Chroniken by Nell, admin
Part 1 by Nell
Rechtliche Hinweise: Die Figuren der Fernsehserie „Pretender“ gehören nicht mir, sondern NBC und MTM. Vielleicht gehören sie auch Vox oder sonst wem, keine Ahnung. Mir jedenfalls nicht. Ich habe sie mir nur ausgeliehen und weil ich ein braves Mädchen bin, gebe sie gewaschen und gebügelt zurück. Versprochen :-)

Danksagung:
Vielen Dank erst mal an Miss Bit, die mir mit ihren tollen Ideen wirklich sehr geholfen hat und ich würde mich sehr freuen, wenn sie wieder schreiben würde.
Für meine beste Freundin Maren und für Ruben, den intelligentesten Jungen, den ich jemals kennen gelernt habe. (Das erzählt ihm aber bitte keiner, sonst passt sein Ego nicht mehr durch die Tür!:-))

Beschwerden über meine Rechtschreibung und Grammatik werde ich gern an meinen Deutschlehrer weiterleiten, der mir seine Zeitung über den Kopf zog, als ich ihm klarmachen wollte, dass er unfähig ist.



Chroniken (1/2)
Gestürzte Könige
Von Nell





„Whatever our souls are made of, his and mine are the same.”
-Emily Bronte, Wuthering Heights



Da weder ihr Name, noch ein Pseudonym je bekannt geworden war und da sie ein recht inniges Verhältnis zu Mr. Lyle zu haben schien, nannten die Centre-Angestellten sie einfach ‚Mrs. Lyle’. Sie hasste es so genannt zu werden. Die Frau dieses Psychopathen bekannt zu sein, war wirklich keiner ihrer Mädchenträume gewesen. Aber nun gut, sagte sie sich, es hatte seine guten Seiten so eng mit Mr. Lyle in Verbindung gebracht zu werden. Mr. Lyle war gefürchtet und durch ihn hatte sie immerhin schon einen Ruf inne. Einen ausbaufähigen Ruf, verstand sich. Sie liebte es gefürchtet zu werden. Und das wurde sie.

„Ich will unverzüglich ALLES über sie wissen, Broots. Und wenn ich alles sage, meine ich das auch“, wurde dem Techniker früh am Morgen von der recht ungehaltenen Miss Parker befohlen.

Broots drückte mit einem unverständlichen Gemurmel seinen Unmut aus, setzte sich aber ohne ein Kommentar an seinen Computer.

„Was glauben Sie hat sie mit Ihrem Bruder zu tun?“, erkundigte sich der ebenfalls anwesende Sydney.

„Sie ist keine Japanerin, also nehme ich nicht an, dass sie irgendwann tot in der Gosse liegen wird“, bemerkte sie. „Was wissen Sie über sie, Syd?“

„So gut wie nichts. Sie wird Mrs. Lyle genannt, aber ich bezweifle, dass sie Lyles Frau ist, oder auch nur eine Affäre mit ihm hat. Sie ist mächtig, vielleicht mächtiger als Lyle selbst. Und sie versteht sich blendend mit Mr. Raines und Ihren Vater, Miss Parker.“

Miss Parker wandte sich zu Broots. „Wie lange werden Sie ungefähr brauchen?“

„Keine Ahnung, aber es könnte lange dauern. Ich habe das ungute Gefühl als hätte ‚Mrs. Lyle’ ein verdammt hohes Sicherheitslevel.“

***

Zur selben Zeit wanderte Mr. Lyle im Begleitung seiner „Ehefrau“ unangemeldet und ohne zu klopfen in das Büro seines Vaters. Mr. Parker saß am Schreibtisch und sah auf als er jemanden eintreten hörte. Er grüßte seinen Sohn mit einem simplen Nicken, stand dann auf und küsste der jungen Frau die Hand. „Es freut mich Sie wiederzusehen“, erklärte er und lächelte charmant.

„Die Freude liegt ganz auf meiner Seite.“

Mr. Parker bewunderte die Schönheit der Frau, die im gleichen Alter sein mochte wie seine Tochter, aber das totale Gegenteil zu ihr darstellte. ‚Mrs. Lyle’, Mr. Parker kannte sie, wie nur wenige unter ihrem Vornamen Caitlin, war blond, hatte braune Augen und immer ein freundliches Lächeln auf den Lippen. Hinter dieser Fassade war sie kalt und berechnend, soviel glaubte Mr. Parker über sie zu wissen. Seine Tochter, musste er sich eingestehen, war auch in bezug auf das das Gegenteil der jungen Frau.

„Wieso sind Sie hier, Caitlin?“

„Es geht um das kleine Projekt Ihrer Tochter.“

„Oh, Jarod“, bemerkte Mr. Parker uninteressiert. „Es ist alles unter Kontrolle.“

„Wäre alles in Ordnung wäre Jarod hier“, erwiderte sie trocken.

Mr. Parker fühlte sich beschämt und gedemütigt, er sah es als persönliche Niederlage, dass seine Tochter in all den Jahren nicht in der Lage gewesen war, Jarod einzufangen. „Was schlagen Sie also vor?“

„Ich habe nicht die Absicht etwas vorzuschlagen. Ich bitte Sie nur mich bei dieser Suche ein bisschen... helfen zu lassen.“

Sie warf eine lange, goldblonde Haarsträhne hinter die Schulter und lächelte unschuldig. Nichts an ihrem Äußeren wollte so recht zu ihrem kalten Ton passen. „So, was sagen Sie?“

„Wenn das Ihr Wunsch ist“, gab Mr. Parker klein bei.

Caitlin entschuldigte sich lächelnd, als ihr „Mann“ ihr folgen wollte, wurde er von Mr. Parker zurückgerufen.

„Wir haben noch etwas zu besprechen, Lyle. Es geht um die Kleine“, begann er taktlos, „dieses Mädchen... sie ist nichts für dich. Sie ist gefährlich.“

“Ich weiß damit umzugehen“, erwiderte Lyle mit einem Grinsen.

“Das glaube ich nicht. Sie ist nicht eine deiner kleinen Freundinnen! Du wirst sie nicht kontrollieren können. Wir sind nicht einmal sicher ob wir das können.“

„Warum habt ihr sie dann eingestellt? Sie ist ein entlaufener Pretender, der nach etlichen Jahren in Freiheit auf die Idee kommt mal wieder bei der Organisation vorbeizuschauen, die ihr die Kindheit versaut hat. Ich bitte dich, Dad, das klingt wirklich etwas merkwürdig.“

“Das wissen wir. Aber sie ist eine unglaubliche Einnahmequelle. Sie macht Raines’ Simulationen und wir bekommen eine Menge Geld dafür.“

“Warum habt ihr sie nicht eingesperrt? In einem Sub-Level wäre sie mit Sicherheit besser verwahrt als im Team meiner geliebten Schwester.“

Mr. Parker nickte betrübt. „Sie ist gut informiert, vielleicht sogar besser als unser Sicherheitschef selbst. Wir können sie nicht festhalten und wenn wir es versuchen, wird sie fliehen. Sie ist zig Mal gefährlicher als Jarod es je war und der hat es schließlich auch geschafft zu fliehen.“ Mr. Parker kramte in seinem Schreibtisch nach einer Akte und reichte sie seinem Sohn, als er sie gefunden hatte. „Sieh dir nur ihre Akte an, einfach beeidruckend! Sie war beim FBI, bei der CIA, bei der NSA und sogar beim KGB. Sie hat jede einzelne Wanze gefunden, die wir in ihrem Haus installiert haben und sie lässt uns nur das hören was wir hören sollen. Sie hat die Karten in der Hand. Ich bitte dich Lyle, spiel deine Spielchen mit einer anderen Blondine, denn die hier wird es dir und dem Centre heimzahlen.“

Aber was war Lyles Leben schon ohne den Nervenkitzel?

Sein siegessicheres Grinsen gefiel seinem Vater nicht. Seufzend lehnte der sich in seinen Sessel zurück.

****

„Und alles, was Sie über sie herausfinden konnten ist nichts?“, fragte Miss Parker vorwurfsvoll.

„Uhm... ja, Miss Parker. Das ist alles“, entgegnete der Techniker stotternd. „Sie hat ein sehr hohes Sicherheitslevel, ich möchte sogar sagen, dass ich bezweifle, das Lyle ihre Akte einsehen könnte.“

“Selbst Lyle nicht?“ Sie dachte kurz darüber nach und wandte sich dann dem älteren Mann hinter ihr zu. „Was glauben Sie, Syd, könnte sie uns gefährlich werden?“

Er nickte überzeugt.

In diesem Moment betrat sie den Raum. Alle drei drehten sich abrupt um, als sie das Knarren der Tür vernahmen. Caitlin lächelte überlegen.

„Zufällig habe ich bemerkt, dass Sie sich sehr für mich interessieren.“

„Ich verstehe nicht, was Sie meinen“, murmelte Miss Parker.

„Oh kommen Sie, soll ich noch deutlicher werden? Sie haben die ganze Zeit versucht meine Akte einzusehen.“

Broots zitterte und rollte seinen Stuhl ein wenig hinter Miss Parker, um sich hinter ihr zu verstecken.

„Sie haben keine Beweise“, erwiderte die kess, ohne wirklich etwas von Computern zu verstehen.

„Die habe ich“, entgegnete Caitlin trocken. „Aber das ist unwichtig. Ich werde niemanden in der Chefetage davon unterrichten. Ich gehöre jetzt zum Team, wissen Sie?“

„Was?“

„Ihr Daddy hat mir erlaubt ein bisschen mitzumischen, wissen Sie? Jarod einfangen und so.“ Sie lächelte verschlagen, machte auf dem Absatz kehrt und war schon wieder halb auf dem Gang, als sie sich noch einmal umdrehte und Broots zuzwinkerte. „Wenn Sie ein etwas über mich erfahren wollen, sollten Sie ‚Mrs. Lyle’ vergessen und sich ein bisschen über Caitlin erkunden.“

Sie war gegangen, da Miss Parker ließ sich auf einen Stuhl fallen, strich eine schwarze Haarsträhne hinters Ohr und wies Broots schroff an sich endlich in Bewegung zu setzen.

Drei Stunden später, Sydney und Miss Parker waren gerade vom Mittagessen wiedergekommen, war Broots zwar hungrig, aber fertig.

„Was haben Sie?“

„Raines’ vier Projekte. Es ist massenhaft über sie verzeichnet. Er hatte damals vier Kinder mit den Blutlinien zusammen von der Außenwelt isoliert. Caitlin, Bobby, Timmy und eine gewisse Kelly-Christine. Die Kinder teilten sich ein Sub-Level, bis Raines anfing zu experimentieren um sie zu Pretendern zu machen. Kelly-Christine war ein natürlicher Pretender, bei Bobby und Timmy lief das ganze schief, einzig bei Caitlin funktionierte es auf unerklärliche Weise. Drei Tage später gelang dem Mädchen mit Hilfe ihrer Freundin Kelly-Christine die Flucht. Kelly wurde dabei von Raines erschossen.“

„Und wer ist Caitlin nun?“

„Es gibt einige Bilder und DSAs von ihr. Sie ist blond, hat braune Augen und eine starke Ähnlichkeit mit jemandem den wir kennen.“

„Mrs. Lyle“, schloss Miss Parker und stemmte die Hände in die Hüften.

Broots nickte.

„Aber eines verstehe ich nicht“, fuhr sie fort. „Wieso ist sie zurück gekommen, wenn sie die Freiheit haben kann?“

„Es gab ein paar digitale DSAs in den Akten. Vielleicht können die Ihre Frage beantworten. Sie werden überrascht sein, Miss Parker“, versprach er und ließ das Video laufen.

***

Ein kleines blondes Mädchen von etwa fünf Jahren mit einem langen geflochtenen Zopf kauerte in einer Ecke und sang leise ein Schlaflied: „Leuchte, leuchte kleiner Stern...“ Ihre Stimme brach immer wieder unter einem Schluchzen.

„Hallo“, grüßte die Frau, die Miss Parker so ähnlich sah, warm. Neben ihr tauchte ein anderes kleines Mädchen in ihrem Alter auf. „Was ist mit dir?“, fragte die Frau liebevoll und setzte sich neben sie. Das andere Kind blieb in einiger Entfernung stehen und beobachtete ihre Mutter.

„Meine Mom“, schluchzte die Kleine. „Sie sagen sie ist tot.“

„Mein armer Schatz“, flüsterte die Frau und nahm die Kleine in den Arm. „Was ist mit deinem Vater?“

„Ich habe gesehen... ich habe...“ Sie brach in Tränen aus und war unfähig zu sprechen.

„Männer, in schwarz...“, begann sie erneut, „... haben auf ihn geschossen. Er wollte mich retten.“ Wieder wurde sie von einem Weinkrampf geschüttelt.

„Hab keine Angst, ich werde dich hier rausholen, glaub mir, Caitlin.“

***

„Sie kennen sich“, stellte Broots das Offensichtliche fest. „Das kleine Mädchen hinter Catherine, das waren sie.“

Miss Parker nickte abwesend. „Ja. Aber ich erinnere mich nicht an sie.“

„Erinnern Sie sich, Syd?“, erkundigte Broots sich bei dem alten Mann.

Sydney, der die ganze Zeit stumm in der Ecke gestanden hatte, trat aus dem Schatten heraus. „Ja, ich kenne Caitlin, auch wenn ich ihren Namen bis zu diesem Tag nie erfahren habe. Ich erinnere mich auch an ein Mädchen namens Kelly-Christine. Caitlin und Kelly-Christine waren zwei der vier Kinder, die immer nur als Raines Projekte bezeichnet worden waren. Die anderen beiden dürften Ihnen beiden bekannt sein. Ihre Namen waren Timmy und Bobby.“

Er räusperte sich und beobachtete Miss Parker.

„Angelo und Lyle“, schloss diese.

Sydney nickte. „Man sah sie nur selten, irgendwann verschwanden sie bis auf Timmy ganz und niemand sprach je wieder ein Wort über sie. Ich wusste nicht, was geschehen war.“

Als sei dass sein Stichwort schaltete Broots ein anderes Video ein. Er selbst hatte keine Zeit mehr gehabt es sich anzusehen.

****

Ein kleines, blondes, etwa 10jähriges Mädchen mit einem langen Pferdeschwanz rannte durch Sub-Level 7 hinter einem anderen Mädchen her.

Sie hatte schulterlanges, hellbraunes Haar und Sommersprossen auf der Nase und ihr Lachen klang durch die Räume. Ein seltener Laut im Centre.

„Halt an!“, befahl das Mädchen mit dem Zopf. „Halt doch an, Kelly!“

Doch Kelly-Christine rannte weiter und das Mädchen ihr hinterher.

Schließlich konnte sie nicht mehr und musste sich geschlagen geben. „Du hast gewonnen, Caitlin.“

Zufrieden nickte das Mädchen. „Wo ist Bobby?“

Ein breites Grinsen machte sich auf Kellys Gesicht breit. „Du magst ihn!“

„Stimmt gar nicht!“

„Caitlin liebt Bobby! Caitlin liebt Bobby!“, rief sie und hüpfte auf und ab.

„Stimmt doch gar nicht!“

Kelly verstummte, als sie den Jungen um die Ecke kommen sah. Schüchtern schaute er auf seine Füße, hinter ihm kam noch ein anderer Junge um die Ecke gebogen, ein kleinerer Junge, mit blonden Haaren und einem Pagenschnitt.

„Da seid ihr ja!“, begrüßte Kelly sie, während Caitlin sich damit beschäftigte den Boden anzustarren. „Komm“, sie zog den größeren der Jungen am Ärmel, „ich muss dir ein Geheimnis erzählen!“ Und sie zog ihn ein bisschen von den beiden anderen Kindern weg.

Caitlin traute sich wieder aufzuschauen. „Hallo, Timmy“, begrüßte sie den andern Jungen.

„Hallo.“

Und beide setzten sich nebeneinander auf den Fußboden, während die anderen Kinder noch redeten.

Als sie wieder kamen, stellte sich der große Junge mutig vor Caitlin.

„Möchtest du tanzen?“, fragte er und seine Stimme zitterte in wenig.

„Ich kann nicht tanzen“, gab Caitlin zurück.

„Bobby schon“, mischte Kelly sich ein. „Meine Mutter hat es mir beigebracht, ich habe es ihm gestern beigebracht und er wird es dir beibringen.“

„Aber wir haben keine Musik“, überlegte Kelly. „Stellt euch einfach vor, es wäre Musik da.“

Caitlin ergriff Bobbys hingestreckte Hand und er zog sie vom Boden hoch. Dann erklärte Bobby ihr mit leiser, schüchterner Stimme ihre Haltung und eine Schrittfolge, die sie sofort perfekt beherrschte. Eine viertel Stunde später hatten Bobby und Caitlin ihre Schüchternheit vergessen und tanzten zu eingebildeter Musik.

Eine Tür flog auf und Raines erschien. Die Kinder erstarrten, Caitlin und Bobby ließen einander los, lediglich Caitlins rechte Hand konnte seine linke nicht fallen lassen.
Alle vier starrten Raines ängstlich an.

„Dr. Raines“, brachte Kelly lediglich heraus.

„Komm, Bobby, wir haben etwas zu erledigen.“

„Nein!“ Kelly stellte sich mutig, die Hände in die Hüften gestemmt, vor Raines. „Er bleibt hier.“

Raines sah eine Sekunde lang mit vor Wut funkelten Augen auf das Mädchen hinab, bevor er die Hand zu einer Faust krümmte und ihr mitten ins Gesicht schlug. Dem war das zierliche Mädchen nicht gewachsen und die Kraft des Schlages riss sie zu Boden.

Er ergriff Bobbys Arm und wollte ihn mit sich fortreißen, doch der stemmte sich mit aller Kraft dagegen nur um Caitlins Hand nicht loslassen zu müssen. Doch Raines war viel stärker als der Junge und langsam glitt seine Hand aus Caitlins.

„Nein“, wisperte sie und sah ein letztes Mal in die so verzweifelten Augen, als sie einander für immer los ließen.

***

„Das waren also die Kinder die meine Mutter retten wollte! Und die Kinder in den roten Akten“, schloss Miss Parker nachdenklich.

„Ja, das sind die roten Akten.“ Sie fuhren alle wie ertappt beim Klang der jungen Frauenstimme zur Tür herum. Caitlin stand dort und lehnte sich seelenruhig gegen den Türrahmen. „Jarod, Kyle, Bobby, Timmy, Kelly-Christine, Samantha, Sie und ich. Es waren jedes Mal Zwillinge, wissen Sie? Jarod und Kyle, Bobby und Sie, Kelly und Samantha, Timmy, oder auch Angelo, und ich.“

„Wer ist Samantha?“, erkundigte sich Miss Parker.

„Niemand weiß genau wer sie ist. Auch ich habe kaum etwas herausfinden können.“

„Und Sie sind Angelos Zwillingsschwester?“, fragte Broots und war selbst überrascht seine Stimme wiedergefunden zu haben.

Sie nickte. „Das bin ich. Aber Fragen können Sie auch später noch stellen. Sehen Sie sich jetzt eine DSA an, die Sie in keiner der Akten finden werden.“

Sie zog eine kleine CD aus ihrer kleinen Handtasche.

***

Das Mädchen hatte schulterlange, blonde Haare und eine Menge Sommersprossen auf der Nase. Sie tapste so leise sie wie möglich über die Flure des Sub-Levels und versuchte den Schlüsselbund in ihrer Hand ruhig zu halten, dass das Geklimper der aneinanderschlagenden Schlüssel nicht zuviel Krach machte. Die Waffe in ihrer anderen Hand wirkte zu groß und völlig fehl in ihren zierlichen Fingern. Immer wieder sah sie sich ängstlich um und ihre Schritte wurden immer schneller bis sie schließlich rannte. Sie fand das blonde Mädchen in ihrer üblichen Zelle, mit ihrem Mentor, einem großen schwarzhaarigen Mann mit tiefen dunklen Augen. Der Mann wollte gerade rufen, da hallte der Schuss durch das Sub-Level und er sank tot zusammen. Schnell fand sie den richtigen Schlüssel für die Zelle und schloss auf.

„Kelly-Christine?“, fragte das blonde Kind mit angstvollem Blick auf ihren Mentor. „Was hast du getan?“

„Komm!“, rief Kelly-Christine und das Mädchen konnte nicht anders als ihr gehorchen. Beide Kinder rannten so schnell sie konnten, doch der Schuss hatte das ganze Centre in Aufruhe versetzt und bald kamen ihnen eine Menge von Sweepern entgegen.

Als Kelly-Christine keinen anderen Ausweg mehr sah, schoss sie planlos auf die Sweeper und viele brachen vor ihnen zusammen

„Hör auf!“, schrie das andere Mädchen immer wieder, doch für Kelly-Christine war klar, dass, wenn sie aufhörte, sie wieder gefangen werden würde und sie wollte lieber sterben. Es hatte lange gebraucht bis sie den Mut gefunden hatte das zu tun und jetzt würde sie nicht aufgeben.

„Renn' in die andere Richtung“, befahl sie dem blonden Mädchen, gab ihr einen Schlüssel in die Hand und schoss immer weiter auf die Cleaner.

Das Mädchen gehorchte und rannte den Cleanern, die zu sehr mit Kelly-Christine beschäftigt waren davon. Sie erkannte den kleinen Schlüssel in ihrer Hand: Es war der Schlüssel für den Luftschacht in ihrem Sub-Level. Alle Luftschächte waren verschlossen, seit Jarod sie einmal als Fluchtweg benutzt hatte. Sie hörte noch einen letzten Schuss, dann Stille.

Das kleine blonde Mädchen mit dem langen geflochtenen Zopf sah sich ängstlich in dem großen Sub-Level um.

Keine Antwort, nur sich nähernde, harte Schritte.

Panisch sah sich das Kind um und entdeckte ein Versteck in einer dunklen Nische zwischen ein paar Pappkartons.

Mr. Parker und Mr. Rains tauchten auf und stritten laut.

„Gab es denn keine andere Möglichkeit als sie zu erschießen?“, schrie Mr. Parker seinen Gegenüber an.

Raines schüttelte den Kopf. „Sie hat fünf Sweeper getötet.Wir hätten sie nicht unter Kontrolle gekriegt ohne sie zu töten. Aber wir haben immer noch die anderen beiden Mädchen und Ihre Tochter.“

Wütend schüttelte er den Kopf. „Sie werden meine Tochter nicht zu Ihrer kleinen Laborratte machen!“

„Aber Jarod mag sie.“ Raines grinste böse.

Mr. Parker holte aus und schlug Raines mit der Faust mitten ins Gesicht. Der taumelte und fiel auf den Boden.
„Und sie ist kein natürlicher Pretender. Genau wie die anderen beiden es nicht sind“, murmelte Mr. Parker.

„Aber“, das Grinsen kehrte in Raines geschlagenes Gesicht zurück, „eigentlich brauche ich nur einen natürlichen Pretender und ein Genie mit den Blutlinien.“

„Machen Sie mit Caitlin und Samantha was Sie wollen, aber lassen Sie Ihre dreckigen Finger von meinem Kind!“

Raines und Mr. Parkers Stimmen wurden leiser und erst als sie nicht mehr zu hören waren, verließ sie ihr Versteck, schloss den Schacht auf und kletterte hinein.

Das löste einen stillen Alarm aus, aber alle waren zu sehr mit Kelly-Christines Tod beschäftigt um schneller zu reagieren.

***

„Was bedeutet das? Was soll das heißen? Caitlin!“

So sehr sich Miss Parker aufregte, so ruhig war ihre Gegenspielerin. Sie lehnte sich mit üblicher Gelassenheit gegen den Türrahmen, ignorierte Miss Parker und wandte sich an Sydney. „Erinnern Sie sich an das Projekt Centre-Kind?“

Sydney schüttelte verwirrt den Kopf. „Ich habe nie davon gehört.“

„Das ist merkwürdig. Auch Jarod war eine Zeit lang dafür vorgesehen.“

„Ich verstehe nicht...“

„Das Kind zweier Pretender, das Centre-Kind, ein so intelligentes, so begabtes Kind, wie sie es sich nicht einmal erträumen können. Damals war es Raines Ziel ein solches Kind zu bekommen, koste es, was es wolle. Doch seine Pretender waren damals selbst nur Kinder und er musste sich gedulden. Und ehe das Projekt dann starten konnte, war ich fort und Kelly-Christine tot. Miss Parker wurde von ihrem Vater geschützt und über Samantha ist im Allgemeinen nur bekannt, dass sie schon immer kränklich und schwächlich war und sich einige Spezialisten nicht sicher waren ob sie eine Geburt überstehen würde. So geriet sein Plan in Vergessenheit, nehme ich an.“

Sie stieß sich vom Türrahmen ab und war im nächsten Moment auf dem Korridor.

Ihr Weg führte sie zu Angelos Zimmer. Mit zitternder Hand drehte sie den Türknauf und trat langsam in den dunklen Raum.

„Angelo? Angelo, bist du hier?“, fragte sie.

„Schwester?“ Verwirrt trat er aus einer dunklen Ecke heraus.

„Angelo!“

„Schwester!“ Er grinste sie frech an, als sie auf ihn zu stürmte und ihn in den Arm nahm.

„Endlich habe ich dich wieder!“

„Woher weiß Schwester vom Bruder?“

„Ich habe viele Akten durchgesehen, ehe ich mir sicher war. Woher weißt du es?“

„Centre glaubt Angelo sei dumm.“ Er grinste. „Aber Angelo weiß.“

Sie ließ ihn los und starrte ihn an. “Weiß was? Was weißt du noch?“

„Samantha.“

„Was ist mit dem Mädchen?“, drängte sie ihn.

„Tot.“

„Raines hat sie getötet?“

Angelo schüttelte den Kopf. „Das Baby.“

„Das Centre-Kind?“

Er nickte.

„Wer war der Vater? Und lebt es noch? Lebt das Kind?“

„Lyle. Nein. Nein.“

Sie atmete aus. Obwohl es tragisch war, war es doch ein Glück, dass weder Mutter noch Kind überlebt hatten. Angelo schien ihre Gedanken gelesen zu haben und starrte sie nun an.

„Es tut mir leid, Angelo. Du weißt, ich meine es nicht böse. Du weißt selbst was passiert, wenn das Centre-Kind geboren wird. So sehr mir Samantha und das Kind auch leid tun, es ist besser so.“

Angelo nickte zögernd.

„Und, wie steht es nun, Angelo? Willst du mein Bruder sein?“

„Hat Angelo eine Wahl?“

„Natürlich. Wenn nicht, werde ich mich nie wieder blicken lassen, versprochen.“

Er nickte hastig mit dem Kopf. „Natürlich will Angelo seine Schwester.“

***

Den Rest des Tages bekam niemand Caitlin mehr zu Gesicht. Es war, als wäre sie wie von Erdboden verschluckt. So recht es Miss Parker auch war, das diese dämliche Blondine ihr nicht vor der Nase herum spazierte, sosehr schmerzten sie auch die Fragen über ihre Mutter. Sie wollte Antworten von Raines neuer Spielfigur.

Ihr Magengeschwür machte ihr Schmerzen, ihr Kopf dröhnte als sie ihr Haus betrat. Glücklich einfach nur zu Hause zu sein, ließ sie sich ein Bad ein und schoss sich die nächsten paar Stunden ein, bis um Punkt elf Uhr ihr Telefon klingelte. Nur für den Bruchteil einer Sekunde zog sie in Erwägung es einfach klingeln zu lassen. Aber das war nicht ihre Art und sofort schossen ihr zwanzig Dinge in den Kopf, die passiert sein konnten. Jarod konnte gefunden worden sein, sie hatten eine Spur von ihm, Sydney konnte etwas zugestoßen sein oder Jarod... oder Jarod konnte Bekanntschaft mit der Waffe eines Centre-Angestellten gemacht haben.

Sie stand so schnell auf, dass das Wasser über die Badewanne schwappte. Sie riss ihren Bademantel von der Befestigung und rannte zum Telefon.

„Was ist?“, zischte sie ins Telefon.

„Miss Parker, wie geht es Ihnen?” Jarods belustigte Stimme.

Mistkerl, verdammter Mistkerl, schoss es ihr in den Kopf und ihre Sorgen um ihn machten sie wütend.

„Was wollen Sie?“, zischte sie.

„Mich mit Ihnen unterhalten“, gab er unschuldig und mit gespielter Verletzung zurück.

„Haben Sie mein kleines Geschenk gefunden?“

Sie sah sich um. „Nein, habe ich nicht. Wo ist es? Und was ist es?“

Er ignorierte ihre Frage vollkommen. „Mmmmh. Sie werden unberechenbar, Miss Parker“, bemerkte er nachdenklich. „Ich hatte damit gerechnet, dass Sie sich nach einem so anstrengenden Tag wie heute gleich hinlegen.“

„Wovon reden Sie?“, fragte sie und sah sich dabei in ihrem Schlafzimmer etwas genauer um. Und da war es. Warum hatte sie es nur nicht sofort gesehen? Es war eine Kohlezeichnung ihrer Mutter, an der rechten Wand. Auf die Wände hatte sie überhaupt nicht geachtet und da ihr Zimmer mit einigen Bildern versehen war, war es ihr auch nicht sofort ins Auge gestochen.

„Es ist... wunderschön“, flüsterte sie unbedacht ins Telephon. Nur eine Sekunde später wurde ihr klar, dass sie ihm gerade einen Moment der Schwäche gezeigt hatte.

„Ihre Mutter war wunderschön“, gab er zu bedenken. „Sie sind wunderschön“, fügte er noch hinzu, seine Stimme war nur noch ein Flüstern.

Ungläubig hob sie abrupt den Kopf, denn damit hatte sie nicht gerechnet. Am anderen Ende der Leitung war Stille, dann ein Freizeichen.

Jarod hatte aufgelegt. Und sie war ihm nicht einmal böse.

***

„Guten Morgen, Gentleman.“ Caitlin knallte ihre Aktentasche mit einem hinreißenden Lächeln und einem Hauch Spott in Stimme und Ausdruck auf den runden Tisch um den Mr. Parker und die anderen Männer saßen. Sie grinste: König Artus und die Ritter der Tafelrunde.

Sie hatte die Geschichten über König Artus geliebt. Aber war es nicht sein eigener Sohn gewesen, der ihn gestürzt hatte? Sie betrachtete Lyle prüfend, bevor sie begann, dann wanderte ihr Blick weiter zu Mr. Parker, zu Mr. Raines und dann hinter ihnen zum schützenden Dunkel, in dem einige Männer saßen, die Caitlin wahrscheinlich erkannt hätte, hätte sie sie nur gesehen.

„Guten Morgen Caitlin“, begrüßte Mr. Parker kalt. „Na schön, was haben Sie uns mitgebracht?“, fragte er ungeduldig.

„Das Telephongespräch zwischen Ihrer Tochter und Jarod gestern.“

„Ein Telephongespräch? Er drehte sich zu Lyle und sah ihn drohend an. „Warum wurde ich nicht informiert?“, donnerte er

„Ich... ich hielt es nicht für wichtig. Er quält sie doch ständig mit seinen Anrufen.“

„Ich will es hören“, ignorierte er seinen Sohn und wandte sich zu Caitlin. „Spielen Sie es ab.“

Gesagt, getan. Er hörte sich ihr ganzes ungeschnittenes Gespräch an.

...
„Ihre Mutter war wunderschön.“ Eine Pause. „Sie sind wunderschön.“

Caitlin konnte förmlich sehen, wie Mr. Parker das Blut in den Kopf schoss. Sein Gesicht wurde ganz rot vor Wut und die Knöchel seiner zu Fäusten geballten Hände traten weiß hervor. „Wie kann er es wagen?“, zischte er als das Band geendet hatte. „Dieser Bastard. Wenn er es auch nur wagt sie anzufassen werde ich ihm alle Finger abhacken!“, donnerte Mr. Parker.

„Daran wird Mr. Lyle sicher seine Freude haben“, bemerkte Caitlin grinsend mit einem Blick auf die Stelle seiner Hand an der früher einmal Lyles Daumen gewesen war.

Die Männer in dem Raum starrten sie an.

„Entschuldigung“, murmelte sie gespielt eingeschüchtert und sah auf ihre Füße.

Mr. Parker war der erste der die Stille wieder brach. „Also, was wollten Sie uns mitteilen?“

„Ich weiß wo Jarod sich aufhält“, schleuderte sie den Männern mit einem bösen Lächeln entgegen.

***

Miss Parker hasste es, sie in einem Wagen mit ihrem Vater fahren zu sehen. Nicht, dass Brigitte ihr nicht schon genug Ärger gemacht hatte, jetzt versuchte dieses Flittchen auch noch ihr ihren Vater wegzunehmen.

„Miss Parker“, riss Sydney neben ihr aus ihren Gedanken. Sie musste also mit Syd fahren und Miss Caitlin fuhr mit Daddy. „Miss Parker, geht es Ihnen nicht gut? Sie sehen krank aus.“

„Diese Frau macht mich krank. Sie hat zwei Tage gebraucht um Jarod zu finden, während ich knapp drei Jahre mit der Suche verschwendet habe!“, rief sie wütend.

„Sie ist ein Pretender, Miss Parker“, warf Sydney ein.

„Ich bin auch einer, zur Hölle! Aber ich war unfähig unseren Wunderknaben zu finden.“

„Ist das alles, was Sie wütend macht? Dass Sie es nicht sind, die Jarod zurück ins Centre bringt?“

Sie sah Sydney erstaunt an. „Worauf wollen Sie hinaus?“, zischte sie mit einer bösen Vorahnung.

Der Fahrer konnte sie nicht hören und wenn doch, so würde er kaum reden. Er war kein Cleaner und hatte keine Ahnung von Centre-Angelegenheiten.

„Sie wollen ihn doch gar nicht ins Centre zurück bringen. Sicher, Sie hätten allen Grund dazu, aber im Unterbewusstsein wollen Sie es nicht.“

Sie verdrehte die Augen. „Gott Syd, manchmal glaube ich, Sie haben während Ihrer Psychologie-Vorträge im College geschlafen. Ist es nicht völlig offensichtlich, dass ich alles tun würde um dieses überhebliche Genie wieder dorthin zu bringen wo er hingehört?“

„Wo gehört er denn hin, Miss Parker?“, fragte er und ein unterdrücktes Lächeln flammte in seinem Blick auf.

„Was soll das nun schon wieder heißen?“

„Gar nichts, Miss Parker, ich frage mich nur, ob Sie ihn nie vermisst haben. Ich habe ihn vermisst.“

„Ich nicht!“, beendete sie das Gespräch mit einem Ton, der keine weiteren Fragen oder Anspielungen duldete.

***

Im anderen Auto war die Unterhaltung sehr viel lebhafter.

„Ich bin beeindruckt, Caitlin, wirklich. Sie beschämen meine Tochter.“

„Oh, nein, es ist nur..., weil ich Jarod verstehe und sie nicht. Es ist nicht Ihre Schuld.“

„Wie auch immer. Es würde mich interessieren wie Sie ihn ausfindig gemacht haben. Lyle wollten Sie nichts verraten, wie steht es mit mir?“ Es war eine Frage, aber so war es nicht gemeint. Sein Ton duldete keinen Widerspruch, kein ‚nein’. Er wollte es wissen, jetzt und hier und sie wusste das.

„Ich kann eben auch mit Computern umgehen“, war ihre knappe Antwort, die ihn zufrieden zustellen hatte.

„Ich habe es schon immer gewusst. Broots ist ein Idiot“, sagte Mr. Parker. „Nun, ich werde mich um ihn kümmern.“

„Nein!“ Sie sah auf und begegnete seinem überraschten Gesichtsausdruck und fuhr in einem ruhigeren Ton fort: „Nein, das wird nicht nötig sein, Sir. Ich kann ihn gut brauchen. Schließlich kann ich die ganze Arbeit nicht allein machen.“

***

Miss Parker hatte Jarods Gesichtsausdruck genau gesehen. Er hatte ihr viel zu gelassen ausgesehen. Er schien überhaupt nicht überrascht von den vielen Sweeper-Teams, nicht im Geringsten beängstigt. Er hatte sogar die Frechheit besessen ihr noch einmal zuzuzwinkern, ehe er dann verschwunden war. Viel zu schnell, viel zu glatt war er entkommen. Miss Parker hatte gedacht, dass es jetzt nach Caitlins Regeln gehen würde. Das sie jetzt ihr Spiel spielen würden. Doch immer noch waren es seine Fäden und sie waren nur Marionetten.

Wieder fiel ihr Caitlins Gesichtsausdruck ein, als sie ihn nicht gefangen hatten. Miss Parker hatte ein Auge für aufgesetzte Mienen. Sie hatte gelernt es Jarod dem Pretender nicht so einfach zu machen und da sie selbst die Blutlinien besaß, konnte sie ihnen, den Pretendern, mittlerweile fast ansehen, ob sie mal wieder ihre Fähigkeit einsetzten, oder ob sie ehrlich waren. Caitlin war in diesem Moment nicht ehrlich gewesen. Sie hatte sich aber auch keine große Mühe gegeben ihre Freude über Jarods Flucht zu verbergen. Vielleicht fiel ihr Vater darauf herein, Miss Parker aber mit Sicherheit nicht.

***

„Das lief doch ziemlich gut“, bemerkte Caitlin lächelnd und sank tiefer in ihren Wohnzimmersessel.

Jarod lächelte, als er bemerkte, dass sie kaum noch genug Kraft hatte um gerade zu stehen. „Körperlich nicht ganz auf der Höhe, Caitlin?“

Sie streckte ihm die Zunge raus. „Das steht dir auch noch bevor, wenn du weiter soviel süßes Zeug mampfst. Glaubst du es kommt von alleine, dass du so aussiehst wie Rambo?“

„Rambo?“

Sie verdrehte die Augen. „Hey, du warst all die Jahre draußen und hast Rambo nicht gesehen? Schande über dich, Jarod. Aber mal im ernst, was machst du hier? Es gibt Telefone, weißt du?“

„Ja, ja. Aber ich wollte dir das hier geben und ich brachte es nicht übers Herz es zu schicken.“ Er holte eine kleine Schatulle aus seiner Jackentasche reichte sie ihr über das Fernsehtischchen.

Vorsichtig nahm sie sie in beide Hände und betrachtete sie, als habe sie einen großen Schatz vor sich. Es war nicht mehr als ein silbernes Döschen, das auf dem Deckel von einer Rosenblüte geziert wurde und das von anderen Blütenmustern überseht war. Sicherlich schön anzusehen, aber das Silber war schon angelaufen und sie war sicher nicht viel wert, jedenfalls nicht soviel, dass es für sie Bedeutung gehabt hätte.

Sie öffnete sie und fand darin eine silberne Kette mit dem ebenfalls silbernen Anhänger einer Rosenblüte. „Es ist... wunderschön.“

„Hey, das kenne ich irgendwoher“, stellte er grinsend fest.

„Danke Jarod. War es bei... den Sachen...“

„Deines Vaters, ja. Catherine Parker hat sie wirklich gut aufgehoben, es hat mich einiges gekostet sie zu finden.“

Caitlin dachte an sein letztes Geschenk: Das Buch ‚Die Schatzinsel’, das er in einem anderen Schließfach Catherine Parkers entdeckt hatte. Auf der Innenseite des Buchdeckels hatte eine Widmung für Caitlin gestanden. Aber das war alles, nur der Vorname war erwähnt und mit ‚deine Mom’ unterschrieben. Aber ihren wahren Nachnamen oder die Vornamen ihrer Eltern kannte sie immer noch nicht. Es ging ihr noch schlimmer als Jarod, und ihr war, als ob sie ihn schon ewig kannte. Schicksale schweißen zusammen, das hatte sie mal irgendwo gehört. Wahrscheinlich in einer Talkshow.

„Was glaubst du bedeutet es?“

Sie schüttelte traurig den Kopf. „Gar nichts“, murmelte sie betrübt. „Es ist einfach nur ein Schmuckstück meiner Mutter, nehme ich an. Aber ich danke dir trotzdem.“

Das Telefon klingelte und Caitlin erhob sich um abzunehmen.

„Wanzen überprüft?“, fragte Jarod knapp.

„Hältst du mich für blöd?“

Dann nahm sie ab.

„Mrs. Lyle?“, ertönte die zitternde Stimme eines Mannes.

„Ja? Mr. Broots? Was ist denn los?“, fragte sie besorgt und auch Jarods Lächeln verschwand augenblicklich.

„Mrs. Lyle, wir brauchen Ihre Hilfe, Miss Parker wollte nicht, dass ich Sie anrufe, aber es ist wirklich wichtig!“

„Was ist denn passiert?“, versuchte sie es erneut.

„Schnapp dir deine Sachen!“, rief sie Jarod zu.

„Wo fahren wir hin?“, fragte er.

„Wir machen einen Ausflug zu dem Ort, der uns die Kindheit versaut hat. Los, mach schon, ich erklär’ dir alles auf der Fahrt. Ich befürchte nur, wir kommen zu spät.“

„Caitlin, nun sag schon, was hat Broots gesagt?“

Sie zuckte leicht zusammen, als sie von der Straße auf eine andere abbog. „Du erinnerst dich an Greg?“

„Greg Jones? Wie könnte ich ihn vergessen, der arme alte Mann.“

Ja, auch Caitlin hatte den alten Mann noch gut in Erinnerung. Er hatte so unglücklich ausgesehen, als sie ihm von dem Tod seiner Tochter Kelly-Christine erzählt hatten.

„Er will Rache für seine Tochter. Er hat eine Waffe und eine Menge ausgebildeter, kaltblütiger Schafschützen, die keine Fragen stellen, sondern nur handeln.“

Jarod erbleichte augenblicklich und starrte Caitlin entsetzt von der Seite an. „Sag das noch mal.“

„Du hast mich schon verstanden“, gab sie zurück.

„Das... ist nicht dein ernst, dass würde er doch nie tun!“

„Jarod!“, fuhr sie ihn an. „Glaubst du jeder nimmt die Centre-Machenschaften so hin wie du oder dein Vater? Wenn du das glaubst warst du nicht wirklich in der Welt dort draußen, dann hast du sie nicht wirklich kennen gelernt. Der Mann hat seine Tochter verloren und alles was er will ist Rache.“

„Glaubst du wir schaffen es noch?“, fragte er nahezu tonlos und seine Augen waren starr aus dem Fenster gerichtet.

„Ich hoffe es.“ Sie lächelte ihn zur Aufmunterung verschmitzt an. „Denkst du an Miss Parker?“

„Das ist nicht der richtige Zeitpunkt für deine Sticheleien.“

„Das ist nicht der richtige Zeitpunkt um in Panik zu geraten.“

„Nicht der richtige Zeitpunkt?“, schrie er. „Wie konnte dieser Verrückte bloß heraus finden wo das Centre steht? Wir ist das nur möglich?“

„Du hast die Kontrolle verloren, Jarod“, bemerkte Caitlin trocken und riss das Lenkrad herum. „Du hast die Kontrolle nie verloren und deswegen bist du wütend.“

„Ich bin nicht wütend“, entgegnete er ruhig. „Ich habe Angst. Große Angst.“

Es war stockdunkel, als sie am Centre ankamen. Es machte Jarod noch unruhiger, dass kein einziges Licht im Centre zu brennen schien.

„Er hat die Stromversorgung unterbrochen“, schloss Jarod nachdenklich.

„Das hatte ich mir gedacht. Er will das niemand das Centre verlässt. Aber ich höre keine Schüsse, was ist wohl los?“

„Er sucht Raines“, schlossen beide wie aus einem Mund.

„Wie sollen wir da rein kommen? Alle Türen sind elektronisch gesichert“, dachte Jarod laut.

„Wir nehmen den Luftschacht. Wenn der Strom aus ist, können die das Sicherheitssystem ebenso vergessen. Und ich weiß auch schon, wie wir das Gitter zum Schacht aufkriegen.“

Sie zog die Kette um ihren Hals aus ihrer Bluse hervor und ein kleiner Schlüssel kam zum Vorschein. Derselbe, den Kelly-Christine ihr vor so langer Zeit in die Hand gedrückt hatte, derselbe, der ihr Leben rettete und derselbe, für den Kelly-Christine starb.

„Du hast ihn immer noch?“

„Klar. Mein Zeichen der Freiheit, Jarod. Ich hätte nie gedacht, dass ich ihn je wieder benutzen würde um hinein zu kommen.“

***

„Was sollen wir jetzt tun?“, fragte Broots mit zitternder Stimme.

„Ich weiß nicht, was Sie tun, aber ich werde etwas tun!“, erklärte Miss Parker und lud ihre Waffe.

„Was haben Sie vor?“, fragte Sydney in seiner ewigen Ruhe.

„Ich werde mir den Kerl schnappen und ihm die Lichter ausblasen, ganz einfach.“

„Wollen Sie uns alle umbringen?“, fragte Sydney der von seinem Stuhl aufgesprungen war. Er hielt sie grob am Arm fest.

Sie versuchte sich ergebnislos aus seinem eisernen Griff zu befreien. „Lassen Sie mich los“, zischte sie und zerrte noch einmal.

„Sie bleiben hier“, befahl er.

„Wagen Sie es ja nicht, Syd“, zischte sie unter zusammengebissenen Zähnen und richtete ihre Waffe auf ihn.

Broots erbleichte augenblicklich, während Sydney die Waffe ruhig anstarrte.

Er hob langsam die Hand und sein Griff umschloss den Lauf der Waffe. Sein kalter Blick direkt in ihre eisblauen Augen ließ sie in jeder Bewegung erstarren. Er zog und sie ließ die Pistole augenblicklich los.

Er ließ ihren Arm los, setzte sich wieder und legte ihre 9mm auf den Tisch.

Miss Parker stand mit dem Rücken an die Wand gelehnt und ließ sich langsam auf den Boden rutschen.

Niemand sprach mehr ein Wort.

***

„Pass doch auf, verdammt noch mal!“, fluchte Caitlin, als das Gitter des Luftschachts geräuschvoll auf dem Boden des Sub-Levels landete.

„Was glaubst du, wo ist Jones?“

„Fangen wir in Raines Büro an. Was hältst du davon?“, schlug sie vor.

„In welchem Sub-Level sind wir?“, erkundigte er sich.

„Mein Zuhause: SL-7.“

„Der Technikraum ist in 5. Wir müssen uns beeilen.“

„Was hast du vor?“, fragte sie.

„Ich muss wissen ob es ihnen gut geht.“

***

Als sie die sich nähernden Schritte hörten erstarrten Sydney, Broots und Miss Parker in jeder Bewegung.

„Der Typ hat über die Lautsprecher doch ausdrücklich gesagt, dass er denjenigen, den er auf dem Flur erwischt sofort erschießt, welcher Idiot wagt sich jetzt noch vor die Tür?“, zischte Miss Parker.

„Vielleicht ist er’s selbst, schon mal daran gedacht?“, warf Broots mit zitternder Stimme ein. Er saß immer noch zusammengekauert in der Ecke.

„Es sind zwei. Hören Sie genau hin.“

Und tatsächlich, jetzt hörte es auch Broots. Dennoch, als die Tür aufging, zuckten alle zusammen. Und wie erleichtert waren sie, als Jarod seinen Kopf durch den schmalen Spalt steckte.

Er trat schnell ein. Ihm folgte Caitlin.

„Jarod!“, rief Sydney glücklich. „Was machst du hier?“

„Na was wohl, Syd. Euch hier rausholen.“

„Was macht sie hier?“, fragte Miss Parker mit einem misstrauischen Blick auf Caitlin.

„Sie hilft mir“, erwiderte Jarod knapp.

„Sie hilft Ihnen?“, wiederholte Miss Parker scharf. „Was soll das bedeuten? Sie kennen sich? Sie arbeiten... zusammen?“

„Das ist nicht die richtige Zeit, Miss Parker“, stoppte Jarod sie.

„Ach nein? Ich will jetzt sofort wissen, was hier läuft.“

Caitlin stöhnte auf. „Okay, ja, ich und Jarod arbeiten zusammen. Er machte mich vor einiger Zeit ausfindig und wir beschlossen mich ins Centre zu schleusen um dort ein bisschen aufzuräumen.“

„Aufzuräumen?“, fragte Miss Parker, völlig fassungslos.

„Wir wollen wissen wer wir sind!“

Miss Parker verdrehte die Augen. “Jetzt fangen Sie nicht auch noch an, Caitlin.“

„Anfangen? Womit?“, schrie Caitlin sie an. „Ich will meine Eltern kennen lernen, meinen Sie ich habe kein Recht dazu?“

„Ladies!“, mahnte Sydney. „Jetzt ist nicht die richtige Zeit zum streiten. Wir müssen etwas tun, nicht wahr, Jarod?“

Er nickte. „Ich schlage vor, du, Caitlin, bringst Sydney, Broots und Miss Parker hier raus, während ich versuche den Kerl aufzuhalten. Es gibt mir zu viele unschuldige Gefangene hier, als das ich ihn hier mit einer Waffe rumfuchteln lassen könnte.“

„Ich gehe mit dir“, erklärte Caitlin fest.

„Spiel nicht die Heldin, Blondine“, murmelte Miss Parker trocken.

„Das geht nicht. Du musste Ihnen den Luftschacht zeigen und außerdem kann ich gut auf mich selbst aufpassen. Geh ruhig, Caitlin.“

***

Vorsichtig öffnete sie die Tür und spähte kurz hinaus, bevor sie schnell hindurchschlüpfte. Sydney folgte kurz hinter ihr und Broots tat es ihnen gleich. Allein Miss Parker brauchte noch einige Sekunden.

„Wie sehen uns wieder, das schwör’ ich Ihnen, Jarod“, drohte sie.

„Wenn ich es schaffe“, murmelte er.

Sie war schon halb aus dem Raum gewesen, da drehte sich noch mal zu ihm um. „Da gibt es kein ‚wenn’, Jarod. Ich weiß, dass sie es schaffen. In der Schreibtischschublade liegt meine Ersatzwaffe, aber ich will sie wieder, klar?“

„Miss Parker!“, kam Sydneys gedämpfte Stimme vom Flur. „Miss Parker!“

Sie machte kehrt und verließ den Raum. Jarod folgte ihr, nachdem er die Waffe genommen hatte auf den Flur. Caitlin, Broots und Sydney standen alle schon im Treppenhaus, nur Miss Parker ließ noch auf sich warten, als er plötzlich um die Ecke kam.

„Sieh mal einer an“, rief er höhnisch mit seiner tiefen Stimme. Miss Parker fuhr herum und wurde kreidebleich, als sie ihn entdeckte. Auch Jarod erschreckte sich und drehte sich sorgenvoll zur Treppe um. Erleichtert registrierte er, das Caitlin, Broots und Sydney verschwunden waren.

„Catherines Tochter, nehme ich an. Siehst auch genauso aus.“ Er richtete ein Gewehr auf sie.

„Jemand wie Sie kannte meine Mutter?“, fragte Miss Parker und ließ sich nichts anmerken.

„Eine ganze Menge übler Leute kannten deine Mutter, zum Beispiel dein Vater oder Mr. Raines.“

„Was wollen Sie?“, fragte Parker mit tödlicher Ruhe. Jarod sagte nichts.

„Ist das nicht offensichtlich, meine Kleine?“

„Und warum?“

„Darf ich mich vorstellen“, er verneigte sich vor ihr, „ich bin Mr. Jones, Kelly-Christines Vater.“

„Die meisten von uns können rein gar nichts für den Tod Ihrer Tochter. Vor allem Jarod nicht. Und auch ich war noch ein Kind!“

„Das ist mir gelinde gesagt scheißegal, Engelchen.“

„Wie haben Sie mich genannt?“

„Engelchen“, wiederholte er mit bösartigem Grinsen.

„Woher...?“

„Daddy hat das gerufen als er starb. Und ich hörte ihn vor langer Zeit so mit dir reden. Ich habe mich immer gefragt wie das Kind eines solchen Mannes ein Engelchen sein konnte.“

Miss Parker rang nach Luft. Sie brach zusammen und die Tränen strömten ihr über das Gesicht. „Daddy...“

Mr. Jones grinste sardonisch.

„Warum haben Sie das getan?“, fragte Jarod und machte Anstalten zu Miss Parker zu gelangen, doch der Mann richtete sein Gewehr nun auf ihn.

„Tsk, tsk, Jarod, ich dachte du freust dich. Aber offenbar hast du doch mehr mit den Menschen hier gemein als du zugeben willst. Und wo ist überhaupt diese Blondine die immer bei dir war?“

„Sie ist nicht hier“, antwortete Jarod bloß.

„Sehen kann ich auch!“, fuhr Mr. Jones ihn an.

Jarod erwiderte nichts, sondern starrte nur besorgt auf Miss Parker, die immer noch von einem Weinkrampf geschüttelt wurde.

„Sagen Sie der kleinen Lady ‚Leb Wohl’, Jarod.“ Und Mr. Jones richtete seine Waffe wieder auf Miss Parker. „Es ist mir eine große Ehre den ganzen Parker-Clan auszurotten.“ Miss Parker rührte sich nicht, zeigte keine Reaktion auf das eben gehörte.

Blitzschnell zog Jarod seine Waffe. Ein Schuss ertönte und Mr. Jones sackte in sich zusammen.

„Herzlichen... Glückwunsch... mein Junge“, röchelte der mit letzter Kraft. Dann lächelte Jones wieder. Und er lächelte voller Genugtuung. „Ich habe... um die dreißig... ausgebildete Schützen... im ganzen Centre verteilt... und wenn ich nicht... in einer Stunde... zurück bin, erschießen sie wahllos jeden den sie finden. Herzlichen... Glückwunsch, mein Junge.“

Und dann starb er.

Jarods Gehirn arbeitete wie verrückt. Nicht nur, dass er sich jetzt auch Sorgen um Caitlin, Sydney und Broots machen musste, er stand auch noch mit seiner ärgsten Feindin vor einer unmöglichen Mission.

Jarod versuchte Miss Parker zu beruhigen, doch er schaffte es einfach nicht.

„Sie müssen sofort hier raus, Miss Parker!“

Sie erwiderte nichts, sondern schluchzte weiter.

„Miss Parker!“ Er versuchte sie hochzuziehen, doch sie riss sich los.

„Fassen Sie mich nicht an!“

„Miss Parker! Verstehen Sie doch, Sie sterben, wenn Sie jetzt nicht gehen.“

Sie rührte sich nicht. „Ich komme mit Ihnen“, sagte sie plötzlich und stand auf. Mit dem Handrücken wischte sie sich die Tränen aus dem Gesicht.

„Das geht nicht.“

„Ich entscheide das!“, fauchte sie in einem Ton der keinen Widerspruch zuließ. Sie zog ihre Waffe und der Mut der Verzweiflung flammte in ihrem Blick auf. „Was haben Sie vor?“

„Hätte nicht gedacht, dass ich das mal sagen würde, aber ich hab vor das Centre zu retten.“

„Ich helfe Ihnen.“

„Sind Sie sicher?“

„Völlig.“

****

Nun, da waren sie also, die Jägerin und der Gejagte, und sie mussten zusammen arbeiten.

„Was wollen wir tun?“, erkundigte Miss Parker sich, nachdem sich ihr Enthusiasmus gelegt hatte.

Jarod überlegte kurz. „Wir könnten versuchen eine Lautsprechanlage zu finden und sie alle zusammenzutrommeln. Eine andere Möglichkeit sehe ich nicht.“

„Na dann mal los, Wunderknabe, bewegen Sie sich. Ich glaube nicht, das wir noch alle Zeit der Welt haben.“

Miss Parker und Jarod blieb nichts anderes übrig als die Treppen zu nehmen, nachdem die Fahrstühle ohne Strom nutzlos geworden waren. Und das war nicht gerade ungefährlich, da sie hinter jeder Ecke auf Jones’ Killer treffen konnten. Vorsorglich ging er voraus.

„Spielen Sie hier nicht den Helden, Jarod!“

„Ich versuche lediglich Sie zu schützen, Parker.“

Sie murmelte etwas Unverständliches und sie gingen weiter wie bisher: Er vor ihr, beide mit ihren Pistolen in der Hand.

„Versuchen wir Raines Büro?“, schlug er vor.

„Oh na toll und wie wollen Sie da in einem Stück hinkommen, Sie Genie? Wenn Jones die Wahrheit gesagt hat, dann sind wir Schweizerkäse, wenn wir auf den Korridor hinausgehen.“

„Das Centre ist groß, das wissen Sie selber, Miss Ex-Sicherheitschef. Dreißig ausgebildete Schützen sind hier gar nichts.“

„Hoffen wir mal Sie haben Recht.“

Nachdem Miss Parker und Jarod sich noch einmal genau umgesehen hatten, öffnete sie vorsichtig die Tür zum Flur und spähte einige Sekunden hinaus.

„Hier ist niemand“, flüsterte sie, öffnete die Tür und ging hinaus. Jarod folgte ihr.

Gemeinsam schlichen sie den wie leergefegten Gang entlang und hörten hinter einigen Türen verhaltene Gespräche hysterischer Stimmen die nur mit Mühe unter Kontrolle gehalten wurden. Plötzlich war eine lautere Stimme zu hören und sie wussten, dass diese Person im nächsten Gang auf sie lauerte.

Jarod packte Miss Parker am Arm, wollte sie zurückziehen, da war es schon zu spät: Er war um die Ecke gekommen und hatte sie gesehen. Sofort flogen Jarod und Miss Parker die Kugeln um die Ohren.

Jarod bemerkte geschockt, dass sie eine Streifwunde am rechten Arm hatte, packte ihren linken und beide rannten so schnell sie konnten durch die Korridore. Es schien eine unmögliche Mission zu sein, den Schützen abzuhängen, so entschied sich Jarod dazu alles auf eine Karte zu setzen. Er rannte um eine Ecke und öffnete die nächste Tür um sich in dem Raum mit der verwundeten Miss Parker zu verstecken.

Sie hörten den Schützen noch in einiger Entfernung fluchen, konnten aber nicht verstehen was genau sie sagten. Auch waren sie nun viel mehr damit beschäftigt herauszufinden, wo sie gerade waren. Sie waren so schnell fortgerannt wie nur möglich, aber wohin, das war in jenem Moment wirklich egal gewesen.

Sie fanden sich nun in einem alten, der Staubschicht nach zu urteilen unbenutzten, Raum wieder, den keiner von ihnen je gesehen hatte. Er war recht groß und lange Zeit nicht renoviert worden. Kurz, er sah aus wie ein alter Dachboden.

„Zeigen Sie mir Ihren Arm“, forderte Jarod sie auf und sie kam dem ohne Kommentar nach. Nach genauer Untersuchung kam er zu dem Schluss, dass es nichts weiter als ein leichter Streifschuss gewesen war und dass sie eine kaum erwähnenswerte Menge Blut verloren hatte.

„Wo sind wir?“, flüsterte sie.

Er sah sich genau um. „Ehrlich gesagt, ich habe keine Ahnung. Eine Abstellkammer?“

„Das Centre würde niemals soviel Platz verschwenden.“

„SL-7 ist auch stillgelegt“, erinnerte Jarod sie. „Ganz zu schweigen von 27.“

„Oh Wunder“, murmelte sie sarkastisch, „das Sim-Lab in SL-7 ist nutzlos, wenn man keine Pretender hat. Und SL-27? Etwas zu verkohlt, meinen Sie nicht auch? Also, was ist das hier? Ein altes Büro?“

Er sah sich um und bemerkte zwischen ein paar aufeinander gestapelten Kisten, von denen der ganze Raum voll war, einen alten Computer.

„Ich weiß nicht. Nichts wichtiges, vielleicht ein aufgegebenes Labor oder wie Sie schon sagten ein Büro. Aber wir können uns hier verstecken bis die Killer fort sind.“

„Oh ja, und darauf warten, dass die Bombe explodiert, nein danke.“

„Also, wenn Sie eine bessere Idee haben, bitte“, erwiderte er trocken.

Aber sie hatte keine und gab sich schließlich mit einem Murmeln zufrieden. Er bahnte sich seinen Weg durch die Kisten und setzte sich schließlich an eine Wand gelehnt auf den Boden.

„Es bringt nichts durch die Gänge zu streunen und die Bombe auf gut Glück zu suchen. Wir brauchen einen Plan.“

„Ich bin immer noch für Raines Büro. Apropos Raines, glauben Sie, er ist tot?“

Jarod zuckte die Schultern. „Fest steht, Jones’ Leute haben eine Menge Sweeper umgebracht. Ich glaube nicht, dass Raines noch sehr lebendig ist.“

„Ist er nie gewesen“, murmelte sie, tat es ihm gleich und setzte sich ebenfalls auf den Boden an die Wand ihm gegenüber. Sie massierte sich die Schläfen und verzog dabei das Gesicht vor Schmerzen.

„Alles in Ordnung?“

„Ich habe höllische Kopfschmerzen. Oh ich wünschte Sie müssten nicht ständig den verdammten Helden spielen.“

„Sie tun es doch auch“, gab er belustigt zurück.

„Tu ich nicht.“

„So? Warum sind Sie dann noch hier, bei mir?“

„Weil ich keine Einnahmequelle des Centres so einfach entwischen lasse, Jarod.“

„Ist das alles?“, fragte er verschmitzt grinsend.

„Natürlich“, fuhr sie ihn an. „Glauben Sie ich bin hier, weil ich mich um Sie sorge?“

„Ich weiß, damals haben Sie sich um mich gesorgt“, erwiderte er leise und sah sie mit seinen großen braunen Augen traurig an.

„Damals, Jarod.“

„Warum musste es so enden?“

„Wie hätte es sonst enden sollen?“, fragte sie.

Er sah nicht auf, sondern verbarg sein Gesicht in seinen Händen. „Wir hätten Freunde sein können.“

„Ach Jarod, seien Sie nicht albern. Wir waren Kinder. Kinder werden erwachsen. Werden Sie es auch.“

„Wenn das bedeutet Sie aufgeben zu müssen, dann will ich es nicht.“

Sie lachte über ihn. „Sie haben mich immer noch nicht aufgegeben? Ich habe die letzten Jahre damit verbracht Ihnen das Leben schwer zu machen, wann verstehen Sie endlich, dass wir Feinde sind?“

„Vielleicht sind wir das. Aber das ist alles nur die Schuld des Centres.“

Sie schwieg eine Weile und mied seinen Blick.

„Kommen Sie“, forderte er Miss Parker auf. „Wir brauchen etwas um Ihre Wunde zu verbinden. Der Blutverlust mag nicht erwähnenswert sein, aber wir müssen sie trotzdem sauber halten.“

Er stand auf und ging zu ihr. Er kniete neben ihr nieder, riss den Ärmel des weißen Hemdes auf, dass er trug, und band ihr einen großen Streifen um die Wunde.

Sie sah in sein Gesicht. „Danke, Jarod“, flüsterte sie.

Er sah in ihre Augen und plötzlich waren es wieder die freundlichen, liebevollen Augen des Mädchens, dass ihm seinen ersten Kuss gegeben hatte. Wie verzaubert und ohne Kontrolle über sich selbst beugte er sich ein wenig tiefer und küsste sie lange.

Als er erkannte was er getan hatte, erwartete er schon beinahe einen schmerzhaften Kinnhaken, doch stattdessen umfasste sie mit der gesunden Hand seinen Nacken und zog ihn tiefer zu sich hinab.

„Feinde, was?“, murmelte er unter Küssen.

Sie antwortete nicht, sondern beschäftigte sich damit sein Hemd aufzuknöpfen. Plötzlich schien ihr etwas anderes in den Sinn gekommen zu sein und sie stoppte.

Er sah sie fragend an.

„Ich glaube das ist ein Fehler“, flüsterte sie.

„Ich glaube, dass ist das einzig Richtige, was wir ins unserem Leben je getan haben.“ Er küsste sie noch mal und all ihre Zweifel lösten sich bei der süßen Berührung ihrer Lippen.

****

Ihr Kopf ruhte auf seiner Brust und er wusste, dass er den schwachen Lavendelgeruch ihrer Haare nie wieder aus dem Sinn bekommen würde. Er küsste sie sanft und zog sie näher an sich.

„Weißt du, Jarod, ich habe eine Idee.“

„Mmmh?“

Sie richtete sich auf, sammelte einige ihrer Sachen vom Boden zusammen und warf ihm grinsend sein Hemd zu. „Zieh dich an. Wir haben etwas zu erledigen.“

Er tat es ihr gleich und machte sich auf die Suche nach seinen Sachen. „Aber was willst du tun?“

“Wir brauchen ein Handy.“ Sie hielt sich offensichtlich nicht mit Erklärungen auf.

Er runzelte die Stirn. „Jeder Sweeper hat eins, die Frage ist nur, wo wir einen Sweeper finden. Aber wofür brauchst du es? Willst du die Polizei rufen?“

„Wir beide werden mit Sicherheit nicht mit 30 Schafschützen in einer so kurzen Zeit fertig.“

Sie knöpfte ihre weiße teils blutbeschmierte Bluse zu und er betrachtete sie misstrauisch.

„Aber was willst du denen erzählen? Und was ist mit der Presse und all dem?“

„Ich habe nicht gesagt, dass ich mich an die Polizei wenden will, Jarod. Komm.“ Sie nahm seinen Arm. „Wir müssen ein Handy finden.“

***

Sie hatten Glück: Einen Gang weiter trafen sie auf eine junge, völlig verschreckte Cleanerin, die sich in einem Büro hinter dem Schreibtisch versteckt gehalten hatte. Zugegebenermaßen kein besonders gutes Versteck. Sie überließ Jarod und Miss Parker ihr kleines Handy gern, wenn sie danach gerettet wurde.

‚Zu unserem Glück’, dachte Parker, hatte die Cleanerin keine Ahnung, wer der junge Mann war, der sie um das Telefon gebeten hatte. Diesen Verrückten hier wäre zuzutrauen, Jarod selbst in dieser Situation zu jagen.’ Sie dachte an sich selbst und warum sie mit ihm gegangen war und musste unwillkürlich grinsen. Sie war ja selbst so eine Verrückte... gewesen. Sie beschloss Jarod laufen zu lassen war alles vorüber. Eigentlich hatte sie vorgehabt ihn gerade wegen dieser Sache im Abstellraum gefangen zu nehmen, um ihm zu beweisen dass sie sich dadurch nicht beeinflussen ließ. Doch sie würde es nicht übers Herz bringen, dass wusste sie.

Jarod hielt ihr das Telefon hin, sie nahm es und wählte so lange Nummer, dass er sich sicher sein konnte, dass es nicht die 911 sein konnte. Doch Jarod hatte gewusst, dass sie anderweitig Hilfe suchen würde. Sie würde kein Leben im Gefängnis riskieren. Genau das war der Grund, warum niemand anders auf die Idee gekommen war, die Polizei zu rufen. Sollte das geschehen, würde das Centre nicht länger eine Geheimorganisation sein.

„Hier ist Miss Parker“, erklärte sie in ihrem üblichen schroffen Ton. „Ich muss unverzüglich Mr. Masterson sprechen. ICH SAGTE UNVERZÜGLICH!“

Offensichtlich wurde ihrem Befehl Folge geleistet, denn ihr Gesichtsausdruck entspannte sich.

„Mr. Masterson?“

„Hier spricht Miss Parker, Mr. Parkers Tochter. Wir haben ein Problem und wir brauchen ihre sofortige und diskrete Hilfe.“

Eine Pause und Jarod beobachtete, wie Miss Parker bei dem Gedanken an ihren Vater ganz bleich wurde.

„Ungefähr 30 Schafschützen sind im Centre verteilt und töten uns, wenn Sie nicht bald hier sind“, erklärte sie knapp und sachlich.

Sie hörte dem Jarod unbekannten Mann kurz zu.

„Gut.“ Dann legte sie auf und reichte dem verängstigten Mädchen ihr Handy.

„Sie sind in ein paar Minuten da“, informierte sie Jarod und packte seinen Arm wieder. „Wir beide müssen jetzt hier raus.“

„Aber-“

„Es wird schon alles gut gehen, Jarod. Du musst jetzt verschwinden!“

Einen Moment lang sah er sie voller Liebe an, dann küsste er sie hart auf den Mund.

„Danke, Parker“, flüsterte er.

Doch sie hielt ihn einen Moment zurück. Er glaubte schon, sie habe ihre Meinung geändert, als sie seine Hände in ihre nahm und ihm in die Augen sah. „Ich liebe dich, Jarod.“

Er lächelte und Wärme und Frieden schlichen sich in sein Herz ein, wie er sie seit seiner Kindheit mit ihr nie wieder gespürt hatte.

„Ich liebe dich auch.“

~~~~~~~~~~~~~~

Caitlin saß auf dem kalten Boden vor dem Centre. Alle waren zu sehr damit beschäftigt die Schafschützen abzuführen oder Verletzte zu behandeln. Vereinzelt trugen die Sanitäter auch Leichen aus dem Gebäude. Doch darum machte sie sich wenig Gedanken. Miss Parker und Jarod waren in Sicherheit und bei den Toten handelte es sich ausnahmslos um Sweeper und Cleaner, die ihr wenig am Herzen lagen. Einzig um Sydney machte sie sich große Gedanken. Er war bei ihrer Flucht angeschossen worden und hatte eine Menge Blut verloren. Er kämpfte zwar noch, aber Caitlin verstand genug von Medizin um sich Sicher zu sein, dass er ins Koma fallen würde.

Sie hatte sich kurz mit Miss Parker unterhalten, deren Armverletzung gerade behandelt wurde. Soweit man das eine Unterhaltung nennen konnte, denn die junge Frau hatte sich die ganze Zeit nur nach ihrem Vater erkundigt. Dessen Leiche war aber schon vor einer Stunde gefunden worden. Caitlin wusste, dass Miss Parkers Tränen über seinen Tod echt gewesen waren, aber sie waren nur kurze Zeit später wieder versiegt. Sie hatte sich schon damit abgefunden gehabt.

Ihr Blick fiel auf Lyle, der neben der Leiche seines Vaters stand und mit Bestürzung auf sie hinabblickte. Und es war zweifellos eine grandiose Vorstellung, aber letztendlich eben doch nur das schauspielerische Talent eines begabten Genies. Ihr kam der Gedanke, dass er es gewesen sein konnte, der Kelly-Christines Vater von ihrem tragischen Tod erzählt hatte.

Sollte Artus etwa am Ende doch von seinem Sohn gestürzt worden sein? Und was sollte aus der verbotenen Liebe von Guinevere und Lancelot werden?

‚Und wer bin ich?’, fragte sie in die Nacht, den Kosmos anklagend. ‚Irgendwie passe ich nicht ganz in dieses Stück.’ Sie bemerkte Angelo neben sich. ‚Und er auch nicht.’

Miss Parker saß auf der Bahre des Krankenwagens und ließ ihren Arm von einem jungen Arzt behandeln. Ihr Blick war in den sternenübersäten Nachthimmel über ihr gerichtet und ihre Gedanken waren weit fort, an einem besseren Ort.

Sie hatte diesen Ort gut gekannt, als sie ein Kind war. Doch dann war er in Vergessenheit geraten, genau wie ihre Liebe zu Jarod. In dieser Nacht schien sie beides wiedergefunden zu haben. Und selbst wenn sie Jarod nie wieder sehen sollte, selbst wenn sie ihn weiter jagen musste, so gab es da doch immer noch diesen Ort. Diesen Ort, der nicht existierte, aber zu dem sie sich als Kind so oft geträumt hatte. Dort konnten Jarod und sie immer zusammen sein, selbst wenn diese Welt es anders mit ihnen gemeint hatte.




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