resist when, darling, I know so well
I´ve got you under my skin…”

Parker sang leise vor sich hin. Sie bewegte sich im Takt und ließ das warme Wasser an sich herunterlaufen. Sie griff sich ein Handtuch, schlang es sich um und stieg aus der Dusche. Sie löste ihre hochgebundenen Haare und bürstete sie sich. Gedankenverloren starrte sie ihr Spiegelbild an. Plötzlich lachte sie laut los. Sie lachte frei, wie sie es schon seit Jahren nicht mehr getan hatte. Sie schüttelte sich vor Lachen.

"Was ist so lustig, Schwesterherz?" Sie erschrak und verschluckte sich.

"Lyle!"

"Bobby!"

"Bobby, was machst du hier!"

"Ich wollte jemanden besuchen!"

"Und was beehrt MICH?" Er zuckte fast schüchtern die Schultern.

"Wen hätte ich sonst besuchen sollen?" Sie zog ihre Augenbraue kurz nach oben und wollte zu einer scharfen Antwort ansetzen. Dann sah sie seine Verletzlichkeit. Nicht zum ersten Mal regte sich bei ihr etwas. In den letzten Tagen hatte sie ihn sogar ein wenig gemocht. Sie konnte es nicht wirklich glauben.

"Ich zieh mir was an, warte im Wohnzimmer!" Sie scheuchte ihn aus dem Badezimmer und schloß die Tür. Sie lehnte sich auf das Waschbecken und sah zu ihrem Spiegelbild. "Ich glaube nicht, daß ich das tue!" Sie verzog das Gesicht und ging barfuß in ihr Schlafzimmer. Sie sah auf ihr Bett und traute ihren Augen nicht. Dort war eine große Schachtel mit einer dicken roten Schleife. Langsam löste sie die Schleife und öffnete die Schachtel. Es lag ein schwarzer Jogginganzug aus Samt darin. Sie zögerte kurz und zog ihn sich an. Er paßte.

"Hast du das mitgebracht?" Sie deutete auf den Anzug. Bobby sah sie fragend an, er hatte es sich auf dem Sofa mit einem Drink in der Hand bequem gemacht.

"Nein, aber sieht gut aus!"

"Danke!" Sie versteckte ihre Hände in den großen Taschen des Oberteils. "Also, was willst du?" Sie spürte einen Zettel in ihren Händen. Sie nahm ihn raus und entfaltete ihn. Sie ging zur Bar und goß sich ebenfalls einen Drink ein. Dabei drehte sie Bobby den Rücken zu und las den Brief: "Ich dachte, du könntest auch mal was Bequemes gebrauchen. SAM".

"Was meint sie denn damit, etwas Bequemes?" Sie setzte sich mit dem Drink auf einen Sessel, gegenüber von Bobby.

"Wie bitte?"

"Sam, der Anzug ist von Sam: 'ich dachte, du könntest mal etwas Bequemes gebrauchen.' Was soll das heißen?"

Er zuckte mit den Schultern: "Vielleicht glaubt sie, daß deine Kleidung nicht bequem ist?"

"Sie ist äußerst bequem und sieht gut aus!" grummelte Parker, obwohl sie zugeben mußte, daß dieser Anzug in der Tat sehr kuschelig war. Bobby zuckte wieder mit den Schultern und trank einen Schluck.

"Also, was willst du hier? Und wenn du nur noch einmal mit den Schultern zuckst, dann..." Parker belegte ihn mit einem halbherzigen Eisblick. Gerade wollte Bobby wieder mit den Schultern zucken, als er es sich doch anders überlegte.

"Ich wollte nur nicht allein sein und da dachte ich mir, knüpfst du doch mal Kontakte mit deiner Schwester. Darum hat dein alter Herr dich ja oft genug gebeten!" Er sagte es laut genug, damit die möglichen Wanzen im Haus auch ja alles mitbekamen. Parker winkte ab.

"Laß stecken, meine allabendliche Routine ist das Suchen nach Wanzen!" Sie deutete auf eine kleine, schwarze Box auf dem Abstelltisch.

"Und?"

"Sie versuchen es, ein-, zweimal im Monat, aber geben ziemlich schnell wieder auf!" Die beiden grinsten.

"Du kannst mich nicht leiden!" Das war eine Feststellung. Bobby sah Parker an. Er, also Bobby, mochte Parker. Ihm gefiel die Vorstellung, eine Schwester zu haben. Lyle hatte in ihr Konkurrenz gesehen, Gefahr, und natürlich eine schöne Frau. Bobby sah in ihr die verlorene Familie. >Sie ist Familie, mein Sohn. Ihr seid eine Familie.< Er wischte die Stimme verärgert weg. Er mußte sich unter Kontrolle kriegen, er konnte es sich nicht leisten, durchzudrehen.

"Ist was, Bobby?" Parker hatte ihr leeres Glas weggestellt und sah ihn neugierig an.

"Nein, es geht schon wieder! Du hast auf meine Frage nicht geantwortet."

"Das war keine Frage! Aber nein, ich konnte Lyle nicht ausstehen. Er manipulierte, tötete, quälte – er war ein verdammter Bastard!" Er lächelte gequält. Dann klangen die Töne in ihm nach: konnte Lyle nicht ausstehen, manipulierte, tötete, quälte, er WAR ein Bastard ... Er war...

"Und jetzt?"

"Keine Ahnung, ich hatte noch nicht soviel zu tun mit ....Bobby!" Nun war Parker an der Reihe, mit den Schultern zu zucken.

"Du glaubst, da ist ein Unterschied?"

"Ich denke schon."

"Ich bin mir nicht sicher, jedesmal, wenn ich einschlafe, denke ich: und wenn du morgen nicht wieder aufwachst, wenn er wieder die Kontrolle übernimmt. Er ist in mir, ein Teil von mir, ein verdammt großer Teil von mir." Er fuhr sich nervös durchs kurze Haar.

Parker sah ihren Bruder kurz an. Sie überlegte.

"Es gibt eine Möglichkeit zu testen, ob Lyle noch da ist!" Er sah sie fragend an. "Angelo!"

"Der würde mich lieber tot als lebendig sehen!"

"Woher willst du das wissen?" Er schwieg. Sollte er ihr wirklich erzählen, daß er manchmal Angelos Stimme hören konnte? Na gut, seit Lyle verschwunden war, war es nicht wieder vorgekommen, aber er hatte diese Stimme noch immer im Gedächtnis: "Du bist schuld, du bist böse. Ich entscheide, wer lebt oder stirbt." Angelo - Lyle hatte immer Angst vor dem Empathen gehabt. Nein, all das konnte er ihr nicht erzählen. Nicht von den Stimmen.

***

Das Telefon klingelte. Sam ging ran.

"Hallo?"

"Könnte ich bitte mit den Jungs sprechen?" Eine Frauenstimme, fest und klar.

Sam runzelte die Stirn: "Wen wollen Sie sprechen?"

"Jack oder Jay?"

"Die haben Hausarrest, die haben etwas sehr Dummes und Unüberlegtes getan!" Eine Weile war es still am anderen Ende der Leitung. "Margaret? Wollen Sie nicht lieber erst mal mit dem Major sprechen?" Sam hielt den Atem an.

"Woher wissen Sie, wer ich bin?"

"Nun ja, ich kenne meine Pappenheimer und weiß sie aus der Reserve zu locken!" Sam lachte leise, "Auch wenn sie am liebsten alles als große Überraschung geplant hätten, finden Jarod und ich es doch sicherer so. Auf diese Art und Weise können wir uns absichern, falls doch das Centre im Hintergrund ist." Wieder eine kleine Pause.

"Sie haben recht. Absichern kann man sich nie genug!"

"Nicht beim Centre!"

"Ich würde mich freuen, wenn ich mit Charles sprechen könnte!"

"Natürlich, einen Moment!"

Sam ging zur Treppe: "Major!" Sie schrie ziemlich laut. "Major kannst du mal kommen?" Sie nahm den Hörer. "Entschuldigung, Margaret, aber die waren oben mitten in einer Kissenschlacht. Er kommt gleich."

Der Major kam aus dem Kinderzimmer und stapfte die Treppe herunter. Er war immer noch völlig außer Atem.

"Na, so lange hat die Kissenschlacht doch wohl nicht gedauert?"

"Nein, aber dann kamen die lieben Kleinen auf die Idee, daß wir doch bei den Hausaufgaben helfen sollen."

Sam prustete los: "Ach du meine Güte!"

Der Major konnte sich ein Lachen auch nicht verkneifen: "So ist es! Also, warum hast du mich erlöst?"

"Oh ja, Telefon!" Sie überreichte ihm das Handy und verschwand ins Wohnzimmer. Der Major starrte kurz auf das Handy und nahm es zum Ohr: "Ja bitte?"

"Charles, bist du es wirklich?" Sein Herz schien für eine Sekunde stillzustehen.

"Marge!"
Teil 14 by Dara
Also, diesmal will ich auch mal was vorweg sagen. Nein, mir gehören Jarod und Anhang immer noch nicht, und die Figuren, die mir gehören, machen auch nur, was sie wollen.




Die vergessene Akte
Teil 14
von Dara





"Und, was sagt sie?"

"Wie bitte?" Der Major sah erschrocken auf. Er war in Gedanken versunken gewesen, nachdem er zum ersten Mal seit Jahren mit seiner Frau gesprochen hatte.

"Was hat sie gesagt? Gute Neuigkeiten?" Sam sah ihn mit großen Augen an und tippelte ungeduldig mit dem Fuß. "Bin ich zu neugierig?"

"Nein, ich muß nur erst mal zu mir kommen!" Der Major setzte sich in dem großen Sessel zurecht und sah die junge Frau an. "Du bringst Glück, Sam. Wirklich!"

"Oh ja, ich weiß, aber komm nicht auf die Idee, mich um deinen Hals hängen zu wollen!"

Der Major lachte.

"Spann mich nicht auf die Folter! Hast du sie hierher eingeladen oder sollen wir sie irgendwo treffen?" Sam hatte es sich auf der Couch bequem gemacht und strich sich eine Strähne aus dem Gesicht.

"Darauf bin ich gar nicht gekommen! Ich ... war einfach nur so glücklich, ihre Stimme wieder zu hören. Wir haben uns über alles Mögliche unterhalten, nur nicht darüber!" Der Major schüttelte verblüfft den Kopf.

"Na, aber du hast doch ihre Nummer, oder nicht?"

"Ähm, ja natürlich. Ich kann es nicht fassen, daß ich das vergessen habe!"

"Eigentlich gar nicht so ungewöhnlich, menschliche Schwäche. Was hat sie denn erzählt?" Sam holte sich das Handy hervor und nahm den Zettel mit der Telefonnummer von Margaret vom Major entgegen.

"Ihr geht es soweit ganz gut, sie hat sich in ihre Wohnung in Europa zurückgezogen."

"Hat sie Kontakt zu Emily?"

"Ja, sie schreiben sich regelmäßig Email!" Charles beobachtete, wie Sam die Nummer wählte.

"Hallo, Margaret! Ich bin’s, Sam! Ja, das ging fix. Marge, ich darf Sie doch Marge nennen, oder? Gut, Marge, ich persönlich finde, daß es Zeit für eine kleine Familienzusammenführung ist und wollte Sie nach Kanada einladen!" Sie lauschte, als ihre Gesprächspartnerin antwortete. Der Major lehnte sich gespannt nach vorn.

"Gut, Marge. Ich werde Ihnen eine SMS schicken. Es ist die Adresse eines alten Freundes von mir. Er wird alles weitere arrangieren. Wenn Sie mit Emily sprechen, geben Sie ihr bitte die Mailadresse, mit der Sie die Jungs kontaktiert haben. Dann werden wir das auch in Angriff nehmen." Wieder eine kleine Pause und dann verabschiedete sie sich.

"Gut, Marge. Dann sehen wir uns spätestens in zwei Tagen!" Sie legte auf.
Der Major starrte sie ungläubig an: "Ich... sie kommt hierher. In zwei Tagen?"

"Jop!" Sam klappte das Handy zusammen und stand auf: "Entschuldige bitte, aber ich muß da noch was organisieren!" Damit verließ sie das Zimmer.

"In zwei Tagen!" flüsterte der Major, und plötzlich fühlte er sich leicht. Seit Jahren war er auf der Flucht und selbst mit Jay fühlte er sich abgeschnitten vom Leben und von seiner Familie. In zwei Tagen würde das vorbei sein, dann hätte er seine Familie wieder zusammen. Eine vollständige Familie.

**

"Angelo? Wo bist du?" Miss Parker suchte nun schon seit einer halben Stunde in den Tiefen der Belüftung nach dem Empathen. Es war dunkel hier, aber wenigstens gab es keine Kameras. Nur einige Räume, wo die Belüftungsschächte zusammenliefen, waren visuell überwacht. Aber dies war keiner davon.

"Angelo? Verdammt, ich hab keine Lust, verstecken zu spielen!" Sie reckte sich auf, die gebückte Haltung strengte sie an. Obwohl sie Angelo inzwischen richtig ins Herz geschlossen hatte und sich für ihn verantwortlich fühlte, hatte sie meistens nicht die Geduld und die Zeit, auf ihn zu warten. Sie seufzte.

"Parker, ich denke, du solltest mal kommen!" Bobbys Stimme kam aus einem Gang hinter der Ecke.

"Hast du ihn gefunden?" Sie eilte in die Richtung.

Bobby deutete fast schüchtern in ein Rohrende. Sie beugte sich runter und sah ihn. Angelo lag zusammengeknäult am hinteren Ende und schlief. Sie lächelte und zog sich die Schuhe aus.

"Geht es ihm gut? Was machst du da?"

"Ich glaube, er schläft. Ich komm so nicht ran, also werde ich zu ihm krabbeln müssen!" Parker kletterte ins Rohr und kroch zu Angelo. Als sie bei ihm war, legte sie ihre Hand auf seinen Arm. Er zuckte zurück, als wenn er sich verbrannt hätte, aber reagierte nicht.

"Das ist eigenartig. Angelo, wach auf!" Parker schüttelte ihn ein wenig. Er zeigte keine Reaktion, versuchte nur, von ihr abzurücken. "Angelo? Alles in Ordnung? Angelo?" So langsam bekam sie es mit der Angst zu tun. Etwas stimmte hier ganz und gar nicht.

"Angelo? Hat dir jemand was getan?"

Und plötzlich hörte sie es. Angelo schluchzte. Er weinte und zitterte am ganzen Körper. Ihr war zum Weinen zumute; wie konnte sie ihm nur helfen? Vorsichtig nahm sie ihn in ihre Arme und umschlang ihn. Sie setzte sich so, daß sie ihn wie ein kleines Kind in den Schoß legen konnte. Dann begann sie, hin- und herzuschaukeln.

"Es ist ja gut, Angelo, es ist ja gut!" Sie sah Bobby verzweifelt an.

"Ich denke, es ist besser, wenn ich Sydney hole!" Bobby sah den dankbaren Blick von Parker und beeilte sich, zu dem Psychiater zu kommen.
"Sydney! Sie ... ähm." Bobby räusperte sich kurz und sprach dann mit fester Stimme. "Kommen Sie mit, Syd. Ich brauche Sie in einer dringenden Angelegenheit!"

Der Psychiater sah ihn skeptisch an, und Bobby konnte den Widerwillen fast spüren, mit dem er sich in Bewegung setzte. Nicht, ohne einen vielsagenden Blick zu Broots zu werfen, der Bobby abschätzig taxierte. Du kannst nicht alles auf einmal erwarten, Honey. Er konnte Sams beruhigende Stimme hören und verdrängte den Schmerz, den er empfand. Oh, wie er seine Freunde um diese Leute beneidete.

"Was wollen Sie, Lyle, Miss Parker kommt jeden Augenblick, und wir müssen nach Jarod suchen!" Sydney machte keinen Hehl aus seiner Abneigung gegen Lyle.

"Miss Parker ist ein Teil der dringenden Angelegenheit, Sydney." Bobby floh fast vor dem älteren Mann und eilte zurück zu der Stelle, wo er seine Schwester mit Angelo allein gelassen hatte.

"Was haben Sie mit ihr gemacht?"

"Ich habe gar nichts mit meiner Schwester gemacht, Dr. Greene. Gar nichts!" Bobby verlor die Nerven und blieb stehen. Er sah dem Doktor fest in die Augen. "Ich habe auch nicht die Absicht, ihr irgend etwas anzutun, Doktor!" Dann riß er sich zusammen und machte sich wieder auf den Weg.

Sydney blieb erstaunt stehen und sah dem Mann nach, den er doch so haßte. Irgend etwas war anders. Plötzlich erinnerte er sich an das Gespräch, das er vor ein paar Tagen mit Miss Parker geführt hatte. Sie hatte ihn ziemlich durchlöchert über die möglichen Komplikationen bei Simulationsdurchführungen und was passierte, wenn sich der Pretender nicht aus der Simulation lösen konnte. Sydney war sich nicht sicher, warum er gerade daran denken mußte.

"Was ist? Kommen Sie, Sydney, es ist dringend!" Lyle winkte ihn zu sich heran und verschwand dann hinter einer Tür.

**

"Stimmt es wirklich, Dad? Sie kommt hierher?" Jay sah den Major erwartungsvoll an. Er war sich noch nicht so sicher, ob es ein angenehmes Treffen für ihn sein würde. Aber schon weil es Jarod und seinem Vater soviel bedeutete, freute er sich.

"Ja, es stimmt. Sam hat sie einfach angerufen und alles organisiert. Marge ist schon in der Luft. Es dauert nur noch 3 Stunden, dann landet sie." Der Major konnte es auch noch gar nicht wirklich fassen.

"Und wie kommt sie hierher?" Jarod mußte schlucken, sein Hals schien plötzlich so trocken.

"Sam holt sie ab. Sie ist schon losgefahren und holt Em ab. Sie hatte sich drei Stunden nach dem Telefonat bei Marge gemeldet und sofort eine Mail geschickt. Sie kommt mit der Bahn."

"Wo ist hier denn die nächste Bahnstation?"

"Sam meinte sie müsse NUR 2 Stunden mit dem Wagen fahren und auf dem Rückweg würde sie dann beim Flughafen vorbeikommen!"
"Wieso habt ihr nicht gleich was gesagt? Ich meine, ihr laßt uns die ganze Nacht schlafen, ohne was zu sagen!" Jarod wußte nicht, ob er glücklich oder wütend sein sollte.

"Sam wollte euch euren wohlverdienten Schönheitsschlaf nicht nehmen, außerdem glaubte sie, wir würden nur alles komplizierter machen." Der Major zuckte mit den Schultern und lächelte seinem Sohn beruhigend zu. "Sie macht das schon!"

"'Türlich macht sie das! Sie ist die beste!" Kay schüttelte entrüstet den Kopf. Wie konnten sie nur an ihrer Mutter zweifeln?

"Und was machen wir jetzt?" Etwas ratlos sah Jarod sich um, "Ich kann einfach nicht hier sitzen und warten."

"Och, keine Sorge, Mum hat vorgesorgt!" Jack wedelte mit einem Blatt. Laut las er vor: "Hey, daß ihr nicht faul rumlungert! Es müssen noch Betten bezogen und Essen eingekauft werden, und einer muß mal checken, was das Center so fabriziert! Ausnahmsweise erlaube ich meinen lieben Kleinen, sich im Keller umzugucken! SAM"

Die Kinder sahen sich nur kurz an und grinsten: "Ähm, okay, Jay und Jarod ihr macht die Betten, Kay und ich gehen in den Keller, und der Major fährt einkaufen!" Jack grinste übers ganze Gesicht.

"Ähm, stehengeblieben. So nicht! Ihr drei macht die Betten und wenn ihr damit fertig seid, räumt ihr noch euer Zimmer auf. Anschließend könnt ihr in den Keller gehen! Jarod macht einen kurzen Check, was das Center treibt und fährt dann mit mir einkaufen!" Der Major scheuchte die Kinder hoch zu den Schlafzimmern. Diese protestierten laut.

**

"Was ist los mit ihm, Syd?" Parker hatte die Arme um sich selbst geschlungen und starrte sehnsüchtig auf Angelo. Der lag in seinem Bett. Zusammen hatten sie ihn aus der Röhre geholt und in seine Kabine gebracht.

Angelo reagierte immer noch nicht. Er weinte und wiegte sich selbst immer nur hin und her.

Bobby stand abseits in einer Ecke und beobachtete die anderen. Er spürte die Sorge seiner Schwester und von Sydney. Und er wußte, daß es Sam das Herz brechen würde, wenn sie ihn so liegen sähe.

Er schloß die Augen und holte tief Luft. Er versucht sich auf Angelo zu konzentrieren. Er machte das hier wirklich nicht gern, die Angst vor dem Empathen war noch immer da - auch wenn es Lyles Angst gewesen war - und sich mit Absicht auf die Stimmen einlassen, wollte er auch nicht. Zu tief lag die Angst vor Lyle in ihm. Aber das war für Sam, und wenn er jemals das Vertrauen seiner Schwester erringen wollte, mußte er ihr jetzt helfen.

Er trat einen Schritt vor. Intensiv sah er auf Angelo, und er streckte seine Hand aus, um sie dem Mann auf die Stirn zu legen. Parker sah ihn fragend an, und Sydney runzelte fragend die Stirn.

Bobby lächelte zögernd. "Hey, ich bin ein halbwegs ausgebildeter Pretender, vielleicht kann ich helfen!"

Sydney sah Parker fragend an. "Ich erkläre es Ihnen später, Syd." Sie nickte Bobby zu.

Er legte die Hand auf die heiße Stirn von Angelo und schloß die Augen. Dann konzentrierte er sich voll und ganz auf Angelo. Er hatte schon mal die Gedanken von Angelo empfangen, also mußte es doch jetzt auch wieder gehen.

Angelo, was ist los?

>Allein, ganz allein<

>Du bist nicht allein, Parker und Syd sind hier, sie machen sich Sorgen<

>Allein, ganz allein<

>Du vermißt Sam, nicht wahr?<

>Schwester weit weg, kann nicht hören, Angelo ganz allein<

Bobby öffnete die Augen; er spürte, wie eine Träne seine Wange herunterlief. Er sah suchend zu Parker.

Sie hatte ebenfalls die Augen geschlossen gehabt und öffnete sie nun langsam. "Du hörst sie auch, nicht wahr?" flüsterte sie leise zu ihm.

"Wen?"

"Die Stimmen! Sie trösten oder warnen mich!"

Bobby bemerkte den fragenden Blick von Sydney. Nein, das letzte, was er gebrauchen könnte, war ein Psychiater, der seine Empfänglichkeit für Stimmen analysierte. Sein Gesicht verhärtete sich. "Ich weiß nicht, was du meinst. Ich kann dir nicht helfen!" Er wollte aus dem Zimmer stürmen.

Parker hielt ihn am Arm fest: "Weglaufen hilft da nicht, Bobby. Weglaufen hilft ganz und gar nicht!" Er riß sich los und stürzte auf den Gang, und die Tür fiel hinter ihm zu. Er holte tief Luft und lehnte sich an die kühlende Wand.

"Parker, was geht hier vor? Warum nennen Sie Lyle Bobby? Und welche Stimmen?"

Sie seufzte: "Keine Panik, ich drehe nicht durch. Ich erkläre es Ihnen, aber nicht hier. Nicht im Centre." Sie streichelte Angelo noch einmal über die Stirn und flüsterte ihm ins Ohr: "Ich finde sie für dich, Angelo. Du bist nicht allein!"

Angelo öffnete seine Augen und sah sie an. "Schwester soweit weg!" beklagte er sich.

"Ich weiß, Angelo. Aber sie kommt wieder, ich verspreche es!"

Plötzlich wurde die Tür geöffnet. Parker und Sydney sahen auf; unbewußt stellten sie sich schützend vor Angelo. Bobby stand in der Tür und sah sie beide an.

"Es ist also keine Einbildung? Ich werde nicht verrückt?"

**

Sie sah sich suchend um. Bis jetzt hatte noch niemand auf die Beschreibung gepaßt, die ihr Jarod gegeben hatte. Vorsichtshalber holte sie doch das Foto aus der Tasche, das sie sich aus der Datenbank des Centers runtergeladen hatte. Natürlich war es schon zwei Jahre alt, aber es mußte reichen.

Sam gähnte unauffällig. Inzwischen war ein Großteil der Passagiere aus New York schon ausgestiegen und der Bahnsteig wurde leer. "Mann o Mann, das ist ja fast wie die berühmte Nadel im Heuhaufen!" Sie fuhr sich ungeduldig durch die Haare. Dann sah sie sie. Das könnte sie doch glatt sein. Alter stimmte, Größe stimmte. Allerdings war sie sich nicht so sicher, die würde doch nicht immer noch mit der gleichen Haarfarbe und mit der gleichen Frisur unterwegs sein?

"Ähm, entschuldige, bist du Emily Russell?" Versuch macht klug, fragen schad ja nix.

Die junge Frau drehte sich um und sah sie an. "Und du mußt Sam sein, richtig?" Sie war nervös, ihre Augen suchten den gesamten Bahnhof ab, und sie zitterte.

"Richtig. Und nein, ich hab schon alles abgecheckt, keine Scharfschützen weit und breit!" Sam lächelte der jungen Frau aufmunternd zu und griff sich eine Tasche. "Oh, erinnere mich bitte dran, daß ich dem Major Zigarren mitnehme. Ich hab mal irgendwo gelesen, daß Flieger bei Feiern sich immer eine Siegerzigarre anzünden. Ich glaube, das heute ist ein guter Anlaß, oder?!"

Emily entspannte sich ein wenig, aber noch war sie auf der Hut. Sam spürte die Anspannung.

"Ich mach dir einen Vorschlag: du rufst jetzt deinen Vater an und fragst ihn, ob ich ich bin! Dann wird die Fahrt nachher nicht ganz so anstrengend!" Sie tippte eine Taste und hielt Emily das Handy hin.

--

"Nein, wirklich? Das hast du gemacht? Oh mein Gott, da ist er bestimmt ziemlich sauer gewesen, was?" Sam lachte sich halbtot.

Inzwischen war das Eis zwischen den beiden getaut. Die einstündige Fahrt hatten sie genutzt, um sich besser kennenzulernen. Sie unterhielten sich über lustige Dinge: wie man Verfolger abhängt, die Polizei übers Ohr haut, sich aufdringliche Machos vom Hals hält, all die Dinge, die das Leben erst interessant machen, wie sich Sam ausdrückte.

"Da hinten ist die Einfahrt zum Flughafen!" Emily deutete nach links.

"Ich weiß, ich war hier schön öfter."

Nach 5 Minuten und zwei Einfahrten schaute sich Emily fragend um: "Das war doch eben die Einfahrt, du bist zu weit gefahren!"

"Nein, ich mag dieses lästige Auschecken nicht, wir holen deine Mutter vom Flugzeug ab und nicht vom Flughafen!" Sie schüttelte den Kopf, als wäre das eine absolut absurde Idee.

"Und wie willst du das anstellen?"

"Anstellen ist genau das richtige Wort, ich bin hier angestellt!" Sam holte einen Ausweis aus ihrer Tasche. Bei einem Wachthaus mit Schlagbaum hielt sie an: "Hallo Josh, was macht Lizzy?"

Der Wächter lächelte ihnen entgegen: " Hey, Sam, ist schon wieder eine Inspektion fällig?"

"Na ja, ich wollte nur mal zwischenzeitlich prüfen, man weiß ja nie! Außerdem muß ich noch eine Bekannte vom Flughafen abholen!"

"Na denn, viel Spaß!" Der Schlagbaum ging hoch, und Sam steuerte zielgerichtet auf den Parkplatz für Towerangestellte zu. "Das dauert jetzt etwas, du kannst dir ja Musik anmachen!"

Sam holte vom Rücksitz eine blaue Weste hervor und heftete den Ausweis daran.

Emily las die Aufschrift laut vor: "Inspektion Luftfahrttechnik. Samantha Horn, Zulassungsnummer: 359-S-998034-1" Sie sah Sam anerkennend an: "Sieh an, Inspektorin, ja?"

Sam grinste schelmisch: "Ist ganz nett, unregelmäßige Arbeitszeit, gut bezahlt und außerdem immer ein guter Ausweg für den Notfall! Warte 'ne Viertelstunde, ich hol nur mal eben Margaret!"

Sam ging in das Wachgebäude und suchte ihren Spind. Sie hatte schon seit Jahren diesen kleinen Job, ein- bis zweimal im Quartal inspizierte sie anfällige Technik und reparierte gegebenenfalls etwas, und wenn dann die Abnahme kam, war immer alles picobello.

"Hey, Sam, drehst du wieder mal eine Runde?" Einer der Piloten saß in der Kantine und grüßte sie. "Hey, Jim, weißt du zufälligerweise, wann die Maschine aus Wien hier ankommt?"

"Nee, aber eigentlich müßte sie planmäßig runterkommen, heute ist eigentlich ziemlich gutes Flugwetter überall." Sam nickte und ging weiter zum Gepäckraum.

Sie checkte zwei Schalttafeln, aber es war alles in Ordnung. Ein Techniker kam ihr entgegen; er war über 2 Meter groß und humpelte etwas.

"Was ist los, mein Dicker? Macht dir dein Knie wieder zu schaffen?" Sam umarmte ihn herzlich.

"Ach, hör bloß auf, es wird immer schlimmer!"

"Geh zum Arzt, so eine Meniskusoperation ist heutzutage ziemlich sicher und danach geht es dir garantiert besser!"

"Ich weiß nicht!"

"Dicker, wenn du mit deinem Sohn Basketball spielen willst, wirst du es wohl oder über tun müssen!" Sie haute ihm kameradschaftlich in die Magengegend und folgte ihm raus aufs Start- und Landefeld.

"Und, ist die Maschine aus Wien schon da?" fragte sie beiläufig.

"Ist im Landeanflug, in zehn Minuten steht sie auf Parkplatz Numero sieben!" Er deutete nach rechts und grinste.

"Na, dann will ich mich mal auf den Weg dahin machen!" Sie grinste zurück und schlenderte langsam zu dem Platz. Zwischendurch überprüfte sie noch einige Schalttafeln, aber es war alles in Ordnung.

Als sie angekommen war, wurde gerade die Gangway an die Maschine gefahren und die Türen geöffnet. Sam steckte sich einen Kaugummi in den Mund und lächelte zufrieden. Alles lief wie geplant.

Margaret war sehr nervös; endlich würde sie ihren Mann wiedersehen und ihre Kinder. Sie drückte ihr Handgepäck, und mehr hatte sie auch nicht bei sich, an ihre Brust und trat unsicher aus dem Flugzeug. Sie sah sich genau um.

"Meine Güte, diese Familie ist aber auch vorsichtig!" Sam kaute auf ihrem Kaugummi herum und trat an die Gangway heran. Als Margaret neben ihr stand, berührte sie sie vorsichtig. "Ähm, entschuldigen Sie, Marge Russell? Bodenpersonal, mein Name ist SAM Horn, wir haben telefoniert?" Unauffällig führte sie die Frau aus der Sicht der Stewardeß.

"Sam?"

"Hallo Margaret, ich dachte, wir sparen uns die ganzen Formalitäten des Auscheckens und gehen gleich zum Wagen?" Sam lächelte und deutete in die Richtung, von wo sie gekommen war.

"Ja, geht das denn?"

"Klar, Bodenpersonal darf auch mal Pause machen, sogar Techniker und Ausbilder!"

Margaret sah sie kurz von der Seite an, fragte aber nicht weiter nach.

"Tun Sie einfach so, als wären Sie mein Ausbilder und würden kontrollieren, wie ich meine Arbeit durchführe, okay?" Sam ging zielstrebig durch eine Tür in einen Kontrollraum. Viele elektrische Leitungen waren dort verlegt.

Marge folgte ihr und versuchte, ein selbstsicheres Gesicht aufzusetzen.

"Das hier ist ein ziemlich wichtiger Bereich, ich muß kontrollieren, ob alle...." Sam erklärte Marge etwas über irgendwelche Schaltkreise und Datenstränge. Aber sie hörte gar nicht zu. Marge war viel zu aufgeregt.

"Tja, das war es! Alles in Ordnung! Kann ich Sie zu Ihrem Hotel mitnehmen? Oder fliegen Sie gleich wieder weiter?" Sam hielt eine Tür auf und wartete auf eine Antwort.

"Was? Oh ja, Sie können mich mitnehmen, ich fliege erst morgen wieder zurück!"

Sie konnte ihre Tochter sehen. Sie saß in einem alten grünen Jeep und hatte die Augen geschlossen; wahrscheinlich war sie genauso müde wie sie selbst. Sam lächelte: "Wenn Sie lieber vorne sitzen, müssen wir sie aufwecken!"

"Nein, ist in Ordnung. Laß sie schlafen! Und bitte, Sam, sag nicht Sie zu mir!" Marge sah sie dankbar an und setzte sich in den Wagen. Wenn ihre Tochter so entspannt hier schlief, dann konnte sie der jungen Frau vertrauen.

Emily erwachte, als Sam den Wagen startete. "Was ist los, wo ist Mum?"

"Ich bin hier, Schatz!"

"Mum, oh Gott, schön dich zu sehen!" Sie drehte sich nach hinten und versuchte ihre Mutter zu umarmen. Danach setzte sie sich wieder gerade hin.

"So, wie lange müssen wir jetzt noch fahren?"

"Eine Stunde, und das Familientreffen kann losgehen!" Sam grinste und winkte dem Wachposten zum Abschied zu.

**

Sydney saß hinten im Wagen neben Broots, vorne saßen Lyle und Parker. Seit sie in den Wagen gestiegen waren, herrschte eine Totenstille im Auto. Deshalb war Sydney auch froh über die Abwechslung, als das Telefon klingelte.

"Sydney Greene."

"Hallo Sydney!" Die Stimme war warm und vertraut.

"Jarod!" Miss Parker drehte sich abrupt um, als sie den Namen hörte und sah Sydney auffordernd an.

"Ich wollte mich nur mal wieder melden und hören, wie es dir geht!" Jarods Stimme klang entspannt. Er schien sich wohl zu fühlen; es war nicht die gequälte Stimme, die Sydney kannte von dem Jungen, der seine Eltern suchte und seine Identität. Es tat ihm leid, aber er mußte es Jarod sagen.

"Jarod, Angelo ist krank!" Nach einer kurzen Pause kam die Antwort.

"Was hat er? Steckt Raines dahinter?"

"Nein, er hat Fieber und redet nicht. Miss Parker glaubt, er fühlt sich allein und vermißt Sam."

"Woher will sie das wissen, wo er doch nicht redet?"

"Das weiß ich selbst noch nicht, das will sie mir erst noch erklären!" Der Doktor sah herausfordernd zu Parker, die sich ohne was zu sagen wieder nach vorne drehte.

Jarod verstand die Antwort nicht, aber fragte nicht weiter nach. Er würde später mit Parker reden. "Ich werde es Sam sagen, vielleicht kann sie was damit anfangen!"

"Das hoffe ich, Angelo sieht wirklich nicht gut aus!"

"Ach Sydney!"

"Ja?"

"Ich treffe heute meine Mutter!"

Sydney traute seinen Ohren nicht. Schmerzlich wurde ihm bewußt, daß er zum Teil schuld daran war, daß Jarod seine Mutter so lange nicht gesehen hatte. Er verzog sein Gesicht zu einem traurigen Lächeln.

"Das freut mich für dich, Jarod!"
Teil 15 by Dara
Also, diesmal will ich auch mal was vorweg sagen. Nein, mir gehören Jarod und Anhang immer noch nicht, und die Figuren, die mir gehören, machen auch nur, was sie wollen.




Die vergessene Akte
Teil 15
von Dara







"In 10 Minuten sind wir da!" Sam richtet sich auf, die zweistündige Fahrt zurück zu ihrem Waldhäuschen machte sich bemerkbar. Sie blickte kurz in den Rückspiegel und bemerkte die Unsicherheit und Vorfreude bei Margaret. Kurz war sie versucht, sich in diese Frau hineinzuversetzen, sich vorzustellen, wie es war, die Kinder zu verlieren. Sie schüttelte den Kopf; sie wollte sich das nicht vorstellen.

Emily sah sie nachdenklich an: "Wie ist er so?"

"Wer, Jarod?" Sam erwiderte den Blick kurz und konzentrierte sich dann wieder auf die Fahrbahn.

"Ja, wie ist er so?" Marge lehnte sich nach vorne, um besser verstehen zu können.

"Er ist klug, schnell, gutaussehend. Wenn er nicht schon vergeben ... " Sam schüttelte mit dem Kopf, das wollten die beiden bestimmt nicht wissen, zurück zum Thema. "Tja, er hat ziemlich viel mitgemacht, es ist nicht unbedingt eine schöne Kindheit im Centre, das kann ich wirklich nicht sagen. Aber er, er hat sich eine gewisse Naivität bewahrt, für jetzt, für die Zeit außerhalb des Centres. Er ist witzig." Sie grinste kurz. Einen Moment überlegte sie, was sie noch sagen sollte.

"Er liebt Kinder, er hat eine so verdammt große Sehnsucht nach Wärme und Geborgenheit, daß es schon beim Hinsehen schmerzt. Er ist seit vielen Jahren auf der Suche nach seiner Familie und nach sich selbst. So sehr nach der Suche nach der Wahrheit, daß er sie, wenn sie vor ihm liegt, gar nicht wahrnimmt."

Marge war den Tränen nahe, wie sehr mußte ihr Sohn gelitten haben. Was hatten die ihm bloß angetan?

"Oh, er liebt Eiskrem und Süßigkeiten über alles und Mr. Kartoffelkopf. Er kann jemandem unwahrscheinlich schnell vertrauen und will am liebsten die ganze Welt retten. Hab ich schon erwähnt, daß er ziemlich clever ist?" Sam mußte lachen, "Na ja, nicht so clever wie ich, aber er hat Potential!" Sie kicherte.

Emily sah ihre Nachbarin fragend an.

"Oh, ich bin auch ein Pretender! Ich war auch ein sogenanntes Projekt fürs Centre! Hat euch das denn keiner gesagt?!" Sam lächelte übers ganze Gesicht.

"Dann warst du auch in dieser schrecklichen Einrichtung gefangen?" Marge konnte die Träne nicht unterdrücken, die sich aus ihrem Auge löste. Wie viele Familien mußten eigentlich noch leiden wegen dieser schrecklichen Organisation?

"Och, so schlimm war’s gar nicht! Man mußte nur wissen, wie man sich Raines vom Hals hielt! Jarods Mentor, Sydney, hat sehr gut aufgepaßt, daß dieser Möchtegern-Doktor Jarod nicht in die Finger bekam. Und ich hatte ja Dr. Alan!" Ihr Lächeln verschwand nur kurz, als sie an ihren Mentor dachte, der ihr den Vater ersetzt hatte. "Kinder machen das beste aus ihrer Umgebung, Marge. Und wenn man ein Pretender ist, dann geht das auch richtig leicht!"

Sam verschwieg die Experimente, die man trotz der Proteste von Dr. Alan durchgeführt hatte. Die Beerdigung am lebendigem Leibe, die mutwillige Infektion mit einem mutierten Ebolavirus, dessen Gegenmittel sie selbst in 48 Stunden entwickeln mußte, die Tage in der Zelle, ohne Essen und nur der Ton eines defekten Wasserhahns. All die Simulationen kamen ihr wieder in den Sinn. Sie würde niemals zulassen, daß ihre Kinder so etwas mitmachen mußten, eher würde sie das Centre zerstören.

Sie holte tief Luft und setzte wieder ihr Lächeln auf: "Ihr werdet ihn mögen, er ist total lieb!" Sie sah Emily aufmunternd an. Diese erwiderte das Lächeln.

Sam bog in die Einfahrt ein und verlangsamte das Tempo. Aus alter Gewohnheit überflog sie sicherheitshalber die Umgebung. Kein Wagen folgte ihnen, kein Wagen war geparkt. Der Wald war sauber und auch auf dem Feld war nichts zu sehen. Das Haus kam in Sichtweite.

"Wir sind da!"

**

"Parker, das ist weit genug!" Sydney wollte nicht mehr laufen, er wollte endlich Antworten. Seit über 5 Minuten gingen sie jetzt schweigend im Park spazieren. Sie waren mit dem Wagen in die City von Blue Cove gefahren und schließlich hatten sie vor dem größten Stadtpark geparkt. Parker und Lyle waren ausgestiegen und losgegangen.

"Hier empfängt auch die beste Wanze am Wagen nichts mehr! Und die Straße dürfte auch weit weg genug sein!" Sydney setzte sich demonstrativ auf eine Bank und sah herausfordernd neben sich. Broots holte erleichtert Luft und setzte sich ebenfalls.

Parker hätte noch stundenlang so gehen können; sie wußte einfach nicht, wie und vor allem was sie Sydney erzählen sollte. Sie seufzte und hielt Bobby am Ärmel fest. Sie konnte seine Unruhe fast körperlich spüren, obwohl er nach außen doch so ruhig und kontrolliert wirkte.

"Sie haben recht, Sydney! Es ist genug!" Sie kniff ihre Lippen zusammen und setzte sich schwerfällig hin. Sie fühlte sich so alt. Älter als Sydney. Was sollte sie sagen, und würde er es verstehen?

Eine Minute herrschte Stille. Bobby hatte den dreien auf der Bank den Rücken zugekehrt und
beobachtete Kinder, die Fußball spielten.

Broots fühlte sich nicht wirklich wohl in seiner Haut. Was machte Lyle hier und was ging hier eigentlich vor? Er spürte, daß die Antwort ihm nicht gefallen würde, ganz bestimmt nicht gefallen!

"Sydney!" Parker rang nach Worten und verfluchte einmal mehr ihre Probleme, Gefühle auszudrücken. Sie griff die Hand des Psychiaters und sah ihn fast flehend an. >Hilf mir doch, wie soll ich anfangen?< Sie seufzte leise.

"Also gut, Parker. Warum nennen Sie Lyle Bobby?"

Parker schloß fast erleichtert die Augen. Eine Frage, und eine kurze Antwort. Ein Anfang. Diese Frage konnte sie beantworten! Konnte sie doch, oder? Sie sah Bobby fragend an, doch der schien von der Situation nichts mitzubekommen und starrte fast sehnsüchtig zu den Kindern.

"Nun, hilf mir gefälligst, Bobby!" Sie kniff ihn in den Arm.

"Aua, das tat weh!" Bobby drehte sich um, als er den Schmerz spürte und rieb sich den Arm. Er sah sie kurz an, zuckte mit den Schultern und flüsterte: "Wenn du meinst!" Er holte tief Luft und sagte dann mit erschreckend klarer und gefestigter Stimme: "Weil ich Bobby bin. Eduard Lyle Pioro war eine Simulation, die ich für Raines mal machen mußte. Allerdings war die Flasche" - er spuckte beinahe vor Abscheu, als er an seinen ehemaligen Peiniger dachte – "nicht gerade hilfreich, die Simulation zu beenden."

Sydney starrte ebenso ungläubig in Bobbys Gesicht wie Broots, dessen Mund offenstand. Er konnte und wollte nicht glauben, was er da hörte. Natürlich würde er es Raines ohne Zweifel zutrauen, eine Simulation ohne Backup durchzuführen, und er kannte die möglichen Gefahren dieser Simulationen nur zu gut. Aber Lyles Verhalten, seine Greueltaten, das alles einem fehlgeschlagenen Experiment zuzuschieben? Nein, es würde niemand mehr übrigbleiben, dem man die Schuld dafür geben konnte. Keine Schuld für den Tod von Kyle, kein Schuldiger für die Zerstückelungen der armen Asiatinnen... kein Schuldiger.

Sydney versuchte ärgerlich zu sein; er wollte es einfach nicht glauben. Er sah zu Parker und fragte sie: "Sie glauben das doch nicht, oder Parker, ich meine, das ist ein Trick oder so!"

Und dann erkannte er es. In ihren Augen. Sie glaubte diesem Kerl, sie glaubte diese absurde Geschichte. Wie konnte sie Lyle glauben? Nach all dem, was er ihr angetan hat, was sie von ihm wußte?

"Sydney, Sie haben es mir selbst erzählt! Was passieren kann ohne Auffangnetz! Und auch wenn ich es Ihnen nicht erklären und auch nicht beweisen kann, so weiß ich doch, daß das hier nicht Lyle ist, sondern Bobby!" Sie drückte seine Hand so fest, daß es schon beinahe schmerzte, doch er spürte es kaum.

Er blickte zurück zu dem Mann, der sich wieder dem Fußballspiel auf dem Rasen zugewendet hatte. Die Haltung war anders, das stimmte. Die Stimme und die Sprache waren anders, auch das war nicht zu leugnen. Seine Hilfe bei Sams Flucht. Die Tage, wo Lyle/Bobby mit dem Holzfällerhemd und in zerschlissenen Jeans im Centre aufgetreten war.... Sydney mußte beim Gedanken daran unwillkürlich lächeln, das entgleiste Gesicht von Raines war schon mächtig amüsant gewesen!

Parker beobachtete das Mienenspiel ihres väterlichen Freundes sorgsam und schließlich glaubte sie ein kleines Lächeln zu erkennen. Sie holte erleichtert Luft.

"Wie? Wann..?"

"Keine Ahnung, hat er mir nicht erzählt. Es muß durch Sam ausgelöst worden sein. Vielleicht konnte sie Bobby da rausholen? Sie sind der Experte für diese Dinge, nicht ich!"

"Samantha kannte ihn schon vor seiner Zeit als Lyle. Vielleicht konnte sie Bobby wecken, irgendwie..." Sydney begann allmählich, sich mit dem Gedanken anzufreunden. Es war nicht unmöglich. Jarod und auch Sam waren extrem begabt. Sie waren natürliche Pretender, Bobby hatte nur ein geringes Potential; Fehler und Unfälle konnten bei ihm viel schlimmere und nachhaltigere Folgen haben.

"Sie hat ihn jedenfalls immer Bobby genannt!" Broots zuckte mit den Schultern. Er haßte diese Veränderungen, sie bedeuteten Unsicherheit. Und Unsicherheit im Centre war nicht gut!

Parker und Sydney sahen Broots an.

"Genau, das könnte es gewesen sein. Aber bitte schön, was hat es mit diesen Stimmen auf sich?!" fragte Syd nach einer Minute.

"Es gibt keine Stimmen!" antwortete Bobby härter als beabsichtigt.

"Doch es gibt sie!" Parker war ebenfalls versucht, dieses Thema unter den Tisch fallen zu lassen, aber dann gab sie sich doch einen Ruck. "Ich höre sie manchmal, sie sprechen mir Mut zu oder trösten mich."

"Wessen Stimmen?"

"Mutters, Tommys, Faiths!" Parker flüsterte so leise, daß Sydney sie kaum verstand.

"Und Sie, Ly.. ich meine Bobby, wen hören Sie?"

Bobbys Gesicht zeigte die widersprüchlichen Gefühle, die in ihm vorgingen. Schließlich gab er auf und beantwortete die Frage tonlos : "Mutter, Sam, Angelo und Lyle!"

"Sie können Angelo hören? Was sagen diese Stimmen?"

"Was sollte Lyle wohl schon großartig zu sagen haben, er schimpft und haßt und will Blut sehen! Er ist aber jetzt weg!"

"Und was sagt Angelo?"

"Ich hab ihn nicht gehört, Lyle hat ihn gehört." Bobby wollte die Erinnerung an diesen Tag im Centre wegwischen.

"Was hat er gesagt?"

"Es war ein Mantra, und es war gegen Lyle; Lyle hatte Angst davor. Er hat gesagt : Ich entscheide, ob du stirbst. Ich entscheide, ob du stirbst...." Das ging fast eine Woche so, nachdem ich... ähm... Lyle Kyle getötet hatte."

"Und was hat er heute gesagt?" Sydney Wissensdrang kam zur Oberfläche. Die Stimmen, die die beiden hörten - eine Verbindung zwischen den Zwillingen? Oder etwas anderes? Wie konnte Lyle... Bobby die Stimme seiner Mutter hören?

"Er ist einsam, er vermißt Sam, er fühlt sich allein."

"Das versteh ich nicht," murrte Broots leise, doch alle hatten ihn gehört, "Sie war über 10 Jahre lang verschwunden, und er hatte nie so einen Anfall, oder?"

***

"Sie kommen! Ich sehe den Wagen!" Kay lief aufgeregt zum Flur und rief noch einmal laut hinunter: "Sie kommen, hört ihr, sie kommen!"

Jarod sprang auf seine Füße, so daß der Stuhl unter ihm nachgab und unter lautem Getöse umkippte. Er war blaß im Gesicht, und seine Atmung war flach. Er schloß die Augen und versuchte, sich selbst zu beruhigen. Er holte langsam und tief Luft, dann öffnete er seine Augen wieder und lächelte glücklich. Endlich, nach so langer Zeit, würde er seine Mutter wiedersehen. Er holte noch einmal tief Luft und griff nach Jays Schulter. Sein Bruder stand wie versteinert neben dem Tisch und starrte unbeweglich auf die Tür. Jarods Berührung erlöste ihn aus der Starrheit, und er sah zu seinem großen Bruder hoch. Fragend. Jarod nickte aufmunternd und schob ihn mit sich zur Tür. Zusammen würde es leichter werden.

Jack huschte an den beiden vorbei und öffnete stürmisch die Tür. Er war zu sehr gespannt auf Jays und Jarods Mutter, und außerdem wollte er sich nicht anmerken lassen, daß er die letzten 2 Stunden ausgiebig von seinem Recht Gebrauch gemacht hatte und im Keller gewesen war.

Er eilte auf den Hof und steckte die Hände tief in die Taschen. Er beobachtete, wie das Auto näher kam und auf den Hof fuhr. Mit einem kurzen Blick über seiner Schulter vergewisserte er sich, daß auch ja alle hinter ihm standen. Der Major stand am Scheunentor, wo der Truck untergebracht war, Jarod und Jay auf der Veranda. Kay stand nur einen Schritt hinter ihm und griente ihn an. "Let’s get ready to rumble!" murmelte sie und kicherte.

Sam hielt den Wagen zwei Meter rechts von Jack und Kay an. Sie reckte ihre Schultern und stieg aus. "Da sind wir!"

Emily und Margaret schienen auf ihren Sitzen festgeklebt zu sein, so sah es jedenfalls für eine ewiglange Sekunde aus. Dann raffte sich Emily auf und stieg aus. Sie eilte zu ihrem Vater: "Dad, du hast mir gefehlt, geht es dir gut?" Sie umarmte ihn stürmisch.

Margaret sah auf die beiden auf der Veranda; Jarod und Jay hatten sich bis jetzt nicht ein bißchen bewegt. Sie lächelte und faßte sich ein Herz. Sie war nicht die einzige, die fürchterlich nervös war. Also stieg sie ebenfalls aus dem Auto. Fast sah es so aus, als ob nur das Auto, an dem sie sich noch festhielt, ihr den nötigen Halt gab, ohne den sie fallen würde.
Sie konnte ihren Blick nicht von Jarod und Jay wenden.

"Ich denke, wir sollten zu ihr hingehen!" flüsterte Jarod leise und faßte Jay bei der Hand. Gemeinsam gingen sie zuerst zögerlich auf die rothaarige Frau zu.

"Jarod, mein Gott, Jarod." Marge weinte vor Freude und vor Trauer um die verlorene Zeit. Sie hielt ihre Arme offen, und die Tränen liefen ihr über das Gesicht. Sie umarmte ihren verlorenen Sohn und fühlte sich zum ersten Mal seit langer Zeit von ihren Sorgen befreit. Sie umfaßte Jarods Gesicht und sah ihn liebevoll an, jeden Zentimeter wollte sie sich für den Rest ihres Lebens einprägen und ihn am liebsten nicht wieder loslassen.

Jay hatte sich von Jarods Hand gelöst, stand nun etwa einen halben Meter daneben und beobachtete die Vereinigung von Mutter und Sohn. Er freute sich für Jarod, aber da war auch Schmerz - er war nur ein Klon, er hatte keine Mutter, die er finden könnte. Ihm war zum Weinen zumute, aber er zeigte es nicht.

"Und du mußt Jay sein! Charles hat mir am Telefon fast nur von dir und Jarod erzählt. Ich freue mich, dich kennenzulernen, mein Sohn!" Marge löste sich aus der Umarmung mit Jarod und blickte voller Wärme auf Jay. Sie hielt ihm ihre Hand hin und als Jay sie zögerlich ergriff, zog sie ihn zu sich und umarmte ihn fest. "Mein Sohn!" flüsterte sie ihm liebevoll ins Ohr.

"Oh ja, Massenkuscheln, los!" Sam fühlte sich etwas unwohl in dieser rührseligen Stimmung und konnte einfach nicht anders, sie mußte die Stimmung auflösen. Sie schubste ihre Kinder zu Marge und Jay. Emily und der Major waren ebenfalls näher gekommen. Sam drängte sie alle zusammen und schließlich lagen sich alle sieben in den Armen. Sowohl Marge als auch der Major mußten unter ihren Tränen lachen.

Jay fühlte sich ziemlich eingequetscht so unter den vielen Leibern, er bekam kaum Luft. Und dennoch strahlte er übers ganze Gesicht. "Sie hat mein Sohn zu mir gesagt!" flüsterte er Kay, die ihm am nächsten war, zu.

"Natürlich, du bist doch ihr Sohn!" Sie lächelte ihn an, als ob es das Selbstverständlichste von der Welt wäre. "Meine Mum hat mich und Jack auch nicht geboren, wir wurden genau wie du im Reagenzglas erzeugt, trotzdem sind wir ihre Kinder!" japste sie ihm leise zu, dann wurde es ihr zuviel und sie schrie : "Aufhören, ich krieg keine Luft mehr!"

Das Menschenknäuel löste sich auf und jetzt, wo die Spannung weg war, redeten plötzlich alle durcheinander. Margaret hielt immer noch Jays Hand und machte nicht die leisesten Anstalten, sie loszulassen. Obwohl Jay noch gerne etwas zu Kay gesagt hätte, wollte er doch die Hand seiner Mutter – seiner Mutter, was für wunderschöne Worte - auch nicht loslassen.

"Ach, nein, die Klamotten können wir später reinholen, erst mal brauch ich einen Kaffee."

"Wie war die Reise, Emily, ich hörte, du bist mit dem Zug unterwegs gewesen?"

"Ich war so überrascht, deine Stimme am Telefon zu hören, Marge!"

"Oh, und wie sich dann das Foto auf meinem Bildschirm öffnete, es war so großartig!"

Kay und Jack blieben ein Stück hinter den anderen zurück und lauschten auf die Gesprächsfetzen. "Die machen mir einfach zuviel Krach! Laß uns lieber schon mal das Gepäck reinholen." Kay sah fragend zu ihrem Bruder.

"Nein, komm mit, ich muß dir was zeigen." Er zerrte sie ins Haus.

"In den Keller? Mum ist doch wieder da!"

"Na und, noch hat sie es uns nicht verboten und außerdem sag ich es ihr ja auch sofort, wenn die Herrschaften sich wieder beruhigt haben!" Er grinste und blinkerte mit seinen Augenbrauen.

Kay kicherte und winkte ab: "Okay, Bruderherz, aber du bist schuld, wenn wir Ärger kriegen!"

***

"Angelo, was machst du bloß für Sachen!" Zärtlich strich Miss Parker über die Stirn des fiebernden Empathen. Er lag zusammengeknäult in seiner Kabine und schlief unruhig. Parker saß auf dem Bettrand und beobachtete ihn.

Nach dem Gespräch im Park war sie wieder zurück zum Centre gefahren. Sydney wollte noch ein paar Untersuchungen mit Bobby machen, um sicherzugehen, daß Lyle auch wirklich ein für alle mal verschwunden war. Dazu waren sie zu Bobbys Wohnung gefahren. Broots hingegen hatte sie nach Hause geschickt, zu Debbie. Er mußte noch einiges organisieren, ebenso wie sie.

Parker streichelte noch einmal über Angelos Stirn. Sie beugte sich zu ihm und flüsterte in sein Ohr. "Ich hole Sam! Ich verspreche es dir!"

"Nein, Sam frei! Sam frei bleiben!" Angelo keuchte und riß ängstlich die Augen auf. Er glühte förmlich.

"Ich werde Sam nicht fürs Centre zurückbringen, Angelo! Ich werde sie zu dir bringen und sie wird frei sein!" Sie küßte ihn auf die Stirn und lächelte traurig.

"Gefährlich!"

"Ich weiß, daß das, was wir vorhaben gefährlich ist, Angelo, aber es wird endlich Zeit!"

"Jarod Hilfe! Parker nicht allein!"

"Ich werde Jarod um Hilfe bitten, Angelo. Und Sam. Ich werde das hier nicht alleine machen, versprochen."

"Angelo Hilfe!" Der Mann versucht aufzustehen.

Parker drückte ihn zurück auf das Bett: "Du wirst erst wieder gesund, dann kannst du uns helfen!"

Sie stand auf und sah ihn an. Er lächelte und nickte eifrig: "Gesund, Hilfe!" Dann schlief er ein, und der Schlaf schien längst nicht so unruhig zu sein wie vorher.

Parker verließ die Zelle leise und schloß bedächtig die Tür hinter sich. Auf dem Gang stand Sam, der Sweeper, mit verschränkten Armen und wartete.

"Paß auf, daß keiner hier reingeht, hörst du. Sobald mein Vater oder Raines auch nur in seine Nähe kommen, will ich das wissen!" Sie hatte ihren Befehlston aufgesetzt, doch sie wußte, daß sie Sam vertrauen konnte.

"Ja, Miss Parker, ich ruf Sie sofort an!"

Sie nickte müde und ging den Gang entlang, dem Ausgang entgegen, nach Hause.

***

"WAS?"

"Parker, keine Zeit für nette Plaudereien, was ist mit Angelo?" Die Stimme klang sehr besorgt und versteckte die Emotionen, die dahinter lagen, nicht.

"Sam, es geht ihm schon wieder besser!"

"Was war es?"

"Ich weiß es nicht, vielleicht hatte er nur eine kleine Infektion, das Fieber hat aber schon wieder nachgelassen!"

"Jarod erwähnte etwas, daß er mich vermissen würde?"

"Er .. Es hatte für mich den Anschein, als wenn er sich fürchterlich alleine fühlte, aber das..."

"Parker! Wenn mein Bruder sich alleine fühlt, dann ist das verdammt wichtig! Ich komme nach Blue Cove!"

"Nein, Sam, es ist zur Zeit nicht sicher hier!" Parker wußte nicht, wie sie Sam beruhigen konnte.

"Es ist mir verdammt egal, ob es sicher ist oder nicht! Ich komme!"

Parker wollte noch etwas erwidern, doch sie hörte nur noch das Besetzzeichen; Sam hatte die Verbindung unterbrochen.

Parker seufzte und massierte sich ihren Nacken. Sie war müde. Sie zog sich ihr Kostüm aus und ging ins Bad. Nach einer kurzen, heißen Dusche fühlte sie sich schon wieder frischer. Sie ging zurück ins Schlafzimmer und zog sich den Jogginganzug an, den Sam ihr geschenkt hatte. Sie setzte sich im Schneidersitz aufs Bett und starrte auf ihr Handy.

"Was soll ich bloß machen?" Um alles in der Welt wünschte sie sich jetzt die ruhige und sanfte Stimme von Jarod, der für alles eine Lösung hatte. Mit diesem Gedanken schlief sie ein.

***

"Mum, ich weiß, daß das jetzt gerade ziemlich ungünstig ist, aber du solltest dir das wirklich ansehen!" Kay legte ihre Hand auf die Schulter ihrer Mutter und sah sie eindringlich an.

Sam seufzte: "Schatz, Angelo ist krank, ich muß zu ihm!" Sie legte ein weiteres T-Shirt in den Koffer.

"Mum, wirklich! Komm erst und sieh dir das an! Du kannst Angelo zur Zeit sowieso nicht helfen!" Jack stand im Türrahmen und trampelte ungeduldig von einem Bein aufs andere.

Sam rieb sich die Augen und richtete sich auf. Ihre Augen waren verdächtig rot, und sie sah sehr müde aus. Kay sah ihren Bruder an und deutete unauffällig in Richtung Badezimmer. Jack runzelte erst die Stirn, doch dann verstand er.

"Wir müssen in den Keller, und du solltest noch etwas trinken!" Kay umarmte ihre Mutter und führte sie hinaus auf den Gang. Jack kam gerade aus dem Bad und versteckte etwas in seiner Hosentasche. Mit einem kurzen Blickwechsel zwischen den beiden Kindern setzten sie sich in Bewegung.

"Dann erzählt, was ist so wahnsinnig wichtig und aufregend, was nicht schon vor zwei Tagen da war?" Sam stützte sich auf Kay und gähnte unauffällig.

"Dieser Raines plant was! Und zwar hat sein Projekt wieder ein Sternzeichennamen!" Die Kinder sahen bedeutungsvoll zu ihrer Mutter.

"Das kann doch wohl nicht wahr sein!" preßte Sam zwischen ihren Zähnen hervor. Sie war wütend und besorgt, und sie hatte dringend etwas Schlaf nötig.

Kay holte ein Glas Orangensaft aus der Küche, Jack gab hinter Sams Rücken etwas in das Glas und rührte es unauffällig um. "Setz dich erst mal, du siehst ja schlimm aus!" Kay drückte Sam das Glas in die Hand.

"Danke, ich bin ziemlich ausgelaugt." Sam stöhnte leise und trank den Saft in einem Zug. Sie wollte sich wieder aufraffen, aber die Müdigkeit übermannte sie stärker, als sie gedacht hatte.
"Ich glaub, ich muß erst mal schlafen, zeigt es mir doch einfach spä..."

"Ist sie eingeschlafen?" Jack guckte vorsichtig und piekte seine Mutter mit dem Finger. Kay näherte sich Sams Gesicht und überprüfte die Atmung: "Alles regelmäßig, sie schläft!"

"Und nun?"

"Sie braucht zuallererst Ruhe. Dann müssen wir eben Jarod erzählen, was Raines vorhat!"

"Ich störe die vier aber nur ungern!" Jack verzog das Gesicht.

Kay nickte bedächtig, aber zuckte dann mit den Schultern: "Wir müssen aber was unternehmen!" Sie zog ihren Bruder in Richtung Bibliothek.

"Hallo, ihr zwei!" Marge saß auf der Couch zwischen dem Major und Jay und blickte auf, als die beiden das Zimmer betraten.

"Hallo!" Jack griente verlegen und knuffte Kay in die Seite.

"Ich hab gehört, ich muß euch noch danken, daß ihr nicht auf eure Mutter gehört habt?"

"Ähm, bloß nicht erwähnen. Aber das war doch eigentlich logo, wo wir doch fast zur Familie gehören!"

"Fast? Wie meinst du das?" Emily lachte kurz auf.

"Och, nicht so wichtig, hat was mit Projekt "Scorpio" zu tun." Kay winkte schnell ab. Dieses Kapitel wollte sie eigentlich nicht unbedingt erörtern.

Jarod sah überrascht auf: "Wirklich? Von dem Projekt hab ich noch nie gehört."

"Es ging um künstliche Befruchtung, ein Experiment von Raines parallel zum Projekt "Gemini"." Jack wand sich unruhig hin und her. Die beiden Geschwister standen immer noch in der Tür.

Jarod wurde blaß. Hatte er das eben richtig gedeutet? Hatte dieser Kerl es tatsächlich gewagt..? Seine Stimme drohte ihm zu versagen, und er blickte auf Kay. Die Ähnlichkeit mit jemanden aus seiner Vergangenheit kam wieder ihn ihm hoch. Natürlich - wie hatte er das vergessen können? Sie hatten ihn doch an jemanden erinnert.

"Wer?" Er mußte sich räuspern und zusammenreißen. Seine Familie war hier, und er wollte sie nicht unnötig aufregen.

"Ach, das gehört doch jetzt wirklich nicht hierher, ich wollte eigentlich etwas anderes mit dir besprechen, Jarod!" Kay winkte schnell ab und tat so, als ob dieses Thema eigentlich vollkommen unwichtig wäre.

"Lenk bitte nicht ab, wer?"

Jack rollte ungeduldig die Augen. Dieses Gespräch lief absolut nicht in die Richtung, in die es laufen sollte.

"Mum und jemand mit der Blutgruppe AB negativ!" fauchte er also, damit das ganze ein Ende fand. "Und du bist es nicht, wir haben Jays Blut schon untersucht!" setzte er noch hinzu.

"Kyle?"

"Wen interessiert das denn noch? Wir sind hier, bei unserer Mum. Und uns geht es gut. Ist doch egal, wie wir entstanden sind, oder wer unser Vater ist. Wichtig ist nur, wir leben, sind gesund und glücklich, Basta! Anderes Thema, bitte!" Kay war ganz rot im Gesicht. Es war ihr doch schon irgendwie peinlich. Aber das brauchte es nicht, es war nicht ihre Schuld. Wenn jemand irgendwelche Schuld hatte, dann war es das Centre. Wieso verteidigte sie sich hier eigentlich?

"Aber uns interessiert es!" Marge war aufgestanden und hatte sich vor die beiden gekniet. Sie faßte jeden bei der Hand und sah ihnen in die Augen. "Denn wenn das wahr ist, und Kyle euer Vater ist, dann gehört ihr zur Familie! Dann seid ihr meine Enkel! Dann hab ich Kyle nicht ganz verloren, versteht ihr?"

Jack schluckte schwer. Er würde jetzt nicht anfangen zu heulen, nein, ganz bestimmt nicht. Er sah zu Kay. Ihr ging es genauso wie ihm, das konnte er spüren. Diese ganze Situation war eigentlich zum Schreien komisch. Was für eine Familie - ein Onkel war genauso jung wie er selbst und Kay, und sie waren alle drei im Reagenzglas gezüchtet worden. Er fing an zu kichern, obwohl er wirklich versuchte, es nicht zu tun, er konnte einfach nicht aufhören. "Was für ein Gedanke!" Seine Schwester sah ihn erst fragend an, wurde aber dann von seinem Lachen angesteckt. "Na ja, wenigstens haben sie hochwertige Materialien verwendet!" kicherte sie.

Marge runzelte erst verwundert die Stirn. Eigenartige Kinder waren das, aber mit so einer Geschichte und mit dem Wissen, das sie hatten, wie konnte man sich da auch normal entwickeln.

"Ich weiß nicht, was ihr daran so komisch findet?" Jarod sah ratlos zu den Kindern, die sich inzwischen fast totlachen wollten.

"Na überleg doch mal, Jay ist mein Onkel und war vielleicht nur 100 Meter von mir entfernt auf dem Wickeltisch, als irgend so ein Arzt uns mit einer Pinzette und Reagenzgläschen gezeugt hat. Ich find das schon irgendwie komisch!"

"Und außerdem, da hat sich das Centre so viel Mühe gemacht, diese Familie auseinanderzureißen und hat sie dann auch noch so dermaßen vergrößert, daß die Wahrscheinlichkeit einer Familienvereinigung doch wirklich immer größer wurde."

"Klarer Fall von: Denn sie wissen nicht, was sie wollen!"

"Das heißt, 'denn sie wissen nicht, was sie tun'!" Der Major fand die ganze Sache eigentlich nicht so witzig.

"Och, nachdem sie drei Stück von unserer Sorte erschaffen haben, sollten sie doch zumindest ein wenig Ahnung von der Materie haben!" Kay hielt sich vor Lachen schon den Bauch.

Während Marge und der Major die Kinder mit ernsten Gesichtern ansahen, und Jarod einfach nur wütend den Kopf schüttelte, fiel Emily mit in das Lachen ein. Fast vorwurfsvoll richtete sich der Blick ihrer Eltern auf sie.

"Wenn sie darüber lachen können, dann sollten wir das auch. Sie sind diejenigen, die von der ganzen Situation betroffen sind, sie können darüber urteilen, wir haben kein Recht dazu!" sie zuckte mit den Schultern und wollte in die Küche.

Zwei Sekunden später erschien ihr Kopf in der Tür: "Ähm, Sam schläft auf dem Sessel vorm Kamin und rührt sich nicht, ist das normal?"

"Oh, ja. Wir haben Mum eine Schlaftablette verabreicht, sie brauchte dringend etwas Ruhe. Deshalb sind wir ja auch eigentlich hier. Ich würde sagen, es gäbe hier eine Möglichkeit, das Centre richtig zu ärgern!" Jack hatte sich wieder beruhigt und sah Jarod fragend an.

"Was ist los?"

"Komm mit, ich zeig es dir...!"
Teil 16 by Dara
Also gut, in diesem Kapitel kommt ein klitzeklein wenig Russisch vor: für alle, die sich da nicht so auskennen „Ja nje snaju“ bedeutet „ich weiß nicht“.
Und dann bedanke ich mich noch von Britta: meine Internetrechnung steigt wegen dir ins Unermeßliche! ;o)

Und nun fang ich an, ach ja, noch immer gilt: Jarod und Co gehören mir nicht, ich verdiene nix an ihnen und auch nicht mit Sam, Kay und Jack...(aber die sind aus meiner Phantasie!). Für jeden der sich fragt, wann das ganze spielen soll: Also Bridgitte ist bereits schwanger, sogar hochschwanger, aber Daddy Parker ist noch im Center, Matumbo nicht tot - keine Revolution in Sicht. Also geht von Mitte 3. Staffel aus und dann ein kleines, nettes Paralleluniversum...

By the way: NIEDER MIT DER NEUEN RECHTSCHREIBREFORM! *Na, Britta, genug Kämpfergeist? :o) *




Die vergessene Akte
Teil 16
von Dara







„Projekt Orion?“ Sam dehnte sich unauffällig und versuchte ihr Gähnen zu verstecken. Sie hatte schon lange nicht mehr so gut geschlafen, das einzige war, daß sie anscheinend über 8 Stunden auf einem Sessel verbracht hatte. Oh, sie sehnte sich nach einer Massage. Statt dessen stand sie hier im Keller; Jarod hatte sich auf den kleinen Thron in der Mitte des Computerraumes gesetzt, und sie durfte stehen. Nein, irgendwie gefiel ihr die Situation nicht.

„Projekt Orion!“ Jarod hatte sich in den letzten Stunden im Centre „umgesehen“. Besser gesagt, er hatte die Dateien des Centres nach Informationen durchforstet. Sams Anlage war ziemlich gut, wenn er auch erst einen kleinen Teil des Zweckes kannte, wozu dieser Raum eigentlich da war.

„Was ist – Jack, Stuhl, ich fühl mich etwas gerädert! – Also was hat das mutierte Gehirn von Rainilein schon wieder produziert? Ein weiterer Klon, künstliche Befruchtung, Brigittes Baby ist in Wirklichkeit ein Alien?“ Sam verdrehte die Augen und massierte sich hingebungsvoll den Nacken. Nie wieder im Sessel, lieber auf dem Fußboden oder auf 'nem Tisch, aber nie wieder im Sessel!

Jarod schüttelte den Kopf: „Nein, für dieses Projekt gibt es einen externen Kunden!“

„Ui, kein Zuchtprogramm des Centres? Wo das doch so erfolgreich ist!“ Sam umarmte Jack neckend und zerstrubbelte seine Mähne.

„Mum, laß das. Es ist echt wichtig! Damit könnten wir das Centre richtig ärgern, wenn du verstehst, was ich meine?!“ Jack strich sich bedächtig die Haare wieder zurück. Die Beruhigungspille schien irgendwelche Nachwirkungen zu haben...

„Okay, also Orion- Jäger- was wird gejagt?“ Sam versuchte sich zusammenzureißen, aber sie war einem Lachanfall sehr nahe. Wieso wabbelte der Raum eigentlich so komisch hin und her? Und eigentlich müßte sie doch noch wo hin, aber wohin?

„Genau. Das Centre hat einen riesigen Auftrag von einem Scheich bekommen, sagt dir der Name Osama Bin Laden etwas?“

„Moment, den kenn ich, der war schon mal im Fernsehen!“ Sam saß schwankend auf dem Stuhl, den Jack ihr gebracht hatte und schnipste mit den Fingern. „Nicht vorsagen! Ich hab’s gleich! Bombenanschläge, Männer in langen Röcken und mit langen Bärten und mit Musketen und mit weißen Tüchern auf dem Kopf... Äh... Terrorist, meist gesucht und gehaßter Terrorist der USA? Big Feind? Böse?“

„Ja, Mama, genau der! Du solltest wirklich noch ein bißchen schlafen!“ Jack klopfte seiner Mutter beruhigend auf die Schulter.

„Wenn ihr mir noch mal Schlafmittel ins Wasser kippt, dann könnt ihr die darauffolgenden Wochen im Stehen schlafen, mein Lieber!“ Sam riß die Augen auf, um wieder zu Verstand zu kommen. Ein leichter Kopfschmerz zog sich von der Nasenwurzel über die linke Augenbraue hin zum Hinterkopf.

Jack lächelte entschuldigend: „Du brauchtest dringend Ruhe und du hast einfach nicht...“

„Pscht, Schatz. Gegessen, merkt es euch nur fürs nächste Mal! Also, was will Mister Bighead denn nun vom Centre? Kann der denn überhaupt soviel zahlen, daß das Centre so dämlich ist, mit dem Geschäfte zu machen? Und wieso sollte das die amerikanische Abteilung tun?“

Jarod nickte und drehte sich zu Sam: „Genau an der Stelle hab ich auch gestutzt! Das CIA und das FBI übersehen die Machenschaften des Centres, weil es hauptsächlich für die Regierung arbeitet. Geschäfte mit der Mafia, mit den Yakuza und auch mit Geheimdiensten anderer Regierungen werden gebilligt, weil es Geld und Informationen bringt.“

„Na komm, zwei Senatoren sind stille Teilhaber des Centres, ein Triumviratmitglied ist direkt in Washington D.C. beschäftigt, in so einer kleinen, weißen vornehmen Hütte... Die letzten 4 Präsidenten kamen durch das Centre entweder auf den Stuhl oder von ihm runter! Und das Klein-Motu in Afrika sitzt, hat nichts mit Hauptsitz sondern mit Vorsicht zu tun. Der Junge ist ein waschechter nordamerikanischer Bundesstaatler!“

Jarod sah Sam mit großen Augen an, er schluckte: „Woher...“

„Ist all hier!“ Sam grinste und breitete die Arme aus. Sie sah sich überschwenglich um. „Alle Dateien, alles hier gespeichert. Ich hab mehr Informationen über das Centre als das Centre selber! Ich hab ein Programm geschrieben, daß jede Datei ein zweites Mal gespeichert wird, geschützt, keine Löschung möglich, jede Veränderung wird an die Datei rangehängt... Jedes kleinste Schnipselchen, selbst die monatliche Bestellung des Klopapiers. Das ist schon ziemlich lange her, und als ich ausgebüchst bin, hab ich sämtliche Kopien runtergezogen vom Mainframe des Centres.“ Sam stoppte kurz, sie mußte aufstoßen.

„Ich sollte die Systeme des Centres optimieren, damals war ein Computer fast größer als ein Zweifamilienhaus! Ich hab das auch gemacht, eine mögliche Optimierung durch Neuverschlüsselung von Daten – hehe, mit dem damaligen Equipment war eine Komprimierung von über 70 Prozent möglich, aber ich hab das etwas... wie soll ich sagen... nach unten korrigiert. Der Rest war mein Versteck!“ Sie grinste etwas unglücklich; die Kopfschmerzen ähnelten inzwischen einer Elefantenherde in einer Glasfabrik.

Jarod hatte nichts weiter gesagt. „Du hast alles? Jede Information, die es über das Centre gibt?“

„Äh, jede Info, die jemals auf elektronischem Wege gespeichert wurde!“ korrigierte sie ihn. Hätte sie jetzt zu Jack geguckt, der an ihrer Seite stand, dann hätte sie den Stolz in seinem Gesicht gesehen.

„Kann ich..?“

„Jop! Alles was du willst, Honey! Aber was ist nun mit Orion?“

„Ach so! Ja, also dieser Bin Laden hat eine Milliarde Dollar aufgetrieben!“

Sam pfiff leise: „Das ist allerdings ein schönes Sümmchen, selbst für Centreverhältnisse! Was will er dafür haben?“

„Den perfekten Attentäter!“

„Okay, unschuldig, unwissend, nicht auffindbar und gewissenlos!“ Sam verdrehte die Augen.

„Kinder! Aber nicht irgendwelche! Diese Kinder werden so manipuliert, daß sie selbst die Bombe sind!“ Jarod erschauerte leicht vor Ekel.

„Wie bitte? Sollen die das Dynamit schlucken, oder was?“

„Nein, das wäre zu einfach. Es wird implantiert, ein uranhaltiger Sprengkörper wird in das Herz des ahnungslosen Attentäters implantiert. Mit einer Gehirnwäsche wird dann das Ziel „eingegeben“...“

Sam stutzte: „Okay, aber ich glaube, das würden die Regierungen doch selbst auch schon hinkriegen, wo ist da die Besonderheit?“

„Nun ja, das Centre hat nicht nur die Vorrichtung zu liefern, sondern muß auch das Ganze durchführen!“

„Ah, das macht das Triumvirat nicht mit, glaub ich nicht, Ideenverkauf – ja – aber die Hände machen die sich nicht schmutzig! Nee, auch für ne Milliarde Dollar nicht!“ Sam schüttelte den Kopf.

„Genau da liegt das Problem! Wieso haben sie also den Auftrag angenommen?“

„Da ist keine neue Lösung bei, kein Centre-Problem! Das ist kein Projekt von Raines und auch keines des Centres, was haben die vor?“ Sam lehnte sich nach vorne, um über Jarods Schulter auf den Bildschirm zu sehen.

Jack beugte sich vor: „Ihr glaubt, daß das eine Falle ist?“

Sam runzelte die Stirn, mit einemmal war sie hellwach. „Falle ja, aber für wen?



„Ich bin müde!“ Bobby ließ sich auf die Couch fallen und schloß die Augen.

Sydney setzte sich ihm gegenüber und beobachtete ihn. Seit er gestern erfahren hatte, daß Lyle angeblich nicht mehr existierte, hatte er versucht, sich selbst das Gegenteil zu beweisen. Aber er konnte es nicht. Dieser junge Mann hier war nicht der Mister Lyle, den er kannte. Er hatte sämtliche Tests gemacht, die er kannte. Hypnose, Konfrontationssitzungen, Persönlichkeitstests... Alle positiv: dies war Bobby, und einen Mann namens Lyle gab es nur in der Erinnerung. Lyle war tot.

„Dr. Green, ich bin müde!“ Bobby murmelte leise vor sich hin.

„Es ist in Ordnung, Bobby. Wir sind fertig! Ich weiß nicht, ob es Sie freut, aber die Wahrscheinlichkeit, daß Lyle wieder die Oberhand gewinnt, liegt bei unter fünf Prozent!“

„Nicht null?“

„Null! Es gibt keine hundertprozentige Sicherheit! Sie haben eine zweite Chance, und diesmal können Sie sich wehren. Viele haben diese zweite Chance nie!“

„Eine zweite Chance! Für was, für eine Familie? Für Heimat? Für Freiheit oder Leben? Zweite Chance! Toll: ich muß Lyle spielen fürs Centre, mein Vater ist ein Arschloch, das mich am liebsten tot sehen würde. Ein Mann mit meinen Fingerabdrücken, mit meinen Genen – ich - hat Dutzende Menschen getötet. Meine Schwester ekelt sich vor mir, die Leute kuschen, und ich sitz alleine hier zu Hause und bin... Bobby! Toll!“

„Sie sitzen nicht alleine hier!“ Sydney lächelte sein geheimnisvolles Psychiaterlächeln, das Parker so oft so wahnsinnig gemacht hatte.

Bobby öffnete die Augen und sah sein Gegenüber an. Er musterte die Gesichtszüge des alten Mannes genau. Und er sah das Lächeln.

>Du bist nicht alleine!<

Bobby lächelte: „Nein, Sie haben recht, das tue ich nicht!“

Syd nickte und stand langsam auf: „Ich glaube, ich bin auch ziemlich müde!“

„Sie sollten nach Hause fahren und schlafen!“

„Das werde ich tun!“

„Ich habe sonst auch ein Gästebett hier irgendwo!“ Bobby sah sich ein wenig ratlos um.

„Ich werde lieber nach Hause fahren, für den Fall, daß Jarod anruft!“

„Die hören jedes Wort! Sie haben noch nie nach Wanzen gecheckt, oder? Ich weiß, daß die jedes Wort hören!“

Sydney zuckte mit den Schultern: „Jarod und ich, wir haben da so unsere Wege!“ Er wandte sich zur Tür. Als seine Hand die Klinke ergriff, trat Bobby einen Schritt vor.

„Ich hab sie eben gerade wieder gehört!“

„Wen?“ Sydney verharrte und sah Bobby fragend an.

„Mut...Catherine Parker. “

“Was hat sie gesagt?”

„Sie sagte, ich wäre nicht mehr allein!”

„Ihre Mutter war eine sehr kluge Frau. Sie sollten auf sie hören, Bobby!“

Bobby lächelte: „Ich werde es versuchen! Und Sydney - danke!“


Ihre Schritte hallten hohl von den Wänden wider. Parker hatte das Gefühl, alles um sie herum verschwände hinter einer dunklen Wand. Sie brauchte etwas ganz dringend, aber sie wußte nicht, was es war. Fluchtartig verließ sie das Centre und nur mit einem kleinen Blick zurück versicherte sie sich, daß sie ihre Familie von diesem Monstrum befreien würde. Es war endgültig an der Zeit.

Die Fahrt nach Hause kam ihr vor wie eine Ewigkeit. Das Gefühl der Leere erfüllte sie immer mehr. Eigentlich war ihr Zuhause immer ein Ort gewesen, wo es Zuflucht gab und Wärme. Aber heute erschien ihr die Hütte nur wie eine Hütte. Es hatte keine Bedeutung, etwas fehlte. Wenn sie doch nur wüßte, was da fehlte!

Sie schloß die Tür auf. Sie sehnte sich nach einer heißen Dusche und ihrem Bett. Ein Bett, ein Bett, ein Königreich für ein Bett.

***

„WAS?“

„Parker, schläfst du schon?“

„Jarod, ich bin müde!“ Sie seufzte laut auf.

„Was tust du gerade?“

„Ich sitze auf dem Bett und ziehe meine Schuhe aus!“ Parker murmelte leise und mit geschlossenen Augen. Mit weitem Bogen flogen ihre Pumps quer durch den Raum, „jetzt ziehe ich dieses verdammte Kostüm aus. Knopf für Knopf!“ Sie zählte leise mit. „Eins, warum rufst du an?“

Jarod wollte gerade was sagen, da unterbrach sie ihn auch schon : „zwei!“ Sie ließ sich rückwärts aufs Bett fallen und seufzte noch einmal. „Drei... und vier!“ Sie zog sich lautstark die Bluse aus.

„Jetzt werde ich noch die Hose ausziehen und dann werde ich ins Bad gehen und duschen!“ Mit größter Anstrengung öffnete sie den Reißverschluß, klemmte sich das Handy unters Ohr und zog die Hose aus.

„Jarod?“ Ihre Stimme war so leise, daß er es kaum hören konnte.

„Ja?“

„Ich kann nicht aufstehen! Ich bin so müde!“

„Dann bleib liegen und schlaf ein wenig, ich leg jetzt auf, ich kann später noch mal anrufen!“

„Nein, ich will nicht alleine einschlafen!“

„Na gut, ich häng nicht auf, aber Parker.. ?“ Sie liebte diese Stimme, sie liebte Jarod, da war sie sich ganz sicher.

„Was?“

„Zudecken!“ Er klang besorgt, so warm, so weich, wenn er doch nur hier wäre...

„Okay!“ Sie schlüpfte unter die Bettdecke und preßte das Telefon an ihr Ohr. Sie war schon kurz vorm Einschlafen. „Gute Nacht, ich liebe dich, Jar!“

Jarod hielt die Luft an. Seine Gedanken rasten. „Ich liebe dich auch, Mel. Schlaf schön!“ Doch da war ihr das Telefon schon aus der Hand geglitten, und die Leitung war unterbrochen.



„Magst du mir mehr über dieses Projekt Scorpio erzählen?“ Emily saß mit Kay auf der Couch am Kamin. Marge und Jay saßen ebenfalls im Raum, schienen aber in ein Gespräch vertieft.

Kay zuckte mit der Schulter: „Da gibt es nicht viel zu erzählen! Es wurden die Eizellen von Mutti entnommen und die Samenzellen von mehreren anderen potentiellen Pretendern. Dann wurde die künstliche Befruchtung durchgeführt, allerdings hat es nur bei 5 Eiern wirklich geklappt. Die übliche Ausschußquote und die drei verbliebenen Embryos wurden in Ziehmütter eingepflanzt. Ein tödlicher Unfall im 6 Monat und eine Fehlgeburt, übrig blieben wir. Ein Glück, wir waren Zwillinge, hat das Centre doch noch zwei gekriegt!“

„Wie habt ihr es erfahren, ich meine, hat Sam...?“

„Sie hat es uns gesagt, ja, daß sie uns nicht normal zur Welt gebracht hat. Und auch, was das Centre ist, aber nichts über Projekt Scorpio! Nein, das haben wir selbst rausgekriegt! Vor cirka einem Jahr! Danach haben wir unsere Bluttests angefangen. Wir haben Blutproben von mehr als 20 Centremitarbeitern und 10 Projekten. Aber irgendwie war unser Vater nie dabei. Dann, als wir Jarod und Jay kennengelernt haben, haben wir auch Blut von Jay genommen. Er war verwandt, nicht das Blut unseres Vaters, aber verwandt! Und dann haben wir von Kyle gehört, da haben wir Jarods Unterlagen mit den Bluttests in die Finger gekriegt und tata, Kyle war unser Vater. Schon ulkig, daß gerade er auch wirklich eine Beziehung mit Mum hatte, oder?“ Das Mädchen lächelte leicht.

„Ja, eigenartig!“

„Der Major ist aber nicht mit uns verwandt!“ Kay sah Emily an.

“Ich weiß, meine Eltern vermuteten schon so etwas!”

„Ich möchte zu gerne wissen, wer ...“

„Warum?“

„Nun ja, er ist immerhin die erste Generation, oder aber zumindest die letzte... ähm Nichtpretender-Generation. Das interessiert mich schon, wie es zu diesem Pretendergen gekommen ist!“ Kay wußte nicht, wie sie es anders sagen wollte, sie war einfach fürchterlich neugierig.

„Aber Sam stammt doch nicht von wem-auch-immer ab, und sie ist trotzdem einer!"

"Ja, aber ihre Eltern sind schon tot und hier besteht wenigstens noch die Möglichkeit, daß derjenige noch lebt!“

„Ich weiß nicht, ob das so gut wäre!“ Emily strich sich gedankenvoll durchs Haar. Der Major und Marge waren ihre Eltern, würde es nicht wieder alles zerstören, wenn der leibliche Vater von Jarod und Kyle bekannt werden würde?

„Ach, ich hab auch schon gedacht! Raines zum Beispiel, das wäre doch voll eklig, den häßlichen Kerl zum Opa zu haben! Aber der isses nicht und auch nicht Mister Parker! Keiner vom Triumvirat!“ Kay schüttelte den Kopf.

„Woher willst du das so genau wissen?“

„Centreinterne Gesundheitsuntersuchung! Muß jeder machen, aber die vom Triumvirat sind besonders gut geschützt, da kamen wir gut rein. Die anderen sind so viele, da bräuchte man Jahre, um die einzelnen Mitarbeiter rauszufinden!“

„Was glaubst du, wer es sein könnte?“ Jay kam langsam zum Kamin herüber.

„Ja nje snaju! Keine Ahnung, aber ich hoffe, der Typ war nett! So einer wie Sydney oder Dr. Alan! Ein Wissenschaftler: intelligent, aufnahmefähig, hohe Sozialkompetenz.“ Kay zuckte mit den Schultern.

„Freiwillig?“

„Jo, so freiwillig wie Mum Mutter geworden ist! Das ist das Centre, was kümmern die Bedenken?“


„Hmm!“ Bobby griff verschlafen zum Telefon.

„Wie geht es ihm?“

„Sam?“ Er richtet sich auf und war mit einemmal hellwach.

„Hallo Bobby. Wie geht es ihm?“ Sie hörte sich müde an, traurig. Er schloß seine Augen, um sich vorstellen, wie sie jetzt wohl aussah.

„Angelo geht es besser. Er hatte ziemlich hohes Fieber, aber es sinkt jetzt wieder. Parker hat eine Wache vor der Tür postiert. Sobald Raines oder jemand anders in die Nähe der Zelle kommt, wird Alarm geschlagen!“

„Gut, ich brauch nämlich noch eine Weile, bevor ich kommen kann!“ Bedauern war in ihrer Stimme. Bobby spürte ihre Anspannung.

„Was ist los?“

„Hast du je von Projekt Orion gehört?“

„Das Teil mit der CDC?“ Er stutze kurz, wie kam sie denn jetzt darauf?

„CDC? Was ist das?“

„Centre for Disease Control and Prevention... “

“Hast du Zeit? Kannst du reden?“

„Ich bin müde, aber ich versuch es. Viel weiß ich allerdings auch nicht!“ Bobby versuchte sich zu konzentrieren und atmete tief ein, „Raines hat ein neues Projekt. Ein Virus ,ziemlich tödlich, aber selektiv. Lautlose, zeitlich begrenzte Waffe mit hoher Wirksamkeit. Die Army hat ihre Finger mit drin, aber frag mich nicht, welche Länder noch. Das Projekt wurde allerdings auf Eis gelegt, wegen mangelnder Finanzierung!“

„Bobby?“

„Hmm?“

„Werden die Namen von stillgelegten Projekten eigentlich recycelt?“

Bobby lachte laut auf: „Quatsch, im Centre gibt es keine ausgemusterten Projekte, die liegen halt nur so lange auf Eis, bis man sie durchführen kann. Da werden die nicht einfach die Namen für ein anderes Projekt nehmen!“

„Hm, ich könnte dich küssen, Hasi. Du hast mir wirklich sehr geholfen!“ Sam lachte auf.

„Das tue ich gerne, wenn du dafür sorgst, daß Raines keine Kontrolle hat.“ Eigentlich wollte er was anderes sagen. Daß sie es tun sollte, daß sie kommen und ihn küssen sollte, aber das würde er nicht zugeben. Das war ein Traum, sein Traum.

„Ui, du glaubst nicht, was für ein Chaos das wird!“ Sie kicherte.

Bobby hatte ein Bild vor sich. Eine junge Frau mit langem Haar reibt sich die Hände und zwinkert ihm zu mit ihren grünen Augen. Er holte tief Luft.

„Bist du sehr müde, Bobby?“

„Ein wenig, es war ein langer Tag!“

„Dann schlaf süß und träum was Schönes! Träum von mir!“ Sie lachte.

„Das werd ich, Sam, das werde ich!“

Er hörte eine Weile auf das Störzeichen und legte schließlich das Telefon beiseite.


Aus uns hätte wirklich etwas werden können....
... wenn du nur wüßtest, wer du wirklich bist...
.. wir waren Freunde, bis du Bobby getötet hast...
..schlaf süß und träum von mir...

Du bist nicht allein, Bobby!
Vertraue ihnen, sie sind deine Familie...
Eine zweite Chance...
Teil 17 by Dara
Und nun fang ich an, ach ja, noch immer gilt: Jarod und Co gehören mir nicht, ich verdiene nix an ihnen und auch nicht mit Sam, Kay und Jack...(aber die sind aus meiner Phantasie!). Für jeden der sich fragt, wann das ganze spielen soll: Also Bridgitte ist bereits schwanger, sogar hochschwanger, aber Daddy Parker ist noch im Center, Matumbo nicht tot - keine Revolution in Sicht. Also geht von Mitte 3. Staffel aus und dann ein kleines, nettes Paralleluniversum...




Die vergessene Akte
Teil 17
von Dara







Es war noch dunkel, doch sie konnte einfach nicht wieder einschlafen. Sie hielt ihre Augen geschlossen, schon seit einer halben Ewigkeit schien sie dem Wind zuzuhören, der draußen an den Bäumen riß. Langsam holte sie Luft und schwang sich unruhig im Bett umher. In den letzten Tagen war viel passiert und doch wußte sie, daß in der nächsten Zeit noch viel mehr geschehen würde. Immer und immer wieder ging sie all die Ereignisse der Vergangenheit durch, suchte nach Schwachstellen, nach Fehlern, die ihr unterlaufen waren.

Sie riskierte alles für ein bißchen Abenteuer, so schien es ihr damals. Aber war es wirklich nur ein wenig Abenteuer? Sie hatte die Sicherheit aufgegeben und nun war nicht nur ihre Freiheit bedroht. Sollte das Centre jemals von den Kindern erfahren, was würde sie tun? Was für Jäger würden sie auf die Kinder hetzen? Die Angst verhinderte ein neues Einschlafen, niemals würde sie es zulassen, daß ihnen etwas geschah, aber konnte sie wirklich alles verhindern? Eine Träne lief über ihre Wange, sie wischte sie nicht weg. Sie spürte, wie der Wassertropfen eine feuchte Spur auf ihrem Gesicht hinterließ, wie er an Geschwindigkeit zunahm, als er das Kinn herunter auf den Hals rann. Sie versuchte sich auf etwas anderes zu konzentrieren, doch ihre Gedanken gelangten nur zu einem weiteren dunklen Fleck. Angelo.

Angelo, er war krank; auch sie spürte die Entfernung sehr deutlich, sie konnte das Flüstern seiner Stimme nicht mehr hören. Hatte sie ihm das angetan, war er krank wegen ihr? Damals kurz vor ihrer ersten Flucht aus dem Centre, da hatte er sich zurückgezogen gehabt, wegen ihrer Gedanken, der Gewalt in ihr. Oh ja, sie war damals kurz vor dem wirklichen Abgrund gewesen, aber als dann die Möglichkeit der Flucht da gewesen war - die Überweisung in den Krankentrakt als sie von Projekt Scorpio erfahren hatte, da hatten sich ihre Gedanken wieder geklärt, und sie konnte sich selbst heilen. Aber damals war sie bedacht darauf gewesen, daß Angelo nichts davon mitbekam, er sollte glauben, daß sie tot sei und zwar ohne den abrupten Verlust ihrer Nähe. Sie hatte sich langsam distanziert, so daß die Verbindung kaum noch zu spüren war. Das war leichter, leichter als jetzt die kurzfristige, schockartige Entfremdung. Wie leicht dieses Band doch wieder zu knüpfen war, wie stark es bereits nach 3 Tagen wieder war. Sie hätte nicht nach Kanada gehen dürfen, das war zu weit, es bedurfte einiger Übung das Band soweit aufrechtzuerhalten. Konzentration und Stärke, all das hatte sie kaum noch, mit Kay und Jay und den anderen.

Ein weiterer tiefer Atemzug verschaffte keine Linderung von dem Schmerz, der sich ihrer bemächtigte. Angelo, Timmy, Bruder. Sie erinnerte sich an die Bilder ihrer Eltern. Während der Jahre im Wohnwagen, nur die kleine Familie, ständig unterwegs. Ihre Mutter hatte sich gerne viele Fotos angesehen, Fotos von sich, von Vater, vom verlorenen Sohn, von Sam. Sie hatte immer ein besonderes Foto in ihrer Bluse, an ihrem Herzen. ‚Damit ich ihm immer nahe bin’, hatte ihre Mutter erklärt. Sam öffnete die Augen und langte zum Nachttischchen, das gleich neben dem Bett stand. Sie tat es in der Dunkelheit, und obwohl sie nichts sehen konnte, fand sie es dennoch sofort. Das Foto. Sie hielt es in der Hand und schloß die Augen wieder.

‚Ich bin dir nahe, ich bin da,’ flüsterte sie tonlos. Ihre Verbindung war wie ein dünner, silbriger Faden. In Gedanken faßte sie den Faden und zog ihn zu sich, mit jedem Zentimeter, den sie ihn zu sich holte, wurde er stärker und fester und dicker. ‚Ich bin dir nahe, egal wo du bist, du bist nicht allein.’ Und dann konnte sie die Antwort hören, deutlich vernahm sie die Stimme, seine Stimme. Und endlich war der Schmerz vorbei.

***

„Mein Engel, weißt du jetzt, wer er ist?“

„Mum, bist du das?“ Parker sah sich suchend um.

„Engel, weißt du, wer er ist?“ Die Stimme war Geborgenheit und doch war sie fordernd, ein wenig ungeduldig.

„Ich weiß es, ich liebe ihn!“ Parker glaubte ihrer eigenen Stimme nicht, so fest und klar. Es war ihr noch nicht einmal schwergefallen, das zu sagen. ‚Vielleicht, weil dies hier nur ein Traum ist, niemals würdest du es zugeben, nicht wenn du wach bist!’ dachte sie.

„Warum versteckst du dich dann vor ihm?“

„Das tue ich nicht, ich bin nur noch nicht dazu gekommen, ihn um Hilfe zu bitten, das ist alles. Sobald er anruft, werde ich das tun und dann werden wir die Kinder retten. Das verspreche ich dir, Mum!“

„Rette auch das ungeborene Kind. Es ist unschuldig.“ Endlich konnte Parker die helle Silhouette ihrer Mutter sehen, sie trug das wunderschöne beige Etuikleid. Aber wieso war sie so groß? Parker sah an sich herunter, sie war klein, so klein, wie sie es mit 12 gewesen war.

„Ich habe dich vermißt, Mum!“

„Ich war immer bei dir, du hast mich nur nie gehört! Rette das Ungeborene!“

„Brigitte und Daddy kümmern sich doch um das Baby, sobald es geboren ist!“

„Sie fühlen nichts füreinander, sie fühlen nichts für die kleine Seele, es ist allein, ganz allein und fürchtet sich.“ Parker konnte die traurigen Augen ihrer Mutter deutlich sehen, und sie ertrug es nicht.

„Dann werde ich es zu mir nehmen! Ich verspreche es dir, wir werden Timmy befreien und das Baby, wir werden dem Centre den Rücken kehren!“

„Nein! Es darf nicht weiterbestehen!“ Die Stimme war kalt oder verängstigt, streng oder besorgt, Parker konnte es nicht wirklich einschätzen.

„Mum, das Centre ist zu stark und mächtig!“

„Eine Kette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied, und es gibt schwache Glieder im Centre, mein Engel, du mußt sie nur finden und ihre Schwäche. Dein Bruder wird dir helfen können.“

„Bobby!“ Parker zögerte kurz, „Kann ich ihm wirklich vertrauen?“

„Er vertraut sich selber nicht, aber er hat das Recht auf eine Familie, so wie du und wie Jarod und wie Sydney. Sie alle haben ein Recht auf Freiheit, Liebe und Familie! Kämpfe dafür! Laß sie nicht gewinnen, kämpfe für deine Liebe und für deine Familie. Ich werde bei dir sein, mein Engel.“

***

Sie hatte es aufgegeben, einschlafen zu wollen, statt dessen schlich sie sich lautlos in den Keller und spielte ein wenig in ihrer Datenbank. Das Gespräch mit Bobby kam ihr wieder in den Sinn. Die ultimative Waffe durch Morde finanziert, oder aber den Tod durch einen Pakt mit dem Teufel entwickeln. Manchmal fragte sie sich wirklich, wie Raines dachte, warum er so greuliche Dinge tat, ohne einen Hauch von Gewissen. Sie kannte ihn schon sehr lange; Dr. Alan war bei weitem nicht so einflußreich gewesen wie Sydney. Dementsprechend war auch die Erfolgsquote ziemlich niedrig, Raines fortzuhalten. Und Raines war immer kalt und herzlos gewesen. Sie kannte die Geschichte mit der Tochter, Amy hieß sie oder Annie, aber sie bezweifelte, daß es wirklich einen Umbruch in Raines hervorgerufen hatte. Nein, dieser Mann war schon vorher tödlich gewesen, schon viel früher, er war der eigentliche Serientäter, der eigentliche Psychopath hinter Kyle und Bobby. Raines war einer der Gründe, warum sich das Centre so erfolgreich in der Schwarzen Zone der Macht behauptete. Sicher, das Triumvirat hatte ebenfalls Anteil daran, ebenso wie Big Parker und die Direktorin. Aber Raines ermöglichte vieles erst. Die anderen wollten Geld und Macht in der Politik. Raines wollte Kontrolle über Menschen, und er wollte Zerstörung.

Sam kannte vieles aus der Geschichte des Centres, aber sie hatte sich nie explizit damit auseinandergesetzt. Nach ihrer Flucht hatte sie Abstand gewinnen wollen, die Trennung von ihrem Bruder, die plötzliche Belastung mit zwei Säuglingen und die ungewohnte Umgebung waren schon schwer genug gewesen. Im Laufe der Zeit hatte sich dann ein gewisses Desinteresse breit gemacht; sie hatte ihr Leben, so wie sie es sich ausgemalt hatte, kein Centre mehr. Natürlich fehlten ihr Kyle, Dr. Alan und Angelo; aber wenn sie an sie dachte, kamen die Erinnerungen und behinderten sie. Nach 3 Jahren hatte sie es geschafft, die Gedanken ans Centre soweit zu verdammen, daß sie nur noch als Reminiszenzen aus schlechten Träumen auftauchten. Sie vergaß es ganz einfach, sich mit dem Centre zu beschäftigen. Als Jarod aufgetaucht war, da hatte sie sich wieder erinnert; sie hatte kontrolliert, wer Jarod war und war dabei auf Cracker Jack gestoßen, alias Angelo, hatte seine Pein gespürt.

Sie vermißte ihn schmerzlich, den engen Kontakt mit ihm, und sie hatte Gewissensbisse, weil sie ihn allein zurückgelassen hatte. Heute nun, wo sie ja doch nicht schlafen konnte, begann sie, sich einen Überblick zu verschaffen. Einen Überblick, was im letzten Jahrzehnt im Centre passiert war.

„Sieh an, die Direktorin haben sie also abgesägt, als Jarod geflohen ist. Ein weiteres Loch im Centre-Friedhof!“ murmelte sie leise. Sie überflog die Protokolle und Anweisungen. Mr. Parker war nun direkt dem Triumvirat unterstellt. Nun, das war er inoffiziell schon immer gewesen, soweit Sam das beurteilen konnte. Motu und die beiden anderen Mitglieder des Triumvirats schienen einen ziemlich sicheren Stand zu haben; es gab nicht viele Verbindungen zu den Machenschaften des Centres, die man wirklich nachweisen konnte.

Sie kontrollierte die Konten der Organisation. Die Ertragslage hatte sich in den letzten vier Jahren offensichtlich minimiert, die Ausgaben waren durch die Jagd nach Jarod angestiegen. Auch die Verluste durch Jarods kleine Kreditnahmen gingen an die Substanz.

Sam grinste kalt: „Ihr braucht wirklich ziemlich dringend Knete, wenn ihr euch da oben halten wollt, nicht wahr?“ Das Centre war noch weit davon entfernt auszutrocknen, allerdings schien der Verlust eines wichtigen Geschäftes, wie Jarod es war, doch erste Narben zu hinterlassen.

Es war gegen 5 Uhr morgens, als sich Sam müde streckte und ihre Glieder dehnte. Leise klopfte es hinter ihr. Sie drehte sich um: „Morgen! Was machst du so früh hier?“

„Ich wollte ins Mainframe!“ Jarod lächelte leicht und deutete auf den Platz, den Sam belegte.

„Suchst du was Bestimmtes?“

„Wer hat Catherine Parker getötet?“ Jarod sah sie fragend an, sie zuckte die Schulter.

„Das war fast noch vor meiner Zeit, ich habe davon nur wenig mitbekommen, aber es dürfte noch was hier sein. Einige Informationen konnte ich ja wieder herstellen.“ Sie drehte sich zur Tastatur und gab etwas ein.

„Wir lassen es einfach mal durchlaufen, dann werden wir ja sehen, was Gogo so ausspuckt!“

„Gogo?“

„Dumme Angewohnheit von mir: als ich mich hier häuslich eingerichtet habe, waren Computer noch sooo.... nervig. Auf jeden Fall hab ich wohl mehr als einmal : Nun geh endlich, mach schon, go, go... gesagt, und die Kleinen haben das aufgeschnappt und eines Tages kam der kleine Jack zu mir und hat mich gefragt, ob er auch mal mit Gogo spielen darf! Ich hab ganz schön gelacht!“ Sie kicherte bei der Erinnerung daran.

Jarod lächelte. „Die zehn Jahre müssen toll für dich gewesen sein!“

„Wie waren deine vier letzten Jahre?“ Sie grinste.

„Unterschiedlich!“ Jarod zuckte mit den Schultern.

„Siehst du, wie bei mir.“


***

Der Schlag auf den Punchingball war gezielt, kraftvoll und voller Wut. Die andere Faust sauste auf den Sack nieder. Beinahe im Sekundentakt prallten die Fäuste abwechselnd auf das Trainingsgerät. Links, rechts, links, links, rechts. Schlag auf Schlag alle auf die gleiche Stelle, tödliche Schläge, wenn es ein Mensch gewesen wäre.

Michael, ein schwarzer (sorry! farbiger!) Sweeper, der seit 3 Monaten für Mr. Lyle arbeitete, hob kurz die Augenbrauen. Oh ja, seit Tagen schon war sein Chef wütend, so richtig wußte er nicht, warum, aber es wäre unklug gewesen, ihn jetzt zu fragen. Michael hatte arge Schwierigkeiten mit seinem Chef gehabt, obwohl es auch seine Vorteile hatte, Sweeper einer so wichtigen Persönlichkeit zu sein. Er brauchte sich nur selten die Finger schmutzig machen, Lyle erledigte so was gerne selbst. Er brauchte nur die Spuren verwischen, falsche Hinweise verstreuen, Lyles Rücken decken, sofern das ging. Er hatte die Kaltschnäuzigkeit seines Vorgesetzten immer bewundert, aber auch gefürchtet. Bevor er seinen Dienst angetreten hatte, hatten ihn alle gewarnt; sehr lange lebte ein Sweeper für gewöhnlich nicht in Lyles Nähe. Aber er war als Chef ganz in Ordnung, berechnend zwar, aber ruhig, besonnen, hörte zu. Michael hatte noch keinen der legendären Wutausbrüche von Lyle erlebt.

„Und, Michael, irgend etwas Neues aus der Chefetage zu berichten?“ Ein weiterer Fausthieb landete auf dem Leder des Punchingballs.

„Nein, Sir, nichts. Es ist ungewöhnlich ruhig!“ Der Sweeper beobachtete seinen Chef, nach außen hin völlig ruhig, innerlich jedoch war er neugierig. Es hatte sich etwas verändert, er war sich nur nicht sicher was. Sicherlich die letzte Woche, wo Lyle in Lumpen erschienen war, aber davon war nichts mehr zu sehen. Michael machte sich gedanklich eine Notiz, er müßte sich mal mit Sam, dem Sweeper von Miss Parker unterhalten, der war eigentlich ziemlich in Ordnung.


Gerade als er daran dachte, öffnete sich die Tür. Michael sah den Eindringling an und erkannte die Tochter des Chairman. Sie nickte kurz in seine Richtung und trat dann zwei Schritte vorwärts. Lyle ließ ein letztes Mal seine Faust auf den Ledersack niedersausen und blieb dann etwas schweratmend stehen.

„Michael, geh zu Sam und löse ihn gegebenenfalls ab. Ich komme in zirka einer Stunde und seh' nach dem Rechten!“ Michael nickte kurz und verschwand aus der Tür.

Parker musterte ihren Bruder: er hatte ein dunkles Muscle Shirt an und schwitzte vor Anstrengung. Sie konnte seine Waden sehen. Er war gut trainiert und das nicht erst seit dieser Woche.

„Wer ist es, auf den du da einschlägst?“ fragte sie trocken. Bobby ging zu seinen Sachen und trank in einem Zug eine Flasche Wasser aus. Er trocknete sich sein Gesicht ab und die Arme. Während er sich einen langärmligen Jogginganzug anzog, normalisierte sich seine Atmung wieder.

„Kannst du dir das nicht denken?“ gab er kurz zurück. Sie trat näher und setzte sich neben ihm auf die Bank.

„Wo schlägst du ihm hin?“

Er lächelte und sah sie an: „Genau ins Gesicht, ich prügle ihm den Plastikschlauch ins Gehirn, so daß man ihn ihm nur noch chirurgisch entfernen könnte.“ Sie mußte sich ein Grinsen verkneifen.

„Sag mir, wenn du es wirklich tust, ich will zusehen!“ Er nickte und legte sich sein Handtuch auf die Schultern.

„Was ist los?“ fragte er, während sie gemeinsam zu seinem Büro gingen.

„Ich will hier endlich weg!“

„Wer will das nicht!“

„Nun, Verwandtschaft?“ Parker sah ihn kurz von der Seite an.

„Oh, Daddy Parker hätte nichts dagegen, wenn ich mir das Genick breche, glaub mir!“ Bobby grinste höhnisch.

„Aber Daddy Parker tut alles, um seinen Engel im Käfig schmoren zu lassen, und Angel hat es satt, im goldenen Käfig zu sitzen und auf Futter zu warten!“ giftete Parker leise.

„Dann wirst du wohl etwas dagegen unternehmen müssen!“ Er stieß die Tür zu seinem Büro auf und ließ seine Schwester an sich vorbei.

***

„Was für ein schönes Bild, die ganze Familie zusammen!“ flötete eine nervtötende Stimme aus Richtung Schreibtisch.

„Brigitte!“ Bobby zuckte beinahe zusammen, aber er konnte sich im letzten Moment noch beherrschen. Mit einem kurzen Blick zur Seite erkannte er, daß Parker sich ihr Icequeen-Gesicht aufgesetzt hatte. Wie sie das wohl machte? Prallte wirklich alles an ihr ab, wie es nach außen immer schien?

„Was willst du hier?“

„Euer Vater und ich, wir wollten nur eine kleine Familienkonferenz abhalten, nicht war, Schatz?“ Die Hochschwangere lächelte süßlich und steckte sich einen Lutscher in den Mund. Parkers Miene verzog sich leicht.

„Daddy!“

Kalt so kalt, kein kleinster Hinweis auf irgendwelche Verwandtschaft, wenn da nicht dieses Wort gewesen wäre. Lyle ging erhobenen Hauptes in sein Bad und verkniff sich ein Grinsen. Wenn der alte Parker nur wüßte, was seine Kinder von ihm dachten... Er würde es wahrscheinlich mit der Angst zu tun bekommen, und das zurecht.

„Daddy, was ist so wichtig?“ Parker riß sich zusammen und versuchte, wenigstens ein wenig Wärme vorzutäuschen. Sie dachte an Sydney.

„Engelchen, ich wußte nicht, daß du dich so gut mit deinem Bruder verstehst, das freut mich, eine Familie muß zusammenhalten!“

Sie verdrehte die Augen, doch ihr Vater, der es sich auf Lyles Sessel bequem gemacht hatte, bemerkte es nicht. Vielmehr blätterte er in den Papieren, die auf dem Tisch lagen.

„Suchst du etwas Bestimmtes?“ Bobby lehnte sich an den Türrahmen und beobachtete seinen Vater genau.

„Mir gefällt deine neue Einrichtung!“ Mr. Parker deutete in den Raum und legte widerwillig die Papiere aus der Hand. Lyle hatte zwar wieder das ursprüngliche Bild angehängt, dennoch hatte er ein paar Pflanzen stehen lassen.

Bobby zuckte mit den Schultern: „Soll angeblich das Arbeitsklima verbessern!“ Brigitte kicherte, als ob er einen guten Witz gemacht hätte.

„Wie geht es dem kleinen Parker?“ fragte Miss Parker schließlich, sie wurde ungeduldig, dieses um den heißen Brei-Gesülze ging ihr auf die Nerven. Die Gesichter ihres Vaters und seiner jungen Frau veränderten sich nur geringfügig in Langeweile, Desinteresse, ja, in Brigittes Augen glaubte Parker sogar, einen Hauch Abscheu zu sehen.

„Gut, kommen wir zum eigentlichen Thema, weshalb ich euch sprechen wollte!“ Der alte Mann winkte ab. Bobby und Parker täuschten Interesse vor. „Demnächst wird ein großes Projekt gestartet, das Triumvirat persönlich wird einen Beobachter hierher schicken. Wir können es uns einfach nicht leisten, wenn Jarod oder auch Sam uns Ärger machen!“

Bobby runzelte kurz die Stirn: „Heißt das, wir sollen aufhören mit der Suche, wir sollen sie verstärken, oder was?“

„Tut, was immer richtig ist, damit es zu keinen Informationslücken kommt!“ Der alte Mann stand auf und ging zur Tür. Brigitte blieb für eine kurze Sekunde sitzen, als sie jedoch bemerkte, das Parker nicht die Absicht hatte, ebenfalls zu gehen, seufzte sie kurz, blinkerte Bobby zu und folgte ihrem Mann.

„Ich hätte jetzt wirklich Lust zu einer kleinen Boxrunde!“ murmelte Parker leise, nachdem die Tür sich hinter den beiden geschlossen hatte.

Bobby grinste verständnisvoll: „Das kann ich nachvollziehen! Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie schnell die beiden das Thema wechseln, wenn es um den Nachwuchs geht!“ meinte er jedoch nachdenklich, als er sich hinsetzte und das von seinem Vater hinterlassene Chaos ordnete.

„Da stimmt was nicht, ich fühle es!“ Parker schlug ihre Beine übereinander. Sie sahen sich beide an. Nach einer wortlosen Minute meinte Parker dann: „Ich werde Angelo besuchen gehen!“ Sie stand auf, an der Tür drehte sie sich um: „Kommst du mit?“ Nach einem kurzen Zögern folgte er ihr.

***

„Orion, oh du mein starker Orion!“ Sam hüpfte in der Küche auf und ab und während sie ihr Rührei briet, sang sie lauthals.

„Mum, es ist halb neun! Ich wollte eigentlich noch schlafen!“ Kay gähnte mit aufgerissenem Mund und setzte sich mit halb geschlossenen Augen an den Küchentisch.

„Guten Morgen, meine Schöne, bist du auch schon wieder wach, hast du auch so schlecht geschlafen, na dann ist ja alles klar...“, sang ihre Mutter auf deutsch.

„MUM! Bitte!“ Kay gähnte noch mal und zog eine Müslischale in ihre Richtung, als wenn diese Schale übermäßig schwer wäre.

„Morgähn!“ Jack schlurfte in die Küche, gerade als Sam wieder etwas singen wollte. Seine langen dunklen Haare waren zerzaust und seinen Augen schienen fast verklebt zu sein. Bei seinem Anblick mußte Sam lächeln. Sie spazierte auf ihren Sohn zu und umarmte ihn kräftig.

„Guten Morgen, mein kleiner Struwwelpeter!“ Sie gab ihm einen Kuß auf die Nase, und er protestierte nicht, sondern ließ alles ganz passiv über sich ergehen. Als sich Sam Kay zuwendete, setzte er sich hin und schnappte sich deren Müslischale.

„Och nee, Mama, nicht!“ Kay muffelte müde in die Umarmung. „Jack, das ist mein Frühstück, hol dir gefälligst selbst was!“ Sie zog in der Umklammerung ihrer Mutter die Schale wieder weg. Jay stand in der Küchentür und grinste. Sam drehte sich zu ihm um und breitete die Arme aus.

„Na los, komm her! Du entgehst meiner Rache nicht!“ Jay zögerte kurz, machte einen Schritt vorwärts und dann wieder einen zurück. „Ha, er weigert sich! Volk, sehet ihr, er weigert sich!“ Sam grinste teuflisch und schnappte sich Jay, dann drückte sie ihn und hob ihn dabei in die Luft.

„Sie hat mal wieder kaum geschlafen!“ Kay deutete mit vollem Mund zu ihrer Mutter, Jack nickte nur leicht und schaufelte sich noch einen Löffel Cornflakes in den Mund. Mit seiner freien Hand deutete er einen leichten Kreis in Richtung Schläfe. Nach unendlichen Minuten ließ Sam Jay wieder hinunter.

„Will jemand Ei? Ei, ei, ein Ei, was ist denn schon dabeieiei?“ Sie ließ sich mit der riesigen Portion Rührei in der Pfanne auf einen Stuhl fallen, nahm sich das Salzfäßchen und eine Stulle Brot. „Zu spät, nu esse ich alles alleine auf!“ Mit diesen Worten begann sie bei geschlossenen Augen zu essen.

„Was ist das für ein Krach?“ fragte Margaret, als sie von draußen aus dem Garten kam.

„Oh, schon auf? Seit wann denn, ich hab euch gar nicht gehört!“ mampfte Sam mit vollem Mund.

„Seit halb acht, ist meine Zeit. Meine Güte, das willst du doch wohl nicht alles alleine essen, oder?“ Marge schüttelte halb entsetzt, halb amüsiert den Kopf. Sam sah sie nur kurz an und drückte die Pfanne fast beschützend an sich.

Mit vollem Mund schimpfte sie: „Ich bin jetzt seit genau ein Uhr und sieben auf den Beinen, weil ich nicht schlafen konnte. Ich hab Hunger!“ Jarod trat in die Küche. Er war etwas blaß.

„Und du? Wann bist du aufgestanden?“ fragte Marge ihren Sohn besorgt.

„Halb fünf! Sam und ich haben ein wenig unter die Teppiche des Centres gesehen.“ Jack sah kurz auf.

„Und?“

„Nicht viel, das meiste wußte ich schon vorher!“ Sam nickte und massierte sich mit einer Hand den Nacken. „Auch nichts weiter über Orion, es ist fast so, als ob es das Projekt von Raines nie gegeben hätte!“

„Vielleicht haben sie es ja nur nicht in den Computer eingegeben!“ meinte Kay hinter vorgehaltener Hand. Jay stibitzte sich gerade einen Löffel voll von Sams Rührei und zwinkerte Jack zu.

„Möglich, das bedeutet aber, das einer von uns nach Blue Cove muß, um weiteres rauszufinden.“ Sam stutzte kurz, sie war sich sicher, das da was von ihrem heißgeliebten Ei fehlte. Argwöhnisch blickte sie zu Jack und Kay, doch die aßen Cornflakes, ohne sie zu beachten. Jay schmierte sehr sorgfältig ein Brötchen. Sam schüttelte den Kopf und konzentrierte sich wieder.

„Ich fahre,“ meinte Jarod gerade.

„Kommt ja gar nicht in Frage, ich bin dran. Ich muß Angelo besuchen!“ protestierte Sam lautstark. Sie sahen sich beide an, jeder unwillig, dem anderen nachzugeben.

„Gut, dann fahren wir eben beide!“ seufzte Sam schließlich, „sind ja genügend Leute hier, um auf die drei da – sie deutete auf die unschuldig dreinblickenden Kinder am Tisch - aufzupassen!“ Sam gähnte nun auch, sie folgte damit Kays Beispiel. Jarod zuckte mit den Schultern, während Marge immer noch ungläubig mit ansah, wie Sam die riesige Pfanne Rührei verschlang.
Teil 18 by Dara
Und nun fang ich an, ach ja, noch immer gilt: Jarod und Co gehören mir nicht, ich verdiene nix an ihnen und auch nicht mit Sam, Kay und Jack...(aber die sind aus meiner Phantasie!). Für jeden der sich fragt, wann das ganze spielen soll: Also Bridgitte ist bereits schwanger, sogar hochschwanger, aber Daddy Parker ist noch im Center, Matumbo nicht tot - keine Revolution in Sicht. Also geht von Mitte 3. Staffel aus und dann ein kleines, nettes Paralleluniversum...




Die vergessene Akte
Teil 18
von Dara







Miss Parkers Sweeper Sam hatte sich bereits dauerhaft vor der Tür zu Angelos Krankenzimmer postiert. Es interessierte ihn nicht wirklich, was seine Chefin nun wieder plante. Je weniger er wußte, desto sicherer war er.

Er stand nun schon drei Stunden vor der Tür, bzw. saß. Der Sweeper von der Nachtschicht hatte sich einen Stuhl besorgt, wahrscheinlich hatte er dafür die Tür verlassen. Er würde wohl mal ein Wörtchen mit diesem Neuling sprechen müssen. Ansonsten war nicht viel passiert.

Es war eine stille Ecke im Centre; die meisten Zellen standen leer, und das einzige Labor in der Nähe war direkt am Aufzug. Nur wenige verirrten sich hierher. Weder Raines noch Mr. Parker waren erschienen oder hatten ihre Sweeper losgeschickt, um Angelo zu holen. Das war gut, denn das deutete darauf hin, daß sie überhaupt nicht wußten, daß er krank war. Sam schnaubte kurz auf: sie verloren die Übersicht; früher wäre ihnen das nicht entgangen. Es wurde Zeit, sich einen Fallschirm zu besorgen...

Es ertönten Schritte im Flur. Sam stand alarmiert auf und griff nach seiner Waffe. Die Schritte waren schnell und gezielt, und sie bewegten sich in seine Richtung. Sam ertastete seine Waffe und entsicherte sie. Der Eindringling bog um die Ecke.

„Hallo Sam, Mr. Lyle meinte, Sie könnten einen Wechsel gebrauchen.“ Michael kam lächelnd auf ihn zu. Sam entspannte sich und sicherte seinen Revolver wieder. Selbst wenn Michael die Alarmbereitschaft des älteren Sweepers aufgefallen war, so er ließ sich nichts anmerken. Er hatte sich ebenfalls einen Stuhl unter den Arm geklemmt gehabt und setzte sich nun.

„Sieht so aus, als hätte ich den hier umsonst mitgebracht!“

Sam nickte kurz und setzte sich ebenfalls wieder hin. „Haben die gesagt, wann sie kommen?“

„Mr. Lyle sagte was von einer Stunde.“

„Und Miss Parker?“

“Die hat nichts weiter gesagt, nur genickt. Sieht so aus, als ob die beiden sich endlich zusammengerauft haben, was?” Sam sah Michael fragend an.

„Nun ja, es war ein offenes Geheimnis, daß sich die beiden gegenseitig so viele Steine wie möglich in den Weg gelegt haben! Und so, wie es aussieht, arbeiten sie jetzt sogar freiwillig zusammen!“ Michael zuckte mit den Schultern.

„So sieht’s aus! Das könnte Ärger in der oberen Etage geben!“

„Oh, das können Sie laut sagen. Willy hat verlauten lassen, daß Raines arg nervös war in letzter Zeit. Bekommt ihm offensichtlich nicht, daß nun zwei Laborratten zusammen draußen sind.“ Michael beugte sich zu Sam vor. „Ich hab gehört, wie Mr. Parker und Brigitte sich unterhalten haben, hörte sich so an, als ob Mrs. Parker zur Entbindung nach Afrika geflogen werden soll. Und Parker sagte etwas, daß seine Kinder keine Informationen darüber bekommen sollen, das würde sie nur unnötig von Wichtigerem ablenken!“

Sam sah Michael an: „Und warum erzählst du mir das?“

„Was?“

„Das mit Mr. Parker!”

„Ich hab kein Wort gesagt, ich sitz hier nur und paß auf, daß keiner in das Zimmer geht!“ Michael grinste kurz und blickte dann auf die Tür, mit der gleichen stoischen Ruhe wie Sam.

Dieser machte sich jedoch so seine Gedanken. Michael war vertrauenswürdig, und er war sein Schüler gewesen; wenn der ihm etwas erzählte, dann nur, um ihm einen Gefallen zu tun. Sam nickte kurz und fragte: „Willst du auch einen Kaffee?“

„Gerne, schwarz wie die Nacht, ohne Zucker!“

**

„Bericht!“ Miss Parker stand zehn Minuten später vor Michael und tippelte ungeduldig mit ihrer Fußspitze.

Michael stand auf und vermied es, in ihre blauen Augen zu starren. „Kein Besuch, alles ruhig.“

„Unser kleines Flaschenmännchen war noch nicht hier?“ Miss Parker zog hörbar die Luft ein und blickte über ihre Schulter zu Bobby. „Ist das eine gute oder eine schlechte Nachricht?“

„Keins von beiden würd ich sagen, es bedeutet, die sind zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt!“ Bobby nickte Michael leicht zu, und dieser setzte sich wieder.

„Wo ist Sam?“

„Der holt sich einen Kaffee, Miss Parker!“ Michael stand wieder auf.

„Sagen Sie ihm, ich brauch ihn nachher kurz, er soll hier warten! Wann haben Sie heute angefangen?“ Parker sah ihn abschätzend an.

„Vor drei Stunden, Madam!“

„Gut, Sie werden Sam begleiten, und nennen Sie mich nicht Madam!“ Mit diesen Worten drehte sich Parker um und verschwand hinter der Zellentür. Bobby hatte hinter ihr gestanden und mit den Händen in den Taschen die beiden beobachtet.

„Machen Sie sich nichts draus, sie liebt es Männer runterzuputzen, das ist nichts Persönliches!“ Er legte seine Hand auf Michaels Schulter, nur für eine Sekunde, aber Michael überraschte diese Geste doch.

„Ja Sir, danke Sir!“ Es war eine freundliche Geste. Soweit Michael es beurteilte, war diese Geste ehrlich gemeint. Vielleicht hatte sich sein Chef doch etwas verändert, aber sicherlich nicht zu seinem Nachteil. Michael setzte sich wieder auf den Stuhl und wartete auf Sam.

**
Als Bobby die Zelle betrat, saß Parker bereits am Bettrand und hielt Angelos Hand. Sie sprach leise, doch offensichtlich nicht, weil Angelo immer noch krank war. Denn er war es nicht; zwar schien er noch sehr geschwächt, aber seine Augen waren wieder wach und beobachteten ihn.

Bobby trat einen Schritt von der Tür weg, doch tiefer in den Raum wagte er nicht zu gehen. Noch immer fühlte er sich unwohl in der Nähe des Empathen.

Angelo blickte auf. Seinen Kopf schief zur Seite gelegt, sah er direkt in Bobbys Augen. „Bobby zurück? Lyle tot?“ Es schien, als versuchte er die Veränderungen zu riechen.

Miss Parker lächelte warm. Bobby grinste unglücklich und verlagerte sein Gewicht auf das andere Bein. „Ist alles in Ordnung?“

„Scheint so, er hat kein Fieber mehr.“ Wie zum Beweis setzte sich Angelo auf.

„Angelo helfen.“

***

„Dummdidummdidumm!“ murmelte Sam schläfrig und hieb mit letzter Kraft auf die Entertaste. „Fertig, kann nicht mehr, ich schlaf jetzt ein wenig, danach kann ich dich ja beim Fahren ablösen!“ Jarod sah auf die Straße und nickte kurz.

***

Parker streckte sich. Sie massierte sich ihren Nacken und legte den Bericht beiseite. Wieder ein Bericht mit der Nachricht: Auftragsziel nicht gefaßt. Mittlerweile störte es sie nicht mehr, daß sie es einfach nicht schaffte, Jarod zu schnappen. Es störte sie, diesen Bericht zu schreiben, wöchentlich, täglich. Dieser Bericht ging dann an ihren Vater, der ihn wiederum umformuliert zum Triumvirat schickte, das dann unzufrieden mit ihrer Arbeit war. Parker konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Bald hätten die allen Grund unzufrieden mit ihr zu sein, nützen würde es allerdings nichts mehr.

Es klopfte.

„Herein!“

Sydneys Kopf erschien in der Tür: „Feierabend, Parker. Sie sehen müde aus, fahren Sie nach Hause.“

Schwerfällig erhob sie sich vom Stuhl und packte ihre Sachen: „Das laß ich mir nicht zweimal sagen! Wie geht es Angelo?“

„Ich war vor zwei Stunden bei ihm. Es ging ihm ganz gut, er hatte noch immer leichtes Fieber aber das sollte mit ein bißchen Schlaf wieder verschwinden.“ Parker blickte sich noch einmal prüfend um und trat neben Syd.

„Gut, wir werden morgen nach ihm sehen. Lassen Sie uns von hier verschwinden, wir sollten uns diese Umgebung nicht länger als nötig antun!“

Der Psychiater lächelte nachsichtig. „Parker, und das aus Ihrem Munde!“

„Jeder hat ein Recht auf Meinungswandel!“ Sie lächelte zynisch und ging mit ihm zu den Fahrstühlen.

***

„Johnson!“ Sam d.S. (für die nachfolgenden Kapitel: Sam der Sweeper!) trat einen Schritt vor, als er den jungen Kollegen sah. Dieser kam eilig näher.

„Ja?“ Es war offensichtlich: er war nicht besonders interessiert an einem Gespräch mit dem Sweeper der Icelady. Sam war bekannt dafür, besonders loyal zu der Parker zu sein.

„Ich hatte Ihnen nicht erlaubt, sich von der Zellentür zu entfernen, um sich einen Stuhl zu holen!“ Johnson spürte, daß sein Gegenüber nicht zufrieden mit ihm war, dabei war es doch gar nicht seine Schuld.

„Willy hat mir gesagt, ich solle mir einen Stuhl holen, es würde niemandem gedient sein, wenn ich umkippe wegen zu langem Stehen! Er hat solange für mich Vertretung gemacht!“ verteidigte er sich.

Sams Augen verengten sich: „Willy? Mister Raines Sweeper?“

“Ja Sir, ich war höchstens 10 Minuten weg, und Willy meinte, Sie wüßten Bescheid!“ Der junge Sweeper kam ins Schwitzen. War es vielleicht doch nicht in Ordnung gewesen, hatte Willy ihn angelogen?

„Ist gut, ich werde mit Willy reden. Vergessen Sie’s!“ Sam blieb ruhig. Es war sein Fehler gewesen, einen Neuling damit zu betrauen. Die waren zu leicht zu beeinflussen. Er hatte ihn ja auch ausgewählt, weil die Neulinge keine überflüssigen Fragen stellten und Angst vor den „Alten Hasen“ hatten.

Johnson nickte knapp und verschwand eilig. Sam überlegte kurz und eilte dann zu Miss Parkers Büro.

***

„Aufwachen, Dornröschen! Wir sind da!“ Samantha machte das Licht aus, ließ den Motor allerdings laufen. Jarod schreckte hoch.

„Was ist los?“

„Wir sind da! Sieht so aus, als wäre Engelchen noch arbeiten!“ Sam deutete zum dunklen Haus. Es stand kein Wagen davor.

„Parker arbeitet oft sehr lange!“ Jarod überhörte die spitze Bemerkung auf den väterlichen Kosenamen von Parker.

„Dann laß uns reingehen, ich friere!“ Sam fuhr zwischen ein paar Büsche, drehte den Zündschlüssel um und stieg aus.

„Wir sind hier in Delaware, es ist fast 5°C wärmer als in Kanada! Du kannst gar nicht frieren!“ grinste Jarod.

„Ich friere. Gehen wir vorne oder hinten rein?“ Sam holte sich eine Tasche aus dem Kofferraum und schloß den Wagen zu.

„Vorne. Meinst du, der Wagen steht hier gut?“

„Ich geh mal davon aus, daß man ihn von der Straße aus nicht sehen kann, und auch vom Haus her sieht man nichts, hier sind so viele Büsche. Dürfte eigentlich unauffällig genug sein.“

Jarod prüfte die Blickwinkel und nickte zufrieden. „Ich bin immer die letzte Meile zu Fuß gegangen.“

„Bist du verrückt, ich bin fußlahm!“ Sam kicherte und betrat die Veranda. Sie blickte sich um, während Jarod einen Schlüssel hervorkramte und aufschloß.

„Du hast einen Schlüssel?“ Jarod öffnete die Tür und winkte Sam herein.

„Klar, sooft wie ich hier bin, ist ein Schlüssel doch die einfachste Art.“

„Weiß Parker davon?“

„Bist du verrückt, ich verrate doch nicht meine besten Tricks!“ Die beiden lachten.

Sam sah sich neugierig um. „Schick hier! Ich hab Angelo gebeten, ihr ein kleines Geschenk hierherzubringen. Er meinte, es hat ihr gefallen!“ Jarod sah sie fragend an. Sie zuckte lächelnd die Schultern: „Ich mußte mich doch revanchieren, immerhin hätte sie mir die Flucht vermiesen können, nicht?!“

Jarod nickte kurz und ging schnurstracks zur Küche. Sam folgte ihm. „Sie kocht wohl nicht sehr oft, oder?“ Sam fuhr mit dem Finger über die Theke und hielt ihn prüfend vor die Augen.

„Sie ist eher weniger eine Köchin!“ meinte Jarod, als sie ihm den grauen Finger voller Staub zeigte.

„Eher weniger, wie diplomatisch du dich ausdrückst!“ Sie kicherte und kehrte zur Wohnstube zurück. Mit einem wohligen Seufzer kuschelte sie sich in einen Sessel ein und schloß die Augen.

***

„Mr. Lyle?“ Sam d.S. räusperte sich leicht. Er hatte geklopft und obwohl keine Antwort zu hören war, hatte er die Tür geöffnet. Es brannte Licht, also könnte Parker jun. noch da sein. Er sah sich um und entdeckte den Gesuchten am Schreibtisch.

Bobby sah auf: „Sam? Was ist los?“

„Willy hatte für ca. 10 Minuten ungehinderten Eintritt zu Angelo. Er hat Johnson vertreten und diesen losgeschickt, um einen Stuhl zu holen. Das war während der Nachtschicht.“ Sam stand nun direkt vor dem Schreibtisch, „Es ist meine Schuld, ich hätte...“

Bobby winkte ab: „Keiner hat Schuld, Willy tut alles auf Anweisung von Raines. Wenn Willy vor der Tür stand, war Raines bei Angelo!“ Er stand entschlossen auf und ging forschen Schrittes zur Tür. Sam folgte ihm.

„Wann war meine Schwester oder Dr. Green das letzte Mal da?“ Lyle nahm zwei Stufen auf einmal, er benutzte die Treppe nach oben, es war ja nur ein Level höher.

„Heute nachmittag so gegen 16 Uhr, Dr. Green hat Angelo untersucht.“ Sam zog seine Waffe und entsicherte sie im Laufen.

Bobby sah ihn kurz an: „Glauben Sie, daß das nötig sein wird?“

„Standardsituation: Sei immer vorbereitet.“ Sam zuckte scheinbar teilnahmslos mit den Schultern. Sie bogen in den Flur ein, wo sich Angelos Zelle befand.

Michael saß auf seinem Stuhl und las Zeitung, als er die beiden Männer heraneilen sah. Schnell stand er auf und holte den Schlüssel hervor für die Zelle. „Etwas nicht in Ordnung, Mr. Lyle?“

„Geh zum Mainframe, such die Überwachungsbänder für diesen Flur und Angelos Raum, gestern nacht, heute früh! Überprüfe es auf Korrekturen! Und dann will ich, daß du den gestrigen Weg von Raines und Willy verfolgst, den gesamten Tag, bis er nach Hause gefahren ist!“ Michael nickte und eilte zu den Fahrstühlen. Bobby rief hinter ihm her: „Und schalte die Überwachung für eine halbe Stunde aus!“

Selbst wenn Michael diese Anweisung überraschte, er zögerte nicht. Einer Anweisung vom direkten Vorgesetzten war Gehorsam zu leisten, das war die erste Lektion, die er vom Centre erhalten hatte. Sie sollten ihren Willen kriegen, auch wenn Michael ahnte, daß sein Chef ganz und gar nicht im Sinne des Centres handeln würde, nicht in den nächsten 30 Minuten.

*

Sam blieb vor der Tür stehen und nahm Michaels Platz ein. Er beobachtete Bobby, der in Angelos Zelle verschwand. Auch ihm waren die Veränderungen, die Michael erwähnt hatte, nicht verborgen geblieben. Miss Parkers Reaktionen auf ihren Bruder waren nicht mehr von Ekel und Abscheu begleitet. Dessen Verhalten in bestimmten Situationen entsprach ebenfalls nicht mehr dem Bild, das sich Sam von diesem Mann gemacht hatte. Diese Veränderungen waren nur sehr schwer zu erkennen, nach außen schien alles beim alten, aber sollte jemand die neue, wundersam gute Zusammenarbeit der Parkerzwillinge erkennen, dürfte mit Schwierigkeiten zu rechnen sein, soviel stand fest.

*

Angelo lag auf der Liege. Bobby schaltete das Licht an und ging ein wenig zögernd zu ihm. Schritt für Schritt spürte er, daß etwas nicht stimmte. Die Atmung von Angelo war schnell und flach, er hatte sich wieder in Fötusstellung zusammengeknäult und lag mit dem Gesicht zur Wand.
Bobby steckte die Hand aus und drehte Angelo um.

Angelo hatte Fieber, hohes Fieber, höher noch als vorgestern, als er ihn in der Röhre gefunden hatte. Sein Gesicht war gerötet, und er atmete in kurzen, schwachen Zügen.

Bobby sah genauer hin und beugte sich zu Angelo. Das Gesicht war nicht nur vom Fieber so heiß, er hatte auch rote Flecken, die wie Ausschlag aussahen. Nur zur Kontrolle zog Bobby ein Augenlid hoch. Das Auge war blutunterlaufen. Und Bobby kannte diese Augen, er hatte so was schon mal gesehen, vor einem Jahr in Raines Labor...

Er trat einen Schritt zurück und atmete tief ein. Zufall, es konnte nur Zufall sein, vielleicht war Angelo in Raines Labor geschlüpft und hat was angefaßt, was Falsches, was Kontaminiertes. Doch das war es nicht, er hatte ja die letzten 36 Stunden hier gelegen. Dieses Virus hatte aber nur eine Inkubationszeit von 24 Stunden, einen Gesamtkrankheitsverlauf von 72 Stunden und endete ohne Gegenmittel immer tödlich. Und der bisherige Stamm war nur durch Tröpfcheninfektion übertragbar. Bobby kontrollierte seine Hand. Er hatte keine Verletzungen, gut. Seine Gedanken rasten, er ging im Kopf alle Möglichkeiten durch; am besten wäre es, wenn Angelo hier bliebe. Das Gegenmittel mußte doch irgendwo sein. Broots, er brauchte Broots.

Gerade als Bobby aus der Tür trat, um nach Broots zu schicken, eilte Michael herbei. Er schien außer Atem: „Ich habe ein Gespräch mit Raines gefunden!“ Er hielt eine silberne DSA-Scheibe hoch. „Wenn um zehn Johnsons Schicht wieder anfängt, soll Angelo verlegt werden nach SL 26! Raines hat schon alles mit Willy abgesprochen!“ Er überreichte die Disc.

Bobby zögerte nur kurz und biß sich beim Überlegen in die Wange: „Was ist mit den Kameras?“

Michael grinste kurz: „Ein Stromausfall wegen der Überlastung in diesem Bereich, Sir! Die Kameras auf diesem Level sind vor fünf Minuten ausgefallen. Der Strom wird sich in genau – er schaute auf die Uhr – 15 Minuten so angestaut haben, daß der Hauptgenerator dieses Flügels abgeschaltet wird, der Ersatz hat eine Verzögerung von 4 bis 5 Minuten bevor er anspringt.“

Bobby nickte kurz. Er sah zu Sam: „Sie könnten ein wenig Training gebrauchen, Sie beide werden eine extra Stunde Training einlegen. Gehen Sie!“ Er winkte sie ungeduldig weg.

Sam und Michael setzten sich nur zögernd in Bewegung. Als sie um die Ecke gebogen waren, flüsterte Michael: „Er wird sich erklären müssen, wenn er der letzte war, der bei Angelo gewesen ist.“

Sam nickte und holte sein Handy hervor: „Johnson übernehmen Sie die Zelle, ich wurde abkommandiert! Der Schlüssel liegt unter meiner Kaffeetasse!“ Er unterbrach nach einer knappen Antwort die Verbindung. Michael sah ihn fragend an.

„Er wird in 5 Minuten da sein. Wir beide stehen noch für 2 Minuten vor der Tür. Das ergibt eine Lücke von 3 Minuten.“

„Das dürfte genügen.“ Michael lächelte, „Fehlt nur noch eine kleine Korrektur der Aufzeichnungen von vorhin... ich brauch 15 Minuten!“

Sam nickte kurz: „Ich hatte gestern mit dir Schußtraining!“

„Dann wiederholen wir das doch einfach noch mal!“ Michael verschwand hinter einer Tür zum Technikraum, während Sam in Seelenruhe sein Handy herausholte: „Wir gehen jetzt los, Johnson, Sie finden uns im Schießraum!“

***

Bobby zog sich sein Jackett aus und legte es Angelo über die Schultern. Er versuchte ihn zu tragen, doch dazu war der gleichaltrige Mann zu schwer. „Verdammt, dir schmeckt doch dieser Fraß nicht etwa, den die dir verabreichen, oder?“

Angelo war inzwischen wach geworden und murmelte etwas. Bobby zog ihn mit aller Kraft aus der Zelle und verschwand in die entgegengesetzte Richtung wie die Sweeper. Er schob Angelo in einen Lüftungsraum und stopfte ihn regelrecht in eine Röhre. Nicht nur Angelo kannte einige gute Verstecke, auch er, Bobby, hatte viel Zeit in den Lüftungssystemen des Centres verbracht, zusammen mit Samantha.

Er lag schlecht in der Zeit. Angelo durch die Röhre zu bekommen war schwer, denn der kranke Mann konnte ihm nicht viel helfen. Noch war das Licht an; er konnte es durch ein Lüftungsgitter sehen. Er zog Angelo noch ein Stück und lächelte; er konnte die Tür nach draußen bereits sehen, in der Nähe stand auch sein Auto. Es war ein Notausgang, diese Türen waren normalerweise nicht zu öffnen, nur in Notfällen oder ... bei Stromausfall gab es hier eine gewissen Sicherheitslücke.

Er wartete. Dann flackerten die Lichter kurz und der Flur verdunkelte sich. Man konnte entfernt wütende Rufe hören. Bobby stieß das Gitter beiseite und zerrte Angelo hinaus ins Freie, er suchte nach seinem Autoschlüssel .. „Wo zum Teufel ist... au Scheiße!“ Er fuhr sich durchs Haar, der Schlüssel lag auf seinem Schreibtisch im Büro. Er sah gehetzt zu Angelo, der teilnahmslos neben dem Auto lag.

***

Michael schlüpfte in den Schießraum und nickte Sam zu. Er stülpte sich Kopfhörer über die Ohren und begann zu schießen. Eine Minute später flackerte das Licht kurz. Es war soweit, der Strom im Nachbarflügel war zusammengebrochen. Jetzt war auch die Überwachung wieder auf Echtzeit geschaltet. Er zog sich die Hörer vom Kopf und sah Sam fragend an: „Irgendein Problem?“

Sam zuckte die Schultern und ging dicht gefolgt von Michael auf den Flur. Ein paar Techniker eilten an ihnen vorbei. Sam hielt einen von ihnen an: „Gibt es ein Problem?“

„Der Strom in Trakt neun ist vollständig zusammengebrochen, der Ersatzgenerator scheint auch ein Problem zu haben.“ Mit diesen Worten riß sich der Mann los und rannte seinen Kollegen hinterher.

Sam und Michael sahen sich kurz an und gingen dann ruhig wieder zurück und beendeten ihre Schießübungen.

***

Phhhhh. Johnson lief ein Schauer über den Rücken bei diesem Geräusch. Er war noch nicht lange hier, aber eins wußte er mit Sicherheit: dieser Raines war ihm nicht geheuer. Vor fünf Minuten war der Strom kurzzeitig ausgefallen, aber er war bereits wieder angegangen. Und nun konnte er das Quietschen von Raines Sauerstofflasche hören. Er riß sich zusammen und bereitete gedanklich einen kurzen Bestandsbericht vor.

„Ist alles in Ordnung bei Ihnen?“ krächzte Raines, als er schließlich vor dem jungen Sweeper stand.

„Ja Sir, ich hab Sam vor einer Viertelstunde abgelöst, dann war kurz der Strom weg, aber es war niemand hier, Sir!“ Hätte er jetzt erwähnen sollen, daß er, als er hier angekommen war, die Tür unbewacht vorgefunden hatte? Aber es war höchstens eine Minute gewesen, er hatte ja den Anruf von Sam bekommen, als er grad aus dem Fahrstuhl getreten war. Sam mußte die Treppe genommen haben; sie hatten sich nur kurz verpaßt, da war sicherlich nichts geschehen.

„Gut, Sie werden in SL 1 gebraucht! Willy wird Ihren Platz übernehmen!“

„Ja Sir, soll ich Sam Bescheid geben?“

„Das werde ich dann machen!“ japste Raines und nahm den Schlüssel aus der Hand des jungen Sweepers. Willy trat hinter Johnson und setzte sich auf den Stuhl.

„Na gut, dann geh ich jetzt mal!“ Mit etwas unsicherer Miene ging Johnson wieder zurück zum Fahrstuhl.

***

„Wo ist Mister Lyle?“ Raines schien fast eilig, auch wenn sein Schrittempo stark reduziert war. Michael und Sam, die gerade mit ihrem Schußtraining fertig waren und nun noch ein paar Runden in der Sporthalle machen wollten, zuckten verwundert mit den Schultern. „In seinem Büro nehme ich an, aber er könnte aber auch schon gegangen sein“, meinte Michael.

„Kommen Sie mit, ich hab ein paar Fragen an Sie!“ Raines „eilte“ in Richtung Bürosektion und die beiden Sweeper folgten ihm.

Schließlich hatten sie den Tower mit den Büros der leitenden Angestellten erreicht. Raines inhalierte seinen Sauerstoff und stieß die Tür zu Lyles Büro auf. Das Licht brannte noch.

Sam erinnerte sich, daß Mr. Lyle vergessen hatte, es auszustellen. Michael hatte aber eine Videosequenz benutzt, wo Lyle sein Büro abdunkelte und dann verließ. Und abschloß! Ein Fehler konnte im Centre tödliche Folgen haben. Ein kurzer Blick zu Michael genügte, um zu sehen, daß dieser das gleiche dachte.

„Niemand hier und hell erleuchtet, hat es wohl ziemlich eilig gehabt!“ Raines ging zum Telefon und wählte eine Nummer. „Willy, holen Sie die Überwachungsbänder von Mr. Lyles Büro!“ Gerade als er noch etwas sagen wollte, hörten die drei Männer ein Geräusch im Bad.
Eine Sekunde später öffnete sich die Tür.

„Raines, Sie sollten vorher um Erlaubnis fragen, wenn Sie mein Telefon benutzen. Ich hab es nicht so gerne, wenn ich nicht weiß, wer was wann bei mir telefoniert!“ meinte Bobby kalt. Sein Gesicht war noch naß und er wischte es sich ruhig mit einem Handtuch ab.

Raines musterte ihn für eine Sekunde. „Ich dachte, Sie wären schon gegangen?“

>Vergessen, du hast etwas vergessen!< Bobby hörte die Stimme und diesmal scheuchte er sie nicht fort, er befolgte ihren Rat.

„Bin ich auch, aber ich hatte meinen Autoschlüssel vergessen!“ Er deutete auf den Schreibtisch, „ ich mußte noch mal zurück. Und dann hab ich mich frisch gemacht. Ist etwas passiert? Es war vorhin ein wenig hektisch.“

Bobby griff mit ruhiger Hand den Autoschlüssel und blickte Raines fragend an. Innerlich raste sein Herz und pochte wie wild.

„Im Trakt neun gab es eine Überlastung, der Strom war weg“, keuchte Raines schließlich. „Und Angelo ist fort!“ Er lauerte geradezu auf ein verräterisches Zucken um Lyles Mundwinkel, doch er wurde enttäuscht.

„Zombie wird sicherlich wieder irgendwo durch die Röhren krabbeln! Ich weiß nicht, warum Parker so einen Narren an diesem Idioten gefressen hat, aber sie ist ganz glücklich, daß das Fieber so schnell wieder gesunken ist.“ Bobby zuckte abfällig mit den Schultern. Er war ein Schauspieler, und er mußte gut sein, wenn er überleben wollte.

Wären Michael und Sam nicht dabei gewesen, sie wären entsetzt gewesen über die Kälte und die Arroganz mit der Lyle über Angelo sprach. Doch sie wußten es besser und innerlich mußten sie ihm zugestehen, daß er selbst sie täuschen könnte.

„Was macht ihr beiden noch hier?“ Bobby drehte sich zu den beiden um, „Die Ratte ist in ihr Loch verschwunden, es ist spät, morgen fängt die Jagd auf Jarod wieder an, ihr könnt gehen!“ Er warf wie beiläufig seinen Schlüssel nach oben und fing ihn wieder auf.

Mit hochgezogenen Augenbrauen blickte er zu Raines, der noch immer am Telefon verharrte. „Wollen Sie hier übernachten? Ich will abschließen!“ Raines setzte sich widerwillig in Bewegung.

>Er war es nicht, es gibt keinen Vorteil und birgt nur Gefahren für LyleWarum versteckst du dich vor ihm?<
>Tue ich nicht, Mum, ich hab ihn gelobt!<
>Feigling!<
>Halt dich da raus, Tommy<

Parker konzentrierte sich wieder aufs Essen, um nicht auf die Stimmen zu hören. Es war schon so eine ganz eigenartige Situation: sie und Jarod und Sydney an einem Tisch, ohne Waffen, ohne Streit, ohne Jäger und Gejagte.

„Danke Parker, ich nehme das mal als Kompliment!“ meinte Jarod trocken, Sydney verkniff sich ein Lächeln. Auch ihm schmeckte es hervorragend.

„Das war aber schlecht! Ein Kompliment wäre es zu sagen, es schmeckt vorzüglich!“ Sam schaute Parker herausfordernd in die Augen und grinste. Sie ließ ihren Blick auch nicht ab, als sie sich ein riesiges Stück Fleisch in den Mund schob, „oder grandios, so was in der Richtung!“

Parker zögerte kurz. Dieser Blick, wußte sie, was sie dachte? War das möglich?

In dem Augenblick hörten sie ein Auto vorfahren und abrupt abbremsen.

„Erwartest du jemanden, Parker?“ Jarod war instinktiv aufgesprungen.

„Eigentlich nicht, aber ich bin ja sowieso jemand, den man ohne Einladung besucht!“ meinte Parker spitz und ging langsam zur Tür. Jarod versteckte sich in der Küche, doch Sam blieb trotzig sitzen.

„Es ist Bobby! Laß ihn rein!“ Mit diesen Worten stopfte sie sich wieder Reis in den Mund.

***

Er hatte gerade die Hand erhoben um zu klopfen, als die Tür aufging. Seine Schwester sah ihn an. Sie drehte sich um und sein Blick fiel auf Sam am Eßtisch: „Woher wußtest du das?“

„Gut geraten!“ Sam blickte nur auf und lächelte ihn mit vollem Mund an. „Hi, Bobby, wilscht du auch wasch eschen? Komm rein!“

Er trat einen Schritt vor und ging dann doch wieder zurück: „Angelo!“

Sie sah ihn an und schluckte das restliche Essen hinunter: „Was ist mit ihm?“

Er blickte zurück zu seinem Auto. Er öffnete den Mund, doch er wußte nicht, was er sagen sollte. Jarod hatte sich inzwischen neben dem Tisch postiert und blickte argwöhnisch auf Bobby. Er hatte von den Veränderungen gehört, ob er es glauben würde, mußte sich erst noch herausstellen.

Sam stand langsam auf: „Er ist krank, Raines?! Dieser verdammte Bastard!“ Mit einem wütenden Schrei stürzte sie aus der Tür zum Auto hin.

Bobby sah ihr hinterher. Parker blickte ihn fragend an, er nickte: „Raines hat ihm was verabreicht, ich weiß noch nichts Genaues, aber es muß Raines gewesen sein.“

„Woher wußte sie das?“ murmelte Sydney nachdenklich, doch Jarod schoß ihm nur einen kurzen Blick zu, bevor er durch die Tür lief und Sam half, Angelo ins Haus zu bringen.

„Legt ihn hier aufs Bett!“ Parker zog die Bettdecke im Gästezimmer weg, und vorsichtig legten Jarod und Bobby Angelo nieder. Sam kam mit Handtüchern und einer Schüssel kalten Wassers herein und setzte sich neben ihren Bruder.

„Es geht ihm nicht gut, wie lange ist er schon so?“

„Ich hab ihn so gefunden, vor ungefähr einer Stunde!“ Bobby setzte sich schwerfällig auf einen Stuhl neben dem Bett, „Raines wollte ihn verlegen lassen, ich dachte, wenn Angelo verschwindet, kann er wenigstens nicht noch mehr Schaden anrichten.“ Sam nickte dankbar und tupfte Angelos Stirn ab.

Jarod überprüfte Angelos Puls und untersuchte seine Augen. Sydney schüttelte den Kopf: „Vor 3 Stunden war ich doch erst bei ihm, da hatte er nur ein leichtes Fieber, nicht mehr!“

„Gestern nacht hatte Willy für ca. zehn Minuten ungehinderten Zutritt, dein Sweeper hat es erst vorhin erfahren. Er wollte es dir sagen, aber du warst gerade weg, da kam er zu mir. Als ich bei ihm war, war er schon so. Es ist das Virus!“ Bobby sah Parker an.

„Welches Virus?“ fragten Parker und Sydney unisono.

„Projekt Orion.“

„Wie lang ist die bekannte Inkubationszeit?“

„Etwas unter 24 Stunden, soviel ich weiß.“

„Wann hatte Raines Zugang?“

„Vor ca. 20 Stunden.“ Bobby zuckte mit den Schultern, „Ich bin mir nicht sicher!“

Sam untersuchte Angelos Arme und den Hals. Schließlich entdeckte sie, wonach sie gesucht hatte. In der linken Armhöhle war ein kleiner Einstich zu sehen. „In die Nähe des Herzens, dann wird es schneller transportiert!“ Sie spuckte diese Worte geradezu heraus.

„Die erste Versuchsreihe, die Raines gestartet hatte, war nach 72 Stunden beendet“, meinte Bobby tonlos. Parker sah ihn fragend an. „Da waren alles Testtiere gestorben.“

„Sie hatten kein Gegenmittel?“ fragte Jarod entsetzt.

„Ich weiß es nicht, es gab nur zwei Versuchsreihen und dann wurde das Projekt auf Eis gelegt, wegen Geldmangel.“ Bobby zuckte wieder mit den Schultern, er war müde und fühlte sich hilflos.

„Jarod!“ Sam sah Jarod flehend an, „Mein Bruder stirbt!“ Ihre Augen füllten sich mit Tränen.

„Dein Bruder?“ fragten nun Bobby und Jarod unisono. Bisher wußten beide, daß sie an Angelo stark hing, warum das so war, war ihnen beiden allerdings neu.

Doch Samantha hatte sich wieder zu Angelo gedreht und strich ihm liebevoll über die Stirn.

Die anderen gingen leise hinaus, im Wohnzimmer stand immer noch das Essen bereit.

„Ich werde mir ein paar Informationen holen“, meinte Jarod schließlich.

Parker griff zum Telefon: „Bobby, iß etwas, du siehst schrecklich aus! Ich rufe Broots an, der kann uns helfen!“ Sie wählte eine Nummer.
Teil 19 by Dara
Disclaimer: hier gehört mir so einiges nicht, ich nutze es nur aus reiner Freude. Ihr kennt das ja schon, Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Es wurden keine Menschen, Tiere oder andere Lebewesen gefoltert, getötet oder was auch immer. Dies ist reine Fiktion, Märchen, Geschichte.. von mir ausgedacht, niemand ist wirklich tot... Greife ich eigentlich vor? *G*

Na gut, ich muß dazu sagen, mir fällt es immer schwerer weiterzuschreiben, ich hab einfach nichts Wichtiges zu tun, was ich vor mir herschieben könnte! Aber keine Angst, ich schreibe weiter, irgendwann wird auch diese Durststrecke beendet sein... Dara





Die vergessene Akte
Teil 19
von Dara






Seine Finger glitten über die Tastatur. In schneller Abfolge klickte es unaufhaltsam. Bobby stand mit verschränkten Armen hinter ihm und blickte aufmerksam auf den Bildschirm. Nicht daß es ihn wirklich störte, er wußte sich zu konzentrieren, in fast jeder Situation. Aber der Instinkt aufzuspringen, ihn zu würgen, weh zu tun oder einfach nur wegzulaufen war präsent, jede Minute, die die beiden nun schon in einem Zimmer waren. Er verharrte eine Minute lang und kontrollierte mit sicherem Auge die Datenkolonnen, die über den Monitor rollten. Angelo war also ihr Bruder. Er hätte es sich denken können, es war so offensichtlich - im Nachhinein. Er hätte sie fragen können, er hätte im Mainframe nachsehen können, allein der Nachname hätte ihm ins Auge springen müssen. Er schüttelte unmerklich den Kopf und befreite sich von den ablenkenden Gedanken. Eine Alarmfenster erschien und forderte ihn auf, ein Paßwort einzugeben für das Sicherheitslevel 10. Das dürfte schwer werden.

Bobby lehnte sich vor und zog die Tastatur zu sich. Er ignorierte die Reaktion von Jarod. Er gab einen Nummerncode ein und stellte sich dann wieder gerade hin. "Der von Raines dürfte reichen, zumal es seine Versuchsreihen waren!" meinte er nur kurz angebunden und verfiel danach wieder in sein geräuschloses Danebenstehen.

Jarod verharrte nur eine Sekunde. Dann drückte er auf Enter.

"Password accepted. Please wait." Er hatte gar nicht mitbekommen, daß er den Atem angehalten hatte und ließ die Luft langsam entweichen. Schnell loggte er sich in die entsprechenden Verzeichnisse ein und begann intensiv nach Hinweisen zu Projekt Orion zu suchen. Er merkte nicht, wie die Minuten vergingen; erst als Miss Parker leicht eine Hand auf seine Schulter legte, blickte er auf.

"Noch nichts gefunden, brauch noch mehr Zeit!" murmelte er.

"Broots kann dir helfen!" Parker deutete auf den leicht nervösen Mann, der bei der Tür stand.

Jarod nickte kurz: "Gut, können Sie hier weiter machen, Broots? Ich muß kurz telefonieren."

Der Techniker eilte zum Stuhl und begann sofort mit der Suche, da kannte er sich aus, das hatte er die letzten vier Jahre bereits zur Perfektion gelernt.

***

"Ich hoffe, daß das wichtig ist, es kommt gerade Matrix im Fernsehen, und ich verpaß die Hälfte!" muffelte Kay ungnädig ins Telefon.

"Ich fürchte, darauf wirst du verzichten müssen, wir brauchen ein bißchen Researchunterstützung: Geh ins Mainframe und such alles über Projekt Orion raus, was du findest." Jarods Stimme war ungeduldig und etwas müde.

"Ist was nicht in Ordnung?" fragte Kay besorgt. Jack hatte sich etwas zu Trinken aus der Küche geholt und stand nun neben ihr und spitzte die Ohren.

"Angelo ist mit dem Virus infiziert, und wir brauchen das Gegenmittel - am besten in den nächsten 36 Stunden. Also hoffen wir, daß im Keller was gespeichert ist und daß ein Gegenmittel existiert. Die Neuentwicklung würde zu lange dauern."

"Wie geht es Mum?" flüsterte Jack.

"Wir sind alle etwas in Zeitdruck, aber es geht ihr gut!" Bevor die beiden noch etwas sagen konnten, hatte Jarod aufgelegt.

"Matrix muß warten!" Jack und Kay liefen schnell ins Wohnzimmer und holten Jay. Sie trennten sich: Kay lief so schnell sie konnte zum Truck, um von dort aus zu helfen. Jack und Jay verschwanden im Keller und ließen einen etwas ratlosen Familienrest zurück.

***

"Es wird alles wieder gut, wir werden das schon wieder hinkriegen, halte einfach nur durch!" Sie streichelte sanft seine Stirn und prüfte zum wiederholten Male die Temperatur. "Du glühst ja regelrecht!" Sie tauchte einen Lappen in Wasser und drückte ihn kurz aus, denn legte sie den kühlenden Stoff auf Angelos Stirn.

Angelo schlief oder zumindest sah es so aus. Er bewegte sich unruhig hin und her, murmelte Dinge, die niemand verstand. Die gekühlte Stirn linderte den Schmerz , der sich durch seinen Kopf zog. Es schien so dunkel und doch war er nicht allein. Er konnte die leise flüsternde Stimme seiner Schwester hören. Er war nicht allein.

***

"Wie geht es ihm?" Parker sah Sam nervös an. Mit verschränkten Armen stand sie im Türrahmen und sah zum Bett.

"Konstant hohes Fieber, die Flecken werden immer größer und deutlicher. Raines hat mal wieder wahre Wunder vollbracht." Der Sarkasmus konnte nicht über die Müdigkeit von Samantha hinwegtäuschen. Die Sorge um ihren Bruder und die Wut putschten sie vielleicht auf, aber innerlich war sie müde.

"Ich löse dich ab, du legst dich für zwei Stunden hin!" Parker löste sich aus ihrer Stellung und schob Sam bestimmt auf den Flur. "Zwei Stunden, dann weck ich dich, versprochen!"

Sam wollte protestieren, aber sie mußte es zugeben, sie hatte kaum noch Kraft. In letzter Zeit war sie oft müde und kraftlos, viel zu oft. So nickte sie kurz und schlürfte in Parkers Schlafzimmer. Seufzend legte sie sich aufs Bett und innerhalb von kurzer Zeit war sie eingeschlafen.

***

"Die nächste Phase ist genehmigt worden, unser Kunde aus Übersee hat gezahlt, und wir können eine weitere Versuchsreihe für Orion starten. Das Triumvirat will eine kurze Zusammenstellung der bisherigen Ergebnisse!" Mr. Parker blickte mürrisch auf Mr. Raines herab. Die Parkers waren immer eine mächtige Komponente im Centre gewesen - ein Teil des Centers seit dessen Gründung. Dieser Arzt bedrohte seine Familie und stellte die Position der Parkers in Frage. Lange würde er sich das nicht mehr gefallen lassen.

"Ich werde das erledigen, was ist mit Miss Parker ?" Raines inhalierte den Sauerstoff tief und setzte sich bequemer hin.

"Meine Tochter steht hier nicht zu Debatte, Raines. Wie ich schon sagte, dieses Problem wird die Familie Parker intern lösen! Haben Sie schon Angelo gefunden?" Er kniff die Augen zusammen. Niemand hatte das Recht, seine Handlungen in Frage zu stellen.

"Wir können ihn einfach nicht finden, er wird sich wieder in das Belüftungssystem zurückgezogen haben. Inzwischen dürfte er in eine Art Koma gefallen sein. Wir werden ihn finden und zwar bald." Raines verzog sein Gesicht nur geringfügig, aber die langjährige Arbeit mit ihm hatte Mr. Parker so einiges gelehrt. Er war besorgt. Sollte das Triumvirat herausfinden, daß ein Infizierter verschwunden war... Ein kaltes Lächeln umspielte die Augen von Mr. Parker, und ein Auge zuckte kurz.

"Wir haben Lyle überprüft: alles in Ordnung, er war in seinem Büro und ging. Ca. 6 Minuten später kam er zurück und ging ins Bad. Er hatte seine Autoschlüssel vergessen. Die beiden Sweeper waren im Schießraum und haben geübt. Miss Parker und der Rest des Teams hatten das Centre bereits eine halbe Stunde vorher verlassen. Angelo war allein, während des Stromausfalls muß er in den Luftschacht gekrochen sein."

"Ich habe schon immer gesagt, ich mag nicht, daß er so frei hier rumläuft. Ich will, daß ihm eine feste Zelle zugeteilt wird, wenn... falls er wiedergefunden werden sollte." Raines nickte zustimmend. "Und schicken Sie Motumbo eine Mail über Projekt Orion, er wollte sich schon etwas vorab informieren." Mr. Parker drehte sich zum Fenster und blickte hinaus. Das Ende des Gespräches war offensichtlich. Seufzend inhalierend erhob sich Raines und ging langsam hinaus.

***

"Was?"

"Ähm, bin ich da richtig bei Miss Parker?" Eine unsichere Kinderstimme war zu hören.

"Ja, ich bin Miss Parker, wer spricht da?" Parker runzelte ungeduldig die Stirn, wieder so ein Scherzanruf?

"Ich bin, ähm, darf ich Ihnen nicht sagen, kann ich Mum, ähm, ich meine, Sam sprechen?"
Parker blickte verwirrt auf das Handy in ihrer Hand: Sam? Sam war unmöglich Mutter, das konnte sie sich gar nicht vorstellen. "Hör mal zu...", meinte sie in dem scharfen Ton, der eigentlich immer am besten funktionierte.

"Jarod geht auch, ich hab was über den Jäger gefunden! - Ist ja gut, Jay! - Ich soll Sie von Jay grüßen!- Zufrieden?- Uah, Jungs!" Das Mädchen auf der anderen Seite der Verbindung schien leicht genervt zu sein. Parker lachte amüsiert.

"Nervig?"

"Und wie, wissen immer alles besser und reden dazwischen, wenn ICH telefoniere!" Die letzten Worte schrie Kay fast.

Parker grinste und setzte sich nach einem prüfenden Blick auf Angelo in Bewegung. Leise trat sie hinaus in den Flur und ging zum Zimmer, wo Jarod und die anderen gerade verzweifelt nach Antworten suchten.

Sie suchten eigentlich schon seit über vier Jahren verzweifelt nach Antworten, aber nun suchten sie gemeinsam, und sie hatte trotz der angespannten Situation ein gutes Gefühl. Diesmal würden sie fündig werden, egal, ob die Antworten gut oder schlecht waren, es ging auf ein Ende hin. Parker wünschte sich nichts sehnlicher als ein Ende dieses Alptraumes.
"Sind Sie noch dran, Miss Parker?"

"Ja, einen Moment noch. Jarod? Für dich!" Parker reichte Jarod das Telefon.

"Wieso ruft ihr auf diesem Apparat an?" Jarod rieb sich die leicht geröteten Augen. Sie waren trocken und brannten durch die Arbeit am Computer. Zudem hatte er außer der halben Stunde im Auto schon lange nicht mehr geschlafen.

"Der andere hatte keinen Anschluß, Akku alle? Ähm, wir haben hier eine kurze Unterhaltung von dem alten Herrn Parker und diesem glatzköpfigen Zombie beobachtet, sie unterhielten sich über eine neue Testreihe für Orion, und Raines soll Motumbo eine Mail schicken über vorläufige Erfolge." Kay gähnte laut ins Telefon.

Jarod eilte zu Broots und flüsterte kurz mit ihm. Bobby saß inzwischen auf einer Fensterbank und starrte in die dunkle Nacht hinein. Kurze Zeit später nickte Broots: "Raines hat grad eine Email abgeschickt."

"Öffnen Sie sie!" Jarod stand neben dem Stuhl und massierte seinen Nacken. Als sich ein neues Fenster öffnete, überflog er es schnell und lächelte kurz: "Bingo!"

***

"Sam? Wach auf, wir haben was gefunden!" Bobby wagte es nicht, sie zu berühren. Sie lag so unschuldig da, er mußte sich zwingen, überhaupt die Stille zu unterbrechen, die über ihr lag.

Sie kam nur langsam zu sich, doch der Schlaf hatte ihr gut getan. Neue Kraft schien durch sie zu fließen. "Was ist los?"

"Es gibt ein Gegenmittel. Wir müssen es uns nur noch holen!" Bobby beobachtete fasziniert ihre zerzausten Haare.

"Wo ist es? Wie schnell wirkt es, wann muß es spätestens injiziert werden?" Sam eilte Bobby voraus, der kaum Schritt halten konnte. Jetzt war sie wach, richtig wach, beängstigend wach. Sie stieß die Tür zum Wohnzimmer energisch auf und heftete ihren Blick auf Broots: "..und wer ist das eigentlich? Sind wir uns schon mal begegnet?"

"Uhm, mein Name ist Broots! Wir..." Der Techniker war etwas erschrocken über die forsche Stimme.

Sam schnipste ungeduldig und dann fiel es ihr wieder ein: "Ah, jetzt hab ich's, Sie waren mit Parker unterwegs beim Bus. Schon klar. Wann gehen wir?" Sie wandte sich fragend zu Jarod um.

"Ich werde allein gehen!" Jarod blinzelte kurz und spannte seine Muskeln an.

Sam musterte ihn auffällig, blickte dann zu den anderen im Raum: "Nein, heute mache ich den Plan: Jarod, Parker und Bobby bleiben hier und ruhen sich aus. Sydney und ich werden zum Center fahren und das Gegenmittel holen. Broots kann wieder nach Hause fahren..." Sie wandte sich wieder zum Techniker, "Sie haben doch eine Tochter, oder? Die sollten Sie nicht nachts allein lassen, danke schön nochmals!"

"Sydney sollte hierbleiben, er ist immerhin Arzt!" meinte Parker skeptisch, "ich könnte doch mitkommen?!"

Jarod war auch kurz vorm Protestieren, er mußte helfen, er konnte doch nicht einfach so hier rumsitzen.

"Jarod ist viel zu müde, ich hingegen bin ausgeruht. Jarod kann sich kaum noch auf den Beinen halten, ich kann mich konzentrieren. Jarod ist ebenfalls Arzt, sollte etwas sein, kann er Angelo betreuen. Bobby kann nicht zurück ins Center, das würde auffallen, und zur Suche nach dem Gegenmittel ist Sydney wahrscheinlich die bessere Unterstützung als du es bist, Parker." Sam hatte ihre Arme seitlich an die Hüften gestemmt und guckte grimmig in die Runde, "Noch Fragen?"

"Soll ich nicht doch lieber mitkommen?" Bobby sah Sam skeptisch in die Augen.

"NEIN!" Ohne noch weitere Einwände abzuwarten, drehte Sam ihnen den Rücken zu und ging zur Tür. Sydney stand auf.

"Sie hat recht und das wißt ihr auch!" Er lächelte kurz und holte seinen Mantel. "Wir sehen uns später!" Die Tür fiel ins Schloß.

Parker stand fast eine Minute regungslos und starrte in die Richtung, in die die beiden verschwunden waren. Das Gähnen von Bobby brachte sie zurück zur Realität. Sie sah sich um. Jarod hatte rote Augen, man sah ihm die Müdigkeit an. Broots trat von einem Bein aufs andere und vermittelte den Eindruck, dringend aufs Klo zu müssen.

"Danke für die Hilfe Broots, es wäre vielleicht nicht schlecht, wenn Sie Debbie für einige Zeit von Blue Cove fernhalten!" Der Techniker sah sie an und nickte nervös. "Sie sollten sich Urlaub nehmen, der ganze Streß wächst sich wirklich langsam aus, ich werde ihn genehmigen, Sie sind in letzter Zeit ein richtiges Nervenbündel!" Parker grinste aufmunternd.

"Als ob er jemals nicht nervös gewesen wäre", murmelte Bobby leise. Ihm war nicht bewußt, daß man es so deutlich hören konnte im Raum.

Parker lachte kurz auf, verkniff sich einen Kommentar. Aber es lag ihr auf der Zunge. Statt dessen schob sie nun Jarod zur Couch und drückte ihn herunter. "Du hast gehört, was Sam gesagt hat: Schlafen!"

"Ich bin nicht müde!" protestierte Jarod halbherzig.

"Das glaub ich dir aufs Wort. Hinlegen!" Parker schubste ihn der Länge nach hin und warf ihm eine Decke über.

***

"Die Schutzanzüge!" Sie deutete leise auf die weißen Anzüge, die in einem Schrank verstaut waren. Sydney nickte kurz und begann sich umzuziehen. Sam folgte seinem Beispiel beinahe geräuschlos. Als sie sich auch noch die Helme übergestülpt hatten, traten sie vor die Labortür.

Samantha tippte einen Zahlencode ein und mit einem leisen Zischen öffnete sich die Tür. Wortlos betraten sie das Labor. Sam deutete in die eine und wandte sich selbst in die entgegengesetzte Richtung. Sydney nickte kurz und setzte sich in Bewegung.

An der Wand waren etliche Röhren, Gläschen, Reagenzgläser, aber keins war benutzt. In der Mitte des Raumes war ein weiterer Tisch mit Apparaturen. Er entdeckte als erster den Kühlschrank. Sam schien ebenfalls etwas gefunden zu haben, sie hatte ihm den Rücken zugedreht.

Sydney öffnete den Schrank. Durch die Kälte entstandene Nebelschwaden kamen ihm entgegen. Er sah verschiedene versiegelte Reagenzgläser, mit unverständlichen Hieroglyphen versehen, zumindest für Laien. Er fuhr systematisch mit dem Blick über die Beschriftungen: "BTX3244, BTX3344, BTY1255, BTA1000, BTA O+1, BTA O+2, BTA O+3, BTA O-1.."
Er fühlte sich in dem Anzug unwohl, beengt. Als er spürte, daß jemand hinter ihm stand, drehte er sich schwerfällig um. Sam sah ihn fragend durch das Visier an.

Er deutete auf die Reagenzgläser: "BTA O könnte es sein, pack ein positives und ein negatives ein, dann werden wir zu Hause sehen, was was ist, obwohl ich es mir schon fast denken kann!" meinte Sam leise.

Sydney holte einen Metallbehälter hervor und griff sich vorsichtig ein Röhrchen mit der Beschriftung BTA O+ heraus. Seine Hand zitterte leicht, kurzzeitig flackerten Bilder und Erinnerungen auf, wie er damals SL 27 vermint hatte. Vorsichtig schraubte er den Metallbehälter zu und legte es neben sich.

Gerade als er das andere Röhrchen nehmen wollte, fiel ihm ein Beutel auf, ähnlich den Beuteln von Blutkonserven. Auch dieser Beutel war mit BTA O-1 beschriftet und er schien der einzige zu sein. Kurzentschlossen packte Sydney diesen in ein nahestehendes Medizinerkästchen ein. "Ich hab es!"

"Dann los!" Beide gingen zur Schleusentür, die einzige Tür zum Labor. Bevor Sam den Zahlencode eingeben konnte, öffnete sie sich. Zwei Männer in Schutzanzügen starrten sie an.

"Na, auch schon wach?" Sam grinste die beiden verdutzten Männer an. "Mann, endlich Feierabend was, George? Ich freu mich schon auf mein Abendbrot! Macht's besser, Jungs!" Sie ging an den beiden vorbei und wartete auf Sydney. "Nun komm schon, ich hab Hunger!" Die beiden Männer traten in das Labor und sahen verblüfft zu, wie die Tür sich schloß.

"Ich bin gespannt, wie lange die Typen brauchen, bis sie merken, daß sie keinen George in ihrem Team haben?" kicherte Sam, während sie sich die Anzüge auszogen. Sydney lächelte einwenig verkrampft.

"Ich denke, wir sollten uns beeilen!"

***

Es klingelte penetrant. Miss Parker drückte eilig auf die Taste, damit Jarod nicht durch ein weiteres Klingelzeichen geweckt wurde.

"Was?" fauchte sie genervt ins Telefon, in der Annahme, jemand vom Centre würde sie anrufen und sie endlich über Angelos Verschwinden in Kenntnis setzen. Es war selten, daß sich das Center so lange Zeit ließ, sie zu holen, wenn ein Versuchsobjekt "verschwand".

"Oh Mann, Sie haben aber verdammt schlechte Laune!" Eine Jungenstimme erklang verschüchtert. Parker grübelte, sie hatte Jays Stimme anders in Erinnerung. Sie konnte im Hintergrund ein hektisches Flüsterdurcheinander hören:

"Geh du ran!"
"Warum ich?"
"Weil du schon mit ihr gesprochen hast!"
"Och, Feigling, gib schon her!"

Parker grinste bei diesem Wortgefecht. "Hat Jay Angst mit mir zu sprechen?"

"Wieso Jay? Das war doch.. oh, ähm , ja, genau, Sie haben ihn verschreckt!" Kay stotterte kurz überrumpelt.

Miss Parker setzte sich in einen Sessel, Jarod im Blickfeld, und überlegte: Wer war dieses Mädchen? Und wenn das vorhin nicht Jay gewesen war, dann mußte noch ein Kind existieren. Ihr fiel die DSA-Aufzeichnung des Ausbruchs von Samantha ein. Sie hatte zwei Babies im Arm gehabt. Es fiel ihr wie Schuppen von ihren Augen. Sie war nicht allein geflohen, Sam hatte die Kinder mitgenommen, wieso war ihr das nicht sofort aufgefallen. Nicht in den Sinn gekommen, einfach nicht überlegt, obwohl sich Sam damals am Telefon schon versprochen hatte. Sie rechnete gedanklich schnell nach, die Kinder dürften ungefähr in Jays Alter sein, vielleicht ein, zwei Jahre jünger. Ihre Gedanken rasten, wenn das Center davon erfuhr, wenn Raines davon erfuhr; die Hölle würde ausbrechen.

"Ähm, Miss Parker? Sind Sie noch dran?" Eine unsichere Kinderstimme brachte sie zurück aus ihren Gedanken.

"Klar; sag mal, wie ist eigentlich dein Name?" Vor Parkers geistigem Auge erschien ein Mädchen, ähnlich wie Debbie mit langem Haar.

"Ich weiß nicht, ob ich das sagen darf."

"Dieses Telefon wird nicht abgehört, hoffe ich zumindest. Und ich sag es niemandem aus dem Center, versprochen!"

Eine Weile herrschte Stille, Parker bedauerte ihre Frage schon fast, doch dann kam die Antwort: "Mein Name ist Kay. Und wie heißen Sie?"

"Mich nennen alle Parker!"

"Und wie heißen Sie richtig, so mit Vornamen und so?"

"Das sage ich nur den wenigsten und nie am Telefon! Du kannst mich ja auch Parker nennen, wenn du willst!"

"Nee, dann nenne ich Sie M, so wie Q von James Bond! Ach nee, Emily heißt ja schon so, schade, na gut, dann doch lieber Miss Parker. Ähm, Miss Parker? Ist Jarod da, oder Mum?"

"Sam ist nicht hier und Jarod schläft, kannst du mir nicht erzählen, was los ist?" Parkers Blick fiel auf Jarod. Sein Atem war ruhig und eben. Seine Brust senkte und hob sich regelmäßig. Er sah so friedlich aus. Sie wiederstand dem Drang, ihre Hand nach ihm auszustrecken.

"Sie gehören zum Center, Sie jagen Jarod!" wandte Kay unsicher ein.

"Ich hab ihm geholfen, er ist jetzt schon seit Stunden in meinem Haus, und ich hab ihn weder zum Center gebracht noch ihn erschossen, zählt das gar nichts?"

Wieder gab es eine kurze Pause: "Doch, das stimmt schon, Mum hat gesagt, sie mag Sie und sie würde Ihnen vertrauen und Jay - Jay, willst du telefonieren? Dann hör auf dazwischenzureden! Mensch! - Jay, vertraut Dir auch. Ich meine Ihnen!"

"Du kannst mich ruhig duzen, offenbar tun das hier alle ungefragt!" Wieder fiel ihr Blick auf Jarod.

"Cool, also wir haben weitergesucht, und wir haben eine Mail von diesem Motumbo gefunden. Ist aber schon ein Jahr alt. Hat den Status gedruckt und gelöscht. Ist das noch wichtig?"

"Lies ihn mir doch einfach mal vor, vielleicht steht da ja was Neues drin?!" Parker setzte sich auf.

"Okay, also da steht:
Datenreihe Orion, Sicherheitslevel 13 genehmigt. Keine elektronische Datensicherung durchführen, Projekt bei erfolgreicher Beendigung der drei Testreihen anderweitig archivieren. Nutzung bei erstärktem Etat wahrscheinlich. Motumbo."

Parker schüttelte angeekelt den Kopf, so kalt und unpersönlich war die Mitteilung über todbringende Versuche an Menschen. Bobby hatte ihnen kurz über die erste Versuchsreihe erzählt, die er miterlebt hatte. Sie hatten Stadtstreicher benutzt, arme Menschen ohne Hoffnung und niemand hatte sie vermißt.

"Die Email war an diesen Mr. Parker geschickt worden, war geöffnet, gedruckt und gelöscht worden. Wir schicken sie mal an Jarod, er kann sie sich ja mal angucken, wenn er wieder wach ist. Wir müssen auflegen, der Major motzt sonst. Sag Jarod, er soll uns anrufen, wenn es Angelo wieder besser geht, ja? Tschüß!" Kay legte nach einer gemurmelten Entgegnung Parkers wieder auf.

Ihr Vater hatte Bescheid gewußt, er hatte es geschehen lassen. Er hat Raines diese Experimente machen lassen. Ihr eigener Vater. Er war ein Monster, hatte sie das früher verdrängt, so traf sie die Erkenntnis jetzt um so stärker. Ein gefühlloses Monster, nicht besser als Raines.

>Er ist nicht nur schlecht, Schatz!< Die Stimme ihrer Mutter erklang in ihren Ohren.

>Wer belügt sich jetzt selber, ich oder du, Mum? Er hat uns beide betrogen und belogen. Er verdient unsere Liebe nicht, nie wieder!<

Die Stimme antwortete nicht, sie schwieg vor Trauer. Die Erkenntnis schmerzte. Parkers Blick fiel auf Jarod, in ihren Augen schimmerte eine kleine Träne. "Dreißig Jahre, Jar. Dreißig Jahre für ein Monster!"

***

Sie liefen so schnell sie konnten dem Ausgang entgegen, sie achteten nicht auf die Kameras. Gerade als Samantha die Tür zum Parkplatz in der Hand hielt, ging der Alarm los. Sie grinste: "Ein ganz klein wenig zu spät, meine Herren!" Sydney eilte zum Auto, und schloß auf, die Medizintasche in der Hand.

Sam lief zur Fahrertür und fing den Autoschlüssel auf, den Syd ihr zuwarf. Sie startete den Wagen und fuhr an.

***

Jarod wachte auf, als er den Wagen hörte. Das Geräusch der Reifen auf dem steinigen Untergrund, das Klappen der Autotür. Sie klappte nur einmal. Seine Reflexe trieben ihn dazu aufzuspringen. Er lief zum Fenster und blickte vorsichtig hinaus.

"Es ist Sam!"

Parker schreckte aus ihrem leichten Schlaf auf, sie saß noch immer in ihrem Sessel, die Beine angezogen, versteckt im rotkarierten Flanellhemd. "Hat sie es?"

"Wir werden sehen!" Jarod öffnete die Tür.

Sam schwenkte eine Kühltasche in der einen Hand, in der anderen hielt sie ein paar Notizbücher hoch. "Das Serum und die Aufzeichnungen."

"Wo ist Sydney?"

"Ich hab ihn zu Hause abgesetzt, wenn sie die Leute überprüfen, sollte er zu Hause sein."

Jarod nickte kurz und griff sich ein Notizbuch: "Sie sind handschriftlich!" meinte er verwundert.

"Keine elektronische Datensicherung, vom Triumvirat angeordnet, vielleicht trauten sie der Technik nicht mehr, weil du dich zu oft eingeklinkt hast." Parker lächelte kühl. Nicht kühl zu Jarod, sondern sarkastisch über die Wege im Center, über die ganze absurde Situation.

"Möglich!" Sam grinste unglücklich.

"Wahrscheinlich, hier steht was: BTA O-1 ist ein mögliches Gegenserum, es wurde in den letzten beiden Versuchsreihen entwickelt. Es hat eine Erfolgschance von 85 %. Beim Rest wurde es zu spät injiziert."

"Du brauchst ziemlich viel, mindestens 20 ml!" Jarod überflog die Aufzeichnungen.

Sam öffnete den Medizinkoffer: "Und hier haben wir das Serum!" Sie entnahm den Beutel und las das Etikett. "Oh, Sydney ist ein Genie, er hat einen Beutel mit 25 ml eingepackt, statt das kleine Reagenzgläschen!"

Gemeinsam liefen sie die Treppe hoch zum Gästezimmer. Bobby war ebenfalls eingeschlafen auf dem Stuhl, er hatte sich den Stuhl ans Fenster gestellt, so daß er Angelo aus angemessener Entfernung beobachten konnte.

Sam bedachte ihn mit einem kurzen Blick, bevor sie sich zu Angelo setzte: "Ich glaube, es ist besser, du machst das, ich zittere viel zu sehr!"

Jarod nahm eine Kanüle und führte sie in Angelos Ader ein. Er hängte den Beutel mit dem Serum an das Bett. "Es wird noch eine Weile dauern!" flüsterte er.

"Ich warte hier, geht ihr nur schlafen!" Sam sah sie dankbar an und streichelte Angelo sanft die Stirn.

Parker und Jarod schlossen leise die Tür hinter sich. Parker gähnte laut auf: "Ich bin todmüde!" Jarod betrachtete sie wortlos.

"Was ist?" fragte sie mit einem aggressiven Ton; dieser Blick ging durch und durch.

"Danke, Parker!" Jarod legte seine Hand auf ihre Schulter. Nur kurz, ganz kurz. Aber sie fühlte die Wärme, die von ihm ausging. Sie wollte etwas erwidern, doch Jarod war schon auf dem Weg nach unten. Zurück zur Couch.

Sie wußte nicht, wie lange sie da gestanden hatte und ihm nachblickte. Schließlich drehte sie sich seufzend um und ging in ihr Schlafzimmer.

***

Sam beobachtete Angelos Atmung, sie war flach und schnell, schon seit Stunden; die Temperatur war in den letzten Stunden zwar nicht weiter gestiegen, aber sie war auch nicht gesunken. Leise prüfte sie noch einmal die Infusion.

Ihr Blick fiel auf Bobby. Er war nicht aufgewacht. Sein Kopf lag auf seiner Schulter, ans Fenster gelehnt. Sam holte sich leise eine Decke und deckte ihn vorsichtig zu.

"Was ist los?" Bobby schreckte auf.

"Pscht, alles in Ordnung. Wir haben das Gegenmittel, jetzt müssen wir nur noch warten." Sam legte ihren Finger auf seinen Mund.

"Wie spät ist es?" fragte er leise.

"Spät, schlaf wieder!"

"Es ist nicht halb so bequem wie es aussieht!" murmelte er.

Sam nahm seine Hand und zog ihn hoch. Sie stellte den Stuhl beiseite und legte die Decke auf den Fußboden. Sie setzte sich und zog ihn runter. Er lehnte sich an die kühle Wand.

"Danke, Bobby." Sam lächelte ihn an und umarmte ihn kurz. Zögernd erwiderte er die Umarmung. Sie drehte sich in seiner Umarmung und blickte zum Bett. "Ich hasse Raines."

"Wir alle hassen ihn. Eines Tages wird er für alles bezahlen!" Sams Kopf sank auf seinen Arm. Vorsichtig blickte er sie an. Sie schlief. In seinen Armen. Sam schlief in seinen Armen. Er setzte sich so, daß sie bequem lag und hielt sie fest.

***

Das Haus lag dunkel da. Sydney verharrte eine Sekunde und atmete tief die Morgenluft ein. Es half ihm, sich zu beruhigen, das Adrenalin abzubauen, das noch durch seine Adern floß. Er lächelte leicht auf. Ihm kam der Begriff Wildwest in den Sinn. Ja, sie hatten heute wirklich wie im wilden Westen die Bank gestürmt und das Gold des Centers geklaut. Raines würde nicht erfreut sein. Er holte seinen Schlüssel hervor. Sam hatte ihn vor der Gartentür abgesetzt, wortlos hatten sie sich verabschiedet. Sie war losgefahren, schnell und mit quietschenden Reifen. Er hoffte inständig, daß Angelo gesund werden würde. Bitte Gott, hilf ihm, hilf ihnen!

Er trat ein. Müde zog er den Mantel von den Schultern. Seine Augen waren an das Dunkel gewöhnt, er war zu müde das Licht anzumachen. Wenn er jetzt einen Kaffee trinken würde, könnte er auch den letzten Rest der Nacht nicht schlafen. Mit der Hand auf der Türklinke zur Küche verharrte er. Dann wandte er sich in Richtung Schlafzimmer.

Sein Bett knarrte leise, als er sich schwerfällig auf die Decke sinken ließ. Für eine Minute saß er regungslos mit geschlossenen Augen da. Schließlich schüttelte er seine Kopf und seufzte: "Was für ein Tag!" Bedächtig legte er seine Uhr auf den Nachttisch, schlug die Bettdecke zurück und ging ins Bad.

Das Display leuchtete rot ins Dunkel hinein. Das leise Zischen des Herdes war kaum zu hören. Die Scheibe in der Mikrowelle drehte sich monoton im Kreis und die Zahlen auf dem Display veränderten sich im Sekundentakt. Sie blinkten. "00:45, 00:44, 00:43..."
***

"Guten Morgen!" Parker rieb sich verschlafen die Augen.

"Morgen!" Samantha und Jarod saßen am Küchentisch, beide hatten eine Tasse mit Tee vor sich stehen und unterhielten sich angeregt. Als Parker in der Tür erschien, verstummten sie nur kurz.

"Wie geht es Angelo?" Parker nahm Jarods Tasse und trank einen Schluck. Sie verzog ihr Gesicht: "Was ist das denn?"

"Kamillentee! Das beruhigt und ist gut gegen Halsschmerzen", meinte Jarod mit einem amüsierten Funkeln in den Augen.

"Schmeckt ja scheußlich!" Parker schlurfte zur Kaffeemaschine und machte sich einen Kaffee.

Sam kicherte: "Angelo geht es schon besser, er schläft noch. Sein Fieber ist auf 38,5° gesunken, die roten Flecken sind schon wieder verblaßt. Sieht so aus, als wirkt das Gegenmittel planmäßig!"

Parker nickte zufrieden und murmelte: "Das ist gut!" Sie holte Müslischalen aus dem Schrank und eine Packung Cornflakes.

Sam hatte sich wieder über die Aufzeichnungen von Raines gebeugt und studierte sie eingehend. "Was für ein blöder, kranker, verwirrter Mann. Gebt ihm ein Toupet und eine Frau, und er könnte doch glatt als Stepfather vier umherwandeln!"

In dem Moment kam Bobby zur Tür herein.

"Angelo ist wach," informierte er die anderen. Sam lächelte glücklich und stand auf. Gerade als sie die erste Stufe betreten hatte, klingelte das Telefon.

"Wird ja auch langsam Zeit, daß sie mich informieren!" knurrte Parker und (be)deutete Sam zu gehen. Sie hob den Telefonhörer ab.

"Parker."

Jarod blickte nur kurz auf und sah, wie Parker dem Anrufer zuhörte. Nach einer Sekunde wandte er sich jedoch wieder den Aufzeichnungen zu. Bobby war Samantha nach oben gefolgt, mit einer Tasse Tee und einer Schale Müsli. Jarod überlegte kurz und griff dann auch nach einer Schüssel. Er goß Milch über seine Cornflakes und begann zu essen, während er las.

"Ist in Ordnung, ich ... ich komme so schnell ich kann!" Parkers Stimme war brüchig. Wie benommen legte sie den Telefonhörer auf. Ihre Beine schienen wie aus Gummi zu sein. Langsam gaben sie nach, und sie sank auf den Fußboden. Ihre Hände zitterten wie Espenlaub, und es erschien ihr wie nach einer Ewigkeit, da gelang es ihr, einen Ton von sich zu geben. Es war nur ein Schluchzen, ein Krächzen. Sie bekam keine Luft.

"Parker, was ist los?" Jarod sah sie mit seinen großen Augen fragend an, in den Händen seine Schale. Sie so zu sehen, war ein Schock. Die starke, unabhängige Icelady saß auf dem Fußboden und starrte vor sich hin. Das letzte Mal, wo sie so aussah, war Thomas gestorben. Ein schlechte Vorahnung kam in ihm hoch. Er erhob sich, unsicher ob sie seine Hilfe annehmen würde.

"Sie sagen... Sie sagen Sydney ist tot!" Ihr versagte die Stimme, und die Tränen liefen ihr übers Gesicht.

"Das ist nicht wahr, er ist zu Hause, in Sicherheit!" Die Müslischale fiel aus Jarods Händen, zerschellte auf dem Fußboden. Er kümmerte sich nicht drum, sondern lief zu ihr. Seine Hände hielten ihre Schultern, als wolle er sie schütteln, sie dazu zwingen, ihm zu sagen, daß das ein schlechter Scherz war.

"Sein Haus ist vollständig niedergebrannt, sie sagen, es könnte eine Gasexplosion gewesen sein." Sie ließ sich an seine Brust fallen und begann hemmungslos zu weinen...
Teil 20 by Dara
also, wie immer, mir gehören die wichtigen Nebenrollen, alles andere sind nicht meine Schöpfungen, die Idee von Pretender leider auch nicht.
Dank an meine Betafee (ich wollte gern die Kommentare drinlassen, weil sie so schön witzig sind, hat sie mir aber doch energisch untersagt)

Nic: sie arbeitet soviel und hat dennoch Zeit, das großartige Pretenderarchiv zu verwalten! RESPEKT!!!!!





Die vergessene Akte
Teil 20
von Dara





"Es kann einfach nicht wahr sein!" Seine Stimme donnerte durch das ganze Haus. Parker hatte ihn noch nie so wütend und haßerfüllt gesehen. Vielleicht doch... einmal, so voller Fassungslosigkeit, Hilflosigkeit, ohne Antworten... einmal, bei Kyles Tod. Familie. Parker saß noch immer auf dem Fußboden, sie lehnte sich an das Schränkchen und umschlang ihre Beine. Auch für sie war Sydney wie ein Vater gewesen. Verloren, für immer verloren.

"Das ist unmöglich, es kann einfach nicht sein." Jarod lief im Kreis. Nachdem er den ersten Schrecken überwunden hatte, hatte er begonnen, die Geschehnisse der letzten Tage nachzuvollziehen. Manchmal ist die Fähigkeit des Pretenders eine Foltermethode.

"Das Centre hat ...", versuchte Parker schwach einzuwerfen.

"NEIN! Das Centre kann es nicht gewesen sein, sie wußten doch gar nicht, das Sydney dort war! Sie konnten so schnell doch gar nicht..." Seine Stimme brach.

"Im Centre ist nichts unmöglich", flüsterte Parker leise.

Jarod sank kraftlos auf die Couch. Er bedeckte sein Gesicht mit den Händen. Parker sah, wie sein Körper sich schüttelte, sie hörte ein krächzendes Geräusch. Zuerst konnte sie es nicht zuordnen, doch dann realisierte sie es: er weinte. Zaghaft stand sie auf und ging mit weichen Beinen zu ihm. Sie setzte sich neben ihn. Ihre Hand zögerte für zwei Sekunden, schwebte in der Luft. Als sie schließlich doch auf seiner Schulter lag, schien die Berührung nur wie ein Hauch zu sein, bereit, sich jederzeit wieder zurückzuziehen.

"Was ist denn hier los?" Sam und Bobby kamen durch den Lärm alarmiert die Treppe herunter.

"Sydney, er ist tot!"

"Wer behauptet das?" Sam faßte die Nachricht eher ruhig auf, aber sie kannte Sydney ja auch noch nicht so lange.

"Ich habe einen Anruf von meinem... von Parker senior bekommen. Sein Haus ist in die Luft geflogen, sie sagen, es war ein ... Gasleck." Parker bewegte die Lippen, aber ihre Stimme verließ sie.

Sam hob nur die Augenbrauen und nickte kurz.

"Du hättest ihn nicht zu Hause absetzten dürfen. Hier wäre er sicherer gewesen!" Sie wußte nicht, warum sie es gesagt hatte, sie wußte nicht, woher diese Kälte kam. Parker hatte es überhaupt nicht sagen wollen. Aber jetzt, wo es im Raum stand: es war wahr, Sydney hätte noch am Leben sein können.

Sam bewegte sich nicht; für eine Sekunde lief ein kühles Lächeln um ihren Mund, doch das ging schnell vorbei. Dann verwandelte sich ihr Gesicht in eine Maske.

"Heißt das, ich habe ihn deiner Meinung nach getötet?!"

Jarod sah nach oben, er sah müde aus und alt: "Es war die richtige Entscheidung. Ich glaube einfach nicht, daß es Mord war. Das Centre ist schnell, aber nicht so schnell."

"Willst du damit sagen, daß es eine Gasexplosion gegeben hat? Einfach so? Ohne Vorwarnung?" begehrte Parker auf.

"Gasexplosionen haben oft keine Vorwarnung, sonst könnte man sie ja verhindern!" meinte Sam trocken. Sie drehte sich um und ging wortlos in die Küche.

Bobby trat einen Schritt vor: "Wo willst du hin?"

"Ich brauch einen Kaffee!"

"Ich dachte, du trinkst keinen Kaffee?"

"Ich dachte, ich hätte alles im Griff!" Sie drehte sich nicht um, während sie das sagte.

"Es tut mir leid, ich wollte nicht...!" Parker seufzte.

"Was machen wir jetzt?" fragte Bobby nach einer Weile in die Stille, die drohend im Raum hing.

"Wir gehen weiter nach Plan vor. Sam und ich gehen nach Virginia. Ihr arbeitet wie gehabt im Centre." Jarod straffte sich: " Wir müssen endlich vorankommen, sonst fehlt uns irgendwann die Kraft."

***

Ihre Schritte hallten in den Fluren des Bürogebäudes. Ihre Pumps erzeugten das allseits bekannte Klackklack, seine Schritte gingen dagegen fast unter. Sie gingen schweigsam nebeneinander her. Obwohl sie nichts sagten, spürten doch beide die Wut des anderen. Vielleicht war Sydneys Tod nicht vom Centre angeordnet, vielleicht nicht durchgeführt worden. Aber dennoch waren heute nacht zwei Todfeinde des Triumvirats und des Centres geboren worden. Waren sie früher schon dem Centre nicht wohl gesonnen gewesen, so waren sie jetzt eine Bedrohung. Eine leise Bedrohung, unsichtbar für die Blinden des Systems, doch gerade diese unheimliche Ruhe, die von ihnen ausging, hätte die Verantwortlichen warnen können.

Tat sie aber nicht.

"Engelchen, es tut mir leid wegen Dr. Green." Mister Parker eilte mit einem seiner üblichen falschen Lächeln auf seine Tochter zu. Sein Sohn war Luft, der brauchte dieses Schauspiel nicht, seine Tochter jedoch mußte bei Laune gehalten werden.

"Daddy!" Sie preßte es zwischen ihre Zähne, unwillig, voller Haß.

"Ich weiß, wie du an ihm gehangen hast." Er verstand es falsch, diese totale Kontrolle in ihrer Mimik. "Ein großer Verlust für das ganze Team!"

"Kann ich den Bericht der Polizei einsehen?"

"Natürlich, Engelchen. So wie es aussieht, hat er sich etwas in der Mikrowelle zubereitet, anscheinend hat er das Gas nicht gerochen. Die Explosion hatte ihren Ursprung jedenfalls in der Küche."

"Ich will seine Leiche sehen!"

Mister Parker verzog leicht das Gesicht: "Es gibt keine Leiche. Die Hitze war so groß, das alles, was in der Nähe der Küche war, restlos verbrannt ist. Ich hab hier den Feuerwehrreport." Er hielt eine braune Akte hoch.

Parker riß sie ungeduldig an sich und überflog die Berichte. "Es war also wirklich ein Unfall?" murmelte sie.

"Natürlich Engelchen, was dachtest du denn?"

Sie sah ihrem Vater prüfend in die Augen und nickte. Dann drehte sie sich auf ihrem Absatz um und marschierte in ihr Büro.

"Sie ist etwas... ungehalten, nicht wahr?" Bobby lächelte zynisch seinen alten Herrn an.

Mister Parker löste seinen Blick von der zuschwingenden Tür und richtet ihn stattdessen auf seinen Sohn. "Dr. Green hatte ihr Vertrauen. Ach ja, bevor ich es vergesse, Brigitte wird für die nächsten zwei Wochen Urlaub machen, du übernimmst ihre Aufträge."

"So spät vor der Geburt noch Urlaub? Schadet das nicht dem Kind?"

Mister Parkers Lippen verschwanden vollständig: "Der Arzt hat es genehmigt!"

Bobby grinste: "Ist ja gut, soviel hat sie in der letzten Zeit ja auch nicht gemacht!" Dann ging auch er und ließ seinen Vater allein auf dem Flur zurück.

***

"Okay, hier ist er. Papiere und Tickets liegen im Handschuhfach. Ihr werdet dann erwartet." Sam zog vorsichtig den Arm hinter Angelos Rücken hervor. Er war noch immer sehr schwach und schlief viel.

Sie küßte Angelo auf die Stirn: "Wenn alles gut läuft, ist es in zwei Monaten ausgestanden! Paß gut auf ihn auf!" Sie schlug die Autotür zu.

Als der Wagen langsam anfuhr, stellte sie sich mit verschränkten Armen hin und sah ihm nach. "Bis bald!"

***

Ein letzter tiefer Atemzug und eine letzte Träne für den Mentor, dann mußte er sich konzentrieren. Seine Trauer um den Verlust durfte nicht den Erfolg der Simulation gefährden. Jarod blickte aus dem Fenster und sah doch nichts. Immer wieder kehrten seine Erinnerungen an Sydney zurück.

"Hallo Jarod, mein Name ist Sydney, ich werde mich in der nächsten Zeit ein wenig um dich kümmern..." Er schluckte hart. Es war unfair. Er konnte diesmal noch nicht einmal dem Centre die Schuld für Sydneys Tod geben. Einen Schuldigen zu haben, erleichterte die Bewältigung des Verlustes enorm. Aber gegen wen oder was sollte er jetzt Wut und Haß empfinden?

"Wir sollten fahren!" Er hatte Sam gar nicht kommen hören. Sie schien plötzlich in der Mitte des Raumes materialisiert zu sein. Er sah sie nachdenklich an.

"Was?" Sie reagierte gereizt auf diesen Blick.

"Es ist wirklich nicht deine Schuld, Parker war nur voller Schmerz, sie meinte es nicht so."

Ein Lächeln schlich sich auf Sams Gesicht, nur ein kleines, das die Augen nicht erreichte: "Wahrscheinlich. Wir müssen los!" Ihre Stimme war sanft.

Jarod nickte. Er ging an Sam vorbei und holte seine Sachen. Schweigend setzten sie sich in den Wagen und fuhren davon.

***

"Angelo müde!" Sein Beifahrer bewegte sich leicht im Sitz und sah ihn mit großen Augen an.

"Du hast über 4 Stunden geschlafen, du kannst doch gar nicht mehr müde sein!" Er lächelte traurig, "Wir sind bald beim Flughafen, von dem Samantha sprach."

"Fliegen über den Wolken?" Angelo blickte neugierig aus dem Fenster. Die vorbeifließende Landschaft faszinierte ihn.

Er antwortete nicht, Angelo schien mit seinen Gedanken genauso weit entfernt zu sein wie er selbst. Er seufzte und konzentrierte sich wieder auf die Straße.

***

"Miss Parker, ich hab..." Broots rannte so schnell er konnte zu seiner Vorgesetzten. Sie saß wie üblich in ihrem Ledersessel. Sie starrte auf den leeren Schreibtisch vor ihr.

"Broots, hallo!" Parker lächelte müde.

Der Techniker nickte nervös und sah sich über die Schulter: "Ich hab die Kameraaufzeichnungen gesehen, man kann Sam und einen anderen sehen, aber nur sehr unscharf. Es gibt keine Aufzeichnungen von vorn, niemand weiß, wer der andere war!" Er grinste und sah sich neugierig um, "Gute Nachrichten, wo ist Sydney?"

Sie richtete ihren Blick entsetzt auf Broots: "Hat es Ihnen denn etwa noch niemand gesagt?"

"Was gesagt? Ich bin gleich zum Mainframe gegangen heute morgen."

Sie seufzte leise und schloß die Augen, krampfhaft hielt sie ein paar Tränen zurück. Nach einer nicht enden wollenden Minute konnte sie ihre Kraft zusammenreißen und sagte leise: "Sydney ist tot, Broots. Es war.... es war eine Gasexplosion!" Sie schob dem erstarrten Techniker die Akte zu, die ihr ihr Vater gegeben hatte.

"Das, das ist unmöglich! Das kann nicht sein!" stotterte Broots schließlich, "oh mein Gott, wie... wieso, wer?" Er sah sich total verängstigt um.

Parker schüttelte den Kopf und holte tief Luft: "Nein, leider nein. Es war diesmal tatsächlich ein Unfall!" Sie biß sich auf die Unterlippe. "Ein verdammter, unnötiger Unfall!" schrie sie plötzlich und haute wütend auf den Tisch. Broots sprang fahrig auf und sah sie entsetzt an.
"Entschuldigen Sie, Broots, ich würde jetzt gern eine Minute allein sein!" Parker drehte ihm ihren Rücken zu und starrte auf die Wand.

Broots sah sich die Akte in seiner Hand an. Es war nicht angenehm, seine Chefin in diesem Zustand zu sehen. Er hatte Respekt vor ihr, wenn sie stark und kalt war wie eine Parker. Aber den jetzigen Anblick konnte er nur schwer ertragen. Er verließ das Büro fluchtartig.

Erst im Technikerraum, seiner eigentlichen Arbeitsstätte, hielt er an. Er war außer Atem und so langsam sickerte die Nachricht von Sydneys Tod in seine Gedanken. Das konnte einfach nicht stimmen! Broots schüttelte entschlossen den Kopf. Solche Zufälle gab es einfach nicht. Er schlug die Akte auf, die er noch immer in seiner Hand hielt.

***

"Warte!" Sam bremste den Wagen und hielt an. Sie sah Jarod fragend an.

"Sobald ich alles vorbereitet habe, komme ich nach."

"Das weiß ich bereits, was also wolltest du in Wirklichkeit sagen?" Sie grinste leicht und sah ihn erwartungsvoll an.

Jarod seufzte: "Ich weiß einfach nicht, ob ich vollständig bei der Sache sein kann. Sydney..."

Sie verdreht leicht die Augen. Sie zappelte ungeduldig: "Meine Güte, krieg dich wieder ein, so eine kleine Gasexplosion ist doch kein Weltuntergang!" Preßte sie gereizt zwischen den Zähnen hervor.

"Wie bitte?" Jarod sah noch einmal zurück, er konnte nicht glauben, was er eben verstanden hatte.

"Ich sagte, dann mach ich das eben im Alleingang!" Sam lächelte ihn an.

Jarod runzelte nachdenklich die Stirn. Er hatte beim ersten Mal etwas anderes verstanden, aber er hatte auch nicht richtig zugehört. Samantha würde nie so kalt von Sydney sprechen. Auch wenn sie ihn noch nicht so lange kannte, so schien sie doch ein gutes Verhältnis zu seinem Mentor aufgebaut zu haben.

***

"Ich wußte es, ich hab's gewußt!" Broots grinste selbstgefällig und schlug mit der flachen Hand auf den Polizeibericht. Dann kratzte er sich nachdenklich am Kopf.

***

Die Sonne schien, wie sie so über die weiten Wälder flogen. Er wußte nicht, ob sie schon auf der kanadischen Seite waren. Der Blick hinaus war jedenfalls wunderschön und friedlich.

Angelo starrte ebenfalls hinaus. Er hatte sich den Fensterplatz ausgesucht und drückte neugierig die Nase an die kalte Scheibe. Er mochte das Fliegen. Und er konnte es gar nicht mehr erwarten, die Kinder zu sehen. Sam mochte Kinder. Kinder waren lustig, fröhlich, glücklich. Sam war glücklich. Sam hatte gesagt, er flöge jetzt nach Hause, nach Hause.

>Muß Freunde allein lassen.< Dieser Gedanke stimmte Angelo traurig. In gewisser Weise vermißte er die dunklen, grauen Korridore, die sein ganzes Leben bestimmt hatten. Er vermißte seine Verstecke. Aber er würde die Kinder sehen. Ein Lächeln zog über sein Gesicht.

"Was ist so lustig, Angelo?" fragte die warme Stimme neben ihm.

"Kinder spielen!" Er blickte seinen Begleiter mit leuchtenden Augen an. Da war etwas Dunkles in dessen Gefühlen. "Angst? Sorgen?"

"Ja, ich mache mir Sorgen. Ich hoffe, sie schaffen es allein!" Angelos Gegenüber seufzte und blickte starr geradeaus.

"Sam und Jarod gut, alles bald vorbei!" Angelo lächelte ihm nochmals aufmunternd zu und blickte dann wieder hinaus auf die Wolken unter ihm.

***

"Was will sie bloß von uns?"

"Keine Ahnung, ich versteh nur Bahnhof. Was meint sie damit, wir sollen schon mal unsere Hausaufgaben bereithalten?"

"Vielleicht kommt sie noch einmal kurz nach Hause?"

"Quatsch, sie fährt gleich weiter nach Mount Weather. Ich kapier das nicht!"

Die drei Teenager saßen um den PC herum und starrten ratlos auf den Monitor. Jack kratzte sich nachdenklich die Nase und holte sich dann einen Kaugummi aus der Tasche. Kay und Jay lehnten ab, als er ihnen auch einen anbot. Er zuckte die Schultern und öffnete bedächtig das glitzernde Silberpapier. Nach dem er zwei-, dreimal auf dem süßen Streifen herumgekaut hatte, schnippte er mit den Fingern.

"Sie hat doch wohl nicht... Oh nö ne?!" Er schüttelte theatralisch seinen Kopf und schluchzte.

"WAS? Was hat sie?" Kay stupste Jack ungeduldig an.

"Sie hat es tatsächlich wahr gemacht! Sie hat... Sie hat... Ich kann es nicht glauben!"

"Nun sag endlich!" Kay zwickte ihn wütend in den Arm.

"Sie hat uns einen Lehrer besorgt!" spuckte Jack hervor und malmte auf dem Kaugummi herum.

Wieder starrten die Kinder ungläubig auf den PC. Doch die Gesichter spiegelten unterschiedliche Gefühle wider.

"Heißt das, wir müssen regelmäßig Unterricht machen?" fragte Kay skeptisch.

Jack nickte sorgenvoll und hielt ihre Schulter: "Stillsitzen, nicht reden dürfen, eine Stunde doofe Materie, die wir wahrscheinlich schon seit Jahren kennen, anhören müssen."

"Keine Simulationen mehr?"

"Keine Simulationen, statt dessen Integralrechnung, Latein und Faust lesen!" Jack schüttelte sich angewidert.

"Das, das kann sie uns doch nicht antun! Ich meine, ich hab Faust schon gelesen, Integralrechnung ist total einfach, und ich hasse Latein! Das ist eine tote Sprache!" Kay nagte entsetzt an ihren Fingernägeln.

"Also, ich fand den Unterricht mit Sydney ganz witzig!" Jay zuckte mit den Schultern, "Wir haben viele verschiedene Simulationen durchgeführt. Raines wahr doof, der hat mich immer geschlagen, wenn ich was falsch gemacht habe. Aber Sydney war cool."

"Der arbeitet aber fürs Centre! Den hat Mum garantiert nicht als Lehrer für uns arrangiert. Bestimmt so'n pickliger Langzeitstudent mit ´nem IQ von 120. Puh, grausam." Jack schüttelte sich einmal mehr und spuckte seinen völlig fasrigen Kaugummi würgend aus.

"Den ekeln wir weg! Ich hol schon mal Material aus dem Netz, wie man Lehrer in den Wahnsinn treibt. Das mache ich nicht mit, das wird Konsequenzen haben, Mum!" schimpfte Kay.

"Aber ihr wißt doch noch gar nicht... Außerdem steht da, wir sollen zwei Betten vorbereiten!" warf Jay ein.

"WO STEHT DAS?" schrieen die Zwillinge, stürzten sich zum Monitor und drängten Jay nach hinten.

***


Parkers Hände zitterten. Sie hatte sich noch immer nicht voll unter Kontrolle. Nachdem sie die wichtigsten Aufgaben erledigt hatte, beantragte sie einen halben Tag Urlaub und fuhr wieder nach Hause. Sie mußte sich erst wieder fangen. Je öfter die Menschen starben, desto schwerer fiel es ihr, die Trauer zu verarbeiten.

Schwerfällig zog sie sich ihre Blazerjacke aus und warf sie auf die Couch. Ihr Blick fiel auf die kleine Anrichte mit den Cognacflaschen. Seufzend setzte sie sich in Bewegung. Sie nahm sich ein großes Glas und goß sich Weinbrand ein. Der Alkohol würde nicht helfen, aber betäuben. Sie konnte etwas Betäubung jetzt gut gebrauchen.

"Das bringt ihn nicht wieder zurück, Parker!" Die dunkle, warme Stimme hinter ihr überraschte sie für eine Sekunde. Jarod nahm ihr das Glas sanft aus der Hand und stellte es zurück auf die Anrichte neben die Flaschen.

"Er fehlt mir, Jar." Sie sah ihn an. Große, traurige Augen, blau wie der Ozean. Seine Hand ruhte auf ihrer Schulter.

"Mir auch." Sie trat einen Schritt vor und lehnte sich an ihn. Die Tränen liefen frei über ihr Gesicht, doch sie kümmerte sich nicht drum. Es tröstete sie, das er da war. Sie umschlang ihn und versteckte ihr Gesicht in seinem Pullover.

Jarod zögerte kurz. Die Nähe zu Parker war ungewohnt. Nicht unangenehm, aber ungewohnt. Nur langsam legte er seine Arme beschützend um sie. Er konnte den Duft ihres Haares riechen, Apfelshampoo. Er schloß die Augen und atmete ruhig. Er fühlte sich fast schuldig, weil in diesem Moment, in dieser Situation, seine Gedanken nicht an Sydney, sondern an Parker hingen. Ihre Schluchzer schienen leiser zu werden, das war gut, sie beruhigte sich wieder.

Sein Pullover war naß. Ihre Tränen hatten den Stoff durchdrungen und ein breiter, nasser, dunkler Fleck hatte sich gebildet. Sie zog schniefend ihre Nase hoch. Seine Umarmung war vorsichtig und doch fest. Es war angenehm, sich an ihn zu lehnen. Sie konnte das Waschmittel seines Pullovers riechen. Es roch fruchtig. Sie holte tief Luft, eigentlich wollte sie die Umarmung nicht trennen, aber ihre Nase juckte.

Sie löste sich von ihm und trat einen Schritt zurück. Er reichte ihr stillschweigend ein Taschentuch. Es war ein großes, altes, kariertes Taschentuch. Ein Opataschentuch, sorgfältig gefaltet und gebügelt. Parker nahm es in die Hand und faltete es auseinander. Sie konnte nicht anders, sie mußte lachen.

"Was ist das denn, eine Zeltplane?" kicherte sie verschnupft.

"Es gehört dem Major, er hat es mir geliehen. Ich mag es!" Jarod grinste leicht.

Sie putzte sich umständlich die Nase. Jetzt, wo sie den Schritt zurück gegangen war, spürte sie seine Nähe noch deutlicher. Ihr Herz machte Luftsprünge. Gut, daß dieses Taschentuch so groß war, man konnte sich gut dahinter verstecken. Sie vermied seinen Blick und schneuzte noch einmal.

"Geht's wieder?" Seine Stimme klang irgendwie rauh. Kein Wunder, wo sich doch plötzlich ein Kloß in seiner Kehle gebildet hatte. Sie war so wunderschön. Ihre Haare waren zerzaust, ihre Augen gerötet und ihre Nase leicht angeschwollen. Sie zitterte - ob vor Kälte oder vor Trauer, er wußte es nicht genau.

Sie schluckte und schüttelte schließlich mit dem Kopf. Zögernd sah sie ihm in die Augen und versuchte zu lächeln. >Oo, das war ein Fehler, Parker!< Sie schluckte noch mal und zog die Nase hoch. >Verdammt, hat Jar braune Augen< Das Herzrasen schien sich zu verselbständigen. Sie kannte die Symptome, sie kannte die Folgen. Für eine Sekunde zögerte sie.

Als der Augenkontakt erst mal hergestellt war, gab es kein Entrinnen. Jarod wußte nicht, wann er sich das letzte Mal so gefangen gefühlt hatte. Wunderschön, verboten. Er lächelte leicht: verbotene Früchte aus Nachbars Garten... So hatte sich der Major mal ausgedrückt. Er mußte zugeben, es hatte wirklich seinen Reiz. Sie würde ihn wahrscheinlich eine Ohrfeige verpassen, wenn er das jetzt tat, aber es war ihm egal. Er wollte sie jetzt küssen.

Parkers und Jarods Gesichter näherten sich.

"Miss Parker, das müssen Sie sich ansehen!" Broots stürmte in den Raum herein.

Parker und Jarod schnellten zurück und traten auseinander. Sie starrten den Störenfried an.

"WAS?" War das etwa wieder der alte Icequeen-Tonfall? Broots zögerte.

"Ich dachte, es würde Sie interessieren. Es geht um Sydney!" beeilte er sich zu sagen. Erst jetzt fiel ihm Parkers gerötetes Gesicht auf. Broots Blick wanderte zu Jarod, der schweigend Parker angesehen hatte. >Brootsie, du hattest noch nie so ein schlechtes Timing wie eben! Nie wieder, nie wieder stürze in ein Haus mit angelehnter Tür. ANKLOPFEN!!!< dachte er ironisch.

"Was?" Parker trat drei schnelle Schritte auf den Techniker zu und entriß ihm den Bericht. Sie überflog die Zeilen hastig. Jarod blickte über ihre Schultern.

"Das kann doch wohl nicht...." Parker fluchte und drehte sich zur Wand. Wieder fiel ihr Blick zur Anrichte mit dem Alkohol. Doch nur für eine Sekunde starrte sie sehnsüchtig auf das gefüllte Glas.

"Hat noch jemand diesen Bericht gelesen?"

"Nein, ich hab ihn zu Hause geschrieben und sofort alles Notwendige gelöscht!"

Parker nickte nachdenklich und tupfte sich selbstvergessen an der Nase.

"Irgendwie beneide ich ihn!" murmelte Broots nach einer stillen Minute. Parker sah ihn fragend an.

Broots zuckte entschuldigend mit den Schultern: "Nur ein toter Mann kann das Centre verlassen!"

Parkers Gesichtszüge veränderten sich zum gleichen Zeitpunkt wie Jarods. Man konnte ein plötzliches Verstehen ablesen.

***

"Angelo wach auf, wir sind da!" Er schüttelte den Empathen sanft. Langsam lenkte er den Wagen in die Einfahrt und fuhr den Sandweg zum Haus.

Während der ganzen Fahrt hatten sich Bedenken in ihm gesammelt. War er überhaupt willkommen? War es richtig, alles hinter sich zu lassen? Er seufzte, es war wohl zu spät, jetzt umzukehren.

Sein Beifahrer reckte sich geräuschvoll. Angelo gähnte laut und riß seine Augen auf.

Eine letzte Kurve und man konnte die Hütte sehen. Konnte man überhaupt von einer Hütte sprechen? Ein zweistöckiger Holzbau, eine riesige Scheune daneben und zwei große Eichen standen im Halbkreis um den Hof herum. Ihm war so, als wäre zwischen den Eichen eine Brücke gespannt.

***

"Da kommt ein Wagen!" Jack ließ die Gardine schnell zurückfallen und trat einen Schritt nach hinten.

"Sind es die Gäste, die eure Mutter angekündigt hat?" Margaret sah Jack neugierig an, doch der zuckte nur die Schultern.

"Weiß nicht, interessiert mich auch nicht!" Nach einem letzten Blick durch die Gardine lief Jack nach oben ins Kinderzimmer.

Marge runzelte die Stirn. Die Kinder verhielten sich seit heute morgen wirklich eigenartig.

Jay hatte schon wegen der schlechten Laune der Zwillinge das Weite gesucht und sich zu Emily an den Kamin gesetzt. Er half ihr beim Stricken. Marge lächelte und trat nach draußen.

***

Eine Frau trat aus dem Haus. Er holte tief Luft und parkte den Wagen.

Angelo setzte sich gerade hin und musterte sie aufmerksam: "Jarods Mum."

Er nickte. Er hatte sie sofort erkannt. Es würde nicht einfach werden, verdammt noch mal nicht einfach. In gewisser Weise gab er Sam die Schuld. Es war eine blöde Idee, warum war sie ihm bloß so logisch vorgekommen, wo sie doch offensichtlich zum Scheitern verurteilt war? Er seufzte noch einmal und stieg langsam aus dem Wagen.

Hinter Marge waren Jay und Emily aus der Tür getreten und beobachteten die Neuankömmlinge neugierig.

Als der Fahrer das Fahrzeug verließ, erhellte sich Jays Gesicht schlagartig. Er lief an Margaret vorbei zum Wagen: "Sydney!" Einen Meter vor dem Besucher hielt er an und streckte ihm nun doch etwas unsicher seine Hand entgegen.

Sydney lächelte: "Hallo! Na, wie geht es dir?"

"Prima, Jack und Kay sind heute etwas schlecht drauf, aber sonst ist es immer schön. Nie langweilig!" Jay schüttelte die Hand enthusiastisch und grinste breit.

"Wer sind Jack und Kay, Sam meinte zwar, du wärst hier, aber sie hat nicht...?" Sydney runzelte fragend die Stirn. Dann kam ihm in den Sinn, daß auch Angelo während der ganzen Reise immer von "den Kindern" geredet hatte. Er war so in Gedanken gewesen, daß er es gar nicht mitbekommen hatte.

"Sams Kinder, sie sind Zwillinge, glaub ich. Komm, ich zeig dir, was wir gestern gebastelt haben." Jay zog den älteren Mann hinter sich her zum Haus.

Marge und Emily waren auf die Stufen vorm Haus getreten.

"Ich nehme mal an, Sie sind Jarods Familie?!" Sydney lächelte leicht unglücklich und reichte seine Hand zum Gruß.

"Doktor Green! Ich..." Marge nahm erst zögernd seine Hand, doch dann umarmte sie ihn. "Danke, daß Sie meinen Sohn beschützt haben!"

Sydney verzog schmerzlich das Gesicht. "Ich konnte nicht wirklich..."

"Jarod war nie allein in dieser gottlosen Anstalt, Sie haben ihm ein Zuhause gegeben, und dafür werden wir immer dankbar sein." Marge lächelte ihn an und schließlich gab Sydney dem ungeduldig an seinem Ärmel ziehenden Jay nach und ging ins Haus.




Dubidu, was sagt denn ihr dazu?
Ich hätt gern Feedback, das wäre nett!
So wie gewohnt, mich nicht verschont!

Oh mein Gott, die Reimmuse ist wieder da!
Teil 21 by Dara
Disclaimer:
wie immer: die Charaktere von "the Pretender" gehören nicht mir, ich leih sie mir nur kurz aus, Sam und der Rest sind allerdings aus meinem Mist entsprungen.
Ich verdiene mit dieser Geschichte oder mit der Veröffentlichung kein Geld, will es auch nicht.
Anmerkung: aufgrund der Geschehnisse vom 11.09.2001 in New York und auch den Folgeereignissen möchte ich gerne etwas ändern:

Ich hatte in den letzten Kapiteln darauf hingewiesen daß das Centre Osama bin Laden für die Planung von Attentaten unterstützt , das ist Zufall, zuerst wollte ich nachträglich einen neuen Namen nehmen, aber ich werd's nicht tun, laßt euch überraschen
Trotz der verhängnisvollen Milzbrandbriefe in den USA werde ich jedoch weiter am Plot mit dem Virus festhalten, einfach nur, weil ich wahrscheinlich sonst die gesamte Story vom 18. Kapitel an ändern müßte, das tue ich weder mir, meiner Beta noch Nic an.

Bedanken möchte ich mich an dieser Stelle für Eure Geduld, dieses Kapitel hat superlange auf sich warten lassen: es sind nämlich Diplomarbeit, Arbeitsbeginn und Umzug dazwischengekommen. Ihr wiederum könnt euch insbesondere bei jenen bedanken, die mir Feedback geschrieben haben und all jene die mich jedesmal beim Chatten nach der Fortsetzung gefragt haben, was fürchterlich nervt... *g*





Die vergessene Akte

Kapitel 21

By Dara

Parker schüttelte ungläubig den Kopf und starrte auf die Akte in ihrer Hand. Eine Haarsträhne fiel ihr ins Gesicht. Energisch fuhr sie mit der Hand durch ihr Haar und strich es nach hinten. "Wieso hat sie das getan? Ich meine, wir hatten doch einen Plan, oder nicht?!" Sie sah zu Jarod. Ihr Gesichtsausdruck wurde dominiert von Unglauben, Verärgerung und Erleichterung.

Broots trat von einem Fuß auf den anderen. Diese Samantha hatten ihnen allen einen mächtigen Schrecken eingejagt. Vorzutäuschen, daß Sydney tot wäre. Es schauderte ihn, wie perfekt diese Täuschung gewesen war, gleichzeitig raste ein Gedanke immer wieder durch seinen Kopf >Sie muß mich und Debbie auch rausholen< Er schämte sich leicht, Sydney um die Freiheit zu beneiden.

"Sie hatte sicher ihre Gründe!" Jarod nagte an seiner Unterlippe, als er das sagte. Er spürte genau den Blick, den Parker ihm zuwarf. Er holte tief Luft: "Ich hab nur noch keine Ahnung, welche das sein könnten." Er verharrte eine Sekunde, schließlich eilte er zur Couch. Er hatte bei seiner Ankunft die schwarze Lederjacke achtlos auf die Lehne geworfen. Er griff sich seine Jacke und ging zum Hinterausgang. "Aber ich finde es raus, sie schuldet mir einige Antworten!"

Parker nickte nachdenklich und blickte Jarod hinterher. Gedankenverloren strich sie sich mit der Fingerkuppe über ihre Lippen, die beinahe seine Lippen berührt hätten, wäre nicht Broots so unangemeldet ins Zimmer gestürzt.
"Broots! Was stehen Sie hier noch so rum, fangen Sie mit den Nachforschungen an, ich will alles über Projekt Scorpio wissen." Der Techniker machte sich sofort auf den Weg. Er hatte grade die Tür geöffnet, als Parker noch etwas einfiel: "Und Broots, das nächste Mal klopfen Sie vorher an!" Für eine Sekunde trafen sich die Blicke der beiden. Broots schluckte nervös und nickte schließlich; er ging dem Blick Parkers aus dem Weg und beeilte sich noch mehr, zur Arbeit zu kommen.

Parker hingegen begann zu grinsen, nachdem Broots gegangen war. Sie schloß die Augen und rief sich noch einmal den Moment zurück, wie Jarod kaum mehr als ein Millimeter von ihr entfernt gestanden hatte. Das Herzrasen kehrte zurück.

***

Alles was er sah, war diese riesige schwarze Hornbrille, die sie trug. Dieses Modell mußte schon mindestens zehn Jahre alt sein, wenn nicht sogar älter. Samuel Barkins versuchte, sich seine Erheiterung nicht allzusehr anmerken zu lassen. Er zwang seinen Blick weg von der Brille. "Ich bin erfreut, Sie in unserem Team zu haben, Miss Jackson!"

Die Frau, laut Barkins Akte nicht älter als 30 Jahre, grinste ihn nervös an und schob die Brille mit einen Nasenrunzeln zurecht. "Mein Name ist Samantha!" Sie streckte ihre Hand aus, ohne ihren Arm vorzubeugen.

Samuel verkniff sich ein lautes Lachen. Gott, diese Brille, der Zopfpullover, die geflochtenen Zöpfe zu beiden Seiten; fehlte nur noch das Kreuz um den Hals und ein grauer Wollrock und das Schild: "Ich bin eine versauerte Jungfer!".

"Dann sind wir wohl zwei Sams hier!" Sein Gegenüber blickte ihn durch die Brille an, rückte sie mit dem Finger nach oben zurecht und flüsterte fast: "Ich würde es lieber sehen, wenn sie mich Samantha nennen!" Sie legte den Kopf dabei leicht schief.

>Oh ja, das dürfte mal eine gute Herausforderung für Billy werden, vielleicht krieg ich diesmal sogar mehr als 20 $ zusammen!< Samuel lächelte leicht. Bill Waymen, einer der Militärleute, die auf Mount Weather stationiert waren. Braungebrannt, muskulös - der Mann, der jede Frau schwach werden ließ - bis jetzt jedenfalls.

Diese Samantha würde ein harter Brocken selbst für den Charmeur Billy werden, und jeder Tag nach den ersten zwei Wochen brachte Samuel 5$ ein, cash auf die Hand.

Samantha lächelte wieder und sah ihn abwartend an. Sie hatte grüne Augen. Jetzt, wo er sie länger betrachtete... ohne diese häßliche Brille sah die junge Frau sicher gar nicht schlecht aus. Na ja, Bill würde das schon machen, da war er sich ganz sicher...

"Hier ist Ihr Arbeitsbereich, Samantha. Sie werden im Labor mit Dr. Julian and Dr. Costa arbeiten. Darf ich vorstellen: Samantha Jackson, sie hat gerade ihren Doktor in Virologie mit sehr gut abgeschlossen.!" Eine ca. 40-jährige Latina sah nur kurz auf, nickte in ihre Richtung und wandte sich wieder ihrem Mikroskop zu.

Hingegen kam der andere Mann freudig lächelnd auf sie zu: "Hallo Samantha, ich bin Dr. Dean Julian, ich habe mir die Freiheit genommen, in Ihre Dissertation reinzulesen, wirklich sehr interessante Zusammenhänge, die sie da aufgeworfen haben!" Dr. Julian war mit einer stattlichen Größe von 1,95 m gesegnet und aufgrund dieser Größe hatte er sich eine leicht gebeugte Haltung angewöhnt. Dennoch mußte Samantha zu ihm hochsehen.

"Oh, danke. Ich war mir nie ganz sicher, ob meine Forschungen wirklich nützlich für die Wissenschaft waren, ich meine..." Ihre zaghafte Stimme verlor sich ganz.

"Oh, aber durchaus, liebe Kollegin. Wir arbeiten hier schon seit Monaten an einem Projekt, und mit Ihrer Hilfe - gerade durch Ihre Studien - werden wir endlich den erhofften Durchbruch erringen. Sie bringen genau die richtigen Vorraussetzungen mit, um uns eine entscheidende Hilfe zu sein, nicht wahr, Eva?" Dr. Julian suchte bestätigend den Blickkontakt mit Dr. Costa, doch die murmelte nur kurz etwas und wandte ihren Blick nicht vom Mikroskop.

Dean Julian verzog nur kurz das Gesicht vor Mißfallen; schnell wandte er sich wieder dem Neuankömmling zu. Ungefragt hakte er ihren Arm bei sich unter und führte sie aus dem Hörbereich seiner Kollegin heraus: "Sie müssen sie entschuldigen, sie hatte ein paar Mißerfolge in letzter Zeit."

Samantha schenkte ihm ein strahlendes Lächeln: "Schon vergessen. Und wie kann ich Ihnen jetzt bei ihrem Projekt helfen, Dr. Julian?"

"Nennen Sie mich Dean, alle tun das, außer Eva."

"Dean, mein Name ist Samantha. Nett, Sie kennenzulernen!" Sie schüttelten sich enthusiastisch die Hände und grinsten um die Wette.

***

"Komm schon, Sydney. Jack und Kay müssen hier oben irgendwo sein!" Jay zog Sydney ungeduldig hinter sich her. Der ältere Mann lächelte über den Jungen; ja, die Freiheit hatte ihm gutgetan, es war nicht mehr viel von dem verunsicherten leisen Jungen zu sehen, den er im Centre kennengelernt hatte. Vielleicht war die Freiheit genau das, was alles ausgelöst hatte, ein Bedürfnis im Menschen, das das Centre nie befriedigen konnte oder wollte.

Jay öffnete enthusiastisch die Tür zum Kinderzimmer und trat ein. Er hatte gerade den Mund geöffnet, als ein Schwall eiskalten Wassers über ihn schwappte. "Waahhhh!" Jay schrie erschrocken auf. Sydney konnte sich ein Grinsen einfach nicht verkneifen.

Jay stand wie ein begossener Pudel im Türrahmen und sah fassungslos an sich herunter. "Was soll das denn?" fauchte er schließlich. Jack und Kay blickten vorsichtig hinter der Bettkante hervor und blinzelten. Kay verzog leicht das Gesicht: "Mist, wieso bist du denn hier, ich dachte, der neue Lehrer kommt!"

Jack verkniff sich ein Lachen, lautlos schüttelte sich sein Körper, als sein Blick über die tropfenden Sachen von Jay glitt. Sydney trat vorsichtig neben Jay ins Zimmer und sah sich um. Sein Blick wanderte von Jack über Kay zurück zu Jay. Schließlich konnte er doch nicht mehr und lachte leise los: "War das mein Begrüßungsempfang? Wenn ihr wollt, könnt ihr den Eimer noch mal füllen und ich komm rein!" schlug er lachend vor.

Kay sah sich den älteren Herrn genauer an. Es dauerte eine Sekunde, bis sie ihn erkannte, und eine weitere Sekunde, bis sie sich von ihrem Schock erholt hatte. "SIE sind unser neuer Lehrer?" krächzte sie letztendlich doch. Nicht nur, daß langsam die Erkenntnis kam, daß der Lehrer vielleicht doch nicht so schlimm wie befürchtet werden würde - und sie hatte die Simulationen von Jarod mehr als einmal gesehen - nein, auch der Ärger, daß ihr Plan schiefgelaufen war, stieß ihr auf. Eigentlich hatten sie doch alles genau geplant. Sie biß sich wütend über sich selbst auf die Unterlippe und seufzte.

Jack hatte sich inzwischen auch schon wieder gefangen und leise ein paar trockene Sachen aus Jays Schrank geholt. Schweigend reichte er sie ihm und ging dann einen Schritt auf Sydney zu.

Sein Blick glitt an dem älteren Mann herunter: fast ungläubig betrachtete er die grüne Strickweste und die graue Stoffhose. Sein Blick fiel auf die glänzend polierten Schuhe, auf denen ein paar Wasserspritzer eintrockneten und nun unschöne Ränder hinterließen. "Sorry!" murmelte er leise und holte tief Luft. Er zwang sich schließlich, dem Psychiater in die Augen zu sehen.

Sydney lächelte geheimnisvoll. Er faßte Jack kurz auf die Schulter: "Samantha meinte, ich würde herzlich begrüßt werden - jetzt verstehe ich, was sie damit gemeint hat. Ich werde mal nach Angelo sehen." Mit diesen Worten ging er aus dem Zimmer und schloß vorsichtig die Tür hinter sich. Für eine Sekunde verharrte er vor der geschlossenen Tür. Als er aufgeregte Kinderstimmen diskutieren hörte, dachte er noch einmal zurück an Sams Worte...

.. zwei Tage vorher: "Komm schon Sydney, sonst entdecken sie uns noch!" Sam startete den Wagen und gab Gas, noch bevor er die Tür hinter sich geschlossen hatte.

Nach einer Minute Stillschweigen und Luftholen sprach er: "Wie lange werden sie brauchen, um rauszufinden, daß wir es waren?"

"Also, wenn alles glatt gelaufen ist, gar nicht. Die Kameraeinstellungen in diesem Sektor müßten eigentlich für uns arbeiten."

"Wieso ist mir da bloß zuviel wenn und eigentlich in dem Satz?" murmelte Sydney. Sam sah kurz prüfend zu ihm. Wieder herrschte eine Minute Stillschweigen.

"Du hast recht."

Sydney sah Samantha fragend an. Er fragte sich, ob er hören wollte, was sie sagen würde.

"Wir müssen das Risiko für dich reduzieren."

Er schluckte: "Das können wir doch nachher mit den anderen besprechen."

"Nein, ich weiß was Besseres..." Sam hielt den Wagen kurz an und beschrieb ihren Plan.

Es hatte nur fünf Minuten gedauert, um den Plan auszuarbeiten. Fünf weitere Minuten für Sam und die Vorbereitungen. Und innerhalb von einer Viertelstunde war sein ganzes Leben auf den Kopf gestellt worden.

Er hatte sein Leben lang für das Centre gearbeitet, mit dem Centre, für das Centre. Nur noch das GEGEN das Centre war ihm geblieben. Und selbst diese Rolle schien passiv zu sein, hier in Kanada, weit weg von Blue Cove.

Er hatte nicht damit gerechnet, drei Pretender betreuen zu müssen, dürfen, können. Es würde eine wahnsinnige Herausforderung werden. Aber was war mit Nicolas, was mit Michelle? Wie hatte er Broots und die anderen im Stich lassen können?

"Sydney traurig?" Angelo sah ihn fragend an. Er hielt ein Kissen umschlungen und saß vor einem großen Sessel. Vor ihm flackerte das Feuer im Kamin.

Sydney lächelte nur leicht und setzte sich auf die Couch. Er lehnte sich zurück und schloß die Augen. Er holte tief Luft und dachte an die Menschen, die er in Blue Cove zurückgelassen hatte.

***

Raines verzog den Mund leicht und trat einen Schritt vor. Der Schutzanzug behinderte ihn noch mehr an einem zügigen Fortkommen, als es der bloße Sauerstofftank ohnehin schon tat.

Er war von Idioten umgeben, Versagern, lästige Insekten, die ihm das Wichtigste versagten. Das Wichtigste überhaupt im Leben, das einzig Wahre. Wegen der Unfähigkeit dieser Männer war ins Centre eingebrochen worden. Das bedeutete Kontrollverlust, und wer die Kontrolle verlor, verlor die Macht, und das war gleichbedeutend mit dem Tod, zumindest auf der Machtstufe, wo er lebte, zumindest im Centre.

Jarod, als dieses Projekt geflohen war, das war unangenehm gewesen. Einiges ging für das Centre verloren, ein wichtiges Produkt konnte nicht mehr angeboten werden. Aber es ergaben sich interessante Möglichkeiten, der Wegfall der Direktorin, die ständige Loyalitätsfrage an die Parkers, das alles stärkte seinen Position. Nur noch kurze Zeit, und er hätte Parker senior ablösen können.

Mit dem Auftauchen von Red File 74-80-2/SR, letzter fremdrekrutierter Pretender, begannen die Schwierigkeiten. Er hatte die Akte vergessen gehabt, begraben. Es war nicht lukrativ gewesen, sie verursachte Lücken in der Macht, war nicht zu kontrollieren. Sie vernichtete jahrelange Arbeit in Minuten.

Red File 2 und die vergessene Akte waren nie dafür bestimmt gewesen, miteinander zu arbeiten. Zwei vollständig natürliche Pretender, ausgebildet. Und jetzt kam eine neue Komponente hinzu: die Akzeptanz, gegebenenfalls auch das Centre zu zerstören. Solange Jarod das Centre unterschwellig als Heimat identifiziert hatte, war nichts zu befürchten, aber Samantha hatte nie den Respekt gehabt, nie die Identifikation so stark ausgebildet. Sie war ein riesiger Gefahrenherd.

Gut, daß Lyle offensichtlich nicht auf ihr Auftauchen reagiert hatte. Für zwei Tage hatte es so ausgesehen, als wenn sie es geschafft hätte, sein Werk zu vernichten, eines der wenigen, die sich auch langfristig für ihn rentiert hatten. Aber er hatte sich wieder gefangen, (gut) er war vollständig unter der Kontrolle der Simulation, gut einschätzbar, kontrollierbar.

Miss Parker stellte ein kleineres Problem dar, jetzt wo Sydney endlich weg war. Unwillkürlich schlich sich ein kaltes Grinsen auf sein Gesicht. Ah, nach so langer Zeit war endlich auch der letzte Faktor beseitigt, der seine Projekte wirklich verhindern konnte.

Raines öffnete grimmig grinsend den Kühlschrank mit den verschiedenen Virus- und Bakterienkulturen. Er mußte sichergehen, das nichts Wichtiges gestohlen worden war. Keuchend rang er nach Luft. Durch den Helm wurde das Atmen erschwert.

Er drehte jedes Röhrchen einzeln um und las die Beschriftung. BTX3244 , BTX3344 .. BTA O+2; BTA O-1. Raines grinste. Sie hatten das falsche Röhrchen mitgenommen! Selbst wenn Angelo oder besser gesagt seine Leiche für Nachforschungen verloren gegangen war, er war dieses mißglückte Projekt endlich los. Es wurmte ihn mehr, als er zugeben wollte, daß Angelo offensichtlich "die Seiten" gewechselt hatte, viel zu oft in den letzten Jahren hatte er Miss Parker und ihren Freunden geholfen. Eine undichte Stelle weniger.

Der Schlauch zu seinem Sauerstofftank hatte sich leicht verklemmt, und Raines bekam immer schlechter Luft, gierig saugte er nach Luft und zerrte ungeduldig am Anzug. Durch das Ziehen und Zerren lockerte sich die Dichtung um das Loch im Anzug, wo der Beatmungsschlauch durchgezogen war. Raines bemerkte es jedoch nicht, er hatte sich wieder zu dem Kühlfach gewandt, nahm den Behälter mit den Reagenzgläsern in die Hände und trug ihn vorsichtig zum Labortisch in der Mitte des Raumes.

***

"Das ist einfach großartig, mein Gott ja, warum bin ich da nicht selbst drauf gekommen!" Dean sprang aufgeregt auf und schlug sich mit der flachen Hand auf die Stirn. Sam konnte sich ein Grinsen einfach nicht verkneifen, der Mann war einfach geboren zum schusseligen Professor. Sie hoffte inständig, daß sie ihm durch ihre Aktion nicht schaden würde.

"Nun, nun, Dean, beruhigen Sie sich wieder. Was soll denn unser Besuch von der CIA denken?" Samuel Barkins stand plötzlich neben dem Cafeteriatisch, an dem auch Sam saß. Sie war zwar erst 3 Tage hier, aber schon hatte er das Gefühl, als hätte sie schon immer zum kleinen Team gehört, still und leise, zurückhaltend - eine graue Maus, wie sie im Buche steht.

Sam blickte auf ihr Gegenüber, während sie in einen großen Bagel biß. Samuel wollte ihr aufmunternd zuzwinkern, doch ihre Aufmerksamkeit ruhte bereits auf dem CIA Mann, den er mit in die Cafeteria gebracht hatte und der wie festgewachsen neben ihm stand. Er hatte einen dunklen Anzug an, einen Einreiher mit goldenen Knöpfen, ein hellblaues Hemd und eine dunkelblaue Krawatte . Das Haar kurzgeschnitten und dunkel, erwiderte er kühl den Blick von Samantha.

"Darf ich Ihnen Samantha Jackson vorstellen, Mr. Darson, sie ist unsere neueste Errungenschaft." Samuel grinste über beide Ohren.

"Oh ja, sie ist brillant!" bestätigte Dean Julian kräftig, "sie hat ein Problem für mich gelöst, über das ich schon seit Wochen grübele!" Er faßte Sams Kopf in beide Hände und küßte sie stürmisch auf die Stirn. Er schüttelte dem Besucher nur kurz die Hand und verschwand dann eilig in Richtung Labor.

Mister Darson sah ihm kurz nach, während Samuel erklärte: "Sie müssen entschuldigen, er ist ein ganz umgänglicher Kerl ... für einen Forscher!" setzte er leise hinzu. Ein unverbindliches Lächeln, das nicht die Augen des CIA-Mannes erreichte, war die Antwort.

Sam rückte ein wenig auf ihrer Cafeteriabank und machte Samuel Platz zum Sitzen. Sie sah kurz zum Besucher und rückte ihre Brille mit einem Nasenrunzeln zurecht. "Mis.. Mister Darson. Sie kommen wirklich vom CIA ?"

Ihre Blicke trafen sich und schließlich reichte er ihr seine Hand: "Mein Name ist Jarod Darson, ich werde mich hier für eine Zeit aufhalten und mir die Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Teams und Behörden anschauen."

Sams Mundwinkel zuckten leicht. War das Nervosität, fragte sich Samuel amüsiert.

"Oh, das klingt interessant, ich wußte nicht, daß das CIA mit der FEMA..." Sie zuckte leicht mit den Schultern und spielte mit einem ihrer geflochtenen Zöpfe.

"Aber Samantha, Sie wissen doch, daß die FEMA mit allen Behörden zusammenarbeitet!" Samuel hob leicht belehrend den Finger. Er reckte seinen Hals in Richtung Essensausgabe und erhob sich dann: "Entschuldigt mich bitte für eine Sekunde, ich hol mir noch einen Kaffee. Mr. Darson, wollen Sie auch einen?" Nach einem kurzen Nicken verschwand er.

"Und wie lange werden Sie hier bleiben, Mr. Darson?" Grinsend biß Sam ein riesiges Stück Bagel ab und kaute genüßlich. Jarod griff ihr Handgelenk und drückte fest zu, er lehnte sich ein Stück vor und zischte: "Wie konntest du nur?"

Sie sah ihn leicht verwundert an und verzog das Gesicht. "Aua, das tut weh!" Sie zog ihre Hand weg, nach einer kurzen Sekunde legte sie beide Arme auf den Tisch und stützte sich auf sie. "Spinnst du, du gefährdest die Sim!" Sie deutete mit einem fast unmerklichen Kopfschütteln zum sich wieder nähernden Samuel.

Jarod mahlte mit seinem Kiefer und versuchte, seine Wut unter Kontrolle zu kriegen. "Wir müssen uns dringend unterhalten!" preßte er schließlich noch leise zwischen seinen Zähnen hervor.

Sam sah ihn fragend an und zuckte dann mit den Schultern: "Das kann nicht wahr sein, wirklich?"

Samuel ließ sich ächzend neben sie fallen: "Und, unterhaltet ihr euch schön?" Er sah zwischen der offensichtlich aufgeregten Samantha - irrte er sich oder waren ihre Wangen gerötet? - und dem immer noch kühlen CIA-Mann hin und her. Hmm, sah so aus, als hätte sich die kleine Maus verguckt. Samuel zählte in Gedanken schon die Geldscheine, die Billy ihm zahlen würde.

Sam schluckte und nickte dann eifrig: "Er hat mir grad von den Anschlagsplänen der Terroristen erzählt. Wahnsinn, daß jemand freiwillig Viren in die freie Natur freisetzen könnte."

"Die Menschen sind wahnsinnig, Samantha." Samuel kam sich fürchterlich weise vor, als er das sagte.

***

Ein klirrendes Geräusch ließ ihn herumfahren. Ein Laborant hatte eine Phiole fallen lassen. Raines knurrte kurz, und als der Mann ein paar Spritzer an seinem Anzug abwischen wollte, schickte er ihn ungeduldig weg. "Ich werde mich nachher desinfizieren, räumen Sie lieber die Splitter weg!" Er drehte sich wieder seinem Mikroskop zu.

"Entschuldigen Sie bitte, Mr. Raines", stammelte der Mann.

"Was für eine Kultur war es denn?"

"Ich weiß nicht, es war nicht meine Probe, ich wollte fragen, ob Sie zu Ihrem Projekt gehörte. BTA O+3 war die Beschriftung?!"

Raines drehte sich noch einmal zu dem Mann, seine Augen blitzten vor Zorn. "Was macht meine Probe in Ihrem Arbeitsbereich?" Er hatte nur seinen Oberkörper gedreht, eine ganze Drehung erforderte zuviel Kraft. Der Anzug verschob sich leicht und die lose Dichtung öffnete sich etwas. Etwa drei Zentimeter darüber rann langsam ein Tropfen, durchsichtig wie kondensiertes Wasser, am Anzug herab.

"Ich weiß nicht, ich habe eben eine Bestandsaufnahme gemacht und dieses Röhrchen im Kühlschrank gefunden, es lag ganz hinten." Der Labortechniker deutete auf einen benachbarten Schrank.

Raines überlegte kurz und nickte dann: "Der gehörte früher auch zum Projekt!"

"Dann wurde die Kultur vielleicht vergessen!" erleichtert sah der Techniker Raines an.

Der antwortete nicht, sondern zog einen tiefen Schluck Sauerstoff und drehte sich wieder um. Für ihn war das Thema erledigt, die Probe war unwichtig, es gab ja noch eine.

***

"Die Menschen sind wahnsinnig, Samantha!" Sie prustete lauthals los. Sie schmiß sich aufs Bett und schloß die Augen. Uuh, er war wütend, sehr wütend. Sie versuchte sich vorzustellen, wie es sich anfühlte zu glauben, daß der wichtigste Mensch in seinem Leben verschwunden war. Als Bilder von Dr. Alan und Kyle hochstiegen, verbannte sie die jedoch sofort und wandte sich anderen Gedanken zu. Sie hatte es mit voller Absicht nicht den anderen erzählt, auf diese Art und Weise handelten sie alle authentischer, und die Wahrscheinlichkeit war höher, daß das Centre keinen Verdacht schöpfte. Zu dieser Zeit verdächtig für das Centre zu sein, war nicht nur für einen tödlich, es war für sie alle fatal.

Sie seufzte, und als sie seine Gegenwart bemerkte, sagte sie leise: "Du weißt ganz genau, weshalb ich das getan habe. Sie waren geschockt und nicht informiert, sie haben gehandelt, wie sie unter solchen Umständen gehandelt hätten. Und niemand weiß, was sie vorhaben. Es tut mir leid, Jarod. Aber ich bin fest davon überzeugt, daß es das richtige war."

Jarod setzte sich neben sie aufs Bett, langsam ließ er sich ebenfalls fallen und schloß die Augen: "Es war grausam, du hättest es mir sagen können!"

"Und du hättest es natürlich nicht Parker gesagt, nicht wahr?" Der zynische Kommentar kam leise aber deutlich, "Oh, du hättest es nicht ertragen, der Anblick einer zerstörten Parker, du wärst zu ihr geeilt und hättest es ihr ins Ohr geflüstert. Und zwar noch bevor sie ins Centre gegangen wäre!"

"Wieso hast du es gemacht, die Videobänder zeigen keine Gesichter, man hätte ihn nicht erkannt!"

"Wolltest du wirklich dieses Risiko eingehen? Ich habe die Erfahrung gemacht, daß das Centre mehr Augen hat, als selbst Angelo jemals aufspüren könnte und außerdem waren da noch die Laboranten, die uns gesehen haben.. Das Risiko war zu hoch, und Sydney ist mit Angelo außer Gefahr, sie sind in Kanada und helfen dem Major."

Jarod blickte zu ihr: "Sydney ist bei meinen Eltern?"

Sie verzog ihr Gesicht zu einem Grinsen: "Keine Angst, er erzählt sicherlich nur Gutes von seinem Adoptivsohn!"

Für eine kurze Weile war es ruhig, schließlich regte sich Jarod wieder: "Es wird ihn freuen, Jay wiederzusehen."

"Aye, er ist ein ziemlich guter Lehrer für die Kinder. Sie werden ausgebildet, so daß sie ihre Gabe vernünftig einsetzen können. So sind der Major und deine Mutter wenigstens ein wenig entlastet."

Nach einer weiteren Schweigeminute setzte sich Jarod schließlich auf und setzte ein anderes Gesicht auf, das Gesicht eines Pretenders, der eine Aufgabe zu lösen hatte: "Also, was hast du erfahren?"

Sam holte noch einmal tief Luft und legte sich dann auf den Bauch. Sie beobachtete Jarod, wie er sich an den Tisch setzte und ein rotes Notizbuch öffnete. Sie deutete auf ein gelbes, das ebenfalls auf dem Tisch lag.

"Also gut, Samuel Barkins ist der Leiter des Teams, er ist für Public Relations und Verwaltungskram zuständig. Er ist bodenständig und wettet gern. Er und Billy Waymen scheinen Freunde zu sein. Billy Waymen ist Lieutenant bei der Army; er und noch 6 weitere bewachen diesen Gebäudekomplex. Billy ist ein Aufreißertyp, sieht gut aus. Er trinkt gerne und spielt Poker in seiner Freizeit. Seine Ausgaben sind beträchtlich höher als seine monatlichen Einnahmen, also gehe ich stark von einem Nebenverdienst aus."

Sie machte eine Pause. Jarod nickte und schrieb sich kurze Notizen auf. Er hatte auch das gelbe Notizbuch aufgeschlagen und las sich Passagen darin durch: "Verbindungen zum Centre?"

"Billy Waymen ist ein Kandidat, aber ich glaube nicht, daß er einer der Hauptleute ist. Ich vermute, es ist Doktor Evalin Costa. Sie arbeitet an einem Armeeprojekt und untersucht einen Virus der Klasse 12. Ich hatte noch keine Gelegenheit, mir eine Probe anzusehen, aber nach dem Krankheitsbild, das Dean mir beschrieben hat, könnte es unser Skorpion sein! Sie ist ziemlich verschlossen, eigenbrötlerisch. Ich hab sie mehrmals mit Billy reden sehen, und ihre Telefonrechnung hat einige höchst interessante Telefonate zum Vorschein gebracht."

"Blue Cove?"

"Nicht direkt, eher in Richtung Afrika!" Sie betonte Afrika besonders stark und sah ihn abwartend an.

"Direkt mit dem Triumvirat?" Jarod sah sie fast ungläubig an.

"Bingo. Zudem hat sie zusätzliche Einnahmen regelmäßig jeden Monat. Ich hab mir ihre Personalakte angesehen, sie hat mal in Delaware gelebt, offiziell hat sie da schon zur FEMA gehört, aber sie hat anscheinend 10 Monate Urlaub bekommen, schau dir mal das Datum an!"

"Der gleiche Zeitraum wie für die 3. Testreihe im Projekt Scorpio." Jarod überflog die Kopien der Akte und nickte leicht, "Was ist mit diesem Julian Dean?"

Sam kicherte albern: "Dean ist sein Vorname. Er ist witzig und clever! Er arbeitet an einem anderen Teil des Projektes: er sucht ein Mittel, um auch während der Eklipse einen Virus nachweisen zu können. Er beschäftigt sich mit nichts anderem, er ist besessen davon. Eigentlich müßte er ein eigenständiges Labor bekommen, weil er überhaupt nicht mit Dr. Costa zusammenarbeitet, aber das ist der FEMA zu kostspielig. Praktisch erforscht sie das Virus, und er entwickelt das Gegenmittel. Sein Lebensstil ist eigentlich keiner: er gibt nur Geld für Wohnung und Essen aus, er ist 10 Stunden pro Tag oder länger im Labor. Keine Nebeneinnahmen, keine privaten Kontakte, nichts. Soweit ich derzeit weiß."

**

Bobby sah nachdenklich aus dem Fenster. Er saß in dem großen schwarzen Sessel in seinem Büro. Vor sich sah er eine schlafende Sam, wie in der Nacht an Angelos Bett. Wie konnte sie ihm nur so vertrauen, nach all den Dingen die er, die Lyle in den letzten Jahrzehnten getan hatte?

Die Tür zu seinem Büro öffnete sich. Michael, der Sweeper, kam herein, mit einem Stapel Blätter in seinen Händen. Er räusperte sich leise und wartete dann geduldig.

Bobby kam mit seinen Gedanken zurück in die Realität und drehte sich seufzend um. "Was ist?"

"Der Bericht, den Sie angefordert haben, Sir." Michael reichte ihn ihm und wartete wieder im angemessenem Abstand vom Schreibtisch auf weitere Befehle.

Bobby überflog die Zeilen: "So. Sie fliegt nach Afrika in die Ferien. Direkt zum Triumvirat, wie nett." Er bleckte sich die Zähne. Dann grinste er selbstgefällig. "Für wann ist der Flug geplant?"

"Morgen früh um sieben Uhr. Mr. Parker wird nicht mitfliegen. Das Flugzeug wurde vom Triumvirat geschickt, es kommt in 10 Stunden hier an." Michael sagte dies in einem monotonen Ton, wie eine Nachricht über das Wetter. Seine Ruhe täuschte; er erkannte die Ausmaße dieser Information: Brigitte hatte in wenigen Tagen ihren Geburtstermin, das war ein offenes Geheimnis im Centre. Wenn sie kurz vorher nach Afrika flog, dann würde sie wohl ohne Kind zurückkehren, wenn sie denn zurückkam.

Bobby betrachtete seinen Sweeper aufmerksam: "Sie wissen, was es bedeutet, nicht wahr?" Er rümpfte kalkulierend die Nase. In seinem Kopf raste es. Es blieb nicht mehr viel Zeit, nicht genügend, um sich allein um Brigitte zu kümmern und die Dinge zu erledigen, die notwendig waren.

"Kann ich gehen, Sir, oder brauchen Sie mich noch?" Michael wechselte unauffällig das Gewicht von einem zum anderen Fuß. Ihm war der abschätzende Blick von Mr. Lyle aufgefallen.

Bobby konnte es nicht alleine schaffen, das wußte er. Vertrauen ist eine eigenartige Sache, sie fällt so verdammt schwer und überhaupt, die Wahrscheinlichkeit betrogen zu werden, war so hoch. Lyle hatte nie irgendwelches Vertrauen zu jemanden aufgebaut, Bobby nur zu Samantha. Er holte tief Luft. "Michael, tun Sie mir einen Gefallen?"

Der Sweeper zögerte nur kurz. Bis vor kurzem waren die Machtverhältnisse im Centre ganz klar und deutlich geregelt gewesen, aber vieles hatte sich geändert. Nur eins war ziemlich sicher, trotz der Veränderung von Mr. Lyle; er gehörte wieder zu der Seite, die hohe Gewinnerchancen hatten. Und im Centre hat man nur eine Chance zu überleben: mit Gewinnern. Er nickte leicht.

***

Miss Parker gähnte laut. Sie war müde. Sie hatte Hunger, und sie wollte etwas. Dieses Gefühl, etwas unbedingt haben oder tun zu wollen, hatte sie den ganzen Tag über nicht losgelassen. Es ging ihr wieder besser, jetzt, wo sie wußte, daß Sydney lebte und sogar mehr als alle anderen in Sicherheit war. Aber nun hatte sie das Problem, diese Erleichterung nicht nach außen hin durchscheinen zu lassen. Und so hatte sie das gesamte Personal umhergescheucht, mit sinnlosen Aufträgen, Wutanfällen und anderen Nettigkeiten. Es fiel ihr nicht sehr schwer.

Aber dennoch, dieses Gefühl der Dringlichkeit, der Wunsch, von dem sie nicht wußte, was es war, wuchs und ließ sich nicht vertreiben. Voller Wut griff sie ihre Kaffeetasse und schleuderte sie an die Wand.

Die Tasse zersplitterte in Hunderte Teile, die klirrend auf den gefliesten Boden fielen, als die Tür auf ging. "Verdammt noch mal, ist es denn zuviel verlangt, einmal anzuklopfen!" schrie Parker genervt auf.

"Engelchen!"

"Nenn mich nicht Engelchen, ich bin nicht in der Stimmung, um geengelchent zu werden, Vater!" Sie spuckte das Wort nur so aus.

Ihr Vater stand einen Meter von der Tür entfernt und runzelte die Stirn. Er hatte schon von der schlechten Laune seiner Tochter gehört, aber dieser Tonfall gegenüber ihrem Vater war völlig unangemessen. "Angel, du solltest wirklich nicht so mit deinem Vater sprechen!" Die Eifersucht regte sich in ihm, der Tod von Sydney nahm sie so schwer mit wie der Tod der Mutter. Aber Sydney Green war nicht ihr Vater, das war er!

Miss Parker setzte sich wieder in den Sessel und holte tief Luft, leise zählte sie bis zehn und schloß die Augen. "Entschuldige! Was kann ich für dich tun, Daddy?" Sie haßte es, ihn so zu nennen, es fiel ihr immer schwerer, aber er durfte keinen Verdacht schöpfen. Back to normal, Parker, unterdrück deine Gefühle, sei ein guter Diener deines Vaters.

"Das ist schon besser! Ich brauche den neuesten Stand über Jarod, jetzt, wo Sydney tot ist, gibt es Faktoren, die eine Gefangennahme erschweren könnten, ich möchte einen Bericht davon haben!"

"Der Bericht liegt seit gestern auf deinem Tisch!" Sie blickte ihren Vater eisig an und deutete schließlich ein Lächeln an. Mr. Parker sah es und stakte davon.

Da geht er von dannen, der Schneekönig, und du warst sein Kai, der mit Eisstücken gespielt hatte. Doch wieder einmal ist die tapfere kleine Gerda gekommen und hat das Herz des verzauberten Kais zum Schmelzen gebracht, mit einem Beinahe-Kuß, mit Mitternachtstelefonaten, mit einem riesigen, karierten Taschentuch.

>Du wirst doch wohl nicht zynisch werden, Parker.<

>Tommy - du störst gerade.<

>Ich wollte mich nur verabschieden.<

>Verabschieden?<

>Den Rest des Weges schaffst du auch allein.<

>Welchen Weg?.<

>Hinein in den Raum, den du nie wieder betreten hast, seit deine Mutter starb.<

>Aber ich war doch schon wieder darin, mit dir!<

>Nein, nicht in diesen Raum, ich meine den Raum, der Leben heißt, für den Raum hab ich nur die Mauer eingerissen und eine Tür eingesetzt.<

Parker lachte schaudernd auf:> Ich werde nie ein normales Leben führen, Tommy. Es würde nicht gutgehen, ich würde nur eine riesige Klippe hinunterfallen und einsam sterben.<

>Du wirst es nicht alleine tun; Jarod begleitet dich, er wird dich nicht fallen lassen.<

Parker hielt kurz den Atem an, sie lauschte, doch Tommys Stimme war weg. >Bastard< dachte sie, es war so typisch für Tommy, sie zurückzulassen, wo sie nachdenken mußte, sich nicht wehren konnte gegen ihre eigenen Gedanken.

Sie schloß wieder die Augen und stellte sich Tommy vor, doch alles, was ihr in den Sinn kam, war die Szene in ihrem Haus von heute morgen. Seine Augen, braun und dunkel, so voller Wärme. Sie kannte die Symptome, sie mußte es sich eingestehen. Wäre Jarod ein Mitstudent an der Uni gewesen, sie würde es sofort erkannt haben. Doch so hatte es eine Weile gedauert. 5 Jahre, 30 Jahre. Sie war verliebt. Verliebt in den Mann, den sie jagen sollte, den sie hassen sollte. Sie war verliebt in diese verdammte Laborratte. Sie schüttelte ihren Kopf und begann zu lachen, laut zu lachen, bis ihr der Bauch weh tat. Sie liebte Jarod, was für eine Situation. Sie lachte so laut, bis sie keine Luft mehr bekam.

***

"Ich bin müde!" Jack ließ sich schwer auf sein Bett fallen, "Ich bin geschafft, ich kann nicht glauben, daß es schon so spät ist!"

Kay gähnte nur als Antwort und legte sich neben ihrem Bruder aufs Bett.

Jay setzte sich auf sein Bett: "Aber es hat Spaß gemacht!"

"Ja, ja, sag doch schon, du hast es gleich gesagt, du hattest recht, wir unrecht. Es tut uns leid!" murmelte Kay.

Jack grinste und stupste sie mit dem Ellenbogen. Sie protestierte nur schwach. "Dieser Sydney ist echt cool, die Sim hat viel mehr Spaß gemacht als sonst. Es war langweilig, weil Mum eigentlich nie Zeit hatte, an einer Simulation mal mehr als 10 Minuten mitzumachen!"

Jay grinste: "Ja, und wie er Kays Berechnungsfehler entdeckt hat!"

"Das war kein Fehler, ich hatte mich nur kurzzeitig nicht konzentriert, aber in dem Moment, als es mir eingefallen war..." Kay war wieder hellwach.

Jack prustete: "Nun gib's doch schon zu, du hast dich verrechnet!"

"Hab ich nicht!"

"Hast du doch!"

"Hab ich nicht!"

Das laute Geschrei aus dem Kinderzimmer hörte man bis hinunter in die Küche. Margaret und Emily bereiteten das morgige Mittagessen vor.

Sydney betrat die Küche, er holte sich ein wenig Kaffee und wollte dann wieder in seine Stube verschwinden.

"Bleiben Sie doch, Sydney! Leisten Sie uns Gesellschaft!" Marge knetete gerade einen Teig, während Emily Äpfel schälte.

Sydney zögerte, er fühlte sich wie ein Eindringling in eine fremde Familie, er hatte am wenigsten das Recht, hier zu sein. Schließlich setzte er sich doch an den großen Küchentisch. Fragend sah er auf den Teig, den Margaret zubereitete.

"Morgen wird es Apfelstrudel geben. Ich hab Sie beobachtet, Sydney. Sie kommen mit den Kindern wirklich wunderbar aus."

Sydney fühlte wieder einen Stich im Herzen. Es machte ihm soviel Spaß, diese begabten Kinder zu unterrichten. Diese Freude hatte Jarod dazu verdammt, 30 Jahre gefangen zu sein.

"Der Major ist wirklich erleichtert, daß Sie hier sind. Er sagte, er hätte es keine Woche mehr mit den Kindern ausgehalten. Wir sind auch erst eine Woche hier, aber die drei sind nahezu unheimlich. Als sie heute mit den dreien gearbeitet haben, schienen sie zum ersten Mal wirklich beschäftigt zu sein." Margaret lächelte, die konzentrierten Gesichter, die Zufriedenheit, wenn eine schwere Aufgabe gelöst wurde - so ruhig waren die drei wirklich nicht einen Tag gewesen.

Emily grinste: "Oh ja, es war schrecklich, ständig löchern sie einen mit Fragen oder Rätseln, ich komme mir so minderbemittelt vor. Vorgestern habe ich den dreien zugesehen, wie sie alle totenstill waren, und nur das Geklapper der Tastatur war zu hören. Das ging über 3 Stunden so und plötzlich hatte Jack einen fürchterlichen Wutanfall; ich weiß immer noch nicht wieso."

"Sie sind natürlich begabte Pretender, sie sind überdurchschnittlich begabt und deshalb schnell gelangweilt. Sie brauchen eine Richtung und meistens auch jemanden, der sie zwingt, an einem Thema bis zum Schluß festzuhalten", erklärte Sydney.

"Es war eine gute Idee, Sie hierher zu holen", bekräftigte Marge mit fester Stimme. "Sie waren meinem Sohn ein guter Mentor und Ersatzvater, und Sie sind die beste Wahl als Lehrer für die Kinder!"

Sydney blickte verlegen in seinen Kaffee und sagte nichts.

***

"Was?"

"Ihr müßt euch diesen Ton abgewöhnen, das ist ja schrecklich!"

Bobby war gerade einen Gang entlang gerannt und blieb abrupt stehen. "Sam!"

"Wie sie leibt und lebt, hast du mich vermißt?" Er konnte ein leichtes Grinsen in der Frage hören.

"Sollte ich das?"

Für eine Sekunde war Ruhe; schließlich kam die Antwort: "Ja, ich denke, du solltest. Sehr sogar. Also, hast du mich vermißt?"

"Vielleicht ein bißchen." Es fiel ihm schwer zu lügen, aber diese Neckerei fiel ihm noch viel schwerer - Dinge anzudeuten, die ihm ernst waren, doch von ihr nur als Scherz aufgenommen wurden.

"Nur ein bißchen. Aha." Sams Stimme kühlte sich um zwei Grade ab, "Weshalb ich eigentlich anrufe. Wir werden wohl nur noch ein, zwei Tage brauchen. Jetzt wo Jarod hier ist, werden wir noch schneller fertig werden. Was macht die Jagd?"

"Wir kriegen euch schon noch, keine Angst. Wir sind voll im Plan. Fühlt euch also nicht zu sicher!"

"Na, das will ich doch auch hoffen, keine Flucht macht Spaß, wenn der Jäger schläft." Damit legte sie auf.

***

"Ein bißchen vielleicht - verdammt, wie kann er es wagen! Ein bißchen. Ach, seit wann kümmert es mich, was Psycho über mich denkt!" Sam war wütend, sie knallte das Telefon auf den Tisch und fuhr sich wild durch die Haare.

Aber es ärgerte sie, es ärgerte sie sogar sehr. Er vermißte sie nicht. Es war gemein, eine Frechheit. Sie vermißte ihn auch nicht, nicht eine Sekunde. Wer vermißt schon so einen! Er war viel zu .. viel zu... Na, er war halt nicht der richtige. Was interessierte es sie schon, was er machte. Kein bißchen interessierte sie das.

"Du bist ein Idiot, Bobby Parker. Ein doofer, bescheuerter Idiot!"

***

Raines schloß die Tür hinter sich. Langsam und unter den üblichen Schmerzen zog er seinen Anzug aus. Dieser Tag war ein erfolgreicher Tag: der alte Parker hatte an Ansehen beim Triumvirat verloren, Miss Parker wurde mißtrauisch bewacht, Lyle war unter seiner Kontrolle, und Angelo würde niemals wieder seine Pläne durchkreuzen.

Er nahm einen tiefen Zug Sauerstoff und sah in den kleinen Badezimmerspiegel. Er grinste sich zufrieden an. Langsam schlurfte er ins Schlafzimmer und zog sich seine Hose aus. An seiner rechten Wade war eine kleine Errötung zu sehen, der Schlauch hatte die Haut ein wenig aufgescheuert, als er den Laboranzug anhatte, das würde morgen wieder verschwunden sein.

Zufrieden knüpfte er sich seinen Pyjama zu und legte sich in sein Bett. Endlich wendeten sich die Dinge zu seinen Gunsten. Diesmal konnte eigentlich nichts mehr schiefgehen.

TBC


Teil 21 war sehr schwer,
die Muse mag mich wohl nicht mehr,
die Arbeit, Faulheit und noch mehr,
kamen beim Schreiben mir verquer,
doch fertig ist das gute Stück
ich euch heute nun beglück.
Ein letzter Teil nun noch erscheint,
ein Abschluß, wo alles sich vereint,
die Liebe, Rache und mit Glück,
ein Toter noch, dann ist es aus das Stück!

*MUSI, es reicht! Laß mich, nein ich schreibe nicht noch einen Reim, bitte Musi, bitte nicht *

Feedback haben wir sehr gern,
drum schreibt uns bald aus nah und fern...

*nun zufrieden?, prima, ganz toll!*




Diese Antwort meiner Betafee war zu genial um sie zu löschen, also :

Das hast du wirklich gut geschrieben,
doch wo ist bloß der Rest geblieben?
Das kann ja wohl nicht alles sein -
Wenn doch, dann sag ich: "Wie gemein!"
Ich könnte ewig weiterlesen,
doch das ist es leider schon gewesen.
Mir hat es großen Spaß gemacht,
ich habe oft und laut gelacht.
Nun wart ich auf den nächsten Teil
Und weiß, der wird auch wieder superg...ut! ;D

Die Betafee bedankt sich sehr
Und wünscht sich nächstes Mal bloß mehr!!!

*So, Musi, das muß dir jetzt für die nächsten Wochen reichen, ich weigere mich, auch nur noch einen Reim... Wie bitte?! Boykott?? DAS wagst du nicht...*
Teil 22 by Dara
Titel: Die Vergessene Akte
Autor: Dara
Rating: PG-13
Disclaimer: das übliche
E-Mail: dara_immortalis@yahoo.de
Kurzfassung: Ein neuer,alter Spieler betritt die "Kampfarena" und das Centre muß Federn lassen...
Anmerkung: Hallo, ich bin's wieder, der letzte Teil von Vergessene Akte soll das hier werden, mal sehen, ob ich ein Ende finden kann.
Zur Erinnerung: Lyle nennt sich inzwischen wieder Bobby, natürlich ist er für die Leute im Centre noch Lyle, also bitte nicht durcheinander kommen.
Ein großer Dank an Britta, meine Beta : DU bist die BESTE! Ich werde dir noch hoffentlich viele Stories schicken können, auch nach VA. Nur deinetwegen ist aus einer kleinen Idee und einem Kapitel eine 22-teilige Miniserie geworden. Du Nervensäge, unverbesserliche Verlängerungsfee, Muse, Drängelheini, Betafee, Erklärbär .. ohne dich hätte ich schon längst aufgegeben. *Grins und ganz doll drück*
Natürlich auch ein Dank an die Feedbacker, die mir treu gewesen sind, geduldig auf Nachschub gewartet haben. Hiermit noch eine Entwarnung: nur weil VA abgeschlossen wird, heißt das nicht, daß ich keine Pretenderstories mehr schreiben werde.


Die Vergessene Akte

Teil 22

Der Hustenanfall weckte ihn ungewöhnlich früh. Aufgrund der alten und neueren Verbrennungsnarben und der Schädigungen an seiner Lunge war er die Atemnot und den trockenen Rachen gewöhnt, doch für gewöhnlich konnte er bis 6 Uhr morgens durchschlafen.

Schwerfällig tastete er sich zum Lichtschalter. Das aufflammende Licht blendete ihn, und er kniff wütend seine Augen zu. Wieder kam der trockene Hustenreiz. Eilig richtete er den Schlauch für die Sauerstoffzufuhr an seiner Nase zurecht und zog gierig nach Luft.

**

"In many moments I've been told,
you should grow up,
come on - get old. I don't know why they say so.
I like it this way, I tell you.
It helps to find the truth to live,
To find the way that life's not stiff."


Sam trommelte leise eine Melodie auf die Tischplatte und nickte mit dem Kopf im Takt. Die Worte kamen leise, aber waren hörbar. Sie stand auf und tanzte mit geschlossenen Augen durch ihr Zimmer.

Sie hörte nicht, wie es leise klopfte und jemand eintrat. Sie war voll und ganz auf sich und ihr Lied fixiert. Sie stellte sich vor, mit jemandem zu tanzen, die Wärme des Tanzpartners zu spüren und ließ ihre Gedanken zu einem Ort schweifen, wo sie schon lange nicht mehr gewesen war, im Centre ihrer Jugend, verboten, unheimlich, unheimlich aufregend, und an ihrer Seite war Bobby, ihr Beschützer, ihr Freund. Sie mußte grinsen beim Gedanken daran.

"Ein Penny für Ihre Gedanken!"

Sam fuhr erschrocken herum: "Mr. Waymen, Sie haben mich erschreckt." Sie eilte zum Tisch, um sich ihre Brille aufzusetzen und versuchte, sich auf ihre Simulation zu konzentrieren. Sie sah auf den Fußboden und zog die Brille unnötigerweise mit einem Nasenrunzeln zurecht, "Wie kommen Sie hierher?"

"Ich habe mir von Samuel die Personalakte ausgeliehen und wollte Ihnen was bringen." Der braungebrannte Lieutenant hatte sein gewinnendstes Lächeln aufgesetzt und reichte ihr eine Schachtel Bonbons. Er mußte sich langsam aber sicher daran machen, das Herz der Neuen zu brechen, ansonsten würde er ziemlich viel an Samuel Barkins zahlen müssen.

"Oh danke", hauchte Sam etwas widerwillig dahin und nahm mit zitternden Händen die Schachtel in Empfang. Das, was Billy als gutes Zeichen auffaßte, war ein Lachanfall, den sich Sam verkneifen mußte.

"Außerdem wollte ich Sie zum Essen ausführen, wenn Sie nicht schon was anderes vorhaben."

"Ich weiß nicht, ich kenne Sie doch gar nicht!" wandte sie ein.

"Eben deshalb sollten wir uns besser kennenlernen. Und bei einem Essen kann man sich hervorragend kennenlernen." Billy war von seiner Ausstrahlung überzeugt, noch nie hatte eine Frau ihn abgewiesen und auch dieses Mauerblümchen würde ihm seine Statistik nicht durcheinanderbringen, dessen war er sich sicher.

"Oh..." - eine kleine Kunstpause gestattete sich Sam noch - "gut dann, dann werd ich mich mal umziehen, warten Sie hier bitte?" Sie deutete zögernd auf den einzigen Sessel in ihrem möblierten Zimmer. Als sie sich davon überzeugt hatte, daß er sich hinsetzte und nicht rumschnüffelte, eilte sie ins Bad, um sich umzuziehen.

*

Es klingelte. Billy Waymen sah sich um, von wo das aufdringliche Klingeln kam. Schließlich machte er ein altes Telefon unter einem gelben Notizbuch aus. Als Samantha keine Anstalten machte, aus dem Bad zu kommen, nahm er den Hörer ab.

"Hallo?"

"Hallo, hab ich mich verwählt?"

Billy verdrehte die Augen; eine Männerstimme, ungefähr sein Alter, vielleicht auch jünger. Wahrscheinlich hatte er sich wirklich verwählt. " Dies ist der Anschluß von Samantha Jackson."

"Und wer sind Sie?"

"Bill Waymen, ein Kollege. Und mit wem spreche ich?"

"Ein Freund von Samantha, kann ich sie sprechen?"

Der Mann am anderen Ende der Leitung bekam einen fordernden Ton, der Billy nicht gefiel. Er mußte doch mal klarstellen, daß er in der besseren Position war. "Sie ist grad im Bad und macht sich frisch. Wir werden gleich Essen gehen. Soll ich ihr eine Nachricht hinterlassen?"

"Das ist nicht nötig, ich werde später noch einmal anrufen." Billy wollte noch etwas erwidern, so etwas in der Art von "Dann versuchen Sie es am besten morgen früh noch einmal, wenn ich mit ihr fertig bin", doch der andere Mann hatte schon aufgelegt.

Samantha kam aus dem Bad und knüpfte sich die Ärmel ihrer weißen Bluse zu: "War was?" Sie sah auf seine Hand, wo er noch immer gedankenverloren das gelbe Notizbuch hielt.

"Nur ein Anruf von einem Freund, aber er hat wieder aufgelegt." Billy hütete sich zu sagen, daß der Unbekannte wieder anrufen wollte.

"Wirklich? Hmm, na ja, dann war es wohl nicht so wichtig! Wohin wollen wir denn zum Abendessen?" Sie klimperte zweimal mit ihren Augenwimpern und sah ihn mit weit aufgerissenen Augen durch die Brillengläser an. Sie trat auf ihn zu, nahm ihm das Buch aus der Hand und legte es betont gleichgültig beiseite.

***

Nachdenklich starrte Bobby auf das Telefon. Er hatte Sams Einschätzung der Situation bereits gelesen, seine Schwester hatte ihm eine Kopie der Aufzeichnungen Jarods gegeben. Bill Waymen, Weiberheld, hatte mit jeder Frau der Einrichtung mindestens einen One-night-stand.

Wie weit würde Sam gehen, um ihr Ziel zu erreichen? Er schüttelte den Kopf und versuchte, sich zu konzentrieren, die Eifersucht hatte ihm weder als Lyle noch als Bobby viel Glück gebracht. Er mußte sich von der Illusion befreien, daß er Chancen bei Sam hatte. Dem war nicht so, er war einfach nicht gut genug.

Er zwang sich, auf das Blatt vor ihm zu sehen. Langsam formten sich die Buchstaben zu zusammenhängenden Worten und schließlich zu Sätzen. Ungläubig las er das Memo noch einmal. Konzentriert las er Zeile für Zeile, seine Lippen bewegten sich lautlos mit und sein Grinsen wuchs. Hatte er vorher verkrampft nach vorn gebeugt gesessen, mit einer Hand auf dem Telefon, so lehnte er sich jetzt entspannt nach hinten und verschränkte die Hände hinter seinem Kopf. Ein lautes, kehliges Lachen füllte den Raum.

***

Jarod lag mit offenen Augen im Bett und ging die nächsten "Spielzüge" durch. Noch immer war er sich nicht sicher, wie sie das Projekt und das Centre stoppen konnten, ohne Parker, Broots oder Sydney auch zu belasten. Er hatte schon mehrere Szenarien durchgespielt, doch es lief immer auf das Gleiche hinaus. Entweder er belastete und klagte nur einzelne Projekte an, wobei das Centre jederzeit auf die Fehler von einzelnen Mitarbeitern verweisen konnte und somit vor der generellen Vernichtung geschützt war oder aber Miss Parker und die anderen würden ebenso wie das Centre untergehen. Seit Jahren hatte er seine Rache verschoben, eben weil ihm die Konsequenzen zu drastisch schienen. Anklage wegen Mord, versuchtem Mord, Kidnapping, Freiheitsberaubung, Diebstahl, Behinderung der Justiz, Beihilfe zu kriminellen Handlungen... die Liste der möglichen Anklagepunkte war lang und in einigen Fällen sogar tödlich. Nein, sie mußten langsam und Mitarbeiter für Mitarbeiter sabotieren. Stück für Stück das Centre auseinandernehmen. Ein langer Kampf für so ein einfaches Ziel.

Er lächelte leicht, aber diesmal würde er es tun. Jetzt, wo er sich sicher war, seine Familie nicht zu verlieren, daß Parker auf seiner Seite war. Es tat so gut, sie neben sich zu wissen, mit ihr zu arbeiten. Parkers blaue Augen kamen ihm in den Sinn, die Situation in Parkers Haus vor seiner Abreise. Sie hätten sich geküßt, beinahe hätten sie es getan. Gegenseitig geküßt, einer den anderen und umgekehrt. Ein weiteres Mal bedauerte er die plötzliche Ankunft von Broots. Warum kam bloß immer wieder etwas dazwischen, wenn sie sich küssen wollten? Er seufzte frustriert auf.

Er konzentrierte sich wieder auf seine Aufgabe. Wenn er einen Weg finden würde, seine Freunde zu retten. Es gab noch die Möglichkeit, die Existenz der sechs zu löschen. Das Centre tat es regelmäßig, wer wußte schon noch von Fenigor? Wer von Kyle. Vertuschung und Schuldzuweisungen waren üblich, und es wurde Zeit, das Centre mit seinen eigenen Mitteln zurechtzuweisen. Er mußte zurück nach Blue Cove.

***

Sie warf ihren Kopf nach hinten und lachte. Der Witz war alt und schlecht erzählt, Sam konnte sich nicht wirklich amüsieren. Billy Waymen war einen Hauch zu selbstsicher, einen Hauch zu bestimmend. Er hatte für sie bestellt, er redete die meiste Zeit über sein Lieblingsthema - sich selbst. Sam war sich nicht sicher, aber die Episode im Vietnamkrieg mit der "kleinen Knuddelmaus" hatte sie schon 2- oder 3mal gehört diesen Abend. Außer Sport und Frauen war aus diesem Mann nichts herauszuholen. Sam unterdrückte ein Gähnen und deutete statt dessen einen schüchternen Augenaufschlag an. Dieser Mann war redselig, vielleicht konnte sie ja doch ein paar Informationen aus ihm hervorholen.

Ein Handy klingelte, "Love and marriage" - wie pathetisch. "Waymen hier?" Sogar bei einem Telefonat schien er sich in Pose zu schmeißen, oder tat er das wegen ihr? Sam seufzte innerlich und lehnte sich nach vorne, sie riß ihre Augen etwas auf und sah ihn direkt an.

"Ja, sie ist bei mir. Wir kommen sofort!" Waymen schnappte sein Handy zu und schnipste ungeduldig mit den Fingern. "Ober, zahlen, aber dalli, wir haben's eilig!" Er wandte sich zu Sam und lächelte entschuldigend, "Das war Eva, wir haben einen Notfall."

"Oh, dann werde ich mir ein Taxi nach Hause nehmen." Sam wickelte ihren dicken Zopf um ihren Finger.

"Nein, Eva hat um deine Hilfe gebeten. Ein sehr wichtiger Kunde hat sich mit einem gefährlichen Virus angesteckt und anscheinend ist das Antiserum verschwunden." Waymen legte ein paar Dollarscheine auf das Tablett, das der Kellner gerade brachte, ohne sich die Rechnung darauf näher anzusehen. "Stimmt so!" Er faßte Sam unterm Arm und schob sie drängend zum Ausgang.

Sams Gedanken rasten, sie adjustierte die Simulation und fragte: "Was für ein Kunde ist es denn, arbeitet die FEMA nicht mit der Regierung zusammen?" Waymen öffnete ihr die Beifahrertür und sie stieg in sein Auto.

"Ja, natürlich ist die Regierung unser Auftragsgeber, eigentlich ist es auch mehr ein Kollege Evalins, der uns bereits mehrmals unterstützt hat in unserer Forschung."

"Und der hat sich ein Virus eingefangen?" Sam versuchte die Informationen zusammenzubringen, was war passiert? "Welche Stufe denn, und wo genau hat er sich infiziert? Man muß sofort eine Quarantäne veranlassen, wenn er an einem..."

"Doktor Raines hat sich selbst unter Quarantäne gestellt, als er von seiner Infektion gehört hat. Er arbeitet für ein privates Institut, das von der FEMA beauftragt wurde. Er arbeitet mit Eva an einem Projekt außerhalb der FEMA, weil die technischen Bedingungen des Institutes einfach besser sind."

Sam sah aus dem Fenster zu den vorbeifliegenden Schaufenstern. Sie preßte ihre Hand gegen ihren Mund und schluckte den aufkommenden Lachanfall hinunter. Sie versuchte, ihren Puls durch eine Atemtechnik wieder zu beruhigen. Raines - infiziert? Das mußte sie den anderen sagen. Darauf mußte doch angestoßen werden.

Billy Waymen blickte skeptisch neben sich. Seine Begleiterin war plötzlich so still, war es richtig, ihr von dem Projekt zu erzählen? Der Abend war ein voller Erfolg gewesen, sie hatte ihm von den Lippen abgelesen und den ersten Knopf ihrer Bluse geöffnet. Eindeutige Zeichen. Warum nur mußte der Anruf dazwischenkommen? "Alles in Ordnung? Aufgeregt wegen deinem ersten echten Einsatz?"

"Was?" Sam sah entgeistert zu ihm und versuchte, die gehörten Worte zu einem sinnvollen Satz zu bringen. Sie hatte gerötete Wangen und ihre Augen waren rot, weil ihr beinahe vor Lachen Tränen gekommen waren; Sam hatte keine Bedenken deswegen, Billy Waymen würde beides als Schwäche für ihn oder Angst vor dem "unbekannten Virus" einschätzen. "Oh, ja. Ich muß gestehen, ich bin nervös. Bisher habe ich nur Forschung betrieben, jetzt muß ich mit Dr. Costas Hilfe ein Menschenleben retten. Das ist so eine große Verantwortung."

Billy tätschelte beruhigend ihr Knie: "Das schaffst du schon, Mädchen!" Wie zufällig ließ er seine Hand auf ihrem Knie liegen.

***

"Aber das Warum haben wir immer noch nicht geklärt." Sydney stand mit dem Rücken zur Tür und sah auf die drei Kinder vor ihm, die es sich auf dem Fußboden bequem gemacht hatten. Jay saß im Schneidersitz vor einem Stapel Papiere und sah sie sich nachdenklich an. Kay hatte sich auf den Bauch gelegt und stützte sich ihren Kopf mit einer Hand ab, sie kaute an einem Kaugummi. Jay tippte eifrig etwas in seinen Laptop und murmelte etwas leise in sich hinein.

"Wie bitte?" Sydney trat einen Schritt zu Jay. Der setzte sich zurecht und bedeutete ihm, noch eine Sekunde zu warten.

"Vielleicht wollen sie zweimal absahnen?" Kay zauberte eine Kaugummiblase und ließ sie laut zerplatzen. Jay nickte und hob den Zeigefinger, doch noch immer schlug er auf die Tasten des Notebooks und sagte nichts.

"Du meinst, sie lassen sich die Anschläge durch den Terroristen bezahlen und entwickeln mit dem Geld den Virus. Das haben wir doch schon..."

"Nein, ich meine: sie lassen sich bezahlen durch `Bin total durchgeknallt und zerbombe die USA' und vereinbaren dafür ein Treffen mit ihm. Sie arbeiten mit einem der Geheimdienste zusammen, vielleicht. `Bin völlig ahnungslos' kommt zum Treffen und zwei Tage später kommt die Erfolgsmeldung: "Staatsfeind Nr. eins unschädlich gemacht.. blabla"."

Jay nickte: " Das Geld des Terroristen behält das Centre selber und finanziert sich damit das Projekt Orion..."

Jack fiel ein und beendete für Jay: "Und damit sichern sie sich die Macht hier in den USA, sie besitzen ein gefährliches Virus UND das Gegenmittel. Ihr Einfluß auf die FEMA ist sehr hoch und zu geeigneter Zeit könnte das Virus ausbrechen..."

"... der nationale Notstand würde ausgerufen und die FEMA die Staatsgewalt übernehmen..." Kay kaute geräuschvoll.

"... womit das Centre die Macht des Präsidenten vorrübergehend aussetzen könnte." Jay sah zu Sydney.

Der alte Mann nickte und ließ sich langsam auf den Boden nieder: "Und das wiederum hört sich sehr nach dem Centre an. Das ist unglaublich."

***

Michael betrat das Büro seines Chefs leise und schloß bedächtig die Tür hinter sich. Lyle saß mit dem Rücken zu ihm und sah regungslos aus dem Fenster. Sein Schreibtisch war ein Chaos aus verschiedenen Papieren, der Monitor seines Fernsehers zeigte farbige Spiralen, die sich kontinuierlich um sich selbst wanden. Michael räusperte sich leise und stellte sich abwartend an den Schreibtisch.

"Michael?" Lyle gab seinen Blick auf, drehte sich zu seinem Sweeper und sah diesen fragend an.

"Es ist soweit, Sir."

Mr. Lyle nickte ruhig und blickte suchend auf seinen Schreibtisch. Schließlich fand er, was er gesucht hatte. Er zog ein Blatt hervor, stand auf und reichte es Michael. Auf dem Weg zur Tür sagte er: "Könnten Sie das bitte meiner Schwester oder ihrem Sweeper zukommen lassen? Danke."

Michael drehte das Blatt in seiner Hand und nickte. Lyle schloß sein Büro zu und ging mit ruhigem, sicheren Gang nach links. Miss Parkers Büro lag zur rechten. Michael machte sich auf den Weg.

**

Sie hörte zuerst ein Rascheln im Hintergrund. Ihr erster Gedanke galt Angelo, doch dann fiel ihr wieder ein, daß er gegangen war. Nach Kanada mit Sydney zu den anderen. Parker fragte sich für eine Sekunde, ob dort auch Platz für sie wäre, sie und Sydney und Jarod, Sam, die Kinder... Sie mußte grinsen beim Gedanken an das letzte Telefonat mit dem Mädchen namens Kay.

"Was grinst du so?" die tiefe Stimme jagte ihr eine Gänsehaut über den Rücken.

Sie drehte sich um. "Jarod, solltest du nicht in Washington sein? Wozu planen wir eigentlich alles, wenn ihr Laborratten doch macht, was ihr wollt!" zischte sie verhalten, ihr waren die möglichen Überwachungskameras so bewußt wie schon seit Jahren nicht mehr.

"Oh, ich hab sie schon fast vermißt", antwortete Jarod verschmitzt, "aber auch nur beinahe."

"Wen?" fragte Parker irritiert und musterte Jarod. Er hatte wieder eines seiner schwarzen T-Shirts an und sie roch, wie sich sein Geruch im Raum ausbreitete. Es bedurfte ihrer gesamten Kraft, um nicht die Augen zu schließen und tief zu inhalieren. Warum nur hatte dieser Mann diese Wirkung auf sie?

"Die Ice Queen!" Er war auf sie zugegangen und hatte ihr ins Ohr geflüstert.

Sie folgte jeder seiner Bewegungen, und ihr Blick heftete sich an seinen Augen. Sie wollte gerade etwas erwidern, als es leise, doch bestimmt klopfte. Jarod glitt schnell in die schattige Ecke des Büros zurück. Als Parker sich sicher war, daß er gut versteckt war, antwortete sie mit so fester Stimme, wie es ihr möglich war: "Ja bitte?"

Michael trat ein: "Miss Parker, ich soll Ihnen dies von Mr. Lyle geben."

"Wo ist er gerade?" fragte sie abwesend und studierte den Ausdruck einer Mail.

"Er ist in einem Meeting", antwortete Michael geflissentlich, doch Parker hörte ihm nicht zu.

Plötzlich brach Parker in schallendes Gelächter aus. Sie hatte die Mail ein zweites Mal mit gerunzelter Stirn gelesen und sich an die Kante ihres Schreibtisches gelehnt. "Das ist genial!" Sie schüttelte amüsiert den Kopf und prustete.

"Madam?" Michael hatte schon bei Mr. Lyle den erheiterten Gesichtsausdruck bemerkt, ihn jedoch nicht mit dem Memo in Zusammenhang gebracht. Natürlich hatte er die Notiz nicht gelesen, Wissen konnte tödlich sein im Centre, und Mr. Lyle schien gerade Michaels Diskretion zu mögen.

"Das ist einfach zu köstlich!" Parker schüttelte sich vor Lachen, " Raines... Raines, er hat sich... Oh mein Gott, was für ein göttlicher Tag. Raines hat sich mit dem gleichen Virus angesteckt, mit dem er Angelo infiziert hatte. Aber jetzt kommt's..." Parker holte tief Luft und unterdrückte ein Kichern. Sie stützte sich mit einer Hand auf dem Schreibtisch auf und hielt in der anderen Hand den Ausdruck und wedelte ihn hin und her. "Es gibt kein Gegenmittel in ausreichenden Mengen mehr!" Sie wischte sich eine Träne aus den Augenwinkeln und ging fast wankend zu ihrem Sessel. Sie ließ sich schwerfällig in den Sessel fallen und holte Schwung. Übermütig drehte sie sich im Kreis. Der Stuhl kam nach zwei Runden zum Stehen, und Parker legte lässig ihre nackten Füße auf den Tisch. "Darauf hab ich schon seit Jahren gewartet, ich werde ihn wohl in seiner kleinen Zelle besuchen und ihm durch das dicke Panzerglas zuwinken, das wäre doch nett, oder?" Sie sah grinsend zu dem jungen Sweeper.

Michaels Gesicht zuckte kurz, doch er unterdrückte das aufkommende Grinsen: "Wenn Sie mich nicht mehr brauchen?"

Parker schüttelte den Kopf und deutete mit einem Handwedeln zur Tür: "Nein, nein, gehen Sie nur, ich schaff das schon alleine." Sie prustete wieder, "Das wäre doch eigentlich eine gute Gelegenheit, um mal wieder eine Zigarette zu rauchen...", murmelte sie und griff zu einer braunen Schachtel auf ihrem Schreibtisch. Sie hatte gar nicht bemerkt, wie Michael den Raum verlassen hatte und sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte.

"Aber Parker, diese Angewohnheit wollen wir doch nicht wieder aufkommen lassen!" sagte Jarod bestimmt. Er war hinter der Tür hervorgetreten und legte seine Hand auf die Schachtel.

Parker schürzte kurz die Lippen: "Ach, du bist der Schmerz in meinem Allerwertesten, du verdirbst mir meinen Spaß! Jarod, hast du nicht gehört, er ist infiziert, er hat Fieber, es tut ihm alles weh, und es gibt keinen Impfstoff!" sie blinkerte mit ihren Augen und rieb sich mit dem linken Fuß am Schienbein.

"Parker, du solltest wirklich nicht so sitzen, wenn du so einen kurzen Rock anhast!" räusperte sich Jarod. Er wich ihrem fragenden Blick aus und nahm statt dessen das Memo in die Hände. Er blickte fest auf das Blatt in seiner Hand und mied die Richtung, wo er ihre Beine langgestreckt vor sich sah.

Parker runzelte nur kurz die Stirn und als sie seine Unsicherheit bemerkte, grinste sie noch mehr. Betont langsam rekelte sie sich und nahm ihre Füße vom Tisch. Sie schlüpfte wieder in ihre Pumps und stand auf. Sie ging um den Tisch herum, so daß sie hinter Jarod stand und über seine Schulter auf das Blatt sehen konnte: "Siehst du, da steht es. Er braucht das Gegenmittel, sie geben ihm noch ganze 12 schmerzhafte Stunden!" Sie hatte unbewußt eine Hand auf seinen Rücken gelegt. Jetzt spürte sie mit einemmal seine Nähe und plötzlich kam es ihr in den Sinn: "Warum bist du eigentlich hier?"

"Ich muß in den Technikraum", murmelte Jarod abwesend, er versuchte noch immer, zwischen den Worten eine Falle zu entdecken. Schließlich verstand er es, Raines war krank, sterbenskrank, er würde die nächsten 12, nein 11 1/2 Stunden nicht überleben. Ein breites Grinsen machte sich auf seinem Gesicht breit.

"Was willst du im Technikraum?" bohrte Parker weiter.

"Ich wollte die Datenbank fälschen, und das geht nur von innen heraus. Außerdem muß ich noch in Raines Büro und in das deines Vaters auch."

"Raines dürfte kein Problem sein, der kommt so schnell nicht wieder in dieses Sublevel. Aber bei meinem Vater brauchst du Hilfe, ich komm mit!"

Er sah sie an: "Nein, das ist zu gefährlich!"

"Oh, das ist zu gefährlich. Wer sagt das? Hast du überhaupt was zu sagen, Laborratte? Ich komm mit und damit basta. Wo gehen wir zuerst hin?" Sie hatte ihre Arme in die Hüften gestemmt und sah ihn herausfordernd an.

Nach einer Sekunde nickte er schließlich und gemeinsam krabbelten sie in den Belüftungsschacht.

***

Die beiden Gestalten traten in die dunkle Nacht hinaus, sie achteten nicht auf die hinter ihnen zufallende Tür. Die kleinere Gestalt schien etwas vor sich her zu tragen, erst von dichtem konnte man die junge, schwangere Frau erkennen, die nur schwer den Schritten ihres Begleiters folgen konnte. Der dicke Bauch behinderte sie. Doch der Mann kümmerte sich nicht darum. Er hatte sie umfaßt und zog sie förmlich in Richtung des Hubschraubers. Er trug eine kleine Tasche bei sich.

Das Hubschrauberdeck des Centres war leer, der Pilot der einzigen Maschine hatte bereits im Cockpit die Maschinen eingeschaltet und checkte gerade die einzelnen Instrumententafeln.

"Motumbo wird mich über deine Ankunft informieren und über den Hergang des Projektes." Der Mann trat in das leichte Licht des Hubschrauberinnenraumes. Seine weißen Haare und der Schnurbart schienen zu leuchten. Unachtsam warf Mister Parker die Tasche in den Hubschrauber und schob entschlossen seine Frau, Brigitte, hinterher.

"Sie werden doch die OP vorbereiten, oder?" Die Stimme der Frau schwankte unsicher. "Ich habe meinen Part der Abmachung erfüllt. Sie werden doch einen Kaiserschnitt durchführen und mich operieren?" Die langjährige Arbeit mit dem Centre war nicht umsonst gewesen, im allgemeinen würde Brigitte nicht viel auf die Versprechen des Centres geben, doch es ging hier um ihr Leben, und sie klammerte sich irrational an die Hoffnung, daß das Centre sein Wort halten würde. Bei einer normalen Geburt würde sie sofort an Blutverlust sterben, doch sie hatten die Simulation gemacht, sie hatten ihr gezeigt, wie man die Operation durchführen würde. Soviel Aufwand hätte sich das Centre sicher nicht gemacht, wenn sie sie einfach sterben lassen würden, sie war loyal, sie war ein guter Killer, sie war zu wichtig. Mit aller Macht drängte die ehemalige Cleanerin ihre Zweifel fort.

Mister Parker verzog nicht eine Miene, er mahlte wie üblich mit seinen Kiefern und trommelte ungeduldig mit den Fingern gegen die offenstehende Hubschraubertür. "Natürlich ist alles vorbereitet. Wenn das Projekt beendet ist, wirst du wieder zu deinem alten Job zurückkehren. In Afrika sind die besten Ärzte versammelt, um dir zu helfen."

Mit einem Schaudern kam es Brigitte in den Sinn, daß Mister Parker den gleichen Ausdruck hatte, wenn er mit seiner Tochter sprach und sie davon überzeugen wollte, daß er nie irgend etwas gewußt hatte und daß seine Weste blütenweiß war. Seine Kiefer mahlten immer, wenn er log. Sie starrte in das desinteressierte Gesicht ihres Gatten. Es war nur ein Projekt, und sie mußte es zu Ende bringen, um zu überleben. Sie nickte und setzte sich tiefer in den Sitz. Sie lehnte sich zurück und vermied weitere Blicke zum alten Parker. Dieser schloß die Tür und bedeutete dem Piloten zu starten. Brigitte schloß müde die Augen.

***

"Ich bin zu alt dafür!" schimpfte Parker und robbte hinter einem nicht müde werdenden Jarod hinterher. "Und überhaupt, waren die Schächte nicht mal größer?"

Als keine Antwort von vorne kam, schlug sie wütend gegen seinen Rücken, den Jarod ihr nun schon - wie es schien - stundenlang zuwendete. "Wie lange ist es eigentlich noch? Können wir nicht einfach die Treppen nehmen?" grummelte sie wütend.

Sie war so in ihrer Wut eingetaucht, daß sie nicht bemerkte, daß Jarod angehalten hatte. Sie krabbelte blind in ihn hinein. "Aua!" Sie hielt sich den Kopf . "Was is´n los?" fragte sie neugierig im Flüsterton.

Jarod seufzte kurz: "Ich wußte gar nicht, daß du jemals soviel geredet hast, Parker!" Er reichte ihr ein Gitter und deutete durch eine Lüftungsöffnung. "Hier gehen wir raus", flüsterte er. Er ließ sich langsam runtergleiten.

Parker schaute fasziniert auf das Muskelspiel, das sich unter dem schwarzen Muskelshirt abzeichnete. Sie schluckte schwer und schüttelte ihren Kopf. Wo waren die 15 Jahre Ice Queen geblieben, wann genau hatte sie ihre Schutzmechanismen so weit runtergelassen, um sich so ablenken zu lassen? Sie fühlte sich mehr denn je wie die junge Internatsschülerin, die sich nach Hause sehnte, weil dort der Junge ihrer Träume in einer dunklen Zelle auf sie wartete.

"Kommst du?" flüsterte Jarod. Parker nickte und kletterte erleichtert aus dem Lüftungsschacht. Jarod umfaßte ihre Hüften und hob sie herunter. Parker bekam eine Gänsehaut und hielt den Atem an.

"Du solltest wirklich mehr essen, du bist leicht wie eine Feder." Jarod schüttelte den Kopf und während Parker ihre Kleidung und ihre Haare richtete, sah er sich vorsichtig um. "Der Gang ist leer, wir müssen hier lang." Er faßte ihre Hand und zog sie hinter sich her. Parker wollte protestieren, doch sie überlegte es sich anders. Sie akzeptierte den leichten Druck seiner Hand an ihrem Armgelenk und grinste.

"Ich will aber nicht zum Friseur, Papi!" Jarod war erst irritiert, als er die Mädchenstimme hinter sich hörte, dann fiel ihm Parker ein. Er sah nach hinten: "Was?"

Parker deutete grinsend zu ihrem Armgelenk, das er noch immer festhielt: "Ich kann auch alleine gehen!" Jarod ließ sie los wie eine heiße Kartoffel, er hatte gar nicht gemerkt, daß er sie hinter sich hergezogen hatte.

"Natürlich." Er räusperte sich. Wenn Parker nur nicht so grinsen würde. Er sah ihr hinterher, wie sie mit hocherhobenem Kopf an ihm vorbeischritt. Er zögerte kurz. "Kommst du?" Parker blickte nicht zurück, sondern bog in einen weiteren dunklen Gang ein. Langsam setzte sich Jarod wieder in Bewegung.

***

"Boah, das müßt ihr euch ansehen! Das ist echt cool!" Jack rannte in die Küche, wo sich alle versammelt hatten. Sydney hob fragend die Augenbrauen, und Kay stopfte sich gerade die 3. Apfeltasche in den Mund, die Margaret gebacken hatte. "Wasch ischn?" mampfte sie mit vollem Mund. Angelo tippte ihr auf eine dick geblähte Wange und kicherte.

"Das MÜSST ihr euch selbst ansehen, es lohnt sich wirklich!" Jack winkte ungeduldig und scheuchte alle in Richtung Keller.

***

"SL 5, wir sind gleich da!" sagte Parker und eilte auf einen Lichtschein am Ende des Ganges zu. Der Teil, wo sie gerade waren, war unbeleuchtet, und es gab keine Versteckmöglichkeiten. Keine Abbiegungen, keine Türen, wo man unbemerkt verschwinden konnte. Plötzlich konnten sie zwei Gestalten auf sich zukommen sehen. Jarod sah sich suchend nach einem Ausweg um. Die beiden Techniker kamen näher.

Parker ging so dicht an die Wand gepreßt wie möglich, doch sie wußte, diese beiden Techniker würden sie sehen und erkennen. So eine ähnliche Situation war in einer Szene in einem Film vorgekommen, den sie vor einiger Zeit mit Debbie gesehen hatte. Kurz entschlossen zog sie Jarod näher an sich ran und lehnte sich an die Wand. Sie griff seinen Kopf und zog ihn an sich, bis sich ihre Münder berührten.

Jarod war vollkommen auf die entgegenkommenden Männer fixiert und hatte Parkers Bewegungen kaum wahrgenommen. Als sie ihn zu sich zog, versteifte er sich unwillkürlich und blickte unsicher zu den Technikern. Doch sie zwang ihn, sich ihr zuzudrehen. Und dann küßte sie ihn. Zuerst wußte er nicht, was sie vorhatte. Doch als ihre Münder sich trafen, sah er ihr erstaunt in die Augen. Es war dunkel, sie lehnten im Schatten der Wände und so konnte er nichts sehen. Seine Sinne waren auf die Ohren und auf den Tastsinn beschränkt. Und so hörte er die näherkommenden Schritte unnatürlich laut und spürte Parkers Nähe deutlicher. Er roch ihr Parfüm und spürte ihren Atem in seinem Gesicht. Und er spürte ihre weichen Lippen auf den seinen.

Parker war sich nicht sicher, ob Jarod sie nicht von sich stoßen würde. Er hatte sich versteift und kaum bewegt. Im Film war es irgendwie romantischer gewesen, da hatte die Frau sofort reagiert und sich seufzend dem Kuß ergeben, wer war noch mal der Hauptdarsteller gewesen, Brad Pitt? Tom Cruise? Egal, sie erinnerte sich nicht mehr und der, den sie hier küssen wollte, war ein nicht reagierender Jarod. Sie seufzte leise und lehnte ihren Kopf leicht zurück. Es wäre zu schön gewesen. Verboten schön.

Jarod spürte, wie Parker sich wieder von ihm trennen wollte. Er hielt sie fest und drückte sie etwas fester gegen die Wand. Wenn sie schon dieses Spiel spielen wollte, sollte es sich wenigstens lohnen. Er öffnete seinen Mund leicht und küßte sie herausfordernd zurück.

Parker lächelte leicht und erwiderte den Kuß. Als sie seine Zunge in ihrem Mund spürte, erzitterte sie. Sie standen in dem dunklen Gang im Centre, zwei Techniker gingen nur einen Meter an ihnen vorbei, und sie küßte die Laborratte. Sie hatte ein weiteres Tabu gebrochen, und es schmeckte süß. Ihr Atem ging schneller. Sie klammerte sich in seinen Haaren fest und drückte ihn gegen sich.

"Hey, laßt euch bloß nicht erwischen!" Die Techniker gingen langsam an ihnen vorbei. Neugierig sahen sie zu den sich küssenden und lachten. "Ihr müßt echt verrückt sein, wenn ihr das hier im Centre macht!" meinte der eine kopfschüttelnd. Jarod hob seine Hand, die er eigentlich um Parker gelegt hatte. Parker protestierte knurrend und legte die Hand bestimmt wieder auf ihren Rücken.

Die beiden Männer lachten stärker: "Die kann wohl nicht genug kriegen, was?" Sie gingen weiter. Parker hatte keinen Blick für die beiden übrig, sondern konzentrierte sich nur auf den Kuß. Als die beiden Männer wieder etwas weiter weg waren, konnte sie jedoch hören: "Das würd ich gern mal mit der Ice Queen machen!"

"Die? Die würde dir ne Kugel zwischen die Augen verpassen, noch bevor du auch nur Kuß sagen kannst. Und wer will schon so einen Eisblock küssen?"

***

Sie hatte es aufgegeben zu schlafen, sie war nervöser, als sie es sich eingestehen wollte. Wäre alles nach ihren Plänen gegangen, wäre sie die Lieblingscleanerin von Lyle geworden, er hätte vom alten Parker den Thron übernommen und gemeinsam würden sie im Centre regieren. Der Anschlag kam dazwischen. Sich nicht erwischen zu lassen, war Gesetz im Centre. Und jetzt war sie statt dessen auf dem Weg nach Afrika, um ein Kind zu gebären. Sie hatte niemals mit Kindern geplant, auf diese Bälger konnte sie verzichten. Aber jetzt war da ein Kind in ihrem Bauch, noch nicht einmal ihr Kind, sondern ein Experiment. Sie freute sich schon darauf, ihren Körper für sich zu haben, d.h. natürlich wenn sie die Geburt überlebte. Wenn das Centre die Versprechen einhielt und sie retten würde. Brigitte zitterte ungewollt.

Plötzlich jaulte der Hubschrauber auf und ihr war es, als wenn sie sich nicht mehr vorwärts, sondern abwärts bewegten. Sie mußte doch zwischenzeitlich geschlafen haben, wenn sie schon beim Flugplatz waren und das trotz der katastrophalen Flugkenntnisse des Piloten. Ständig ruckelte er und mußte seine Flugbahn anpassen, er hatte keine Ahnung, wie sich das auf ihr Befinden aufwirkte. Brigitte würgte leicht.

Sanft kam der Hubschrauber zum Stehen. Widerwillig öffnete sie ihre Augen und blickte hinaus in die dunkle Nacht. Sie sah genauer hin und erkannte, daß etwas nicht richtig war. Sie waren auf keinem Flugplatz, keine Flugzeuge weit und breit. Nur Bäume. "Sie Idiot, wo sind wir denn jetzt? Funken Sie an meinen Mann, daß man uns zum Flugzeug bringt!" fauchte sie wütend.

Der Pilot reagierte nicht, er stellte die Maschinen ab und nahm in aller Ruhe seinen Helm ab. Das machte sie noch wütender. Ihr kam der Verdacht, daß dies der Verrat war, vor dem sie sich so gefürchtet hatte. Hysterisch suchte sie in ihrer Tasche nach ihrer Waffe. "Das werdet ihr nicht, ihr kriegt das Balg, aber ich werde nicht..."

"Halt die Klappe, Bridshit. Wir werden unsere kleine Reise im Auto fortführen." Der Pilot hatte sich umgedreht und eine Pistole auf sie gerichtet. Sie sah auf den Lauf und schluckte, ihre Hände glitten aus ihrer Tasche. Es war keine Waffe darin, sie hatte sie selbst eingepackt, jemand - Daddy Parker - hatte sie wieder ausgepackt. Damit sie es sich nicht anders überlegen konnte vermutlich. Brigitte sammelte ihren letzten Rest Mut und blickte dem Piloten trotzig in die Augen.

"Lyle?"

***

"Dieser Trottel soll mir noch mal unter die Augen kommen. Ich hätte ihm am besten sofort alle Knochen brechen sollen. Nein, nein, ich weiß, ich werde ihm die Zunge und dem anderen das beste Teil wegschießen. Ja, das klingt gut, das klingt gut." Parker pilgerte hin und her, noch immer brütete sie wütend über die Kommentare der ahnungslosen Techniker und dachte sich wilde Bestrafungen aus.
"'Und wer will schon einen Eisblock küssen!'" wieder holte sie zynisch die Worte des Technikers, "Was für ein ... ein ... Sackgesicht!"

Jarod lachte leise in sich hinein. Er saß an Broots üblichem Platz und hackte sich in den Mainframe ein. Parkers Hin- und Hergelaufe störte ihn. Schließlich schnappte er sich ihren Arm, als sie wieder an ihm vorbei ging, und zog sie zu sich. Er drückte sie auf seinen Schoß und küßte sie heftig. "Überhaupt nicht kalt, nur ein bißchen viel in Bewegung!" murmelte er schließlich und ließ sie wieder los. Parker sah ihn für eine Sekunde sprachlos an. Sie machte den Mund auf, um etwas zu sagen, doch besann sich anders. Sie blieb auf seinem Schoß sitzen und sah ihn nur an: "Und, wie weit bist du?"

Jarod versank in ihrem Blick, nur mit Mühe konnte er sich konzentrieren. "Am einfachsten, saubersten und besten wäre eine vollständige Zerstörung des Mainframes hier in Blue Cove. Der Zentralserver muß zerstört werden."

"Aber dann verlieren wir alles!"

"Nicht ganz, Sam hat eine Sicherheitskopie."

"Ah, also war es wirklich Sam!" Jarod warf ihr einen fragenden Blick zu. "Broots hat vor kurzem ein Programm auf dem Server gefunden, das alles zu einem unbekannten Server kopiert, wir hatten uns gefragt, wer der Urheber der Datei war", erklärte sie schnell.

Jarod nickte: "Das Problem ist, wenn wir hier einen Virus einschleusen, dann wird er vielleicht auch zu Sams Daten kopiert, ich kenne ihre Firewall nicht."

"Und wenn wir die da drüben anrufen, ist da keiner, der sich so ein bißchen auskennt?"

Jarod grinste: "Machst du Witze, da sind Jay, Kay und Jack - die drei knacken jeden Code."

Parker war neugierig: "Wie sind die drei so?"

"Jay kennst du ja, und Jack und Kay sind.... hmm, wenn ich es mir richtig überlege, sind sie ein bißchen wie Sam - nur jünger."

"Ich würde sie gerne mal sehen, alle!" meinte Parker nachdenklich.

"Das wird sich schon irgendwie arrangieren lassen", flüsterte Jarod verschmitzt und wählte eine Nummer auf Parkers Handy.

***

Hastig eilten sie durch die weißen Flure des Institutes. Sam war nur einige Schritte hinter Billy. Ihre Schritte hallten in den menschenleeren Fluren. "Wo sind denn die ganzen Wachen und Ärzte geblieben?" keuchte sie.

"Die - haben frei bekommen, uns stehen alle Ressourcen des Instituts zur Verfügung." Billy zögerte ein wenig mit der Antwort. In Wirklichkeit hatten sie einen falschen Alarm ausgelöst und das Gebäude geräumt. In Zusammenarbeit mit dem Centre hielten sie das Gebäude solange unter Quarantäne, bis das Gegenmittel für den verbotenen Virus separiert und in ausreichendem Maße synthetisiert worden war. Doch diese Informationen würden erst später wichtig für die Neue sein. ‚Wollen wir hoffen, daß die Kleine wirklich so gut ist, wie Evalin sagte.' Billy beschleunigte seinen Schritt und eilte der letzten Tür am Gang entgegen.

"Wir sind hier. Was sollen wir tun?" Billy zog die noch zögernde Sam in das Labor und schloß die Tür hinter sich. Dr. Costa war bereits in einem luftdichten Anzug verpackt. Etwas unbeholfen drehte sie sich zu den beiden Ankömmlingen. "Gut, Ms. Jackson - Samantha. Wir haben wirklich ein dringendes Problem und wenn Sie uns helfen, könnten wir es tatsächlich schaffen." Ihre Stimme klang wie aus einem alten Radio. Sam lächelte unverbindlich und nickte leicht.

Sie ging zu einem verbleibenden Anzug und zog sich ebenfalls um. "Wo ist denn Dean, hilft er uns denn nicht?" fragte sie beiläufig, als sie sich von Billy in den Anzug helfen ließ.

Für eine Sekunde trat eine betretene Stille auf, schließlich raffte sich Dr. Costa doch auf und sagte: "Ich habe Dr. Julien nicht erreichen können, er wäre eine große Hilfe gewesen."

Sam verdrehte unauffällig die Augen, natürlich. Sie prüfte ein letztes Mal ihren Anzug. Alle Nähte und Verbindungsstellen waren sorgsam abgedichtet, ihr Atemgerät funktionierte, die Funkverbindung stand. Sam tippte ein paar Nummern in ihr in den Anzug integriertes Funkgerät und wartete eine Sekunde. Schließlich nickte sie zufrieden. "Ich bin fertig, wir können. Erzählen Sie mir etwas über den Virus..."

***

Sie hatten sich alle um den Stuhl in der Mitte des Raumes versammelt. Der Major, Margaret und Jay auf der einen Seite, Angelo stand hinterm Stuhl, und Kay und Jay standen auf der anderen Seite, Sydney stand einen Schritt seitlich und hatte die Arme über seiner Brust verschränkt. Jack saß auf dem Stuhl wie ein König und grinste zufrieden.

"Seid ihr alle bereit?" Er sah aufgeregt von einem zum anderen und wartete auf das zustimmende Nicken. Schließlich drückte er einen Knopf. Alle Monitore auf der gegenüberliegenden Wand zeigten plötzlich dasselbe. Ein weiterer Druck auf die Taste und die 9 Bilder vereinigten sich zu einem großen Bild.

Es war eine typische Centrezelle zu sehen, dunkel und ohne Fenster. In der Mitte des Raumes stand ein Armeebett, auf dem eine einzelne Person saß. Man sah ihr an, daß ihr das Atmen schwer fiel. Am Rand des Bildes konnte man die Tür erkennen, die durch eine große Glaswand ersetzt worden war. Dahinter wuselten drei bis vier in weiße Kittel gekleidete Männer und schrieben eifrig auf kleinen Notizblöcken. Die Gestalt auf dem Bett schien mit den Ärzten zu reden, denn wie auf Kommando drehten alle ihren Kopf zum Fenster.

"Ich kann überhaupt nix hören!" maulte Kay, "Und wer ist das?"

Jack grinste und summte leise vor sich hin. Er zog die Tastatur näher zu sich und drückte ein paar Tasten. Das Bild wurde auf die gekrümmte Gestalt auf dem Bett gezoomt. Jack arbeitete etwas an der Helligkeit und an den Kontrasten und das Bild wurde schärfer. Sydney kniff die Augen zusammen und trat einen Schritt vor. Ungläubig sah er auf den Monitor: "Das ist Raines."

Jack nickte zustimmend und mit einem zufriedenen Unterton sagte er zynisch: "Und es hat den Dreckskerl endlich erwischt!"

***

"Dieses andere Institut, hat es eigentlich eine gute Reputation? Hab ich schon mal davon gehört? Wie heißt es denn?" Sam schaltete die Zentrifuge aus und entnahm vorsichtig ein Reagenzröhrchen.

"Das Centre ist eigentlich nicht wirklich ein Institut in dem Sinne." Evalin wich den Fragen aus. "Es ist mehr eine Versuchsanstalt."

"Staatlich?"

"Nein, es arbeitet gegen Bezahlung. Dafür bezahlt es auch gut, wenn Sie Interesse haben, könnte ich ein gutes Wort für Sie einlegen?" Evalin tropfte ein paar Tropfen einer Flüssigkeit in eine kleine Versuchsreihe.

"Ich bin zur Zeit in der Tat etwas knapp bei Kasse, aber wie kann ein Privatinstitut, das noch nicht einmal für den Staat arbeitet, gute Gehälter bezahlen, ich dachte der Sektor liegt brach?" Sam sah halbherzig auf die Verfärbungen der Lösung in ihren Händen. Sie ließ sich Zeit.
"Ich wußte gar nicht, daß private Institute mit Viren der Stufe 5 experimentieren dürfen, ohne staatliche Aufsicht", dachte sie laut nach.

Dr. Costa sah von ihrer Arbeit auf. Sie überlegte kurz. Sie mußte zugeben, diese junge Frau war sehr hilfreich. Wenn sie sie für das Centre ködern könnte, würde das Projekt sicherlich etwas schneller abgeschlossen werden können. Sie sah sich um. Es war schließlich niemand hier, der etwas hören könnte. Und wenn die Kleine nicht mitspielte, nun ja, Unfälle in der Handhabung mit Viren konnten immer wieder passieren. "Es gibt Ausnahmen!" Sie sah zu Sam. "Sie bekommen viel Geld für Ihre Arbeit, da erwartet Ihr Geldgeber schon einige Gegenleistungen."

"Ich verstehe", sagte Sam.

"Dafür können Sie an allem arbeiten, das Sie interessiert. Keine Vorschriften oder Einschränkungen durch kleine, feige Bürokraten, die keine Ahnung von Wissenschaft und Fortschritt haben..." Evalin schnaufte wütend auf, als sie an ihre Forschung dachte, die durch den Staat beinahe zerstört worden wäre. "Die Beamten in Washington sind doch feige, schwachsinnige Idioten, die nicht über den Tellerrand ihrer Teetasse schauen können."

***

"Wo gehen wir eigentlich hin? Falls du es noch nicht bemerkt hast, ich bin hochschwanger!" Schon seit einer halben Ewigkeit quengelte Brigitte und taperte vor Lyle her. Dieser hatte immer noch seine Waffe auf sie gerichtet. Daß Lyle sie entführt hatte, konnte nur bedeuten, daß er etwas in der Hinterhand hatte. Seit wann wußte er von dem Projekt? Arbeitete er mit Raines zusammen oder gar für Mr. Parker? Wollten sie das Kind dem Triumvirat vorenthalten? Diese Fragen machten sie verrückt, denn egal wie sie es drehte und wendete, sie war entführt worden und das bedeutete, daß sie das Kind auf natürliche Art und Weise auf die Welt bringen würde. Und das hatte ihren Tod zur Folge. Ihre Gedanken rasten und suchten einen Ausweg, sie hatte bisher immer noch einen Ausweg gefunden.

Daß es Lyle war, konnte von Vorteil sein. Sie war ihm gegenüber immer loyal gewesen. Ein, zwei Ausnahmen bestätigten die Regel, doch davon konnte er ja nichts wissen. Und schließlich hatten sie doch eine besondere Beziehung zueinander, er konnte sie doch nicht einfach töten. Brigitte drehte sich suchend zu ihm um.

"Nicht stehenbleiben, wir sind in einer Minute da!" Lyle hob drohend seine Waffe in ihr Gesicht und verzog etwas höhnisch den Mund. Es war dunkel, und Brigitte konnte es nicht sehen.

"Für wen arbeitest du? Was weißt du überhaupt?" Brigitte stolperte über ihren dicken Bauch und fluchte. Sie konnte jetzt im Dunkeln einige Umrisse ausmachen, eine Holzhütte im Wald. Weitab von der Zivilisation, in ihrem Zustand und ohne Auto würde sie nicht fliehen können. Er hatte mal wieder an alles gedacht, er vergaß nie etwas. Brigitte begann zu zittern.

"Ich weiß genug, und die Frage sollte nicht heißen für wen, sondern mit wem ich arbeite." Sie hielten vor der Holzhütte an, und Brigitte sah ihn abwartend an, wenn er doch nur für eine Sekunde die Waffe senken würde!

Doch er tat ihr nicht den Gefallen, statt dessen warf er ihr einen Schlüssel zu und deutete zur Tür: "Aufmachen!"

Sie hatte Schwierigkeiten, das Schlüsselloch zu finden, ihre Hände zitterten zu sehr. Sobald die Tür auf war, eilte sie hinein und suchte nach einer Wärmequelle. Sie zitterte nur zum Teil, weil ihr kalt war, die größte Kälte gepaart mit Angst und einem Hauch von Panik kam von innen und würde wahrscheinlich für den jämmerlich kurzen Rest ihres Lebens in ihr vorherrschen.

"Setz dich auf die Couch und mach die Handschellen daran fest!" Sie sah sich suchend um und bemerkte eine riesige, alte Couch mit einer dicken Patchworkdecke in einer dunkleren Ecke des noch unbeleuchteten Raumes. Erleichtert ließ sie sich nieder und spürte die wohltuende Entlastung ihrer Beine. Sie suchte eine bequeme Haltung.

"Brigitte! Die Handschellen!" Er hatte sie beobachtet, keinen Moment aus den Augen gelassen. Er hatte leise die Tür hinter sich geschlossen, aber war noch nicht einen Schritt von der Tür fortgegangen. Für eine Sekunde starrte sie ihn herausfordernd an, doch dann gab sie nach. Ein leises Klicken war zu hören.

Er kam und prüfte es nach. Sie hatte es gewußt und nicht geblufft, in gewisser Weise war ihr seine Gesellschaft sogar lieber als die Ungewißheit, was mit ihr in Afrika hätte passieren können. Vielleicht noch so eine Schwangerschaft. Oder aber der langsame Tod, oder aber doch die Rettung, zu viele ODER. Hier erwartete sie nur eins und das mit der Sicherheit, die sie perverserweise mehr befriedigte als die kleine Chance in Afrika.

Schließlich hatte er sich überzeugt, daß sie wirklich festgekettet war. Er ging ruhig zum Kamin und begann ein Feuer aufzuschichten. Seine Waffe hatte er auf den Kaminsims gelegt.

"Seit wann weißt du es?" Die übertriebene Stille, das Schweigen verunsicherte sie.

"Daß du schwanger bist? Seit du es mir und Parker freudestrahlend verkündet hast." Sein Ton verriet nichts. Haß? Nein. Zuneigung und Mitleid? Nein. Eifersucht auf seinen Vater. Definitiv nein. Was war es? Was hatte Parker jun. vor?

"Dieses Balg ist meine Lebensversicherung gewesen. Der Anschlag gegen den alten Knaben ist vollkommen aus dem Ruder gelaufen. Ich hasse es, schwanger zu sein. Man ist fett und ständig kriegt man diese Tritte von innen. Man schwitzt und friert von jetzt auf eben." Brigitte verzog das Gesicht vor Abscheu und deutete auf ihren Bauch. Durch das nun flackernde Feuer warfen lange Schatten Hände nach ihr aus. Unwillkürlich schauderte sie.

Sie hatte Lyle schon in mehreren Stimmungen erlebt und diese schweigsame war sicherlich nicht gut. Dieses Schweigen war tödlich. Sie versuchte, ihre Situation mit Reden aufzulockern, vielleicht konnte sie ihm was Interessantes bieten, daß er sie in ein Krankenhaus fahren würde: "Sie hatten schon das Ei befruchtet, schon seit Jahren. Doch seit die Laborratte und der Klon entkommen konnten, brauchten sie einen Nachfolger. Sie hatten sogar mit Zwillingen gerechnet." Sie schnaubte kurz in Erinnerung an Raines langes Gesicht, als er feststellte, daß es doch nur eine Eizelle war und keine weiteren Zelltrennungen erfolgten.

"Zwillinge? Wie kamen sie darauf?" endlich reagierte er, es war noch nichts verloren.

"Ich weiß nicht genau, es ist der Vater von Jarod, der Samenspender und Catherine Parker. Er sollte auch die Veranlagung für Zwillinge haben; Raines erwähnte so etwas." Was würde sie nicht alles für einen Lolli geben. " Dein Vater war sehr aufgeregt über das Baby. Er sagte, es würde eine große Bereicherung für das Centre darstellen. Seine Stellung hat sich jedenfalls seither wieder etwas gefestigt."

"Warum schickt er dich dann zum Triumvirat, wenn das Baby hier doch sicherlich noch wertvoller für ihn wäre."

Brigitte sah ihn an: "Du arbeitest also nicht auf Anweisungen vom alten Parker", stellte sie mit Genugtuung fest. Doch statt eines zerknirschten Lyles sah sie nur ein spitzbübisches Grinsen, das ihr an ihm bisher noch nie aufgefallen war.

"Ich hatte dir schon mal gesagt, daß ich nicht für, sondern mit jemandem arbeite..."

***

Die Tür schloß sich wieder leise hinter ihnen, und sie liefen vorsichtig die nächsten fünf Meter zurück in den etwas sichereren Flurschatten. Es war tief in der Nacht und die meisten Mitarbeiter waren bereits seit Stunden zu Hause. Selbst so ein Unternehmen wie das Centre hatte ruhige, leere Gänge in der Nacht. Von Zeit zu Zeit patrouillierten Wachen hier entlang, doch der nächste Rundgang war noch eine Viertelstunde entfernt.

Nachdem sie sich vergewissert hatten, daß sie unbeobachtet und alleine waren, gingen sie schnellen Schrittes weiter. Mr. Parkers Büro lag verlassen hinter ihnen, und es gab keinen Beweis für ihre Anwesenheit. Parker hatte ihre jahrelange Cleanertätigkeit genutzt, um alle Spuren verschwinden zu lassen. Und Jarod hinterließ erst keine.

Sie waren bereits in Raines Büro gewesen und hatten es gründlich in der kürzestmöglichen Zeit durchsucht. Der kleine Sack auf Jarods Rücken war gefüllt mit möglichen Beweisen und Dokumenten.

Sie kamen an einem dunklen Gang entlang, an dessen hinterem Ende ein dumpfer Lichtschein brannte. Parker zögerte kurz und sah hinein. Sie griff Jarod am Arm. "Warte!" Er sah sie fragend an.

"Laß uns zu ihm gehen. Ich will es mit eigenen Augen sehen!" Sekundenlang sahen sich beide in die Augen. In ihren Augen spiegelte sich Haß und sadistische Freude wieder, gepaart mit Trauer um die verlorenen Geliebten und Mitleid mit sich selbst. Er war unsicher; die Genugtuung, Raines leiden zu sehen, war verlockend, doch die Gefahr potenzierte sich. Ihre Augen bettelte ihn fast an. >Ich will ihn zerstören, er soll leiden!< schienen ihre Augen zu sagen, aber sie hatten auch etwas Fragendes, Unsicheres.
Jarod erkannte, daß es eine gute Möglichkeit war: die Möglichkeit für Parker, mit sich ins Reine zu kommen, ein Gefühl der Rache zu bekommen, ohne Blut an ihren Händen kleben zu haben. Er grinste leicht. Was war schon ein bißchen mehr Gefahr für die Freiheit Parkers?

*

"Warten Sie draußen!" Ihre Stimme war eiskalt, sie hätte damit die Luft im Raum schneiden können. Die Sweeper zögerten nur kurz. Ein Blick in ihre blauen Augen genügte, um eine Entscheidung zu treffen. Sie gehörte zu den Befehlsgebern, ihr Vater war der Kopf des Centres. Mit ihrem Ruf und ihrem Auftreten war klar, daß sie ein heißer Anwärter auf die Thronnachfolge war. Widerspruch könnte unbequem werden. Und so verließen die Sweeper und die Ärzte lautlos den Raum.
Parker grinste selbstgefällig und wartete mit verschränkten Armen, bis alle an ihr vorbeigegangen waren. Bedächtig schloß sie die Tür hinter sich.

Parker trat vor das Panzerglas. Sie klopfte mit ihrem Handrücken kurz gegen die Scheibe. Mit leichter Verwunderung stellte sie fest, daß es aus Hartplastik bestand und nicht aus Glas. Bruchsicher. Ihr kaltes Grinsen wuchs.

Als er das dumpfe Geräusch hörte, blickte er auf. Was er sah, machte ihn nervös. Miss Parker stand auf der anderen Seite der Scheibe, und sämtliche Ärzte und Sweeper waren verschwunden, er war ihr ausgeliefert. Er haßte es, die Kontrolle zu verlieren, er haßte seine jetzige Situation. Der Haß ermöglichte ihm, wie immer eine abfällige Haltung einzunehmen.
"Miss Parker", röchelte er, "was verschafft mir die Ehre?"

"Ich wollte nur mal nachschauen, wie es Butthead so geht." Ihr Grinsen war eine Beleidigung, sie würde ihr selbstgefälliges, anmaßendes Benehmen noch bereuen, wenn diese Phase erst mal ausgestanden war. Diese Frau war einfach nicht lernfähig.

Sie malte mit ihrer Hand ein Herzchen an die Scheibe: "Ich wollte die Gunst der Stunde nutzen, Raines. Ich wollte mich revanchieren für Ihre Fürsorge, für Ihre Beteiligung an den Sternstunden meines Lebens." Wovon redete sie da? Was hatte sie vor? Unwillkürlich beschleunigte sich sein Herzschlag. Er durfte sich nicht aufregen, je schneller sein Herz schlug, desto schneller transportierte es das infizierte Blut durch seinen Körper. An dem kurzen Blick Parkers auf das EKG erkannte er, daß sie genau das vorhatte. Beschleunigung des Blutkreislaufes, Verkürzung der Zeit. Er wäre nicht so alt geworden, wenn er nicht ein paar Tricks auf Lager gehabt hätte, und er kannte die Grundprinzipien des autogenen Atmens. So schnell würde er sich nicht geschlagen geben. Er mußte ruhig bleiben.

"Es ist ziemlich kalt in diesen Räumen, habe ich mir sagen lassen. Sie sehen so aus, als wenn Sie frieren." Parker drehte sich halb um, ohne den Blick von ihm zu nehmen und schien in die Dunkelheit hinter ihr zu lauschen, schließlich nickte sie. "Gleich wird es wärmer."

Fast hätte er sich getäuscht und tatsächlich Sorge aus ihrer Stimme herausgehört. Warm.. wie warm?

"Es muß so kalt sein, damit mein Metabolismus reduziert wird...", keuchte er kraftlos und hustete heftig. Sie strengte ihn an, ihre Anwesenheit war ein einziger Kraftakt für ihn.

Sie zuckte gleichgültig mit den Schultern: "Zu spät, ich hab den Regler schon hochgestellt. Na ja, für ein, zwei Stunden kann es doch ruhig ein bißchen wärmer sein, oder? Ich friere jedenfalls." Wie zum Beweis legte sie ihre Arme um sich und wiegte sich leicht: "Daß Sie meine Mutter erschossen haben, nehme ich Ihnen sogar ein bißchen übel."
Der plötzliche Themenwechsel überraschte ihn. Er hatte sich voll und ganz auf die merklich steigende Temperatur in seiner Zelle konzentriert. Diese Zelle war eigens für seine Experimente entwickelt worden, hermetisch versiegelt mit separater Klimaanlage. Man konnte innerhalb kürzester Zeit die Innentemperatur auf 40 Grad erhitzen oder auf -15 Grad Celsius abkühlen.

"Eigentlich nehme ich Ihnen sehr viel übel, Rainilein." Noch immer wiegte sich Parker hin und her, und sie redete mit ihm in einer Art Singsang. Hätte er noch Haare auf dem Kopf gehabt, würden sie sich jetzt im Nacken aufstellen. Die Luft wurde immer unerträglicher, sie war trocken und warm, er begann zu schwitzen und die Verbrennungsnarben juckten verräterisch. Er schluckte schwer.

Eine weitere Gestalt trat aus dem Dunkel hervor und blieb nur einen Schritt hinter Miss Parker stehen. Die Wärme brannte ihm in den Augen, und er kniff sie zu Schlitzen zusammen, um besser sehen zu können. Er kannte diese Gestalt, dieses Gesicht würde er selbst noch als Blinder erkennen, dessen war er sich sicher.

"Jarod!" röchelte er schwach. Eine Welle von Hitze durchflutete ihn, und die Verbrennungen röteten sich drohend. Die Flecken, die durch das Virus hervorgerufen wurden, breiteten sich sprunghaft aus und bedeckten bereits große Flächen seiner Haut.

Jarod winkte ihm fröhlich zu. Dieses unverschämte Experiment. Parker, fang ihn, er steht hinter dir. Raines deutete auf Jarod, doch Parker sah ihn nur neugierig an. Ja, hat sie ihn denn etwa noch nicht bemerkt.

"Jarod, nehmen Sie ihn fest, bringen Sie ihn zu..." Die Luft wurde ihm knapp. Schwach setzte er sich auf das einzelne Bett im Raum.

"Jarod? Fangen? Aber wieso, er ist doch sogar freiwillig mit mir hier?" Parkers Lächeln hatte sogar ihre Augen erreicht. Er mußte zugeben, sie war schön, und dieses ehrliche Lächeln machte sie noch schöner. Er hatte noch nie so ein Lächeln bei ihr gesehen.

"Übergeben... Sie ... ihn ... den Ärzten, er kann... muß... bei der Entwick...lung des Anti...virus helfen." Raines bekam einen Hustenanfall und erzitterte. Speichel floß aus seinem Mundwinkel, als er ihn abwischte, bemerkte er erste Spuren von Blut. Ihm blieb nicht mehr viel Zeit, maximal 6 Stunden, bei dieser Hitze nur noch 4 oder weniger.

"Oh, das tut mir leid, das kann ich nicht tun." Parker legte den Kopf schief. Jarod trat noch den letzten Schritt an sie heran und legte seine Arme um ihre Taille. Raines sah mit offenem Mund, wie die verhaßte Laborratte seinen Kopf auf ihre Schulter legte und sie ihm zärtlich durch das Haar fuhr.

"Ich hab es immer gewußt!" keuchte er, sein Blutdruck schoß in die Höhe, als er das Bild vor sich analysierte. "Ich habe immer gewußt, daß ihr unter einer Decke steckt!" Er hob seine Stimme und stand mit zitternden Knien auf. Parker hatte ihre Augen theatralisch aufgerissen, und mit gespielter Unschuld deutete sie fragend auf sich.

"Ich hatte deinen Vater gewarnt, du bist nicht loyal!"

"Wen interessiert schon der alte Mann?" fragte sie abfällig und drehte sich in Jarods Armen. Sie drehte ihm den Rücken zu und fuhr genüßlich über Jarods Armmuskulatur.

"Du bist ein Risiko! Du warst schon immer eins! Wir werden ein Tribunal abhalten und dich bestrafen. Du verrätst das Centre! Du bist nicht loyal, das wirst du büßen!" Er war zur Scheibe gegangen und schlug mit der flachen Hand dagegen. Er war den beiden so nah, wäre die Scheibe nicht zwischen ihnen gewesen, er hätte ohne weiteres nach ihnen greifen können.

Parker würdigte ihn keines Blickes, sondern suchte Jarods Augenkontakt. Sie küßten sich mit einem tiefen, scheinbar ewig dauernden Zungenkuß, während Raines hinter der Scheibe schrie. Jarod hob die Hand und stellte den Lautsprecher ab. Nur noch das EKG deutete mit einem schrillen Piepen schnelle, unregelmäßige Herztöne an. Parker ließ sich nicht stören, sie tastete suchend nach dem Kabel und riß es mit einem kräftigen Ruck aus der Steckdose.

Es herrschte Totenstille im Raum, sie konnten ihren Atem hören. Endlich lösten sie sich wieder von einander. Jarod sah sie fragend an: "Du hattest gefragt, ob wir ihn ärgern könnten, aber du hattest nichts von einem Kuß gesagt." Seine Stimme war belegt.

Parker leckte sich die Lippen ab und starrte fast hungrig auf seine: "Das sollten wir aber öfter machen, ich komme langsam in Übung." Sie legte ihren Finger auf seine warmen Lippen. "Ich weiß nicht, warum ich das noch nicht früher probiert habe."

Im Hintergrund war das dumpfe Klopfen gegen die Scheibe zu hören.

***

"Was ist das eigentlich für ein Programm, das da im Hintergrund läuft?" Kay studierte neugierig den kleinen Bildschirm vor Jay. Dieser saß noch immer im großen Sessel und dreht sich übermütig um die eigene Achse.

"Ach, Jarod ist nur im Centre und löscht den gesamten Mainframe mit einem Virus. Das Virus wird in - ähm - ", er sah kurz auf die digitale Countdownanzeige in der linken Ecke des Monitors, "16 Minuten aktiv. Bis dahin kopieren wir noch ein letztes Backup um ganz sicher zu gehen, daß wir auch alles haben."

Sydney zog die Augenbrauen hoch: "Jarod ist im Centre?"

"Ähm ja, müßte eigentlich noch da sein. Er und diese Miss Parker waren vor kurzem jedenfalls noch in Mr. Parkers Büro." Jack zuckte die Schultern und zeigte Kay und Jay die Subroutinen des Virus. Die beiden nickten und liefen schnell aus dem Keller.

"Wo wollen die beiden denn hin?" alarmiert trat der Major einen Schritt auf die Kellertür zu und sah den beiden nach.

"In den Truck, sie wollen von da die Überwachungskameras der Technikerräume überwachen, falls das Virus zu früh gefunden wird, können sie noch rechtzeitig eingreifen." Jack gähnte auffällig. " Ich bin fürchterlich müde, ich sitze schon seit 5 Stunden hier."

Angelo faßte Jack auf die Schulter: "Angelo weitermachen!"

Jack zögerte kurz und sah seinen neugefundenen Onkel prüfend an. Als ein weiteres Gähnen Tränen in seine Augen trieb, stand er schließlich auf und deutete auf den Sessel: "Warum nicht?"

***

Sie hatten eine Weile dagesessen und ins Feuer gestarrt. Brigitte fiel nichts mehr ein, um ein Gespräch aufrechtzuerhalten. Die Stille war längst nicht mehr so unangenehm und bedrohlich, wie sie es anfangs empfunden hatte. Beinahe hatte sie sogar vergessen, weshalb sie hier war.

Beim ersten Mal ignorierte sie das leichte Ziehen in den Seiten noch. Sie schob es auf den Streß, den langen Fußweg, die Nervosität... Sie bewegte sich leicht und versuchte eine entlastende Stellung zu finden. Die Schmerzen ließen auch tatsächlich etwas nach.

Diese Schwangerschaft war eine einzige Strapaze. Brigitte verzog das Gesicht, als der Schmerz wiederkehrte. Sie atmete tief ein. Ein Kaffee oder besser ein Lutscher, was würde sie nicht alles für einen süßen Lutscher geben. Sie befeuchtete ihre Lippen und sah Lyle nach, als er in Richtung Küchenzeile verschwand. Sie seufzte leise und sah wieder ins Feuer. Es würde eine lange Nacht werden.

"Möchtest du was trinken? Tee, Kaffee, Milch?" seine tiefe Stimme klang ruhig und entspannt.

Brigitte runzelte die Stirn, er hatte sich verändert. Das war nicht der Mann ohne Skrupel, kein Mörder. Das war nicht Raines kleiner Zögling, der machtgierige Parker junior. Warum war ihr das nicht vorher aufgefallen? Er hatte sich verändert, seinem Vater würde das gar nicht gefallen. Aber vielleicht brachte sie das in einen Vorteil: "Tee ist gut."

Er werkelte leise in der Küche herum, und sie konnte den Wasserkocher sprudeln hören. Sie hatte sich wieder völlig relaxt und schloß die Augen. Plötzlich kehrte das Ziehen wieder. Diesmal war es schon stärker. Ihr Unterleib schien zusammengepreßt zu werden. Erschrocken krümmte sie sich und schnappte nach Luft.

Lyle hielt ein kleines Tablett in den Händen und sah sie fragend an. "Alles in Ordnung?" Vorsichtig stellte er das Tablett auf den kleinen Couchtisch und sah nachdenklich zum Kaminsims, wo noch immer die Waffe lag.

"Das Baby," Brigitte jammerte ängstlich, Schweißperlen standen auf ihrer Stirn und verkrampft hielt sie ihren Bauch fest. "Es kommt jetzt schon!" Sie schluchzte verzweifelt.
Es durfte nicht kommen, es mußte drin bleiben. Wenn es kam, hier in dieser Hütte, würde sie sterben. Es durfte einfach nicht sein!

"Der Termin ist doch erst nächste Woche, oder?" Lyle sah sie immer noch prüfend an. "Ich warne dich, wenn du hier etwas abziehen willst..." Er ließ den Rest offen.

Brigitte sah ihn mit schmerzerfüllten Augen an: "Bring mich bitte ins Krankenhaus. Lyle bitte, ich muß ins Krankenhaus. Ich sterbe sonst!"

"Kein Krankenhaus!" Lyle schüttelte energisch den Kopf. Er holte einen Schlüssel aus seiner Hosentasche und schloß die Armschellen auf. "Komm mit ins Schlafzimmer!"

Brigitte wimmerte und ließ sich von Lyle hochziehen. "Ein Krankenhaus, ich muß operiert werden, Lyle bitte!" Lyle schleifte sie mehr, als daß sie gingen in das Schlafzimmer. Sie legte sich auf das Bett und als Lyle sie wieder mit den Armschellen ans Bett fesselte, schrie sie wütend: "Lyle, du Bastard. Ich will das Balg nicht. Ich will nicht!" Sie rüttelte mit aller Kraft an den Fesseln.

Lyle stand regungslos am Bett, mit den Händen in der Hosentasche und sah auf sie herunter. "Laß das, du tust dir weh. Und das Balg, das du da kriegst ist mein Bruder oder meine Schwester, paß auf, was du da sagst!"

Sie hörten die Tür im Nebenzimmer aufgehen. Brigitte erstarrte und überlegte, ob sie um Hilfe rufen sollte. Lyle schien sich anfangs auch zu versteifen, doch nach einer Sekunde entspannte er sich wieder. Er ging zur Schlafzimmertür und sah sich nur kurz um: "Dein Arzt ist jetzt da. Schone deine Kräfte, du wirst sie brauchen."

Er ließ sie allein zurück. Sie warf ihren Kopf wütend gegen das Kissen.

***

"Dieses Virus ist synthetisch", stellte Sam nach einem Blick ins Mikroskop fest. "Hat dieser Raines es entwickelt?"

Evalin Costa stellte sich gerade hin und unterdrückte den Drang, sich den Helm vom Anzug zu nehmen und wieder richtig durchzuatmen: "Ich war die leitende Forscherin bei dem Projekt."

Sam sah sie anerkennend an: "Es ist wunderschön. Effizient und schnell. Der kleine, unsichtbare Tod. Ein Meisterwerk."

Dr. Costa streckte sich stolz: "Danke schön."

"Wie viele Versuchsreihen waren nötig, um diese Mutation hervorzubringen?"

"Fünf á 15 Versuchsobjekte."

"Wir können nicht garantieren, daß das Gegenmittel bei Menschen wirkt." Sam trommelte leicht mit ihrer Hand auf den Kühlschrank, an dem sie lehnte.

"Es wirkt, da können Sie sich sicher sein!"

"Sie haben es an Menschen probiert?" Sam hob eine Augenbraue hoch, doch Evalin sah es nicht.

"Natürlich, dafür war es doch gedacht! Es bringt mir nichts, ein Virus für Ratten zu entwickeln, wenn Menschen dagegen immun sind!"

"Ab welcher Versuchsreihe haben Sie an Menschen experimentiert?" Sam schluckte ihren Haß herunter und versuchte, ihre Frage kalt und distanziert klingen zu lassen, so daß Dr. Costa die Frage nur als wissenschaftliches Interesse deuten würde. In der letzten Stunde hatte sie sie schon soweit überzeugen können, um ihre "Pretendgestalt" vorzustellen: Wissenschaftlich interessiert, zerstreut, gedankenlos und ehrgeizig; die ältere Wissenschaftlerin verehrend und auch Unregelmäßigkeiten in Kauf nehmend, um mit dem Lieblingsgebiet der Virologie im Vollkontakt zu sein.

"Ab der dritten." Dr. Costa deutete zum Kühlschrank. "Die Zeit ist abgelaufen, wir können es rausholen!"

Sam nickte und öffnete den Kühlschrank. Vorsichtig holte sie einen Reagenzhalter mit 20 gefüllten Röhrchen heraus. "Wir können mit der Synthetisierung des Gegenmittels anfangen."

***

"Ihr kommt spät." Bobby lehnte sich an den Türrahmen und sah die Neuankömmlinge an. Parker schüttelte sich imaginären Staub vom Mantel und kicherte leicht. Bobby entging nicht, wie sich Jarod versteifte, als er Bobbys Stimme hörte, doch er ignorierte es. Auch die roten Wangen seiner Schwester registrierte er. Er grinste leicht. Sie haben es getan! Er hatte sich schon gewundert, warum es so lange gedauert hatte.

Parker sah ihm in die Augen und als ob sie ahnte, was er dachte, errötete sie noch mehr. Sie holte tief Luft und wedelte sich Luft zu: "Hier ist es aber warm drin!" Bobby lächelte noch immer.

"Was grinst du so dämlich, häh?" Herausfordernd trat sie einen Schritt auf ihn zu. Ohne das Lächeln abzusetzen, deutete er mit einem Kopfnicken zum Schlafzimmer: "Ihre Wehen haben gerade begonnen!"

"Wessen was?" Parker schielte neugierig zur geschlossenen Tür.

"Brigitte. Ihre Wehen haben vor ca. einer Viertelstunde begonnen. Sie schiebt Panik." Bobby ließ sich auf den Sessel fallen. "Und, hast du mein Memo bekommen?"

***

"Sie fragen, wie lange ihr noch braucht. Sie hatten ein kleines technisches Problem mit der Klimaanlage, und sein Zustand hat sich drastisch verschlechtert." Die blecherne Stimme von Billy ertönte im Labor.

"Zwei Stunden, wenn nicht noch länger", meinte Sam ohne hochzublicken.

"Es muß auch noch transportiert werden! Mit dem Hubschrauber brauchen wir mindestens 90 Minuten um hinzukommen. Die Ärzte geben ihm noch maximal 3 Stunden. Ihr müßt schneller sein!"

Evalin nickte leicht: "Wir tun unser bestes."

Ihr entging der kritische Blick Sams. Leise murmelte die: "Na ja, fast jedenfalls."

"Was haben Sie gesagt?"

"Ich sagte, das schaffen wir niemals." Sie ließ einen theatralischen Seufzer entweichen.

"Wir sind gut, und wir sind zu zweit, wir müssen nur noch etwas schneller werden."

***

"Du bist also draußen", stellte er mit ruhiger Stimme fest. Er hatte seine Arme hinterm Kopf verschränkt und sah seine Schwester an.

"Raines hat uns gesehen, vielleicht, wenn man ihn lange genug brüten läßt, kann er nicht mehr reden. Aber sicherheitshalber - ja, ich bin draußen!" Parker hörte dem Klang ihrer Stimme verwundert nach. Sie war draußen, sie war frei. Wirklich frei. Sie hätte gerne noch einmal dem leidenden Raines in die Augen gesehen, oder ihrem Vater ins Gesicht gespuckt. Sie korrigierte sich, sie war nicht frei, sie war jetzt auf der anderen Seite. Sie war jetzt Gejagte, sie war das Wild, wie vorher Jarod das Wild gewesen war. An Jarods Seite. Sie dachte an den Kuß. Kein übler Gedanke eigentlich.

"Heißt das, ich muß euch jetzt beide alleine jagen?" Bobbys Stimme hatte ein trockenes Lachen.

Parker grinste: "Tja, sieht so aus, als wenn du endlich am Ziel deiner Träume wärst."

"Na ja, ich weiß nicht, meine Ziele haben sich in der letzten Zeit stark geändert. Ich glaube nicht, daß das Centre zur Zeit eine große Rolle in meinen Träumen spielt."

In dem Moment war ein wütender Schrei zu hören: "Lyle, du Idiot, ich sterbe hier drinnen! Ich brauche Hilfe!"

Bobby sah Parker grinsend an: "Schwiegermama zeigt sich heute nicht grad von der besten Seite, findest du nicht?" Parker konnte sich ein sadistisches Grinsen auch nicht verkneifen.

"Heute ist ein wundervoller Tag, fast schon zu perfekt!" lachte sie, doch als ein weiteres Stöhnen und Wimmern aus dem Nachbarzimmer kam, seufzte sie dramatisch. Sie nahm in aller Seelenruhe ihre Teetasse und sagte: "Jarod, warst du schon mal Hebamme?" Mit einem fragenden Blick trank sie einen Schluck.

Jarod fuhr sich lachend durchs Haar: "Ihr habt Glück, heute bin ich eine." Er hatte still an der Durchreiche zur Küche gestanden und die beiden Geschwister beobachtet. Er mußte Parker recht geben, dies war nicht der Lyle, der Kyle getötet hatte, nicht der Mann, der ihm das Leben mit besonderem Vergnügen zur Hölle gemacht hatte. Dies war nicht Lyle und jetzt, als er das akzeptiert hatte, konnte er auch mit seiner Präsenz umgehen. ‚Vertrauen ist eine Stärke', hatte Samantha vor kurzem gesagt, ‚sie kann unangebracht sein, aber das Risiko muß man eingehen. Menschen können sich ändern.' Jarod grinste und schlenderte mit den Händen in den Taschen langsam zum Schlafzimmer.

***

"Wie lange noch?"

"Eine Viertelstunde ungefähr, aber wir werden nur genug Serum für einen Patienten haben!" Sam sah durch die Scheibe, die das Labor vom Vorraum trennte. Billy war die letzte Stunde nervös hin- und hergetigert und hatte in kurzen Abständen mit seinem Handy telefoniert.

"Das reicht, es ist ja auch nur einer infiziert." Er winkte ungeduldig ab und drückte auf die Remotetaste.

"Ist dieser Raines ein Freund von ihm? Es geht ihm so nahe." Sam sah Evalin fragend an.

"Ach, der hat nur Angst, Raines hat ihm den Job hier besorgt, und nachdem er schon mal einen Auftrag in Afrika nicht ordnungsgemäß abgeschlossen hatte..."

Sam grinste leicht.

***

"Es piept!" Bobby stand neben seiner Schwester in der Tür mit seinen Händen in den Taschen, er hatte sich locker an den Türpfosten gelehnt und beobachtete die inzwischen hysterisch weinende Brigitte.

"Was? Ach komm, Briddy, sei doch nicht so zimperlich, das Gejaule ist ja nicht auszuhalten!" Parker konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Sie hatte mehr Augen für Jarods Hände, wie sie fachmännisch Brigittes Bauch abtasteten, denn für ihre sich windende Schwiegermutter.

"Bei dir piept es, Sis!" Bobby deutete auf Parkers Hüfte.

"Sag das noch mal... oh, mein Handy!" Sie nahm ihr Telefon aus ihrem Hüftgurt - woanders hätte dieses Telefon auch nicht hingepaßt, dieser Rock war einfach zu eng, um Taschen zu haben, dachte Bobby anerkennend - und flippte es auf. Sie trat ein paar Schritte in den Wohnraum hinein und schirmte so Brigittes Wimmern im Hintergrund etwas ab.

Bobby beobachtete sie interessiert und wechselte seine Position. Langsam setzte er sich wieder auf die Couch und musterte seine Schwester.

"Was?" Parker konnte einfach nicht anders, sie zuckte entschuldigend die Schultern, als Bobby lächelnd mit dem Kopf schüttelte.

"Engelchen, wo bist du, ich versuche schon die ganze Zeit, dich zu erreichen?"

"Daddy!" Überrumpelt rutschte ihr der alte Kosename von den Lippen, ärgerlich biß sie sich auf die Zunge. Nie wieder würde sie den alten Mann so nennen.

"Schatz, wir brauchen dich hier. Raines hatte einen Unfall im Labor. Ich kann deinen Bruder nicht finden, er geht einfach nicht ans Telefon." Mr. Parker hatte die Überraschung seiner Tochter nicht bemerkt. Er redete im üblichen Tonfall mit ihr, ungeduldig wartend, daß sie kam. Sofort auf Abruf für ihn und seine Machtspielchen bereitstand. Sie hatte es so satt.

"Unfall? Raines? Ich dachte, er hat eine Grippe?" Parker versuchte, das Zittern in ihrer Stimme zu unterdrücken. Bobby hob fragend die Augenbraue.

"Er hat einen Infekt, das Triumvirat ist über seine Unpäßlichkeit informiert. Es geht ihm nicht gut, er phantasiert."

Jarod kam herein und deutete mit einem Augendrehen in Richtung Schlafzimmer. Mit einer Handbewegung deutete er an seinen Hals. Bobby prustete leicht auf. Er stand wieder auf und ging an Jarod vorbei ins Schlafzimmer. "Ablösung", flüsterte er, als er auf gleicher Höhe war. Bedächtig schloß er die Tür hinter sich zu.

"Was phantasiert er denn?" fragte Parker neugierig.

Sie konnte die leise Erheiterung ihres Vaters hören, als er ihr nach kurzem Zögern antwortete: "Er behauptet, er hätte dich im Centre gesehen, wie du Jarod geküßt hast. Sie hatten ein kleines Problem mit der Klimaanlage, weißt du."

"Ich?" empörte sich Parker und lehnte sich an Jarod. "Ich soll die Laborratte geküßt haben?" Langsam fuhr sie mit ihren Fingerspitzen über sein schwarzes T-Shirt., "Was denkt dieser Kerl sich eigentlich? Da besuche ich ihn für eine Minute, und er dichtet mir eine Affäre mit Frankenstein jun. an? Das wird mir dieser Dr. Jekyll büßen, das ..." Sie glitt mit ihrer Hand immer weiter herunter. Jarod griff ihre Hand und legte sie bestimmt auf sein Herz, er grinste schelmisch und schüttelte den Kopf.

"Beruhig dich, Engelchen. Ich sagte schon, er fantasiert. Die Infektion schreitet schneller fort als ursprünglich angenommen, und er fiebert. Wir haben zwei Spezialisten in Washington, die sich derzeit um ein Gegenmittel kümmern. Ich brauche dich für etwas anderes."

Parker wurde hellhörig: "Ja?"

"Eigentlich hätte Brigitte vor einer Stunde am Owens Field Flughafen ankommen sollen. Dort wartete ein Flugzeug auf sie. Ich hatte sie persönlich zum Hubschrauber gebracht und mich von ihr verabschiedet, doch sie ist nie am Treffpunkt angekommen. Du mußt für mich rausfinden, wo sie ist."

"Flugzeug? Wo wollte sie denn in ihrem Zustand hin? Ist nicht bald ihr Geburtstermin?" In dem Moment war ein lauter Schrei aus dem Nebenzimmer zu hören. Jarod glitt leise zum "Krankenbett".

"Was war das?"

"Was? Ach, hier sind irgendwelche Assis, die sich um Schnaps streiten. Wohin wollte Brigitte denn fliegen?"

"Das ist jetzt nicht von Interesse, Engelchen. Alles, was ich von dir erwarte, ist, daß du ausfindig machst, wo der Hubschrauber geblieben ist." Die Stimme war kalt und fordernd, die gleiche Stimme seit Jahrzehnten, früher war ihre Antwort darauf ein enttäuschtes und trauriges ‚Ja Daddy, du kannst dich auf mich verlassen' gewesen. Für eine Sekunde war Stille auf beiden Seiten, schließlich fügte Mr. Parker noch mit sanfterer Stimme hinzu: "Ich mache mir wirklich Sorgen um sie, Engelchen. Denk an unsere Familie." Schauspieler, Lügner, Manipulator.

"Aber natürlich, du kannst dich auf mich verlassen, ich werde sie finden." Parker verzog angewidert ihr Gesicht.

"Ich weiß, Schatz. Melde dich, wenn du Neuigkeiten hast." Dann hatte er aufgelegt.

Parker starrte wütend auf das Telefon in ihrer Hand. "Immer macht er das, immer und immer zu!" Ein weiterer Schrei aus dem Nebenzimmer holte sie aus ihrer Erstarrung.

"Halt die Klappe, Brigitte, oder ich schieß dir ne Kugel zwischen die Augen, noch bevor du das Kind geboren hast!" schrie Parker voller Haß.

***

"Oh Mann, was für eine Nacht." Sam stöhnte leicht und massierte sich mit der rechten Hand den Nacken. Sie hatte sich den Helm unter den linken Arm geklemmt und lehnte sich müde gegen einen Tisch. Hinter ihr öffnete sich die Schleusentür, und Dr. Evalin Costa kam mit einem silbernen Koffer heraus.

Bill Waymen stürzte auf sie zu. "Der Hubschrauber ist in zwei Minuten startfertig. Bringen Sie den Impfstoff persönlich hin, Eva?"

Diese nickte und sah zu Sam. "Sie haben gute Arbeit geleistet, ich würde mich wirklich auf eine weitere Zusammenarbeit freuen."

Sam lächelte breit: "Oh, das würde Rainilein sicher gefallen." Sie hatte noch keine Anstalten gemacht, den Schutzanzug vollständig auszuziehen. Statt dessen war sie zur Tür geschlendert und versuchte, sie zu öffnen.

Evalin stutzte, Bill stand mit offenem Mund da und starrte Sam ungläubig an. Diese schien ganz unbeeindruckt und stand mit den Armen zwischen sich und der Tür geklemmt da.

"Ich meine, wir hätten schon vor drei Stunden fertig sein können, wenn Sie sich auch nur einmal meine "Dissertation" durchgelesen hätten." Sam schnaubte und kicherte beim Wort "Dissertation", in Wirklichkeit hatte sie sie drei Tage vor ihrem Besuch erst geschrieben und nicht ein Virologe hatte je eine Kopie gesehen, Julien Dean ausgenommen.

"Samantha, was redest du da?" fragte Billy verwirrt.

"Nein, ich fand, daß die Flasche von Möchtegern-Doktor mal am eigenen verbrannten Körper erleben sollte, wie sich so ein mutwillig infizierter Obdachloser gefühlt hat. Eingesperrt im Centre und von Doktoren beim Sterben beobachtet. Oh, ich spüre eine gewisse Befriedigung, daß er heute nacht sterben wird. Hoffentlich dauert es schöööööön lange." Sie rieb sich die Hände und lächelte verschmitzt.

Evalin hatte sich gefaßt und deutete Billy mit einem Kopfzeichen zu seiner Waffe: "Wer sind Sie, Samantha?"

"Oh, hat Raines Ihnen nicht von uns erzählt? Von den kleinen Intelligenzbolzen, deren Leben er so wundervoll zerstört hat? Ich bin Sam, nicht Jarod, nicht Angelo, sondern Sam. S A M, wie Sam." Evas Gedanken rasten sichtlich. Billy hatte seine Waffe inzwischen drohend auf Sam gerichtet. Eva krampfte ihre Hand zusammen, so daß die Knöchel weiß heraustraten. Plötzlich erinnerte sie sich: "Die Vorstudie, die Ausgangsdaten für den Orionvirus waren von Raines bereitgestellt worden, auf jede Seite der Aufzeichnungen war ein kleines S gemalt."

"Ah, mir kam das Ganze doch schon länger bekannt vor. Zu dumm nur, meine Studie war damals mehr darauf ausgelegt, ein Gegenmittel gegen mutierende Ebolaviren zu finden."

Sam drückte wieder auf die Türklinke. Billy grinste wieder etwas selbstsicherer und zeigte ihr seine Hand. Auf der Hand lag der Schlüssel zum Labor.

Doch anstatt daß sie Angst bekam, lächelte sie verschmitzt und lächelte leicht: "Ich weiß, Billy, ich weiß. Du bist clever!" Billy hob stolz seine Brust. Sam schüttelte leicht angewidert den Kopf. Sie drückte die Türklinke das letzte Stück herunter.

Evalin fluchte leise: "Schieß endlich, sie wird uns verraten!"

Die Tür glitt plötzlich auf, und drei uniformierte Männer mit entsicherten Waffen sprangen in den Raum. Sam kicherte: "Ja, so eine Funkeinrichtung hat schon unangenehme Folgen, nicht wahr?" Billy ließ seine Waffe langsam sinken und ließ den Kopf gegen seine Brust fallen.

Hinter den uniformierten Männern betrat Samuel Barkins den Raum. Er hielt ein Walky Talky in der Hand. "Wie konntest du nur, Billy? Dich mit so einer kalten Frau einzulassen, das ist Vaterlandsverrat!" In seinem Gesicht waren Abscheu und Wut zu lesen. "Ich brauchte das Geld." Bill versteckte sich hinter einer coolen Maskerade.

Am Türrahmen stand Julien Dean, ungläubig schüttelte er den Kopf und starrte vorwurfsvoll zu Evalin Costa. Er beobachtete, wie ein uniformierter Mann seiner ehemaligen Kollegin den Koffer bestimmt aus der Hand nahm. Sie zögerte erst, ihn loszulassen, gab aber schließlich doch nach und öffnete die fest verkrampfte Hand.

Sam stand neben dem führenden FBI-Mann, der zusammen mit Samuel Barkins erschienen war, und unterhielt sich leise mit ihm. Sie hatte noch immer ihren Schutzanzug an. Der Koffer wurde an Samuel übergeben, doch der reichte ihn gleich an den FBI-Agenten weiter.

Sam lächelte hintergründig. Sie zog sich ein paar Sachen an, die der Agent ihr offensichtlich mitgebracht hatte und setzte eine Perücke auf. Sie wechselte ihre Hornbrille mit einer mit einem zierlicheren Drahtgestell - ähnlich der Brille Dr. Costas. Außerdem setzte sie sich eine kleine Atemschutzmaske auf und zog sich Handschuhe über. Sie sprach noch ein paar kurze Worte mit dem Mann und lachte laut. Dann verabschiedete sie sich von Samuel Barkins.

Sie kam ihm entgegen, mit dem Koffer an die rechte Hand gekettet. Ungehindert ging sie an den uniformierten vorbei dem Ausgang entgegen. Julien richtete sich auf: "Sam, wo willst du mit dem Antiserum hin?"

"Ich fliege nach Blue Cove, es gibt immerhin noch einen Patienten, der hierauf wartet." Sie zwinkerte ihm zu und ging gemütlichen Schrittes in Richtung Treppenhaus. Julien sah ihr verwundert hinterher. Ihm fiel der plötzlich lebhaftere, abgehacktere Gang und das leichte Nachschleifen ihres rechten Beines nicht auf. Alles, was er sah, war das Handy, das sie in der Hand hielt, und den Koffer, den sie recht achtlos neben sich schwenkte.

***

"Und du mußtest sie jetzt also unbedingt narkotisieren, ja?" Parker verzog verstimmt ihre Mundwinkel nach unten. Jarod sah sie für eine Sekunde stillschweigend an. Er hatte eine Atemmaske über der Nase und seine Hände steckten in Gummihandschuhen. Das Skalpell in seiner rechten Hand verharrte für einen Moment in der Luft. Jarod deutete auf das Messer.

"Schon gut, schon gut, war ja nur ne Frage!" sagte Parker laut. Sie sah zu ihrem Bruder und verdrehte die Augen. "Er gönnt einem auch gar keinen Spaß." Sie wollte den Blick abwenden, aber die Neugier zwang sie schließlich doch, sich wieder der inzwischen leblosen Brigitte und Jarod zuzuwenden.

Jarod konzentrierte sich wieder auf seine Patientin. Vorsichtig setzte er zum Schnitt an. Als das scharfe Skalpell die Bauchdecke berührte, entstand eine feine, blutige Linie.

Unbewußt hielt Parker den Atem an, als Jarods Hände langsam in der nun offen klaffenden Bauchdecke versanken. Ihr Magen meldete sich mit einem dumpfen Hüpfer zu Wort. Vorsichtig holte Jarod ein kleines, blutverschmiertes Bündel aus Brigittes Bauch. Kaum schien es aus dem warmen Bauch herausgenommen, gab es einen wimmernden Schrei des Protestes von sich.

Es hing noch an einer Schnurr, die Jarod vorsichtig mit dem Skalpell abtrennte. Dabei hielt er das kleine Bündel sicher in der linken Hand.

"Könnte mir mal bitte jemand das Kleine abnehmen?" Parker und Bobby blinzelten kurz, nur langsam kamen die durch den Mundschutz gedämpften Worte zu ihnen durch. Schließlich trat Parker einen Schritt vor und nahm sich ein großes, flauschiges Handtuch.

Sie sah mit großen Augen auf das kleine Ding in Jarods Hand, das inzwischen lebhaft mit den kleinen Ärmchen auf und ab strampelte und drohend den Mund aufriß. Jarod legte das Kleine vorsichtig in Parkers Arme und wickelte es sorgsam in das warme Handtuch ein. Parker starrte staunend auf das Neugeborene, ihr entging das Schmunzeln in Jarods Augen, mit denen er sie beobachtete. Langsam ging sie zu Bobby.

Während Jarod sich wieder an Brigittes Innereien zu schaffen machte, gingen Bobby und Parker gemeinsam ins Bad.

"Ist es ein Junge oder ein Mädchen?" flüsterte Bobby ehrfürchtig, seine Hände hatte er nervös in seinen Hosentaschen verstaut.

Parker überlegte kurz: "Ich weiß es nicht, ich hab noch nicht drauf geachtet. Ich brauche warmes Wasser, um es abzuwaschen."

Er nickte und ließ warmes Wasser in das Waschbecken einlaufen. Hin und wieder ließ er seinen Blick auf seine Schwester und sein neues Geschwisterchen schweifen.

"Fertig, und was jetzt?"

Parker sah verloren auf das Bündel in ihren Armen: "Ich weiß es nicht." Panik schwang in ihrer Stimme mit, als das Bündel in ihren Armen wieder lauthals zu schreien anfing. "Sydney, ruf Sydney an, der letzte gespeicherte Anruf!" Sie hob ihre Arme und deutete mit dem Kopf zu ihrer Hüfte.

Bobby nahm das Handy und tippte etwas herum, schließlich hielt er ihr das Telefon ans Ohr.

Es klingelte.

***

"Es ist keiner zu Hause, wir kaufen nix, hier spricht Kay und Sie stören!"

"Kay? Hier ist Parker, wir brauchen dringend professionelle Hilfe!" Kay bemerkte den panischen Unterton in der Stimme ihres Gegenübers sofort, gleich nach dem nicht zu überhörenden Babygeschrei.

"Hallo Parker, da bist du hier genau richtig, ist das ein Baby, das da so weint?"

"Ja, und wie badet man Neugeborene?"

"Habt ihr Wasser?"

"Ja, natürlich!" war eine leicht schnippische Antwort, doch Kay nahm es mal nicht so genau.

"Es muß lauwarm sein, nicht zu heiß, nicht zu kalt. Und ihr braucht einen Lappen!" Sie hörte es im Hintergrund plätschern, dann hörte sie eine Männerstimme. Jarod konnte es nicht sein, der würde sich nicht so... Kay riß sich am Riemen und konzentrierte sich wieder auf das Telefon.

"Wir brauchen noch einen Lappen, einen ... Da hinten in der Kommode müßte noch ein Lappen sein." Parker flüsterte zu jemandem - ihre Stimme klang dumpf, als wenn das Telefon weit weg wäre. "Nein, ich werde nicht nach Jarod rufen, der lacht sich noch halb tot, nur weil wir nicht wissen, wie man mit einem Baby umgeht." Dann knackte es in der Leitung. "Okay, wir haben Lappen und lauwarmes Wasser, was jetzt?"

"Jetzt steckt ihr das Baby ins Waschbecken und haltet vorsichtig den Kopf hoch. Dann wascht ihr es mit dem Lappen, ganz einfach."

"Wir machen auch nichts kaputt?" kam die unsichere Frage.

"Nein, nur vorsichtig am Kopf und bei der Nabelschnur..."

Sie hörte es leise plätschern, Parker grummelte leise vor sich hin: " Gott, muß es denn so schreien? Ich tu dir ja nichts. Oh..."

Kay hatte sich in den letzten Sekunden ein Grinsen nicht verkneifen können, doch bei Parkers überraschtem Ausruf wurde sie sofort ernst: "Was ist los? Wieso oh-st du ?"

"Es ist ein Mädchen..."

***

Als er auf die Auffahrt zum Centre fuhr, konnte er einen Hubschrauber über dem großen Centre-Komplex ausmachen. Bobby parkte sein Auto an seinem Platz und eilte zu seinem Büro. Er wollte Raines noch einmal besuchen, bevor dieser starb. Er wollte den Peiniger seiner Jugend leiden sehen.

Die Gänge waren für diese Uhrzeit ungewöhnlich geschäftig. Ein Sweeper nickte ihm kurz zu, bevor er in einem der Fahrstühle verschwand.

--

"Bitte kommen Sie hier entlang, Frau Doktor!" Ein in einen weißen Kittel gekleideter Techniker führte sie durch die grauen Gänge. Sie hatte sich geweigert, ihm den großen Koffer mit dem Gegenmittel zu übergeben, sie wollte ihn live und in Farbe sehen, wenn er sie erkannte. Sam konnte sich ein leichtes zynisches Grinsen nicht verkneifen.

"Mr. Lyle." Der Techniker erzitterte, als er den jungen Mann aus dem Fahrstuhl treten sah. "Mr. Lyle, das ist Dr. Evalin Costa aus Washington, sie hat das Medikament für Mr. Raines bei sich."

Bobby nickte nur kurz und ging mit schnellem Schritt an ihnen vorbei, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Erst an einer Verbindungstür blieb er stehen und sah nachdenklich zu den beiden. Er sah ihr eine Sekunde in die Augen und verharrte. "Es stört Sie doch nicht, wenn ich Sie begleite, oder? Ich war auch grad auf dem Weg zu Raines." Galant hielt er die Tür auf und verbeugte sich leicht. Sein Blick blieb auf Sam haften, und ein Lächeln machte sich auf seinem Gesicht breit.

Sams Augen zogen sich zu Schlitzen zusammen, doch sie sagte nichts.

"Nein, natürlich nicht." Der Techniker erhöhte unwillkürlich sein Schrittempo.

Als sie den Raum betraten, kamen drei weitere Techniker in unhandlichen Schutzanzügen auf sie zu. Sam hob eine Hand und ging zu einem Tisch: "Wie ist sein Zustand?" Bedächtig suchte sie in ihrer Handtasche nach dem Schlüssel für den Transportkoffer.

"Sehr instabil, es handelt sich um Minuten. Die letzte Phase der Infektion ist schon seit einer Viertelstunde eingetreten. Seine Wunden öffnen sich, er spuckt Blut. Der Blutverlust ist die größte Sorge, die wir zur Zeit haben."

"Ist das so? Wie interessant." Sam trat an die Trennwand heran und betrachtete Raines aufmerksam. Sie stand neben Bobby, der mit einem sehr zufriedenen Gesicht auf die zusammengekrümmte Gestalt auf der Liege sah.

Raines rote Flecken hatten nun bereits fast 90 Prozent seines Körpers überzogen; wie die Ärzte sie schon informiert hatten, blutete er aus verschiedenen offenen Wunden. Er hustete schwach, und ein Blick auf das EKG zeigte unregelmäßig aussetzende Herztöne an. Sam konnte sich ein Seufzen nicht verkneifen. "Wie schön!"

Bobby sah sie warnend an.

Der Arzt war neben sie getreten, und wollte sie fragen, ob sie die Injektion geben wollte und starrte sie entsetzt an. "Wie bitte?"

"Er leidet so schön. Huhu, Rainilein - hast du mich vermißt?" Sam hatte den Mundschutz abgenommen und winkte dem Kranken zu, der sich mühsam aufgerichtet hatte und in ihre Richtung blickte.

Bobby legte seine Hand auf ihre Schulter: "Willkommen zu Hause, Samantha. Mr. Raines wird sich freuen, daß du wieder zurückgekommen bist." Er hatte seine Lyleposition wieder eingenommen.

Die Ärzte konzentrierten sich wieder auf ihre Aufgaben und traten in eine kleine Luftschleuse. Zischend ging die Tür hinter ihnen zu. Für eine kurze Sekunde hörte man wie Desinfektionsmittel in die kleine Kabine zwischen Beobachtungsraum und Krankenzimmer gepumpt wurde. Dann fiel der Strom aus und alles war stumm.

Aufgeregte Stimmen kamen gedämpft aus der Desinfektionskammer. Wegen des Stromausfalles konnten die Türen nicht mehr geöffnet werden - weder die eine zu Raines, noch die andere, zurück zu Sam und Bobby.

Sam klatschte begeistert in die Hände und kicherte. Bobbys Hand verließ ihre Schulter nicht, er trat noch einen Schritt dichter an sie heran. Nach einer endlosen Minute ging das Licht wieder an. Die Notstromversorgung war angesprungen und versorgte sie mit rotem Licht und Sauerstoff. Die Türen waren immer noch verriegelt.

Raines zog sich mit letzter Kraft zum Ende seiner Liege und sah verzweifelt auf die Ärzte mit dem Antiserum, die in der Kammer eingesperrt waren. Eine letzte Wutwelle schäumte in ihm auf. Er deutete zu Sam und Lyle: "Sie soll die Tür aufmachen! Sie soll endlich die verdammte Tür aufmachen!"

Sam schüttelte leicht den Kopf und zuckte mit den Schultern. Sie zitterte vor Lachen und winkte Raines zu.

Gebrochen fiel Raines zusammen, er schnappte hilflos nach Luft, doch trotz der künstlichen Sauerstoffzufuhr konnte er nicht mehr atmen. Ein schneidender Schmerz in seiner Brust übertönte die vielen anderen Schmerzen: seine brennend heiße Haut, seine nun blinden Augen, seine sich verkrampfenden Hände.

"Was ist denn hier los?" Mr. Parker betrat den Raum, in dem alle Aufmerksamkeit beim sterbenden Raines war. Einige Techniker schraken aus ihrer Lethargie auf und versuchten erneut, die Sicherheitstüren der Desinfektionskammer zu öffnen.

"Ist das nicht offensichtlich, Parkerlein? Dein treuer Igor stirbt einen qualvollen Tod, so einen, wie ich ihn auch dir wünsche!" Sam lächelte ihn mit einem großen, offenen Lächeln an, das so gar nicht zu ihren Worten paßte.

"Sam hat sich ins Centre eingeschleust und wollte das Antiserum für Raines vernichten, ich habe sie noch rechtzeitig davon abhalten können." Bobbys Stimme war perfekt. Eine perfekte Imitation von Lyle.

Raines brach nun vollkommen zusammen, er war von der Liege gefallen und lag in einer kleinen Blutlache auf dem Boden. Er hatte sich einige Meßdrähte aus dem Arm gerissen.

Sam legte andächtig ihre Hände an die Scheibe und lehnte sich mit der Stirn dagegen: "Uh, nur noch ein paar Minuten..."

Mr. Parker verzog sein Gesicht angeekelt und wandte seine Aufmerksamkeit wieder Lyle zu: "Bring sie in ihre Zelle, wir werden später entscheiden, was wir mit ihr machen. Wo warst du, ich hatte versucht, dich anzurufen."

"Bei einer Freundin - man hat ja schließlich noch ein Privatleben." Bobby bemerkte den kalten, wütenden Blick von Sam. Doch genauso schnell, wie sie sich zu ihm umgedreht hatte, hatte sie sich auch wieder Raines zugewandt. Irritiert versuchte er, sich wieder auf seinen Vater zu konzentrieren. Doch der blickte ebenfalls auf Raines.

"Gleich, gleich, jaaaa, gleich!"

Raines hob noch ein letztes Mal seinen Arm in Richtung der Scheibe. Er hustete stark und spuckte Blut. Er blickte haßerfüllt zu Sam. Seine Augen waren voller Blut. Er faßte sich schmerzerfüllt an den Magen. Wütend schrie er ein letztes Mal auf, dann fiel er leblos in sich zusammen.

Sam murmelte abfällig: "Wie dramatisch." Sah aber gespannt auf den EKG-Monitor. Es piepte noch zweimal, schließlich erschien ein hoher, durchgehender Signalton und eine Linie erschien auf dem Monitor.

"Bingo!" Sam umarmte Bobby und puffte Mr. Parker in die Seite. "Endlich hat die Flasche es eingesehen! Können wir jetzt feiern gehen?"

Bobby verzog keine Miene, er hielt immer noch ihre Schulter fest: "Wir gehen jetzt zu deiner Zelle, Samantha. Gerade jetzt brauchen wir einen Pretender wie dich."

Mr. Parker nickte benommen, konnte seinen Blick aber nicht vom toten Raines wenden: "Ich möchte dich danach noch sprechen, Lyle."

Bobby nickte kurz: "Vater."

***

"Hey, gib mir auch ein Glas Sekt." Jack drängte sich zu Kay und hielt seine Hand erwartungsvoll hin. "Schließlich gibt es nicht alle Tage so was zu feiern."

Es hatten sich alle in der Wohnstube versammelt. Der Major und Margaret standen mit Sydney am Kamin und unterhielten sich leise. Emily und Angelo saßen auf der Couch und spielten Memory. Jay hielt bereits ein Glas Sekt in den Händen und beäugte es vorsichtig.

Vor einer halben Stunde hatten sie Jarod und Ms. Parker angerufen und von Raines dramatischem Ableben berichtet. Kay hatte sichergestellt, daß dieses Kapitel auch richtig aufgezeichnet worden war. Jarod hatte allen gesagt, daß er sich sobald wie möglich mit Parker und dem Baby auf den Weg nach Kanada machen wollte.

Sie hatten Brigitte bewußtlos wie sie war zu einem Krankenhaus geschafft und sie namenlos vor die Tür gelegt. Sollte sich das Centre doch um sie kümmern. Jarod schätzte ihre Überlebenschancen auf 65 Prozent ein.

Nur von Bobby und Sam hatten sie seit dieser Zeit noch nichts gehört, aber sie waren nicht wirklich beunruhigt.

***

"Mr. Parker? Wir haben jetzt eine erste Einschätzung der Situation: Das Virus hat den Mainframe vollkommen zerstört, es wurden sämtliche Daten zerstört. Einige Außenstellen sind ebenfalls betroffen, Montana und Dakota konnten sich noch rechtzeitig vom Server trennen. Das Triumvirat hat angerufen und verlangt eine vollständige Klärung der Situation..." Mr. Parker mahlte wütend mit seinen Zähnen. Er lief zielstrebig auf sein Büro zu, verarbeitete die soeben gehörten Nachrichten im Gehen.

Diesmal war Jarod wirklich zu weit gegangen, niemand legte sich mit einem Parker an. Zum Glück hatte er die wichtigsten Daten unabhängig vom Server auf seinem PC gespeichert, noch bevor er saß drückte er den Powerknopf an seinem PC. Ungeduldig trommelte er mit seinen Fingern auf den Marmortisch, während der Rechner hochfuhr. Eine Fehlermeldung erschien:

"Sie haben Ihren Rechner nicht ordnungsgemäß heruntergefahren, bitte klicken Sie auf OK und starten Sie den Rechner neu."

Mr. Parker schlug mit der flachen Hand auf den Tisch: "Was ist denn heute los, verdammt noch mal!" Er klickte auf Enter.

Mit einemmal knallte es laut und aus dem Tower des PCs stiegen Rauchschwaden und kleine Stichflammen heraus. Entsetzt prallte der Chairman des Centres zurück und betrachtete für eine Sekunde ungläubig seinen Arbeitsplatz. Sein Atem hatte sich in der letzten halben Stunde stark beschleunigt und er griff keuchend, mit hochrotem Kopf zum Telefon.

"Mr. Parker?"

"Verbinden Sie mich mit meinem Sohn!"

"Mister Lyle hat vor fünf Minuten das Gebäude mit einer jungen Frau verlassen, soll ich versuchen, ihn über Mobilfunk zu erreichen?"

***

"Da wo du bist, ist Chaos!" Bobby lenkte den Wagen ruhig und sah auf die Fahrbahn.

"Ich nehme das jetzt mal als Kompliment." Sam hatte es sich auf dem Beifahrersitz bequem gemacht und die Füße auf das Armaturenbrett gelegt.

Für ein paar Minuten war es wieder ruhig im Wagen. Dann setzte sich Sam auf und schubste Bobby am Oberarm: "Laß mich mal fahren."

"Ich bin nicht müde."

"Ich will aber jetzt fahren!" Sam verschränkte die Arme demonstrativ vor ihrer Brust und starrte Bobby herausfordernd an.

"Na gut, wenn du unbedingt willst." Sie tauschten die Plätze.

Bobby betrachtete Sam verstohlen vom Beifahrersitz aus. Er wollte sich jedes einzelne Detail einprägen. "Du bist wunderschön", flüsterte er und strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

Sie lächelte und sah ihn kurz an: "Ich nehme das als Kompliment." Sie nahm seine Hand und drückte sie leicht...





So das war's, ich hoffe es hat euch gefallen. Ich werde auch weiter Miss Parker, Jarod, Sydney und den anderen treu bleiben. Ein, zwei nette Ideen hätte ich schon. Ich würde mich über das Feedback hierfür sehr freuen. Danke, daß ihr so schön geduldig wart.

Vielleicht schreib ich noch einen Epilog, aber das kommt aufs Feedback an.

(ich liebe diese Rechtschreibvorschläge von Word: kennt ihr zum Bsp. Stofftee? (stopfte) oder Muskelhirt (Muskelshirt), was macht ein Muskelhirte eigentlich, hütet der gehirnlose Muskelmänner? )

Ende
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