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Die meisten Figuren dieser Geschichte gehören nicht mir, wem auch immer,mir nicht! Die anderen, die mir gehören, gehören mir ganz allein! DieseGeschichte wurde geschrieben, weil ich gerne schreibe, nicht weil ich damit Geld verdienen will!



Die vergessene Akte
Teil 1
von Dara







”Warum soll ich denn so’n Mist nachspielen, Dr. Alan ? Das ist langweilig!” Das circa 12-jährige Mädchen verdrehte die Augen und ließ sich auf den harten Stuhl fallen, der mitten in dem kalten, dunklen Raum stand. Ein Mann mit weißem Kittel und einem Ordner in der Hand ging unruhig hin und her.

”Weil das Center einen Auftrag bekommen hat und ihn ausführen muß! Es ist sehr wichtig!”

”Was ist so wichtig daran, eine nutzlose Diskette aus einem Hochsicherheitstrakt zu stehlen? Es ist vollkommen unsinnig, dort einzubrechen!”

”Wieso glaubst du, daß die Diskette nutzlos ist?”

Das Mädchen sah den Mann im weißen Kittel an: "Hör mal, Doc ! So etwas muß sogar dir und der wandernden Sauerstoffflasche auffallen - dieses Labor ist gar nicht in der Lage, eine militärische oder wirtschaftliche oder gar medizinische Entwicklung hervorzubringen. Dazu fehlt denen eindeutig kompetentes Personal oder ein Pretender wie mich!” Sie kicherte und sprang auf. ”Können wir nicht ein bißchen in den Garten gehen?”

”Nein, erst die Simulation!”

”Ihr wollt keine Diskette klauen, ihr wollt Waffen aus der Reservatenkammer stehlen, ich mach mich doch nicht zum Klops wegen so’ner langweiligen Operation!” Sie verschränkte bockig die Arme in einander, stellte sich an die Wand und schwieg.

Broots holte tief Luft, kopierte die Aufzeichnung auf Disk und meldete sich schnell ab, ehe jemand mitbekam, was er hier tat. Eigentlich sollte er im Auftrag von Ms. Parker ein paar Informationen über Mr. Parker, ihren Vater, herauskriegen, aber er war auf etwas ganz anderes gestoßen.

”Sydney, Ms. Parker, Sie müssen sich das ansehen!” Broots sah sich vorsichtig um und überreichte Syd die Disk. Ms. Parker hatte schon die Hand geöffnet, um die Disk an sich zu nehmen: ”Broots, diese Informationen waren für mich!” ”Ja, nein, das ist nichts über Ihren Vater, das ist ... Sie müssen sich das einfach ansehen!”

Sydney ging zum Laptop in seinem Büro und legte die Disk ein. Mit kritischem und leicht mürrischem Blick kam Ms. Parker hinter den beiden her. ”Was haben Sie denn gefunden?” Broots deutete zum Monitor und blickte angestrengt umher.

”Es gibt also noch einen Pretender!” murmelte Sydney, als er sich die Simulation angesehen hatte.

”Eine!” korrigierte ihn Ms. Parker. ”Wer ist der Typ, der kommt mir irgendwie bekannt vor!”

”Das ist Dr. Alan, er war Psychologe und ich glaube Professor an irgendeiner Fakultät. Er wurde vor ca. 7 Jahren ermordet, angeblich ein Raubmord. Das war kurz bevor die Abteilung niederbrannte, wo einige psychisch Kranke untergebracht waren und sich ein geheimnisvolles Labor unter der Leitung von Mr. Raines befand.”

”In dessen Nähe lodert aber wirklich vieles ab.” sagte Ms. Parker trocken und zu Broots gewandt :

”Finden Sie mehr über dieses Mädchen raus! Was suchen diese Unterlagen in Daddys PC?”

***

”Hallo Syd! Wie geht es dir?”

”Jarod! Mir geht es gut!”

”Was gibt es Neues. Wie kommt Ms. Parker mit Daddy klar?”

Syd schmunzelte: ”Ich muß dir was erzählen!...”

...Jarod lehnte sich zurück: ” Aber sie ist keine von denen aus den roten Akten, oder ?” ”Nein, sie ist zu jung, und von den anderen Kindern hatte ich zumindest gehört. Sie scheint ähnlich talentiert gewesen sein wie du!” Syds Stimme klang durch das Telefon ein wenig gedämpft.

”Aber wo ist sie, sie hätten sie doch garantiert eingesetzt, um mich zu finden!” ”Broots sucht nach weiteren Hinweisen!” Jarod holte tief Luft. ”OK. Machs gut, Syd!” Ohne eine Antwort abzuwarten, beendete er das Gespräch. Nach einer kleinen Ewigkeit setzte er sich entschlossen ans Laptop und loggte sich ein.

****

Zwei Wochen früher:

”Hallo, mein Name ist Sam, ich werde die zweite Betreuerin für unsere Gruppe sein!” eine brünette Mittzwanzigerin reichte Jarod eine Eistüte. Sie ließ sich neben ihm auf den Platz fallen, die lärmenden Kinder im Schulbus ignorierend. ”Warst du schon mal in diesem Feriencamp?” neugierig leckte sie an ihrem Eis und blickte ihn an.

”Ähm, nein. Hallo, mein Name ist Jarod und danke!”

”Bitte, bitte - oje, auch ein Anfänger, hätte ich ja nicht gedacht, ich bin nämlich auch neu!” Sie holte tief Luft. Jarod sah mit Faszination zu, wie sie das Eislecken zelebrierte. Eine Weile war nur der Krach von den Kindern zu hören, doch Sam bemerkte, daß sie beobachtet wurde. Sie sah ihn mit großen Augen an :

”Was?” ”Nichts, ich finde es bloß ... Du schließt die Augen beim Eisessen, warum?”

”Die Geschmackssinne sind schärfer, wenn die Augen zu sind, wußtest du das nicht, und ich will jedes Aroma schmecken- Ich LIEBE Vanilleeis!” Sie lächelte und deutet zu seinem Eis :”Und wie schmeckt´s?”

”Sehr gut!” ”Ich kann mich noch an mein erstes Eis erinnern! Ich glaub, ich hab in der Woche nur davon gelebt!”

Sam kicherte: ”Ich hab früher nämlich immer nur diese Liebesperlen und Haribo als Naschkram bekommen! Die Dinger schmecken ja nicht schlecht, aber wenn man jahrelang nur dieses Zeug kriegt, bäh...”

Jarod sah sie fasziniert an.

”Ich red zuviel, stimmt‘s? Ich meine, du willst das gar nicht wissen, oder?!” ”Doch, doch, ich finde das interessant!”

”Hey Lady, könnten Sie diesen Gören mal sagen, sie sollen still sitzen - das hier ist nicht Disney World!” der Busfahrer unterbrach die Unterhaltung, in der sich sowohl Sam als auch Jarod sehr wohl fühlten.

Sam verdrehte die Augen: ”Auf geht's, Ranger, bändigen wir die Raubtiere!” Die beiden klaubten sich aus den Sitzen und hielten sich krampfhaft an den Sitzen fest, damit sie nicht hinfielen...


***

Seit zwei Wochen waren sie jetzt schon in dem Lager, jeden Tag dachten sie sich ein anderes Spiel aus. Morgen würden sie wandern gehen. Eigentlich hätte Jarod eine Route aussuchen müssen, aber seit seinem Telefonat mit Syd, konnte er sich nicht konzentrieren. Immer wieder glitten seine Gedanken zu dem Mädchen. Syd hatte von der Simulation berichtet, ein neuer Pretender. Wo sie wohl jetzt untergebracht war, wie alt sie wohl war?

”Hey, Sportsfreund, hast du gehört, was ich gesagt habe?” Sam fuchtelte vor seinem Gesicht herum. ”Ich rede mit dir!” Jarod rief sich zur Besinnung: ”Entschuldige, ich bin etwas abgelenkt!” ”Das habe ich mitgekriegt! Also, bist du nun schon fertig mit der Planung, oder soll ich dir helfen?” erwartungsvoll sah ihn die junge Frau an.

Sam war für Jarod sehr faszinierend, sie konnte reden wie ein Wasserfall und Sekunden später schweigen wie ein Grab. Sie waren sich sehr nahe gekommen in den letzten Tagen und wenn sie mal für 1-2 Stunden Zeit hatten, gingen sie gemeinsam spazieren oder fuhren in die nähergelegene Stadt. Die Gespräche mit Sam waren einfach, sie erzählte kaum was über ihre Kindheit und fragte ihn nie über seine aus. Wenn Jarod so nachdachte, eigentlich wußte er kaum etwas über sie: sie war 26, hatte anscheinend eine recht karge Zeit im Heim verbracht, war sehr früh Waise geworden und mit 18 aus dem Heim ausgebrochen.

***

”Broots? Haben Sie was gefunden?” Der Techniker sprang erschrocken hoch: ”Ms. Parker, Sie sind es!”

”Ja, Broots, ich bin es! Also, haben Sie was gefunden?”

”Noch nicht viel, irgendwie ist das Ganze recht gut gesichert.”

”Wie lange brauchen Sie noch?”

”Eine Stunde, höchstens zwei! Ach, und Lyle hat nach Ihnen gesucht!”

”Wen interessiert das?” Ms. Parker zog eine Augenbraue hoch und ging zu Sydneys Büro.

Der Psychiater saß über ein paar Akten gebeugt. ”Hallo Syd!” Erschrocken sah er hoch:

”Ms. Parker, ich habe Ihr Klopfen gar nicht gehört.”

”Das kommt daher, daß ich nicht geklopft habe, Sydney. Was lesen Sie da?” Sie griff nach einer der Akten und blätterte darin herum.

”Dr. Alan, er war Kinderpsychologe. Das Center hatte ihn 1975 eingestellt. Er hatte drei Schützlinge auf SL 2, aber das waren wohl nicht seine Hauptprojekte. Hier sind sehr viele Lücken über seine Tätigkeiten im Center. Er wurde wie schon gesagt ermordet, Mr. Raines leitete die Untersuchungen, er übernahm auch sämtliche Projekte von Dr. Alan. Ist doch schon etwas länger her, nämlich acht Jahre. Ungefähr zwei Monate später brannte auch der Trakt E vollständig nieder. Wo übrigens auch ein Projekt von Dr. Alan untergebracht war.” Sydney sah Ms. Parker bedeutungsvoll an.

Mit einemmal flog schwungvoll die Tür auf. Broots kam gehetzt herein. Völlig außer Atem deutete er zum Korridor: ”Lyle, er kommt gleich!” Ms. Parker verzog das Gesicht und verdrehte die Augen. In diesem Moment kam der junge Mann auch schon durch die Tür.

”Schwesterherz, hier bist du!” süffisant lächelte der Zwillingsbruder von Ms. Parker. Sein fehlender Finger war durch die obligatorischen schwarzen Handschuhe versteckt.

Es erinnerte Ms. Parker wieder daran, daß sie die Möglichkeit, diesen Psycho loszuwerden, nun schon zweimal ungenutzt gelassen hatte. Ms. Parker versuchte gar nicht erst, den Ekel und die Abscheu, die sie verspürte, zu verstecken. ”Was willst du?” fragte sie genervt.

”Ich wollte dich zum Essen einladen, damit wir über die zukünftige Familienpolitik sprechen können. Und damit du auch wirklich kommen kannst, sage ich es dir schon jetzt. Sie findet nächste Woche Samstag statt. Wir sehen uns!” Mit diesen Worten verschwand der lästige Kerl auch schon wieder.

Ms. Parker stöhnte nur leise auf und winkte ab, als Sydney etwas sagen wollte. ”Broots, ich hoffe, sie haben was für mich!” sagte sie statt dessen mit eiskalter Stimme.

***

”Ich werde Euch alle töten, ihr werdet alle sterben für eure Verbrechen!” die wutschnaubende junge Frau, hatte nichts mehr mit dem kleinen Mädchen der anderen Aufzeichnung zu tun. Die Haare wild durcheinander, die Hände blutig geschnitten durch den zerbrochenen Spiegel und ein ruheloser Blick. Sie hatte nur ein weißes Nachthemd an und wütete im Zimmer. ”Ihr habt ihn getötet, ihr tötet alle! Ich hasse euch!” Mit einem Sprung kam sie auf die Kamera zu und blickte gezielt in die Linse: ”Ich bin immer allein, ihr tötet alle, damit ich niemanden mehr habe. Aber ihr werdet bezahlen. Sie kommen alle wieder und dann geht es euch an den Kragen!” Sie lachte hysterisch auf. ”Mr. Raines, Mr. Parker, Mr. Motumbo, das ganze verdammte Triumvirat wird zahlen für jeden Toten! Ihr habt mir meine Eltern genommen, Dr. Alan ist tot, Kyle ist tot - ICH HASSE euch, ICH HASSE euch!” Dann zitterte sie, kraftlos sank sie zu Boden und wimmerte, ihr Blick wanderte unstet im Zimmer umher. Ihre Augen waren trübe und leer...

Syd lehnte sich zurück und faltete die Hände, nachdenklich sah er auf den Bildschirm und saugte das Bild in sich auf. Zwei Sweeper hielten das Mädchen fest, damit eine Schwester ihr ein Sedativum verabreichen konnte.

”Was ist passiert, ist das eine Simulation?” Broots sah verwirrt zu Syd.

Ms. Parker fuhr sich energisch durchs Haar: ”Sieht eher so aus, als wäre da jemand durchgeknallt!” ”Sie hat es nicht verkraftet. Der Verlust des Betreuers brachte das Gleichgewicht ins Wanken. Das passiert schnell. Der einzige Kontakt, zu dem sie wahrscheinlich Vertrauen hatte, ist verschwunden. Da war kein Halt mehr. Die Flucht in sich selbst! Das ist eine große Gefahr bei Leuten wie Jarod oder diesem Mädchen!”

”Sie kennt viele Namen!” wagte Broots leise zu sagen und hielt die Luft an, als er bemerkte, was er da gesagt hatte. ”Sie weiß etwas über meinen Vater, ist das nicht seltsam? Seit wann werden Pretender über das Triumvirat informiert?”

”Es sei denn, sie hat sich diese Informationen selber geholt!” gab Sydney zu bedenken. Er hatte die Arme verschränkt und beobachtete Ms. Parkers Mienenspiel.

****

”Sam, Sam komm schnell, Betti ist gestürzt!” ein kleines Mädchen lief Sam und Jarod aufgeregt entgegen. ”Wir haben uns gestritten, ich habe sie nur ein kleines bißchen geschubst und dann ist sie den Abhang runtergerollt.” Die Zehnjährige war ganz aufgelöst, sie weinte und schluchzte immer wieder: ”Das war keine Absicht, keine Absicht!”

”Sandi, ganz ruhig, wo ist sie jetzt?” Sie zeigte nach unten. ”Okay, Jarod bleibt bei euch und ich gehe da jetzt runter und suche Betti!” Vorsichtig kletterte Sam den Abhang hinunter. Jarod wollte sagen, daß er gehen könnte, aber es war zu spät. Statt dessen klammerten sich drei Mädchen an ihn und weinten um die Wette. Die Jungs, die schon ein Stück weiter waren, kamen angelaufen. Jetzt mußte er die Kinder erst mal beruhigen.

Sie sah sie nach ca. 10 Metern. Sie war mit dem Kopf gegen einen Stein gestoßen. Sam untersuchte das Mädchen und sprach mit ihr. Vorsichtig hob sie sie hoch, darauf bedacht, den Kopf festzuhalten. Sie stabilisierte das Genick des Mädchens mit zwei Ästen und verband die Wunde am Kopf notdürftig mit ihrem T-Shirt. Langsam kletterte sie mit dem Kind im Arm wieder nach oben.

”Wir müssen zum Camp zurück!” rief sie Jarod zu. Dieser hatte die großen Kinder schon beauftragt, mit den jüngeren vorzugehen. Er nahm Sam das Kind ab. ”Sie hat eine Kopfwunde - blutet zwar stark, aber sieht schlimmer aus, als es ist. Wir müssen in die Stadt mit ihr zum Röntgen, ob nichts gebrochen ist. Aber ich glaube, die Kleine ist zäh, eine leichte Gehirnerschütterung vielleicht.”

Jarod sah seine Kollegin erstaunt an: ”Medizinische Kenntnisse?”

”Allgemeinmedizin!” grinste sie.

Jarod sah nachdenklich zu ihr, sie hatte ziemlich viel auf dem Kasten für eine Kindererzieherin. ”Schwimmlehrerin, Bergsteigerin, Ärztin, Astrologie und Physik - noch irgendeine Spezialisierung, die ich kennen müßte?”

”Och, ich habe überall mal ein wenig rumgeschnüffelt. Ich konnte mich einfach nie so richtig entscheiden, was ich denn mal werden wollte!” Sam lachte. Sie streichelte der kleinen Betti die Haare aus dem Gesicht. Dann lief sie vor, um mit dem Arzt zu telefonieren. Jarod sah ihr nachdenklich hinterher.

****

”Hallo Syd.”

”Jarod, wie geht es dir?”

”Gut. Und ihr, was Neues gefunden?”

”Tja, also so wie es aussieht, ist sie wohl nach dem Tod ihres Betreuers verwirrt gewesen. Sie hatte einen Wutanfall, mußte ruhiggestellt werden. Wahrscheinlich wurde sie in dem Zustand in den Trakt E verlegt. Es sollen damals ja einige Patienten zu Tode gekommen sein.”

”Wie geht es Ms. Parker?”

”Sie raucht immer noch nicht, aber es brennt ihr zwischen den Fingern!” Man konnte die Belustigung des Psychiaters hören.

Jarod lachte: ”Ich werde sie schon abzulenken wissen!”

Jarod legt lächelnd auf. In seinen Händen hielt er sein rotes Notizbuch. Eigentlich war dieses Camp zur Vorbereitung auf einen seiner Fälle gedacht gewesen. Er mußte sich in die Gedanken von Kindern hineinversetzen, er mußte spielen lernen. Er hatte Probleme. Jarod sah Sam auf sich zu kommen. Wie sollte er sich in Kinder hineinversetzen, wenn diese Frau ihn so ablenkte?

”Was machst du denn damit, mein Gott, diese Dinger habe ich ja schon lange nicht mehr gesehen!” Sam grinste und nahm ihm, ohne zu fragen, das Heft aus der Hand. Sie wendete es: ”Ich hatte immer gelbe, gelb wie Zitrone, darauf habe ich bestanden!” Sie kicherte.

Jarod sah nervös auf das Notizheft.

Sie grinste: ”Sag bloß, du schreibst Tagebuch!” Sie gab ihm das Heft zurück, ohne es aufzuschlagen.

”Manchmal, zum Gedanken sammeln! Wie geht es Betti?” ”Ach, ganz gut, sie wird nur ein Pflaster am Kopf tragen müssen. Keine Anzeichen einer Gehirnerschütterung. Sie will auch schon wieder spielen. Ich habe ihre Eltern angerufen, aber sie wollte nicht nach Hause. Alles in feinster Ordnung. Zurück zum Tagesplan.” Im Hintergrund kam Betti. Sie hielt eine riesige Tüte Eis in der Hand und lächelte selig.

***

Kaum waren die drei wieder im Camp, gab es einen kleinen Tumult. Alle Kinder versammelten sich und fragten Betti aus. Hat es weh getan? Bleibst du hier? Du hast Eis gekriegt? Die Betreuer waren eigentlich völlig überflüssig. Doch mit einemmal hielt sich ein 12-jähriger plötzlich an die Stirn. ”Ach, hätt' ich beinah vergessen, da ist Besuch für Sam!” Er deutete kurz zu der Hauptbaracke, wo die Betreuer ihre Quartiere hatten und dann wandte er sich wieder der Hauptattraktion zu.

”Besuch für dich?” Jarod sah neugierig zu Sam.

”Hach, das habe ich ja ganz vergessen, Kay und Jack kommen ja heute!”

”Wer sind Kay und Jack?”

”Meine Kinder! Hab ich dir noch gar nichts von ihnen erzählt?”

Jarod schüttelte leicht verwirrt den Kopf. ”Du hast Kinder?”

”Na ja, also das ist kompliziert, sie sind Verwandte, nicht richtig meine Kinder, ich war noch nie schwanger. Wie soll ich das sagen? Sie sind mein eigen Fleisch und Blut, aber ich habe sie nicht.... Ich war so ungefähr dreizehn, als sie geboren wurden. Ich habe sie sozusagen adoptiert, ähm das Erziehungsrecht!”

Während dieser ziemlich holprigen Rede eilte Sam zur Baracke. Jarod war zwei Schritte hinter ihr. Bei ihren stoppligen Erklärungsversuchen mußte er an Jay denken. Wie würde er das erklären - also das bin ich, nur als Klon? Major Charles und Jay waren untergetaucht, sie befanden sich jetzt gerade irgendwo im Süden, Jarod stand per Email in Kontakt mit den beiden. Nachdem er wieder aus dem Centre geflohen war, reiste er wieder allein umher. Solange die Sweeper ihn jagten, würden sie keine Spur von Jay finden.

”Hey, ihr zwei Rabauken! Ihr habt euch aber Zeit gelassen!” Sam lief auf die Kinder zu, die tief in die Papiere auf dem Schreibtisch versunken waren. Die Kinder sahen hoch. Jarod sah zu, wie die drei sich begrüßten. Fest umschlungen drückten sie sich und redeten durcheinander. ”Jarod, das sind meine Kinder. Das ist Kay.” Sie schob das Mädchen nach vorne, ”und das ist Jack, die beiden sind unzertrennlich! Leute, das ist Jarod, der zweite Betreuer hier!” Jarod sah in Kays Augen. Irgendwie kamen die Kinder ihm seltsam bekannt vor. Irgend jemand hatte genauso ausgesehen.

”Kann es sein, daß ich euch schon mal gesehen habe?” fragte er. Kay kam einen Schritt näher. Sie musterte ihn von oben bis unten, dann schüttelte sie energisch den Kopf

”Nö. Nicht, daß ich wüßte.” Jack grinste Sam an.

”Wo sollen wir eigentlich schlafen?” er deutete auf die Seemannssäcke.

Sam holte tief Luft. ”Habe ich mir noch gar keinen Kopf gemacht! Ich dachte da an die Schlafräume der anderen Kinder!”

”Wir können nicht zusammen schlafen?” rief Kay empört auf. Jarod beobachtete sie fasziniert. Die beiden waren, soweit er rechnete, ungefähr 10 Jahre alt. Sie hatten beide braune, lange Haare. Sie hatten sie zu Pferdeschwänzen gebunden. Sie hatten beide Jeans an und rote Sweatshirts. Die gleichen Sonnenbrillen, die gleichen Turnschuhe, die gleichen Uhren. Das Mädchen war ungefähr 5 cm größer als Jack und hatte grüne Augen, wie Sam. Jack hatte braune Augen - wem sah er bloß ähnlich?

*****

”Ich hab es!” Broots japste erleichtert nach Luft. Als er bemerkte, daß er den Freudenschrei laut ausgerufen hatte, sah er vorsichtig nach allen Seiten. Wer im Centre arbeitete, bekam früher oder später immer Paranoia. Er lud die Datei auf eine CD-ROM und verließ eilig den Raum. Es war spät in der Nacht und die anderen Techniker waren längst zu Hause. Es war gespenstisch ruhig. Mit einemmal wurde das Gitter des Luftschachtes geöffnet und ein Schatten sprang auf den Boden. Die Gestalt lief zum Computerplatz an dem Broots eben noch gesessen hatte und schaltete den PC an. Im blauen Schein des Bildschirmes konnte man Angelo grinsen sehen...

****

- Sie haben 1 Nachricht - Jarod öffnete neugierig die Email. Sie war von CJ. Angelo (er nannte sich Cracker Jack im Internet) hatte ihm die Kopie einer Simulation geschickt. Seine Nachricht war kurz : ”SAM lebt, frei” Jarod überlegte, was Angelo damit wohl meinen könnte. Nachdenklich ließ er die Simulation abspielen.

”Aaaaaaa! Ich werde euer Teufelswerk vernichten! Die Flammen werden alles zerstören.” Die junge Frau, der unbekannte Pretender. Jarod sah aufmerksam auf den Bildschirm. Die junge Frau hatte zerzaustes Haar. Sie trug einen Kittel, wie sie die Leute aus der Krankenabteilung getragen hatten - die Menschen, die das Center zerstört hatte. Die fehlgegangenen Experimente, die Durchgedrehten, die Sicherheitsrisiken. Das Mädchen war noch keine 20 Jahre alt, sie blickte wild um sich. Dann wandte sie ihren Blick der Kamera zu. Sie lächelte verzerrt. ”Ich verbrenne alles!” sagte sie mit verblüffend ruhiger, zufriedener Stimme. Dann stieß sie die Flaschen um. Erst jetzt bemerkte Jarod, das sie sich in einem Labor befand, so ein ähnliches, wie er es beim Projekt Genesis gesehen hatte. Flaschen mit vielfarbigen Flüssigkeiten, Alkohol in hoher Konzentration - sie machte alles kaputt. Dann zerstreute sie irgend eine Flüssigkeit auf den Möbeln. Jarod stutzte. Was war das für ein Geräusch? Das Mädchen summte! Sie summte ein Lied, als sie Reagenzgläser auf den Boden schmiß. Sie summte, als sie die Türen zu den einzelnen Zimmern öffnete und die Kranken und Verwirrten aus dem Block scheuchte. Sie summte, als sie in dem Labor mit dem Frauenstuhl und dem Babybett die Flüssigkeit verschüttete. Dann hörte sie auf zu summen. Sie war in einem Raum angelangt, wo zwei Kinderbettchen standen. Vorsichtig hob sie ein ca. 2-jähriges Baby heraus : ”Du mußt keine Angst haben, Gott ist ein liebevoller Vater!” Auch das zweite Kleinkind nahm sie aus dem Bett. Sie lächelte selig, die Kinder glucksten vor Vergnügen, als sie die zwei kitzelte. In ihren Augen war so viel Frieden.

Mit einemmal wandte sich das Mädchen wieder einer Kamera im Raum zu. Ihre Augen blickten eisig. ”Wir verlassen euch jetzt. Wir gehen zu dem, der uns liebt!” sie holte ein Streichholz hervor. ”Ihr werdet bestraft, eines Tages kommen wir wieder und strafen euch!” Sie lies das brennende Hölzchen fallen. Binnen kurzer Zeit stand alles in Flammen, Geräte explodierten in der Hitze, von ferne hörte man hysterische Schreie. Die Kinder begannen zu weinen, doch die junge Frau machte keinerlei Anzeichen, den brennenden Raum zu verlassen. Das Bild wurde schlechter und schließlich war da nur noch graues Rauschen.

***

Broots nickte eifrig und sah eilig zu Ms. Parker. ”OK. Ich hab auch noch eine kleine Datei gefunden mit den Opfern des Brandes: Angeblich nur zwei Leute, ein Mann namens Greg Fieldsa - ein ehemaliger Sweeper, der Amok gelaufen ist- er war schon evakuiert, als er sich losgerissen hat und in den Block gerannt ist. Und dann war da noch eine Patientin von Mr. Raines,” Broots holte dramatisch Luft, ” Samantha Steinman, Alter: 18 Jahre, Eltern verunglückt, ist mit ungefähr 5 oder 6 Jahren ins Centre gebracht worden, war Dr. Alan zu geordnet, bis dieser bei einem Raubüberfall getötet wurde. Dann wurde sie an Mr. Raines überwiesen.” Broots war stolz auf sich, wieder einmal hatte er dem Centre Geheimnisse entlockt. Obwohl er wahnsinnige Angst hatte, bei jedem Spionieren, so war es doch eine Genugtuung Mr. Raines und dem Centre eins auszuwischen.

Syd sah erstaunt hoch: ”Und die Kinder?”

”Die gibt es offiziell gar nicht!” Ms. Parker kniff die Augen zusammen : ”Zumindest nicht für uns!”

”Ein zweites Genesis-Projekt?” Sydney sah Ms. Parker fragend an.

”Wir finden es heraus, ich will wissen, was Frankenstein noch so unter den Teppich gekehrt hat!” Sydneys Telefon klingelte.

”Sydney Green!”

”Ich bin’s!”

”Jarod, du rufst neuerdings aber oft an!”

”Ich liebe es, mich mit dir zu unterhalten und Lyle unter die Nase zu reiben, daß ich immer noch frei bin!”

Syd hörte die Ironie in Jarods Worten. ”Hast du die Simulation schon gesehen?”

”Woher...?”

”Sieh sie dir genau an, Syd!” dann legte Jarod auf.

Er starrte nachdenklich auf das Bild. Etwas stimmte nicht, und er wußte nicht, was. In Zeitlupe ließ er die letzten Sekunden noch mal ablaufen. Die Bildqualität war schlecht und man hörte hauptsächlich Rauschen. Jarod wiederholte die Szene: Das Gesicht zur Kamera, die Kinder fest an sich gedrückt. Die Augen! Das waren nicht mehr die Augen einer verwirrten Frau. Diese Augen bewiesen es, sie wußte ganz genau was sie tat, sie hatte es geplant. Sie kontrollierte es. Sie wollte nicht sterben. Jarod lächelte. Das ganze war eine Simulation gewesen, sie hatte das Centre an der Nase herumgeführt. Er zoomte die Augen näher heran. Er stutzte. Er sprang auf. Er lief zur Tür.











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